Die Weisheit auf der goldenen Wolke

Freitag, 10. Mai 2013

"Elektra" als Aufzeichnung einer Aufführung des Wiener Burgtheaters aus dem Jahr 1963, noch ganz in klassischer Weise. Werktreue und ursprüngliches Bühnenbild entrücken das Drama der Bleichkraft der Zeit und entheben seine Lehren der Vergänglichkeit, eine Wirkung, die der Versuch optischer oder textlicher Angleichung an die Gegenwart oder gar Aktualisierung auf deren Thematik sofort aufheben würde.

Der Vergleich in den allerersten Worten (des Erziehers)

  "Denn wie ein edles Pferd, und wär' es auch schon alt,

  in allen Schrecken niemals doch den Mut verliert,

  sondern die Ohren spitzt, genauso bist auch du",

besitzt weniger Kraft als die entsprechende Stelle bei Hiob (39,19.25, Einheitsübersetzung):

  "Gabst du dem Roß die Heldenstärke,

  kleidest du mit einer Mähne seinen Hals...

  Sooft das Horn hallt, wiehert es 'hui',

  und wittert den Kampf schon von weitem."

In einer älteren Bibelausgabe steht noch plastischer:

  "Sooft die Trommete klingt, spricht es Hui! und wittert den Streit von ferne..."

Bei Sophokles beeindrucken besonders

der Erzieher: "Der Augenblick ist da, der stets Männern der stärkste Helfer ist bei ihrem Werk."

Elektra: "In übler Zeit ist viele Nötigung, das Üble auch zu tun." Und:  "Oft haben wenig Worte schon zu Fall gebracht und aufgerichtet Sterbliche."

Chrysothemis: "Man soll nicht streiten, wenn man hört, was recht und billig; sondern schnell zu handeln gilt's."

Klytaimnestra: "Gebären ist doch mächtig; wenn sie Böses auch erduldet, keine Mutter haßt, was sie gebar."

Schließlich die Chorführerin: "Für Menschen gibt es keinen besseren Gewinn als kluge Vorsicht und Besonnenheit."

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Die Unmenschlichkeit der großen Verbrecherregime in diesem Jahrhundert zeigt sich auch daran, daß sie entgegen ihrer Propaganda in Wirklichkeit nicht das mindeste Gefühl für Ehre, Heldentum und vaterländische Opfertat zeigten. Hitlers Schergen töteten jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und ihre Familien ebenso gnadenlos, wie die Stalins die Kosaken und andere Völker ausrotteten, die das Zarenreich jahrhundertelang gegen seine Feinde verteidigt hatten.

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Vivaldis Oper "Orlando furioso", eigentlich "Orlando finto pazzo" - "Der vermeintlich rasende Roland" - bietet Ariosts Heldentragödie als burleskes Barockspiel um Liebe und Eifersucht dar: Liebeslust und -leid im raschen, aber feinen Takt einer anmutigen und mit viel Zierrat geschmückten Musik. Besonders mitreißend klingt die musikalische Sprache in der Eifersuchtsklage des Helden im dritten Akt:

  "Ich habe am Rücken hundert Flügel,

  zweihundert Augen auf der Stirn,

  und mit der Wut meiner Brust vermag ich tausend Herzen zu entflammen."

Zu Bradamantes "Weise ist, wer durch Mißerfolg Vorsicht lernt": Die Gesetze der Individuation fordern von uns die unbekümmerte Ambition zu Jugendzeiten ebenso wie die weise Selbstbescheidung im Alter.

Goethe lobte Ariost im "Tasso":

  "Von seltenem Geflügel ist die Luft,

  Von fremden Herden Wies und Busch erfüllt;

  Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt,

  Die Weisheit läßt von einer goldnen Wolke

  Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen,

  Indes auf wohlgestimmter Laute wild

  Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint

  Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält."

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Der Philosophiehistoriker Diogenes Laertius über Aristippos aus Kyrene: "Er war...der erste unter den Sokratikern, der für seine philosophische Lehrtätigkeit Bezahlung forderte und seinem Lehrer Geld zuschickte" - Sokrates war darüber allerdings ungehalten und sandte es alsbald zurück. - "Dionysios ließ ihm einst drei weibliche Schönheiten vorführen mit der Aufforderung, sich eine auszuwählen; da führte er alle drei weg mit den Worten: 'Auch dem Paris hat es keinen Segen gebracht, einer den Vorzug zu geben.‘“ - "Auf die Frage des Dionysios, weshalb die Philosophen an den Türen der Reichen anklopfen, die Reichen aber nicht an den Türen der Philosophen, antwortete er: 'Weil die ersteren wissen, was ihnen nottut, die anderen aber nicht.'"

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Hymnus von Joseph von Eichendorff:

  „Mein Gott, Dir sag ich Dank,

  Daß Du die Jugend mir bis über alle Wipfel

  In Morgenrot getaucht und Klang,

  Und auf des Lebens Gipfel,

  Bevor der Tag geendet,

  Vom Herzen unbewacht

  Den falschen Glanz gewendet,

  Daß ich nicht taumle ruhmgeblendet,

  Da nun herein die Nacht

  Dunkelt in ernster Pracht.“

 

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