Kapitel 82: Der Beginn der großen Schlacht auf dem Brook

Dienstag, 7. Mai 2013
„Ein Fachwerkungeheuer mit windschiefen Wänden und löchrigem Schindeldach“: Der Galgenspeicher hinter dem Alten Wandrahm 1891 © Museum für Hamburgische Geschichte

Das Viertel der Mijnheers sah auf der Karte aus wie ein Rundstück: Die obere Brötchenhälfte grenzte an den Dovenfleet, der die Insel von der Altstadt trennt. Die untere Brötchenhälfte reichte bis zum Brooktorhafen. Die Bratenscheibe in der Mitte aber, um die es ging, war das Wandrahmsfleet. Wahrscheinlich war Willy auch deshalb so sauer auf die Mijnheers, weil sie sich ausgerechnet in seiner Heimat breitmachten. Die Holländer besaßen allerdings die älteren Rechte, weil sie sie sich dort lange vor den Leinwandmachern angesiedelt hatten.

  Das Wandrahmsfleet zweigt noch heute unter dem Kirchturm St. Katharinen vom Binnenhafen ab, aber damals mündete es am Teerhof in die Sülze, den alten Salzteich, der zum Brooktorhafen führte. Auf dem Nordufer säumten das Fleet sechs- und siebenstöckige Wohnhäuser und Speicher mit zuweilen bedenklich vorgeneigten Fassaden aus Fachwerk und Backstein unter Spitzgiebeln, mit vielen schmalen, hohen Fenstern und stark ausgesetzten Galgen für die Seilaufzüge. Auf dem Südufer lag ein Kai mit einer gepflasterten Straße, die im Westen „Holländische Reihe“ und im Osten „Holländische Brook“ hieß. So ziemlich in der Mitte überquerte in Nord-Süd-Richtung die Straße „Bei St. Annen“ das Fleet auf der Wandbereiterbrücke. Die drei Straßen bildeten also ein Kreuz, dessen Querbalken erheblich länger als der Längsbalken war.

  Alle vier Zugänge in das Viertel waren verbarrikadiert.

  Und das war Onkel Johnnys Plan: Der Bäcker und die anderen Freunde sollten mit den Galiziern des „Rabbi“ und den Pharaos des Radscha die Barrikade am Eingang zum Holländischen Brook, also gewissermaßen das Osttor, besetzen. Da im Teerhof eine preußische Wachtruppe lag, rechnete mein Onkel nicht mit besonders heftigen Angriffen aus dieser Richtung, wollte den Schutz dieses Hintertürchens aber auch nicht allein den Christenprellern und Terriakskrämern überlassen. Wenn die Brookboys dort tatsächlich angriffen, würden sie zwischen die preußischen Wachsoldaten und die Barrikade geraten.

  „Durch diese kahle Hose müssen sie kommen“, sagte Walter statt „durch diese hohle Gasse“.

  Die Wandbereiterbrücke in der Mitte verteidigte natürlich Willem der Dutch höchstpersönlich mit seinen Mjnheers. Die Malaien und Molukker standen wie schwarze Statuen am Eisengeländer des Kais. Falls Jack auf die Idee kam, Angreifer durch das Fleet zu schicken, sollten sie die Kerls mit ihren langen Piekhaken abwehren. Die Schuten lagen sämtlich fest an der vier Meter hohen Kaimauer vertäut, und die langen Ketten der Ladebäume waren eingezogen, damit sich keiner auf den Kai hieven konnte. Hätte Onkel Johnny zur Zeit des Trojanischen Krieges gelebt, wäre wohl Hektor sein Vorbild gewesen, der Mann, der „für seine Hausaltäre kämpfend, ein Beschirmer, fiel“, nicht Achill, der alte Seeräuber, oder der herrschsüchtige Agamemnon.

  Im Südtor, das sich zum St. Annen-Platz öffnet und am ehesten dem trojanischen Dardanostor entsprochen haben würde, stand der Governor mit seinen englischen Leicht- und Schwerverbrechern sowie den „messerfesten Jamaica-Niggern“ und karibischen „Maneatern“. Auch aus dem Petroleumhafen waren ein paar rachedurstige Schwarze gekommen, muskelbepackte Arbeiter von den Ölfeldern Pennsylvaniens. Neben ihnen bleckte Taras, der Huzule, an der Spitze der Arnauten schluchzend die verfaulten Zähne.

  Onkel Johnny und Kowalski wollten mit hundert Mjnheers sowie Leschek dem Starost und seinen Polen vom Vogelhüttendeich am Kannengießerort, dem Schauplatz der ersten Schlacht, auf Jack warten. An jener Stelle also, die Bulldog auf dem Kirchturm mit dem Skäischen Tor verglichen hatte, Trojas großem Westtor, das dem Schiffslager der Griechen gegenüberlag und auf dessen Turm Hektor, Aeneas, Paris und die anderen Helden standen.

  Auch ein paar Portugiesen waren zur letzten Besprechung in die „Ruhige Hand“ gekommen. Ihr Anführer, der „fromme Joao“, war ein breitschultriger Steuermann mit einem sonnenverbrannten Gesicht voller Blatternarben, buschigen Brauen und einem krausem schwarzen Bart. Er trug das rote Kopftuch und die großen Ohrringe des Piraten, doch schimmerte ein Goldkreuz aus dem wilden Buschwald seiner Brust.

  „Nunez ist tot, und wir anderen hatten nichts gegen dich“, sagte er. „Wir vergeben dir, wenn du uns die Reparatur der Heiligen Jungfrau bezahlst.“

  Onkel Johnny lachte. „Ihr seid wirklich brave Katholiken, aber die Rechnung ist schon beglichen, mit meinen Knochen, in China.“

  „Rrrrrrruhe!“ schrie der imaginäre Coco.

  Der fromme Joao schnitt ein Gesicht. „Dann gib uns Geld dafür, dass wir nunmehr für dich kämpfen!“

  „Wir kämpfen nicht für Geld, wir kämpfen für den Brook“, antwortete Onkel Johnny.

  „Für diese dreckigen Hütten?“ lachte der Portugiese. „Nein, das glaube ich dir nicht. Da steckt etwas anderes dahinter.

  „In Hamburg kann jeder glauben, was er will“, sagte Harry. „Wir haben hier Religionsfreiheit.“

  „Und was liegt dann in eurem Opferkasten?“ fragte der fromme Joao gierigen Blickes. „Gold? Opium?“

  „Ihr sollt von allem euren vollen Anteil bekommen“, versprach Onkel Johnny.

  Damit war der Portugiese einverstanden und erschien zur Schlacht mit zwanzig Halsabschneidern, alle bestens erprobt in sämtlichen Hafenkneipen zwischen Perlfluss und Pernambuco, wo sie Finger und auch mal ein Auge als Lehrgeld zurückgelassen hatten. Onkel Johnny stellte sie passenderweise zu Taras und den Arnauten.

  Jacks Schlachtplan war nicht viel komplizierter, allerdings musste er seine Leute an zwei Fronten einsetzen: die große Mehrzahl an einem inneren Ring um den Wandrahmsfleet gegen Johnny und die Verbündeten, aber auch einige an einem äußeren Ring, falls Polizei oder Armee anrückten, um die Schlacht zu verhindern.

  Der äußere Ring umschloss die gesamte nördliche Hälfte des Brook. Die fünf Brücken zur Stadt, die erst im Jahr zuvor erbaute eiserne Niederbaumbrücke zum Kehrwieder, die Brookbrücke, die kleine Jungfernstiegbrücke bei St. Katharinen, die Kornhausbrücke und die Wandrahmsbrücke waren in der Nacht mit Petroleumfässern des gekaperten Tankseglers „Andromeda“ verbarrikadiert worden. Auf jeder Brücke ließen unter großen Regenplanen drei Brookboys mit rauchenden Fackeln erkennen, was geschehen würde, sollten Constabler oder preußische Infanteristen versuchen, das Schlachtfeld zu stürmen. Das gleiche galt für die Brooktorbrücke, die einzige Verbindung, über die Polizei oder Armee von Süden her, vom Hannoverschen Bahnhof aus, ins Zentrum des Brooks hätten vordringen können. 

  Auf der Wandrahmsbrücke stand damals noch der alte Galgenhofspeicher, ein Fachwerkungeheuer mit windschiefen Wänden und löchrigem Schindeldach, dem der Nordwest schon langes ein lethales Liedlein blies. An der Winde unter dem Dach ging Willy mit seiner Gatling in Stellung. Aus luftiger Höhe konnte er das Dovenfleet mit den fünf Brücken in seiner gesamten Länge unter Feuer nehmen. „Diesmal werden die verdammten Muschkoten uns nicht in die Suppe spucken“, sagte er. Seine Narbe leuchtete blutrot.

  Auf einem Strohballen im Lagerraum schlief tief und fest wie Endymion, nur nicht so lockig, und auch nicht so leise, der von einer weiteren durchzechten Nacht ermüdete Wacko. An einem rohen Holztisch spielten Charlie der Kran, Ben der Bremser und der junge Hein Cölln Klabberjass. Es regnete und regnete, und die Flut schlappte schon in die Siele.

  Jack wollte auf alle vier Barrikaden gleichzeitig losgehen. Im Osten, am Teerhof, sollten der Herzog von Boizenburg mit den schwarzen Oxen und der Berliner Bulle mit seinen Räubern und Schlägern aus Stormarn und den Vierlanden den Kampf aufnehmen. Im Norden, an der Wandbereiterbrücke, griff der Bootsmann mit seinem Leutnant Kaper-Klaas und den Blue Jackets an. Im Süden, vom Friedhof St. Annen her, rückten der schwarze Kalfater-Karl mit den Likedeelern und Pocken-Piet mit den Hafenratten vor. Im Westen stand Jack mit der Hauptmacht: den Brookboys, den räuberischen Brüdern vom heiligen Michel mit dem Propheten Samuel und den Söhnen Noahs aus Steinwerder. Die drei Brüder des roten Relf hatten sich von ihrem Anführer die Erlaubnis geholt, mit Jack am Westtor zu kämpfen, weil sie hofften, sich dort endlich an meinem Onkel zu rächen. Alle Männer waren längst völlig durchnässt.

  Natürlich hatten auch sie den Knall gehört und wussten bald von dem Attentat. Jack meinte, das werde die Preußen erst mal eine Weile beschäftigen. Onkel Johnny wiederum glaubte, der Anschlag werde Polizei und Armee nun erst recht mit aller Gewalt gegen den Brook vorgehen lassen. 

  Als Jack mit den Seinen gerade durch den Regen in die Pickhuben marschierte, sah Onkel Johnny auf seiner Barrikade plötzlich die Prinzessin des Todes mit zwei Dutzend muskelbepackten Totschlägern aus der „Goldenen Pagode“ auf den kleinen Jungfernstieg treten. Sie trug den leichten Panzer der Steppe, hohe Stiefel und eine Lederhaube auf dem langen schwarzen Haar. Die verblüfften Posten ließen sie durch, sie hatten nur Befehle für vorrückende Constabler oder Soldaten. Yüan Yüan schritt über die Brücke und sagte zu Onkel Johnny in perfektem Englisch, offenbar weil sie wollte, dass Johnnys Verbündete sie verstanden: „Öffne deiner Herrin, Sklave!“

  Wenn mein Onkel überrascht war, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. „Unhöflichkeit ist eine schwere Verfehlung gegen die Gesetze der Ahnen“, antwortete er, „aber es gibt auch Zeiten, in denen die Höflichkeit unangebracht ist.“

  Die Prinzessin sah ihn staunend an. „Ich habe dich nicht um etwas gebeten, o Mann Johnny, sondern ich gab dir einen Befehl. Vergiss nicht, dass du mein Zeichen trägst!“

  „Wer einen Freund in die Burg lässt, gewinnt einen Verbündeten, wer aber einen Fremden in die Burg lässt, verliert alle anderen“, erwiderte Onkel Johnny. „Denn ein feindlich gesinnter Mensch in der eigenen Burg ist wie eine Motte in der Bücherhülle, oder eine Mücke in der Sommernacht, oder eine Schlange in der Umgebung von Schlingpflanzen.“

  Die Zeichen des Unwillens auf dem schönen Porzellangesicht verstärkten sich. „Du sprichst wie ein Hausgarten“, sagte die Prinzessin „Dieser verwirrt durch gewundene Wege, du tust es durch Zungenschliche. Ich komme weder als Freundin, Fremde oder Feindin, sondern als deine Besitzerin, o Mann Johnny! Höre aber auch, dass ich nicht erschienen bin, um dir das Letzte Wort ins Ohr zu flüstern, sondern um dich zu beschützen, denn da du mein Eigentum bist, darf dir nichts geschehen. Weißt du, was dem dicken Mann widerfuhr, der meine Sklavin meucheln ließ?“

  „Ja“, antwortete Onkel Johnny. „Aber deine Rache hat mein Herz nicht leichter gemacht.“

  „Der Besitzer von Katzenjammer-Garten leidet unter Schwermut“, spottete die Prinzessin. „Soll ich dir die Blume Sorgenfrei und das Kräutlein Grämdichnicht pflücken? An den Gelben Quellen siehst du die Frau deiner Seele wieder. Doch eile nicht! Dein Freund, der elefantengesichtige Vergießer des schuldigen Blutes, sagte dir wohl, dass ich dir verzieh, auch wenn ich das nur tat, weil ich dich tot wähnte, doch das Wort einer Prinzessin des Todes verliert niemals seine Gültigkeit, und das Wort einer Yüan Yüan gilt noch jenseits der Grenzen des Seins! Fallen dich traurige Gedanken an, so trinke den Wein, den man ‚Onkel Frohsinn’ nennt und mit flüssiger Jade vergleicht! Sollte dieses unfehlbare Mittel bei dir dennoch versagen, so rufe ich dir die unsterblichen Feen der Zehn Kontinente und der Drei Inseln sowie die Acht Unsterblichen von Huainan oder die Acht Alten von Schangschan, dass sie dir die magischen Mittel von Yaotschi reichen, die Zauberfrüchte und auch die seltenen Kräuter von Fenglai. Oder willst du die Musik hören, die dich für drei Monde den Geschmack der Liebe vergessen lässt? Hast du nie erfahren, was auf den verbrannten Holztafeln der westlich-grünen Randnotizen stand? Unser Leben gleicht einem Schauspiel, wenn wir zornig sind, und einem Traum, wenn wir wie Schlafwandler reden.“

  „Große Weisheit ist großzügig, kleine Weisheit ist streitsüchtig“, antwortete Onkel Johnny. „Große Rede ist leidenschaftlich, kleine Rede ist rechthaberisch. Du darfst getrost darauf vertrauen, dass ich mich selbst beschützen kann.“

  „Die Vernunft ist es, die unseren Geist erfreut, so wie Ochsen-, Hammel- und Schweinefleisch unseren Gaumen erfreuen“, versetzte Yüan Yüan. „Wenn sich der Geist aber auflöst, kann der Mensch nicht einmal genügend Fleisch wachsen lassen, um sein weißes Gebein damit zu bedecken.“

  „Denkst du, ich fürchte den Tod?“ lächelte Onkel Johnny bitter. „Wie kann ich wissen, ob die Lust am Leben nicht am Ende eine Täuschung der Sinne ist? Vielleicht gleicht einer, der den Tod fürchtet, einem Kind, das sich verirrte und den Weg nach Hause nicht mehr findet?“

  „Warte nicht, bis die Augenbrauen angesengt sind! Dein Schicksal ist ein Tiger, o Mann Johnny, und wer den Tiger reitet, kann weder den Weg bestimmen noch absteigen.“

  „Das Schicksal ist so unbeständig wie die Aprilsonne oder das Lächeln einer Schwiegermutter“, sagte mein Onkel sarkastisch, „aber wer ein reines Gewissen hat, wird nicht kribblig, wenn es um Mitternacht an seine Tür klopft.“

  „Wer nicht erwischt werden will, stellt am besten nichts an“, erwiderte die Prinzessin.

  „Darüber können wir streiten, wenn uns der Wein wärmt, Lampen angezündet sind und die Liuyao-Melodie der Pipaspielerin erklingt. Jetzt heult hier der Regensturm. Wenn du dich aber selbst davon überzeugen willst, dass ich mein Leben zu schützen vermag, so magst du mit den Deinen in meine Burg treten und dir einen Platz aussuchen, an dem du das Geschehen der Schlacht gut überblicken kannst.“

  „Flüsse kann man umbetten, Berge versetzen, aber kaum einer Menschen Wesen verändern“, seufzte die Prinzessin. „Ungeschliffener Jade besitzt keinen Glanz.“

  Onkel Johnny hatte nun aber keine Lust zu weiteren gelehrten Plänkeleien. Er schenkte der Prinzessin das letzte Wort, ließ eine Leiter hinab, und geschmeidig wie ein Nebelparder kletterte Yüan Yüan über die Barrikade. Ihre Leute folgten ihr etwas weniger gelenkig, aber stark und gefährlich wie Hyänen.

  Es regnete wieder heftiger, der Sturm blies immer stärker, und kurz nach drei Uhr, als die große Flutwelle durch den Trompetentrichter der Elbe rollte, begannen die Geschütze auf dem Stintfang zu böllern. Die fünf Schüsse schreckten die ganze Stadt auf. In den tiefer gelegen Straßen verstärkten die Leute ihre Anstrengungen, die Keller mit Sandsäcken abzudichten. Die Elbe machte sich auf, über die Deiche zu steigen. Der Grendel war tot, seine rachsüchtige Mutter aber lebte.

  Als allerletzte tauchten Verbündete aus der Regenwand auf, über die sich Onkel Johnny besonders freute. Sie kamen nicht zu Fuß, auch nicht per Kutsche oder Eisenbahn, sondern segelten mit ihren gepichten Hosen den Kutter wie Klabautermänner in den Binnenhafen, warfen vor der Niederbaumbrücke den Mast um und jachterten auf einem heftigen Wasserschwall in das Wandrahmsfleet. Dort legten sie Tamp, um fröhlich johlend auf die Barrikade zu stürmen.

  Es waren natürlich die Horiksöhne. Sie hatten sich kaum aufgestellt, als Jack um die Ecke bog, die Virginia im Mund. Vor der Barrikade blieb er stehen.

  „Haut ab!“ rief er laut. „Noch habt ihr Zeit dazu. Das ist unser Deutschland!“

  „Das ist unser Deutschland!“ johlten die Männer hinter ihm und schüttelten ihre Stöcke und Knüppel.

   Der Regen fiel in schweren Schleiern, aber die Virginia unter dem schwarzen Hut qualmte.

  Onkel Johnny wartete, bis der Lärm abebbte. Dann rief er laut: „Haut ihr ab! Das ist unser Hamburg!“

  „Das ist unser Hamburg!“ schrien die Holländer, Polen, Dänen, Malaien und Molukker mit ihren Stangen und Piekhaken.

  Jack spie aus. „Euer Hamburg?“ höhnte er. „Ich sehe nur Käsefresser, Polacken, Gammelsäufer, Kanaken und Schlitzaugen. Wo sind denn die Whiskyschwuchteln, Kohlensäcke, Daumenlosen, Dorfkuffer und Katzenfetthändler abgeblieben? Feine Hamburger hast du da, Johnny. Hergelaufenes Gesindel!“

  „Und dein Deutschland?“ antwortete Onkel Johnny. „Ich sehe nur Mörder, Räuber, Vergewaltiger, Zuhälter, Gauner, Strolche und Schläger. Feine Deutsche sind das. Abschaum!“

  „Stopft ihm endlich das Maul!“ schrie der Prophet Samuel.

  „Fresse!“ sagte Jack unwirsch zu dem Rauschebart, und dann zu Onkel Johnny: „Komm runter, wenn du dich traust. Heute werfen wir nicht, heute schneide ich dir den Hals durch.“ 

  Der Sturm pfiff über das Fleet, und die ersten Wellen liefen schon über das Pflaster.

  „Komm rauf, wenn du dich traust“, sagte Onkel Johnny. „Heute spielen wir nicht Duell, heute spielen wir Räuber und Soldat.“

  „Dann sind wir aber die Räuber“, lachte Jack, und seine Leute johlten wieder.

  Jack bückte sich, kratzte ein bisschen Erde zwischen den Pflastersteinen hervor und warf sie sich über die Schulter.

  „Ach so“, sagte er dann mit einem Blick auf Onkel Johnny, scharrte noch einmal ein paar Brocken zusammen, formte sie zu einem Kloß und warf ihn auf die Barrikade. Mein Onkel fing die Erde auf, zerrieb sie zwischen den Fingern und ließ sie hinter sich fallen.

  „Habt ihr gehört, Leute? Rief Jack. „Das wollen Soldaten sein. Bringt ihnen das Marschieren bei. Los“

  Und mit lautem „Hep-Hep-Hep“, durchdringend wie das Angriffsgebrüll eines riesigen Tieres, stürmten tausend Brookboys über den Platz gegen die Barrikade, die Brüder Relf des Roten an der Spitze. Die drei Feuerschöpfe hatten sich Blechplatten in die dicken Lederwesten über den blaugestreiften Buscherumps genäht und sicherten sich außerdem mit Fassdeckeln, in die sie Schlaufen genagelt hatten, gegen Onkel Johnnys Würfe. Als gepanzerte Ritter des Hafens, die Pieklanzen eingelegt, stießen sie auf die Barrikade vor, und Jack ließ sie voranschreiten; sie sollten ihm wohl die Bresche schlagen, durch die er dann selber zum Ziel kam.

  Ralf Friesen, der älteste und stärkste der drei, breitschultrig, stiernackig und wild entschlossen, übernahm die Spitze. Wie ein Affe kletterte er mitten in das wogende Geäst der wild geschwungenen Stöcke und Haken auf dem Wall der umgeworfenen Fuhrwerke, mit Brettern zusammengenagelten Kisten, Tische und Fässer, wehrte die Stöße der Mijnheers mit seinem selbstgebastelten Schild ab und schlug mit einem Beil manche Stange entzwei. Sein Bruder Rolf, nicht weniger kräftig, zog sich dicht hinter ihm mit einem improvisierten Enterhaken hinauf, und Rollo, der Jüngste und Längste, stach mit einer abgebrochenen Bramstenge nach den Verteidigern. Unterstützt von besonders kräftigen jungen Brookboys, die sich vor ihrem Boss bewähren wollten, kamen sie bis auf halbe Höhe gut voran und verkeilten sie sich dort mit den Mijnheers zu stoßenden und schiebenden Knäueln. Die Angreifer kamen zwar nicht mehr weiter, aber den Verteidigern gelang es auch nicht, sie von der Barrikade zu werfen. So ging der Kampf ein paar Minuten hin und her, bis Jack die Geduld verlor und mit gut gezielten Messerwürfen einige Verteidiger zu Boden sandte, was die dicht gedrängte Phalanx ins Wanken brachte. Sofort stießen die drei Hafenratten in die Lücke, und die Brookboys drängten hinterher. Onkel Johnny erkannte die Gefahr und sprang von seinem hohen Stand ins Getümmel.

  „Ik hau di dod!“ wütete Ralf Friesen wie einst Charlie der Kran und schlug mit seinem Beil zu, aber Onkel Johnny duckte sich jedes Mal und wartete, bis der wütende Rotschopf nicht mehr aufmerksam genug auf seine Deckung achtete, und kaum war es soweit, fuhr ihm Onkel Johnnys Messer tief in den Oberschenkel. Ralf Friesen brüllte wie ein Stier, mehr aus Wut denn aus Schmerz, und warf den improvisierten Schild fort, um den verhassten Gegner mit beiden Armen zu umschlingen, aber während er noch vorwärts stolperte, fand ein zweiter Stich sein Herz, und er stürzte von der Barrikade wie der lästerliche Kapaneus von seiner Sturmleiter zu Theben.

  Seine Brüder griffen Onkel Johnny nun von zwei Seiten an, aber wie damals am Elbhang der Dachs dem Fuchs gegen die Ratten beistand, eilte auch jetzt wieder ein Pole zu Hilfe, und das war Leschek der Starost, bewaffnet mit einem Schmiedehammer. Unter den Hieben des Wollarbeiters ging Rolf Friesens Holzschild in Trümmer. Bevor Onkel Johnny zustechen konnte, sprang ihn die Hafenratte an und umklammerte ihn mit starken Armen, während der jüngste Friesen mit der abgebrochenen Bramstenge nach ihm stieß. Onkel Johnny ließ sich wie damals fallen, und der Pole schlug Rollo mit dem Hammer die Bramstenge aus der Hand, verlor dabei aber das Gleichgewicht und plumpste auf der anderen Seite der Barrikade hinab.

  Rollo Friesen zog sein Messer und stürzte sich auf Onkel Johnny, der sich gerade noch rechtzeitig von dem anderen Bruder befreien konnte. Der griff ihn nun von hinten an. Stich, Parade, Gegenstich, ein paar Sekunden ging es hin und her, und Onkel Johnny bekam ein paar Schrammen ab, wie es gar nicht zu vermeiden ist, wenn zwei gegen einen kämpfen.

  „Lasst mir was übrig!“ schrie Jack durch das Getümmel. Ich glaube aber nicht, dass er wirklich Sorge hatte, die beiden Brüder könnten ihm zuvorkommen. Nicht bei Onkel Johnny.

  Leschek kam schnaufend wieder auf die Barrikade geklettert. Rolf Friesen empfing ihn gleich mit einem Stich in die Schulter. Das war sein Fehler, denn Onkel Johnny nutzte die Sekunde, in der Rolf abgelenkt war, und rammte ihm das Messer ins Genick. Rolf war sofort tot, er sackte zusammen wie ein Ballon, auf dem die Luft entweicht. Rollo schrie wie ein Tier, und Onkel Johnny hatte plötzlich die richtige Distanz für einen Wurf. Ein Messer blitzte und fuhr dem jüngsten Friesen in die Kehle, und er brach röchelnd in die Knie. Das Blut spritzte stoßweise aus seinem Hals, denn die Schlagader war zerfetzt, und er verblutete, während er Onkel Johnny unablässig verfluchte.

  Und das war das Ende der Verbrecherfamilie Friesen. Der Polizeibericht bewahrt den Brüdern kein ehrendes Gedenken. Die Schlacht auf dem Brook ging nun erst richtig los. Jack wollte sich Onkel Johnny vorknöpfen, und der hatte gewiss nichts dagegen, aber das wilde Getümmel ließ es nicht zu, die Wogen der Kämpfenden trennten die Feinde, und sie verloren einander für eine ganze Zeit aus den Augen.   

 

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