"Die ganze Welt schwankt, wenn ich mich besaufe!"

Donnerstag, 9. Mai 2013

Schiller, „Die Braut von Messina“. Am besten gefallen

Isabella:

  „Der Starke achtet es

Gering, die leise Quelle zu verstopfen,

Weil er dem Strome mächtig wehren kann.“

Erster Chor:

  „Aber wenn sich die Fürsten befehden,

  Müssen die Diener sich morden und töten,

  Das ist die Ordnung, so will es das Recht.“

  „Die fremden Eroberer kommen und gehen;

  Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.“

Zweiter Chor (Roger):

  „Völker verrauschen,

  Namen verklingen,

  Breitet die dunkelnachtenden Schwingen

  Über ganzen Geschlechtern aus.

  Aber der Fürsten

  Einsame Häupter

  Glänzen erhellt,

  Und Aurora berührt sie

  Mit den ewigen Strahlen

  Als die ragenden Gipfel der Welt.“

Don Manuel: „Es ist der Fluch der Hohen, daß die Niedern

  Sich ihres offnen Ohrs bemächtigen.“

Einer aus dem Chor (Manfred):

  „Aber der Krieg auch hat seine Ehre,

  Der Beweger des Menschengeschicks;

  Mir gefällt ein lebendiges Leben,

  Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben

  Auf der steigenden, fallenden Welle des Glücks.

  Denn der Mensch verkümmert im Frieden,

  Müßige Ruh ist das Grab des Muts.

Beatrice:

  „Schaudernd hört’ ich oft und wieder

  Von dem Schlangenhaß der Brüder.“

Isabella:

  „Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts;

  Betrüger sind sie, oder sind betrogen.

  Nichts Wahres läßt sich von der Zukunft wissen,

  Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen,

  Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts.“ –

  „Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur,

  Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.“

Don Cesar:

  „Der Tod hat eine reinigende Kraft,

  In seinem unvergänglichen Palaste

  Zu echter Tugend reinem Diamant

  Das Sterbliche zu läutern und die Flecken

  Der mangelhaften Menschheit zu verzehren.“

Chor (Cajetan):

  „Das Leben ist der Güter höchstes nicht,

  Der Übel größtes aber ist die Schuld.“

Alfred Brandstetters Einleitung zitiert Schillers Feststellung: „Wenn dem Menschen klar wird, daß in Taten und Begebenheiten der Vergangenheit das Verderben steckt, das durch kein Handeln der Gegenwart aufgehoben oder wieder gutgemacht werden kann, dann ist allerdings ein grausig-starrer Eindruck des Verhängnisses erreicht, ein beklemmend fürchterlicher Eindruck der Abhängigkeit.“

*

Wer vom Schicksal in eine Achterbahn gesetzt wird, muss sich an allem festklammern, was Halt verspricht.

*

Verdis "Othello" als Aufzeichnung einer Aufführung Walter Felsensteins 1969 in der Komischen Oper Berlin. In der 1.Szene des 1.Aktes läßt Felsenstein Jago zu Rodrigo noch nicht wie in der neuesten Übersetzung sagen: "Wenn das zerbrechliche Gelöbnis einer Frau keine zu starke Fessel für mein Genie und auch nicht für die Hölle ist", sondern er ersetzt "Genie" durch "Talent", was der Sache guttut. Besonders passend wirkt das alte Libretto in volkstümlichen Szenen, z.B. Cassio: "Mir rauscht schon der Schädel von dem einen Becher" statt "Mir brennt das Gehirn schon von einem geleerten Glas", oder Jagos "Die ganze Welt schwankt, wenn ich mich besaufe!" statt "Die Welt erbebt, wenn ich beschwipst bin." In den dramatischen Szenen dagegen wirkt Felsensteins Übersetzung allzu umgangssprachlich, z.B. wenn Othello Desdemona zuruft "Hör auf jetzt!" statt des gebieterischen "Weiche zurück! Zurück!" Unschön Othellos haßerfülltes "Er soll verrecken!" statt "Er soll sterben!"

Besonders ergreifend Desdemonas ahnungsloses "Möge deine Liebe sich nicht wandeln" am Ende des 1.Aktes. Dämonisch Othellos zorniger Auftritt "Fahr wohl, heilige Liebe!" Später wieder ein interessanter Unterschied: Bei Felsenstein ruft Othello in rasender Eifersucht: "Beim Himmel! In meiner Seele tagt es!" - in der neuen Übersetzung, der das italienische Textbuch von 1994 zugrunde liegt, heißt es dagegen: "Beim Himmel! Mein inneres Selbst erwacht!" Die 8.Szene des 3.Aktes mit der zu Boden geschleuderten Desdemona rührt das Mitleid besonders. Ebenso ergreifend das ihr Klagelied "O Weide! Weide! Weide!" und das Finale. George Bernard Shaw schrieb im März 1901 kritisch: "Es ist nicht so sehr, daß Verdis Othello eine in Anlehnung an Shakespeare geschriebene Oper ist; Shakespeares Othello selbst ist schon wie eine italienische Oper geschrieben … Die Intrige ist eine Art Farce, die auf dem prekären Trick mit einem Taschentuch beruht, den schon ein einziges gesprochenes Wort jeden Moment zunichtemachen kann."

*

Macchiavelli: "Es ist wie mit der Schwindsucht, von der die Ärzte sagen, daß sie am Anfang schwer zu erkennen, aber leicht zu heilen ist; ist sie aber fortgeschritten, dann ist sie leicht zu erkennen, aber schwer zu heilen. So ist es auch in der Politik: hat man die Übel im Anfang ihrer Entwicklung erkannt, was nur der Kluge kann, so sind sie leicht geheilt. Läßt man sie aber unerkannt anwachsen, bis sie jeder erkennt, so gibt es keine Hilfe mehr."

*

Gellert, "Der Selbstmord", über einen abgewiesenen und deshalb verzweifelten Liebhaber:

  "Er reißt den Degen aus der Scheide,

  Und - o was kann verwegener sein!"

  Kurz, er besieht die Spitz und Schneide,

  Und steckt ihn langsam wieder ein."

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt