Karl Marx: Schmutzkuchen für die Schwestern

Sonntag, 5. Mai 2013

Vor 195 Jahren wurde Karl Marx (1818-83) geboren. Der Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ fiel schon seinen Lehrern auf: Sie witterten „Ungehöriges“.

„Seinen Eltern, deren Ehe überaus glücklich war, verdankte Karl Marx … eine heitere und sorgenfreie Jugend", schrieb der kommunistische Autor und Politiker Franz Mehring 1918 in seiner Biographie des berühmten Sozialrevolutionärs. „Wenn seine herrlichen Naturgaben in dem Vater die Hoffnung weckten, daß sie dereinst zum Wohle der Menschheit dienen würden, so hieß ihn die Mutter ein Glückskind, dem alles wohl unter den Händen gerate."

Mehrings Buch erscheint zum 100. Geburtstag des Mannes, dessen Thesen damals mit der gleichen Kritiklosigkeit gefeiert werden, mit der man sie heute vielfach verdammt: 1918 strahlt der Marxismus noch im rosaroten Licht optimistischer  Zukunftserwartung - heute trägt er die düsteren Farben einer menschenverachtenden Ideologie mit finsterer, blutbefleckter Vergangenheit.

Der Mann, der wie nur wenige andere die Herzen und Hirne der Nachwelt bewegt, kommt am 5. Mai 1818 in Trier zur Welt. Wegen der Verwirrungen und Verwüstungen, die Napoleons Kriege in den Standesregistern des Rhein- und Mosellandes angerichtet hatten, ist über seine Abstammung nicht viel bekannt. Die erhalten gebliebenen Dokumente weisen auf eine über ganz Mitteleuropa verstreute Rabbiner- und Gelehrtenfamilie: Großvater Marx-Levy, der sich später nur Marx nennt, ist bis zu seinem Tod 1789 Rabbiner in Trier. Die Familie seiner Ehefrau Eva Moses Lvov (1737-1823) war einst aus Hessen nach Polen ausgewandert und im 17. Jahrhundert nach Deutschland zurückgekehrt. Zu ihr zählen berühmte Rabbiner wie Meier Katzenellenbogen, der 1565 gestorbene Rektor der talmudischen Universität zu Padua.

Aus der Ehe der Großeltern gehen drei Söhne hervor: Der älteste, Samuel, wird Nachfolger seines Vaters, Moses verschlägt es als Rabbinatskandidat nach Gleiwitz, Hirschel, der jüngste (und spätere Vater Karl Marx') lässt sich als Rechtsanwalt in Trier nieder.

Hirschel Marx ist mit Henriette Preßburg verheiratet, die aus Nijmwegen (Holland) nach Trier gekommen ist und deren Vorfahren sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. In ihrer Ahnenreihe tauchen auch Namen aus der Familie Heinrich Heines auf: Die Ur-Ur-Großeltern des Dichters sind zugleich die Ur-Ur-Ur-Großeltern des Revolutionärs.

Karl Marx' Eltern haben neun Kinder. Eines stirbt kurz nach der Geburt, vier weitere erliegen später der Schwindsucht.

Mit Sohn Karl überleben drei Töchter: Sophie Marx heiratete einen Anwalt aus Maastricht, Luise einen holländischen Kaufmann und Emilie einen Ingenieur aus Trier.

Karl Marx ist nach Mehrings Meinung „weder wie Goethe der Sohn seiner Mutter noch wie Lessing und Schiller der Sohn seines Vaters." Denn: „Die Mutter ging, bei all ihrer zärtlichen Sorgfalt für ihren Gatten und ihre Kinder, ganz in dem Frieden des Hauses auf; sie hat all ihr Lebtag nur ein mangelhaftes Deutsch gesprochen und an den geistigen Kämpfen ihres Sohnes keinen Anteil genommen, es sei denn mit der mütterlichen Bekümmernis, was aus ihrem Karl wohl hätte werden können, wenn er den rechten Weg eingeschlagen hätte."

Jedoch, so der Biograph im Stil wilhelminischer Heldenverehrung, „auch der Vater blickte manches Mal mit geheimer Angst auf den ,Dämon' in dem Lieblingssohne … Nicht die kleinliche und peinliche Sorge um das gedeihliche Fortkommen Sohnes quälte ihn, sondern die dumpfe Ahnung vor der granitenen Härte eines Charakters, die seinem weichen Wesen völlig fremd war."

Vater Marx ist preußischer Patriot; judenfeindliche Gesetze und Verordnungen haben ihn bewogen, sich 1824 mit den Kindern protestantisch taufen zu lassen. Fortan nennt er sich Heinrich Marx. Ob auch seine Frau später Christin wird, ist unbekannt.

Aus Sohn Karls Kinderzeit ist wenig überliefert - zum Beispiel die Anekdote, daß der Kleine aus Schmutz Kuchen backt und darauf besteht, daß seine jüngeren Schwestern diese „mit Genuß" verzehren. Das nächste Dokument ist auf den 25. August 1835 datiert - es ist das Abiturzeugnis des nun knapp 17jährigen. Hervorgehoben wird, daß Karl Marx häufig auch die schwierigsten Stellen der alten Klassiker zu übersetzen und zu erklären gewußt habe. Sein lateinischer Aufsatz zeige in sachlicher Hinsicht Reichtum an Gedanken und tiefes Eindringen in den Gegenstand, sei aber häufig mit „Ungehörigem“ überladen.

„In der eigentlichen Prüfung wollte es mit der Religion nicht gehen, aber auch mit der Geschichte nicht", berichtet Mehring. Im deutschen Aufsatz aber findet sich ein Gedanke, der schon den damaligen Lehrern auffiel. Das Thema lautete „Betrachtungen eines Jünglings vor der Wahl des Berufes." Marx schreibt: „Wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind“ - erstes Aufleuchten eines Gedankens, der zu einem zentralen Punkt marxistischer Weltanschauung werden sollte.

 

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