Kapitel 83: Troja an der Elbe

Samstag, 11. Mai 2013
„Drei uralte, ineinander verwinkelte und verschachtelte Fachwerkhäuser“: Hinter den Häusern an der Poggenmühle 1885 © Museum für Hamburgische Geschichte

Obwohl nach dem Tod des Anarchisten zunächst keine weitere Gefahr zu erkennen und die Sielfahrt sogar fortgesetzt worden war, herrschte in Polizei und Armee gleichwohl große Verwirrung und Unsicherheit. Generalleutnant Waltershausen hätte den Brook auf der Stelle zusammenkartätscht. Der bedächtige Admiral von Ronneburg wollte mit militärischen Maßnahmen warten, bis die eigensinnigen Hoheiten in ihr inzwischen schwerbewachtes Hotel zurückkehrten, und schickte Bendixen zu Bulldog. Der Hauptmann versteckte seine Grenadiere wie zwei Wochen zuvor in der Kirche und kletterte mit dem Polizeichef, Professor Minkus und Augustus auf den Turm. Hauptpastor Mars blieb diesmal unten, er lag auf den Stufen zum Altar und betete inbrünstig zum schweigenden Herrn. 

  Als einige Constabler etwas nahe an die Kornhausbrücke kamen, schickte Wandrahm-Willy einen warnenden Feuerstoß in das Dovenfleet. Fontänen spritzten aus dem sturmbewegten Wasser.

  Daraufhin wurde es auf dem Turm laut. Die Herren waren höchst unterschiedlicher Meinung über das Zusammenwirken von Polizei und Armee.

  „Infanteriegewehre, Barrikaden, Petroleum, Dynamit, eine Gatling-Kanone, das sind Kriegszustände, Herr Hauptmann!“ sagte Bulldog sacksiedegrob. „Hier kann es nicht mehr um polizeiliche Maßnahmen gehen, das ist eine Aufgabe für die Armee!“

  „Das ist eine Aufgabe für die Artillerie!“ bellte der Hauptmann zurück. „Ich werde meine Leute nicht verheizen, nur weil Ihre Pfeffersäcke Angst um ein paar Bruchbuden haben!“

  Bulldogs Backen begannen unheilverkündend zu beben. „Potzhöllensakrament, das hier ist kein Schlachtfeld, das ist eine Stadt, eine Stadt voller Menschen, Herr Hauptmann! Ich bin nicht bereit, zuzulassen, dass Sie hier ein Blutbad anrichten!“

  „Das Blutbad verschulden Sie, wenn Sie die Armee nicht eingreifen lassen!“ widersprach Bendixen mit blitzendem Monokel, das er sich trotz des Regens ins Auge geklemmt hatte, allerdings ständig abwischen musste.

  Während die beiden wie die Kesselflicker zankten, beobachtete Professor Minkus durch sein Fernrohr Bewegung, nicht auf dem Brook, sondern auf dem Kai am Dovenfleet. Aus den Gassen zwischen den Häusern der Altstadt traten Menschen schweigend hervor. Es waren Arbeiter, und sie trugen Transparente. „Reformen statt Granaten“, stand auf einem, die anderen forderten „Soldaten in die Kasernen“, verwahrten sich „Gegen Polizeiwillkür“, verkündeten aber auch Parolen wie „Potsdam & Manchester“ und „Unser die Welt, trotz allem!“ Es waren ungefähr zweitausend Männer. Dicht gedrängt standen sie im Regensturm, nicht wie Schafe, sondern wie Stiere, wachsam, reizbar und kompakt.

  „Ist das die Armee von Herrn Bebel?“ fragte der Professor.

  „Ja, das ist unsere organisierte Arbeiterschaft“, bestätigte der Polizeichef. „Oder besser: ein Teil davon. Wenn die Sozialisten wirklich ernst machen, bringen sie fünfzigtausend auf die Beine.“

  „Das ist eine gewaltige Streitmacht“, bemerkte der Professor. „Für wen wird sie kämpfen?“

  „Für sich selbst“, sagte Bulldog. „Und das ist auch immer das Vernünftigste. Der Grund dieses Aufzugs ist wohl Ihnen klar, Herr Hauptmann. Die Hamburger wollen nicht, dass ihre Stadt in Klump geschossen wird.“

  „Die Armee will das auch nicht, Herr Erster Polizeiherr“, erwiderte Bendixen, dem der disziplinierte Aufmarsch der Arbeiterschaft mächtig imponierte. „Ich schlage vor, wir warten ab, was geschieht, und behalten uns das Eingreifen einstweilen vor. Da kommt jetzt sowieso keiner mehr durch, Soldat oder Polizist, es sei denn mit Waffengewalt. Davon sollten wir absehen, so lange es geht.“

  „Einverstanden“, erklärte Bulldog, durch vernünftige Worte stets rasch wieder beruhigt.

  „Dann nimmt also die Hamburger Version des Trojanischen Krieges ohne göttliche Einwirkung ihren Verlauf“, sprach der Professor fast feierlich. „Es ist ein großes Privileg, die Geburt eines Mythos miterleben zu dürfen.“

  „Mythos?“ wunderte sich Bendixen. „Verbrecherbanden sind ein Mythos?“

  Minkus setzte schon zu einer kleinen Vorlesung über die kriminellen Aspekte bei den Helden Homers an, da stürzte sich Jacks Haufen mit Gebrüll auf die Barrikade, und der Professor verstummte, um die Ereignisse durch sein Fernrohr zu verfolgen. „Phantastisch“ murmelte er. „Faszinierend. Es ist wirklich, als rennten Agamemnons Griechen gegen das Skäische Tor. Keine Streitwagen, natürlich, auch keine Pfeilschüsse, aber Steinwürfe, und Lanzen. Die Barrikade als Stadtmauer. Schiffe. Das Fleet wie gesagt als Skamander.“

  „Und eine Maschinenkanone“, ergänzte Bulldog. „Infanteriegewehre. Petroleumfässer. Nenne den Mann mir, o Polizeibericht, den vorbestraften, der vielfach im Knast saß, weil er gegen die Gesetze verstoßen. Viele Schädel schlug er ein, viel bekam er auch selbst in die Fratze, treu nur dem Schurkenbund, dem sich seine Bosheit verschrieben.“

  „Das wäre aber Odyssee, nicht Ilias“, bemerkte Augustus.

  Vor der Barrikade am Eingang zur Holländischen Reihe keilten sich die Kämpfenden inzwischen in dichten Knäueln. Die Brookboys und ihre Verbündeten, die unheiligen Brüder vom Michel und die Noahssöhne von den Werften, deckten die Verteidiger mit einem Steinhagel ein und versuchten, auf die umgestürzten Fuhrwerke, Tische, Kisten und Ballen zu klettern. Die Mijnheers und die Polen aber hielten die Stellung und stießen die Angreifer immer wieder mit ihren langen Piekhaken zurück. 

  Auch an den anderen drei Barrikaden hatte die Schlacht begonnen. 

  Viele Kämpfer kannten einander gut. Die Söhne Noahs aus Steinwerder prügelten sich mit Lescheks polnischen Wollarbeitern, mit denen sie sonst in den Kneipen am Reiherstieg Krüge brachen. An der Wandbereiterbrücke schwang Willem der Dutch die gefürchtete Illanumkeule gegen den hünenhaften Bootsmann Teel, mit dem er fünfzehn Jahre zuvor am Neuen Wandrahm die gleiche Schulbank gedrückt hatte. Bei St. Annen führte Kalfater-Karl die Likedeeler gegen die Orphans des Governors, die sich keineswegs als Waisenknaben erwiesen; sie kannten ihre Gegner aus zahllosen Schlägereien in den Hafenkneipen an Baumwall und Butenkajen. Die Hafenratten unter Pocken-Piet, der mit seinem roten Haar wie ein Feuergott anstürmte, bekamen es nicht nur mit Taras und den daumenlosen Arnauten zu tun, sondern auch mit dem frommen Joao und den portugiesischen Messerartisten. Die Schwarzen Oxen des Herzogs von Boizenburg und die Straßenräuber des Berliner Bullen schließlich hatten sich auf den Landstraßen Holsteins und Mecklenburgs oft genug mit den Galiziern des „Rabbi“ und den Pharaos des Radscha herumgeschlagen und wussten aus Erfahrung, dass ihnen kein Spaziergang bevorstand.

  „Aufgepasst, ihr Schweinepriester“, riefen sie den Juden zu, „jetzt ist’s aus mit Kühe klauen, jetzt geht’s zurück nach Jerusalem, wir werden euch Beine machen!“

  „Wai, ihr Furchenschieter“, lachten die Galizier, „beschneidet lieber eure Söhnchen, denn die sind alle von uns!“

  Ähnliche Reden wurden auch mit den Zigeunern ausgetauscht: „Macht euch auf was gefasst, ihr Igelfresser, jetzt fiedeln wir euch in die Hölle!“ -  „Kommt nur bei, ihr Klutenpedder, ihr Kaffern, ihr Mistgabelbarone, wir lernen euch Sterne lesen!“

  Die preußischen Wachsoldaten vom Teerhof gingen keine Patrouillen mehr, sondern standen in den Rundbogenfenstern, die Gewehre im Anschlag.

  An der Holländischen Reihe versuchten Jack und die Brookboys, vor allem die drei Brüder Relfs des Roten, mit nicht nachlassender Angriffslust die Barrikade zu stürmen, aber in der engen Straße konnten sie ihre Übermacht nicht nutzen, Onkel Johnny und die Mijnheers drängten sie immer wieder zurück. Auch die Polen kämpften tapfer.

  „Wo ist Kowalski?“ fragte Leschek der Starost.

  „Keine Ahnung“, antwortete Onkel Johnny.

  „Er wird schon noch kommen“, sagte der Pole mit dem mächtigen blonden Schnauzbart. Noch immer trug er Verbände um den nackten Oberkörper. Mit der schweren Eisenstange in den großen Händen sah er aus wie ein Wappenriese aus der Renaissance.

  Auf dem Kirchturm gab Augustus das Fernrohr an Professor Minkus zurück, nicht an Bulldog, der schon die Hand ausstreckte. Der Professor bemerkte das und reichte ihm höflich das Gerät. Der Polizeichef betrachtete die wüste Szenerie ein paar Minuten; sie erschien ihm so unwirklich, als seien die alten Krieger der Sachsen und Franken zurückgekehrt, um sich noch einmal um Hamburg zu schlagen.

  Plötzlich stutzte er. „Was ist das!“ rief er.

  „Was denn?“ fragte Augustus ahnungsvoll.

  „Potztausendundeins!“ rief Bulldog verdutzt. „Da ist der Kerl doch tatsächlich! Wie hat er das denn angestellt?“

  „Was denn?“ wollte auch Hauptmann Bendixen wissen. „Welcher Kerl?“

  „Der Kerl, den Sie aufgehängt haben, Herr Hauptmann“, sagte Bulldog grimmig. „Johannes Mott, vom Kehrwieder. Macht seinem Namen wirklich alle Ehre! Jetzt kommt er sogar aus dem Jenseits zurück.“

  „Ausgeschlossen!“ sagte der Hauptmann. „Die Hinrichtung wurde ordnungsgemäß durchgeführt.“

  „Sie war illegal“, konnte sich Bulldog nicht verkneifen zu sagen. „Erfolgte ohne Rechtsgrundlage. Ein klarer Justizmord.“

  „Meine Befehle waren eindeutig“, sagte Bendixen pikiert. „Es handelte sich um ein Urteil des Kriegsgerichts, Herr Erster Polizeiherr. Ich habe die Vollstreckung persönlich beaufsichtigt. Sie müssen sich irren.“

  „Sehen Sie selbst“, sagte Bulldog und gab ihm das Fernrohr. Der Hauptmann guckte scharf und erstarrte wie Lots Weib. „Hölle und Pest!“ entfuhr es ihm.

  „Was denn?“ fragte zu Abwechslung Professor Minkus.

  „Das ist unmöglich“, protestierte der Hauptmann. „Das ist ganz ausgeschlossen!“

  „Ist das dieser Kehrwieder-Johnny oder nicht?“ fragte Bulldog in die offene Wunde.

  „Er ist es“, gab Bendixen zu. „Und jetzt?“

  „Schnabel halten“, empfahl der Polizeichef gnädig. „Rausholen können Sie den Kerl da jetzt ja doch nicht, er scheint sogar ein Anführer dieser Leute zu sein. Und selbst wenn Sie ihn kriegen – wollen Sie ihn dann gleich noch mal aufhängen?“

  „Der Henker!“ sagte der Hauptmann in plötzlicher Erleuchtung. „Der Henker hat mich hinters Licht geführt mit seinem ständigen Gefuschel und Gemuschel. Na warte!“

  „Was wollen Sie denn tun?“ lachte Bulldog. „Den Henker hängen? Man wird Sie auslachen, Herr Hauptmann. Und Ihre Vorgesetzten – malen wir uns das lieber nicht aus. Seien Sie froh, wenn die Sache nicht rauskommt.“

  „Ich fürchte sehr, Sie haben recht“, seufzte Bendixen nach kurzem Überlegen. „Darf ich die Herren vorläufig um Diskretion bitten?“

  „Selbstverständlich“, sagten die drei.

  „Kehrwieder-Johnny“, sagte Minkus. „Der Mann, der von den Toten wiederkehrt.“

  „Und zwar bereits zum zweitem Mal“, sagte Bulldog.  „Ich muss sagen, ich bin froh. Der Mann ist unschuldig.“ Er erzählte kurz, was er inzwischen wusste.

  „Auch das noch!“ klagte Bendixen.

  „Wenn das kein Mythos wird, dann gibt es keine neuen Mythen mehr“, sagte der Professor. „Dann ist das Mythische aus unserer Gesellschaft endgültig verdunstet.“

  Viele berühmte Unterweltgrößen kamen an diesem Tag miteinander ins Handgemenge. Besonders viel wurde in späteren Erzählungen jedoch über den Zweikampf zwischen Michel Butenschön, dem Bäcker, und Wacko Brett fabuliert, denn Kraft, Hass und Todesmut der beiden reichte tatsächlich an literarische Dimensionen, ohne dass das den beiden allerdings im geringsten bewusst geworden wäre. 

  Die Galizier, auf die Onkel Johnny so wenig gerechnet hatte, beschämten ihn durch einen echt makkabäischen Mut, sie kämpften, als ginge es um Zion. Es ist ja nicht vergessen, dass viele Juden schon im Krieg gegen Frankreich und auch später in den Weltkriegen erstaunliche Beispiele heroischer Tapferkeit geboten haben.

  Die Zigeuner standen den Ebräern nicht nach. Der Radscha, den ich für einen großsprecherischen Schmierlappen gehalten hatte, machte seinen erlauchten Vorfahren aus der Radschputenzeit alle Ehre und bohrte die Mecklenburger Buschklepper und Vierländer Schnapphähne an, wie immer sie ihm vor das Messer gerieten.

  Erst recht kamen die Angreifer nicht gegen Harry, Walter, den Gecko oder gar den Bäcker voran, der seinen Hammer durch den Regen sausen ließ wie der im Norden unvergessene germanische Gewittergott. Nicht einmal der Berliner Bulle konnte sich gegen ihn behaupten.

  Endlich erwachte Wacko und überblickte die Lage, und begann ganz gotteslästerlich zu fluchen und fistelte, jetzt werde er dem alten Schmalzfaß endlich den Deckel spalten. Charlie der Kran und der junge Hein Cölln schlossen sich an, Ben der Bremser blieb bei Willy.

  Als der Ex-Preisboxer auf den Platz vor dem Teerhof trat und sich mit schriller Stimme bemerkbar machte, stockte die wilde Schlägerei, und die Angreifer zogen sich ein Stückchen zurück. Wacko marschierte durch die Straßen- und Eisenbahnräuber vor die Barrikade, schlug seinen Stock in die Hand und rief: „Jetzt ist es aus mit dir, du altes Mastschwein, ich hau dich in den Klumpatsch!“.“

  „Komm nur“, rief der Bäcker zurück und hob seinen Hammer.  „Ich bügel dir die Falten aus der Visage!“

  „Dich haben wir doch schon mal nass gemacht, du Großmaul“ rief Wacko, und seine Mitstreiter lachten.

  „Dich müssen wir wohl mal trockenlegen“, antwortete der tiefe Brunnen, und da lachten Galizier und Pharaos.

  „Komm runter, du Feigling, dann zeige ich dir, wie man kleine Brötchen macht“, brüllte der Ex-Boxer erbost. „Ich hau dir die Klüsen dicht!“

  „Backe backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen“, lachte Michel und zog wohlvorbereitet aus seiner Jacke eine Nudelrolle hervor, und jetzt lachten alle, auch die Stürmer und die Schwarzen Oxen.

  „Rrrrrrruhe!“ plärrte der imaginäre „Coco“, und alles lachte noch mal los.

  Wild wie ein Heuochse stürzte sich der Riese auf die Barrikade und versuchte, hinaufzuklettern, aber der Bäcker hielt ihn mit einem Piekhaken auf Abstand, und so erging es auch wieder den anderen Angreifern, denn die Juden und Zigeuner kämpften wie die Teufel, und Stürmer wie Schwarze Oxen kamen keinen Meter voran.

  Nach ein paar Minuten gab Wacko es auf. „Dir geb’ ich schon noch Kattun!“ schnaufte er und stapfte zum Galgenhof, wo er den Bremser zu sich herunterbrüllte.

  Ich hatte gerade mein Kaviarkleid angezogen und meinen Koffer gepackt, um mich bei unwillkommenem Ausgang der Schlacht sogleich in Richtung „Hamburger Hof“ aus dem Staub zu machen, da flog die Tür auf, und Wacko stand vor mir. „Mitkommen!“ sagte er, packte mich am Arm und schleifte mich hinter sich her zu Jacks Kutsche.

  „Jetzt kannste mal zeigen, was in dir steckt“, feixte Ben auf dem Bock.

  Wacko stieß mich hinein, und der Bremser knallte die Peitsche.

  Neben dem Teerhof standen damals noch drei uralte, ineinander verwinkelte und verschachtelte Fachwerkhäuser mit dem „Caffee Thee Lager J.H.G.Koethge“, ich sehe das Schild noch vor mir. Das rechte hatte im zweiten Stock einen Söller. Wacko schleppte mich nach oben, hievte mich auf die Brüstung und band mich an einem der Pfeiler fest. Ich stand ziemlich luftig, unter meinen Füßen ging es acht Meter in die Tiefe. Charlie der Kran und Hein Cölln hatten Strohballen auf den Boden geworfen. Wacko fragte Ben, der unten auf dem Platz stand, ob er mal Feuer haben könne, gerade so, als wolle er sich eine Zigarre anzünden.

  Hab ich nich, sagte Ben.

  Dann hol mal eins von der Brücke, rief Wacko hinunter.

  Während Ben zum Wandrahmsfleet marschierte, rief Wacko dem Bäcker zu: „Jetzt runter mit dir, du Faseleber, sonst hörst du gleich dein Spanferkel quieken!“

  Ich stand da, in meinem vornehmen Kaviarkleid, und blickte über den kleinen Platz zu meinen Füßen auf den Holländischen Brook, so wie die richtige Helena einst von Trojas Mauern auf das Schlachtfeld hinunterschaute. Weiter hinten sah ich die Holländische Reihe, sah, wie die Mijnheers und ihre dunkelhäutigen Verbündeten auf der Straße St. Annen kämpften, und noch weiter hinten, keine fünfhundert Meter entfernt, die Barrikade am Kannengießerort, die Onkel Johnny gegen Jack verteidigte, aber das wusste ich nicht. Und, sonderbar: Ich fühlte keine Angst, nicht einmal eine besondere Anspannung, obwohl es nun ja auch um mein Leben ging. Meine Seele war wie blind und taub, und mein Herz bewusstlos, ich hätte genauso gut am Alsterpavillon sitzen und Kaffee trinken können. Nur einmal kam mir ein Gedanke, der mit meiner Lage zusammenhing: Ich dachte, wenn es nicht bald losgeht, möchte ich mal wissen, wie Wacko das Stroh überhaupt noch zum Brennen kriegen will, ich war längst pitschenass, und der Wind trieb den Regen weit unter das Vordach.

  Als Ben der Bremser tatsächlich mit einer brennenden Fackel unter einem halb zerfetzten Regenschirm zurückkehrte, konnte der Bäcker natürlich nicht mehr anders, als trotz Onkel Johnnys Verbot von der Barrikade zu steigen.

  „Waffe weg!“ befahl Wacko.

  „Du aber auch“ sagte der Bäcker.

  „Dir hau ich die Kusen auch ohne raus“, fistelte Wacko und warf seine Hickorykeule weg. „Das geht wie’s Brezelbacken!“

  Der Bäcker gab dem Gecko seinen Hammer und kam langsam auf uns zu. Die Stürmer und die Schwarzen Oxen traten zurück, bis sie einen Halbkreis bildeten.

  Schweigend standen sie in den Pfützen, die schon nicht mehr nur vom Regen stammten, denn das Wasser schwappte schon aus dem Fleet.

  „Macht einen fairen Kampf!“ sagte der Herzog von Boizenburg, der die hohe Meinung der Unterwelt über den alten König der Schränker teilte.

  „Nur mit bloßen Händen!“ erinnerte der Berliner Bulle mit Blick auf Wacko, dem er jede Schlechtigkeit zutraute.

  Ben der Bremser stellte sich mit seiner Fackel zu mir unter das Vordach.   

  „Mach das verflixte Ding aus“, sagte ich nervös.

  „Nervös?“ grinste er.

  Es war wirklich nicht das, was die Schöne Helena auf dem Skäischen Tor gefühlt haben mag, als Paris und Menelaos um sie die Schwerter schwangen.

  Der Bäcker ging langsam in die Mitte des Platzes, wo Wacko ihn erwartete. Der Regen pladderte auf die Köpfe der Riesen, und der Sturm zerrte an ihren Haaren, aber sie schienen das gar nicht zu bemerken. Als sie voneinander standen, holte Wacko aus und wollte seinen Gegner wie ein Löwe tatzen, aber Michel machte rasch einen Schritt nach vorn und packte ihn, und sogleich hatten die beiden sich wieder verkeilt wie damals am Friedhof. Sie schoben sich wie Sumo-Ringer hin und her. Die Ilias hatten sie nie gelesen, und keiner von denen, die ihnen in ihrem Ringen zuschauten, hatte je von Homer gehört, doch als Leo Wuttke in den folgenden Tagen seine nur zum sehr, aber sehr geringsten Teil auf Zeugenaussagen fundierte Zeitungsserie „Troja an der Elbe“ schrieb, pflanzten sich seine phantasievollen Interpretationen tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt. Der Ex-Boxer Wacko Brett war dem Autor ein blutrünstiger Aiax, die Attribute schrieb Wuttke getreulich aus dem Original ab, „höher denn alles Volk an Haupt und mächtigen Schultern“. Den Bäcker aber schilderte Wuttke als Diomedes, der zwar „männliche Kraft und Mut“ besaß, aber kein Trojaner war, was dem vom Branntwein leicht getrübten Dichterblick des schnauzbärtigen Arbeiterpoeten entging. Im „Hamburger Fremdenblatt“ stürzten sich Bäcker und Boxer stilgerecht aufeinander „wie fleischverschlingende Löwen oder wie mächtige Eber von unbezwinglicher Stärke“, und wenn unser Michel die klügeren Griffe ansetzte, hielt Wacko mit der Berserkerkraft seiner rasenden Wut dagegen. Schließlich schaffte es Michel, seinen Gegner auszuheben und in den Sand zu schleudern. Wacko brüllte vor Wut - „ein Stentor mit eherner Stimme, der so laut wie fünfzig andere schreien vermochte“, schrieb Wuttke - und warf sich erneut auf seinen Feind. Der Anprall war so heftig, dass beide zu Boden gingen. Während sie sich in den Pfützen wälzten, bekam Wacko unglücklicherweise einen Stein zu fassen und hieb ihn Michel auf den Kopf. Michel verlor das Bewusstsein. Wacko beugte sich keuchend über ihn und drosch mit dem Stein auf den Wehrlosen ein, bis der Herzog von Boizenburg und der Berliner Bulle auf ihn zustürzten und ihn festhielten. Es war aber schon zu spät: Als die beiden Häuptlinge den tobenden Riesen endlich von seinem Opfer fortzerren konnte, war Michel tot.

  Wacko stand wankend auf, spie auf seinen toten Gegner und schrie mit seiner Kastratenstimme einen hässlichen Triumph in den heulenden Regensturm. Es klang, als sei noch einmal wie damals an den Grabhöhlen von Gerasa eine Legion Dämonen in zweitausend Schweine gefahren. Riesengroß aufgereckt stand der Gigant als Sieger vor den Seinen, die ihre Begeisterung herausbrüllten, eine schaurige, furchterregende Fanfare, als ob das Böse sich anschicken wolle, nun sogar gegen die Elemente zu kämpfen, ja den Himmel selbst einzureißen. Die Angreifer setzen sich in Bewegung, unaufhaltsam wie der Wald von Burnam, und immer lauter gellte das Geschrei in meinen Ohren, bis plötzlich ein noch viel lauteres Geräusch wie ein Meteor über den Lärm hinwegfuhr, und den grausamen Riesen von den Füßen riss, ihn wie eine Puppe über den Boden schleuderte, zehn, zwanzig Meter weit, und als ein grotesk verunstaltetes Bündel Fleisch und Knochen in einer riesigen roten Pfütze zurückließ. Der Meteor aber war aus Harrys Raketenharpune geschossen, und so fand der Leviathan, wie es die Zigeunerin einst geweissagt hatte, den Tod durch die Waffe des Menschen gegen den Wal.

  Das Gebrüll der Angreifer brach ab, die Männer blieben stehen und starrten auf die grässlichen Überreste ihres Helden. Harry stand immer noch hoch über ihnen, die rauchende Raketenharpune auf der Schulter, da riss Wandrahm-Willy auf seinem Galgenspeicher seine Gatling herum, visierte und zog durch, und der Feuerstoß fegte Harry von der Barrikade, zerfetzte ihm die Brust, schleuderte ihn mit seiner Raketenharpune durch das Gerümpel und ließ ihn als zerschossenen Leichnam auf dem Pflaster des Holländischen Brook zurück, wo sich sein Blut ins Regenwasser mischte.

  „Was ist das!“ schrie der „Rabbi“. „Schüsse! Das ist gegen das Gesetz!“

  Wandrahm-Willy ließ seine Gatling stehen, packte sich das Zugseil, das am Galgen hing, sauste wie ein Zirkusturner in die Tiefe und raste racheschnaubend über den Platz auf die Barrikade zu.  Als der Herzog von Boizenburg und der Berliner Bulle ihn kommen sahen, riefen sie ihren Männern zu: „Vorwärts! Schlagt sie tot!“ Stürmer und Schwarze Oxen stürzten sich nun mit noch größerer Wucht auf ihre Gegner, doch Galizier und Pharaos hielten auch diesmal stand. Der Herzog wollte den „Rabbi“ packen, aber der alte Christenpreller wich dem Messerhieb geschickt aus und stieß seine Klinge dem Angreifer unter der Achsel in die rechte Brust. Der Bulle warf sich auf den Radscha, doch auch der Zigeunerhauptmann mit dem riesigen Smaragd im Turban war flinker als sein ungeschlachter Gegner und rammte ihm den Dolch in den Schenkel, dass der vierschrötige Kerl brüllend von der Barrikade fiel.

  Dann sprang Willy, der schon vier Männer niedergestochen hatte, auf den „Rabbi“ zu, und die beiden kämpften mit blitzschnellen Sprüngen, Stößen und Finten wie Hähne, ohne dass eine den anderen treffen konnte. Bald wurden sie im Gewühl wieder voneinander getrennt. Der Gecko kroch unter den Trümmern der Barrikade herum und angelte nach der Raketenharpune. Ben hüpfte mit seiner Hickorykeule auf ihn zu und rief, jetzt ist es aus mir dir, du verdammter Finkwarder Nigger, aber Volten-Walter war rechtzeitig zur Stelle und jagte dem Bremser das Messer in die Schulter. Im gleichen Augenblick aber hatte auch Wandrahm-Willy die beiden erreicht, und während Walter noch seine Waffe aus Bens Schulter zog, stieß Willy ihm das Klappmesser zwischen die Schulterblätter, ein unfairer Rachestoß aus Schmerz und Wut. Ich sah Walter fallen, sah ihn nach vorn von der Barrikade kippen und schweigend im Rinnstein verbluten.

  Jetzt erst erwachten wieder die Lebensgeister in mir, und ich versuchte, mich zu befreien, aber Wacko hatte mich zu gut gefesselt, ich kam einfach nicht los.

  Unter mir hörte ich, wie die zwölf preußischen Wachsoldaten aus dem Teerhof rannten. Sie zogen sich auf die Ericus-Bastion zurück und verschanzten sich dort hinter den Mauerresten. Es ist nicht klug, auf Dynamit und ähnlichen Erfindungen zu sitzen, wenn jemand Explosivgeschosse durch die Gegend feuert.

  Nach Michels, Harrys und Walters Tod, und als nun auch noch Willy loslegte, gerieten die Verteidiger trotz aller makkabäischer und radschputischer Tapferkeit doch langsam ins Wanken.

  Onkel Johnny hatte Harrys Rakete und Willys Schüsse natürlich gehört, und da er wissen wollte, was passiert war, sich natürlich auch denken konnte, dass seine Freunde in großen Schwierigkeiten waren, übergab er Leschek dem Starost das Kommando und rannte mit den Horiksöhnen los, die Prinzessin des Todes mit ihren Pagodenschlägern gleich hinterher. Ich sah sie durch den Regen ankommen wie einen apokalyptischen Reitersturm ohne Pferde. Willy sah sie auch, und wollte auf Onkel Johnny los, aber da kam ihm die Prinzessin in die Quere, vielleicht vierzig, fünfzig Meter vor meinen Augen; da ich so hoch stand, konnte ich ja leicht über die Barrikade hinwegschauen.

  Das Wasser schwappte nun schon knöchelhoch über die Straße, der Sturm trieb es in immer höheren Wellen über die Kaimauern.

  Wandrahm-Willy hatte es als erster über die Barrikade geschafft. Charlie der Kran, der immer noch humpelte, und Hein Cölln folgten ihm. Noch ehe sie ihren Anführer einholen konnten, begegnete er Yüan Yüan, die nach Wuttkes Worten wie eine Penthesilea heranbrauste. Den Mann mit der Narbe nun auch noch mit Achill zu vergleichen, wagte selbst der so begnadete wie bedenkenlose Kolporteur nicht, und dieser Kampf ging auch nicht aus wie bei Homer, sondern wie bei Kleist.

  Die Prinzessin des Todes flog so schnell auf Willy zu, dass ihr die Little Dragon aus der Goldenen Pagode kaum folgen konnten, sie patschten wie wütende Nilpferde hinter ihr durch das Wasser. Hinter ihnen waren auch Jack und seine Brookboys trotz Lescheks tapferen Widerstands über die Barrikaden gestiegen und stürmten nun auf der Holländischen Reihe zur Straße St. Annen, wo sie den Mijnheers, Malaien, Molukken, Engländern, Pennsylvania-Schwarzen, Arnauten und Portugiesen in den Rücken fielen.

  Als Wandrahm-Willy den Stockdegen in der Hand der Prinzessin sah, ließ er sich von Hein Cölln einen Hickory zuwerfen und hielt Yüan Yüan auf Distanz, bis er durchkam und sie am Arm packen konnte. Er wollte ihr sein Klappmesser in die Kehle stoßen, aber als ihre Augen sich trafen, zögert er den Bruchteil einer Sekunde, Hein Cölln sah es genau. Er glaubte, es habe daran gelegen, dass Willy nie eine Frau getötet hatte. Er erzählte mir aber auch, dass die Prinzessin etwas zu Willy sagte. Der Sturm schrie wie ein wildes Tier, und Hein Cölln konnte kaum etwas verstehen, nur das Wort „Dynamit“. Ich denke, dass sie ihn fragte, warum ein Mann wie er einem anderen diene und nicht selber herrsche. Und dass sie Willy an seinem geheimsten Nerv traf. Und während ihn ihre Worte wie Schlangengift lähmten, stach sie dem Überraschten mit der Linken ihren Dolch durch die Achsel ins Herz. Willy legte sterbend seinen Kopf auf ihre Schulter, und Hein Cölln konnte sehen, wie sich die Lippen der Prinzessin bewegten, als sie ihrem Opfer das Letzte Wort ins Ohr flüsterte, bevor sie noch einmal zustieß.

  Inzwischen hatte Jack mit seinen Brookboys die Barrikaden auf der Wandbereiterbrücke und auf der Straße nach St. Annen überrannt. Der Governor, sein bis zuletzt treuer Leutnant Franks und auch Willem der Dutch mussten dabei mit einigen ihrer Leute das Leben lassen, die anderen rannten davon. Der heulende Hospodar aus Huzulien war mit dem Großteil der Arnauten als erster getürmt, als er die Sache verloren sah, und die Portugiesen hauten ebenfalls rechtzeitig ab. Als letzter Mohikaner verteidigte sich Leschek der Starost mit seinen Polen in einem Haus neben seiner verlorenen Barrikade.

  Auf dem Holländischen Brook herrschte inzwischen ein heilloses Durcheinander. Ich sah, wie Onkel Johnny erst den Propheten Samuel und dann auch Kaper-Klaas niederstieß. Der Gecko hockte immer noch unter der Barrikade und fummelte an der Raketenharpune herum. Niemand kümmerte sich um ihn.

  Jack suchte nach Onkel Johnny, da kam ihm der „Rabbi“ in die Quere, und das Messergefecht der beiden Anführer mehrte den Ruhm der Galizier mächtig, denn trotz aller Anstrengungen schaffte Jack es nicht, den Schwarzbart aus dem Weg zu räumen. Die Klingen bissen schneller als Wolfszähne, und die Geschichte dieses Gefechts wurde später bis nach Ungarn erzählt. Ein wilder Haufen, in dem sich die Horikssöhne mit Brookboys schlugen, trennte die beiden schließlich.

  Onkel Johnny stand immer noch auf der Barrikade, doch als er sah, dass die Prinzessin auf Jack zueilte, sprang er herab und riss sie zurück. Sie starrte ihn blutrünstig an, blieb aber stehen, um endlich den Kampf der Tiger zu sehen.

  Plötzlich hörte ich neben mir ein Keuchen und Stöhnen. Es war Ben der Bremser. Blutüberströmt wankte er auf mich zu, ein Messer in der Hand. Einen aberwitzigen Gedanken lang glaubte ich, er wollte mich nun endlich lossäbeln. Hinter ihm kam ein anderer auf den Söller, packte ein Holzscheit und schlug es Ben auf den Schädel. Der Bremser sackte auf die Fliesen. Mein Retter wand ihm das Messer aus der Hand und schnitt meine Fesseln durch. Es war Augustus. Staunend sprang ich von meiner Säule in seinen Arm.

  Es stellte sich heraus: Augustus hatte auf dem Kirchturm durch das Fernrohr gesehen, wie Wacko mich festband, und als wohlerzogener Kavalier sofort beschlossen, mich zu retten – zum Glück ohne diese Absicht verlauten zu lassen, denn sonst hätten ihn die anderen ganz sicher mit Gewalt von solcher Wahnsinnstat zurückgehalten. Als er die Treppen hinunterpolterte, hörte er Harrys Rakete zischen, und schon rasselte Hauptmann Bendixen hinter ihm her, noch bevor Willys Gatling zu feuern begonnen hatte. Den Hauptmann trieb natürlich die gleiche Sorge, die seine Kameraden im Teerhof veranlasst hatte, den gefährlichen Posten zu räumen. Er raste in die Kirche, pfiff seine Soldaten heraus und führte sie in Gefechtsordnung zur Jungfernstiegbrücke. Die Arbeiter wichen zur Seite. Sie hatten erkannt, dass die Soldaten diesmal nicht ihre Feinde waren.

  Als Bendixen den Angriff befahl, warfen die Posten der Brookboys ihre Fackeln in die Petroleumfässer und verschwanden. Die Fässer gingen hoch, aber die Brücke blieb heil.

  „Attacke!“ brüllte der kleine Hauptmann und rannte mit dem Säbel in der Hand als erster auf die fetten schwarzen Wolken los.

   Augustus hastete auf dem schon überfluteten Kai zur Wandrahmsbrücke, warf sich in voller Montur ins Wasser und schwamm durch die aufgepeitschen Wellen ans andere Ufer. Willy hatte da seinen Posten im Galgenspeicher zum Glück schon verlassen.

  Auf dem Holländischen Brook reichte das Wasser den Männern inzwischen über die Knie, und die Strömung riss manchem die Beine weg. Jack und Onkel Johnny gingen aufeinander los wie zwei Sumpftiger. Nun gab es keine Worte oder Rituale mehr, jeder wollte nur noch eins: dem anderen den Hals durchschneiden. Wut, Hass, titanischer Zerstörungstrieb? Ich glaube, es ging hauptsächlich darum, die Sache endlich zum Abschluss zu bringen. Finale furioso, wie in der Oper. Es durfte nur einer übrig bleiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder von beiden, Jack wie Onkel Johnny, lieber freiwillig draufgegangen wäre, als zuzulassen, dass alles, was sie getan, gelitten und verbrochen hatten, ohne Sinn blieb.

  Die Schlacht war entschieden, die Brookboys hatten gesiegt, es lohnte sich nicht mehr zu kämpfen, und die anderen hörten nun damit auf, so weit sie nicht schon davongerannt waren. Nicht so Jack und Onkel Johnny, sie rangen wie wilde Bestien. Jeder hatte die linke Faust an der Messerhand des anderen. Da sie gleich stark waren, konnte keiner den anderen niederwerfen.

  „Komm, wir verstecken uns“, sagte Augustus, aber ich konnte mich nicht losreißen, ich musste sehen, wer gewann.

  „Lass sie“, beschwor mich Augustus. „Sie sind beide wahnsinnig.“

  In diesem Moment tauchte der Gecko auf. Die Raketenharpune lag auf seiner Schulter. Wie ein Käfer kletterte er auf die Barrikade und visierte den Teerhof an. Die Rakete flog aus dem Rohr. In der nächsten Sekunde riss uns ein gewaltiger Schlag von den Beinen.

  Später erfuhr ich, dass es eine ganze Kette von Explosionen gegeben hatte. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich unter Balken und Ziegeln. Augustus lag halb auf mir, der Gute. Er hat mich mit seinem Körper gedeckt. Auch ihm war zu unserem unverschämten Glück nichts weiter passiert. Der Häuserblock war nur noch ein Trümmerhaufen.

  Die Sturmflut räumte auf. Sie trug Fuhrwerke, Kisten, Ballen, Fässer, Balken, den ganzen Kruscht und auch die Toten davon, nicht nur einen wie damals in der Nacht, als Onkel Johnny zurückkehrte, sondern viele. Eine genaue Zahl wurde nie bekannt, die ganze Sache wurde ja von allerhöchster Stelle vertuscht, aber es müssen Dutzende gewesen sein.

  Ich patschte durch das Wasser, das mir schon bis zur Hüfte ging, und schrie nach Onkel Johnny, aber in der öden Fläche stand niemand mehr, so weit ich sehen konnte, und fast hätte die Elbe auch mich mitgenommen, aber Augustus stürzte hinter mir her und packte mich und zerrte mich auf sicheren Grund, ohne dass ich es wollte.

  Von denen, die zuletzt an der Barrikade vor der Holländischen Reihe gekämpft hatten, ist keiner je wieder gesehen worden, keine Prinzessin, keine Horaksöhne, und auch nicht Onkel Johnny und Jack. Ich vermute, dass die beiden so gestorben sind, wie sie die letzten Sekunden ihres Lebens verbracht haben, die Linke an der Messerhand des anderen, und dass sie so miteinander untergangen sind, untrennbar noch im Tod. Ich glaube, dass die Elbe sie mitgenommen hat, weit hinaus in ihr ewiges Reich, und dass sie auf dem Grund des Stroms ein brüderliches Grab gefunden haben, in der Tiefe unter den tödlichen Wirbeln, aus denen niemand wiederkehren kann, nicht einmal Onkel Johnny.

  „Schaudernd hör ich hin und wieder / Von dem Schlangenhass der Brüder“, klagt Beatrice in der „Braut von Messina“, aber im „Tasso“ sagt Leonore „Zwei Männer sind’s, ich hab es lang gefühlt, / Die darum Feinde sind, weil die Natur / Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte“, und das trifft es viel besser. Wenn man’s im Theater sieht,  will man oft gar nicht glauben, dass es so etwas auch im Leben gibt. Jack und Onkel Johnny hätte gut Brüder sein können, sie waren einander ähnlich genug, und sie hassten einander auch durchaus genügend.

  Nach einer Weile hörten Augustus und ich Hauptmann Bendixen Befehle durch den Sturm schreien, wer mit einer Waffe angetroffen werde, sei sofort zu erschießen. Immer wieder knatterten Gewehre. Die Preußen kämmten die Häuser durch. Keller und Erdgeschosse waren bereits überflutet, und immer noch regnete es. Es war wirklich höchste Zeit, zu verschwinden, und ich kann kaum die Erleichterung beschreiben, die ich verspürte, als sich plötzlich Ridders Barkasse aus dem Regenvorhang dieser Sintflut schob. Am Bug stand mit einer Sturmlaterne Kowalski in seinen blutdurchtränkten Verbänden.

  „Hierher!“ schrie Augustus aus Leibeskräften.

  Kowalski spähte in unsere Richtung, dann hatte er uns entdeckt. Ridder stand auf der Brücke. Seine Matrosen fischten uns aus der Brühe.

  „Wo ist Johnny?“ schrie der Pole mich durch den Sturm an.

  „Tot!“ brüllte ich ihm ins Gesicht, und dann war ich nur noch am Heulen.

 

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