Kapitel 16: Eddie der Schränker

Donnerstag, 13. September 2012
„Zwölf Stunden mit dem kalten Knabbergeschirr“: Das Justusche Haus an der Alten Gröningerstraße im Jahr 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Außenalster war damals für normale Sterbliche etwa so leicht zugänglich wie die Bank von England. Jeder Fuß Uferstreifen Privatbesitz, eine Villa dicker als die andere, Rosengärten bis zum Wasser, alles hinter hohen Mauern – nur von den Brücken bot sich noch ein freier Blick auf den städtischen Riesensaphir. Schon immer fand ich es höchst ungerecht, dass reiche Leute den Edelstein komplett einsackten, wo sie doch höchstens die Fassung bezahlten. Die Nachkriegszeit hat mit diesem Privileg aufgeräumt, die Gärten wurden enteignet und öffentliche Parks angelegt, aber in meiner Jugendzeit war am Alstersee das alte Geld noch unter sich.

  Harvestehude war immer etwas großstädtischer und moderner, der Harvestehuder Weg war unsere Fifth Avenue. Auf der Uhlenhorst ging es etwas kleinstädtischer und konservativer zu. Außerdem ist die Alster eine Dialektgrenze: Am Westufer, wo es nach Flottbek, Othmarschen und Blankenese zu immer vornehmer wird, erklären Gastgeber: “Wir warchten im Garchten“ - auf dem Ostufer nach Barmbek hin sagen sie „Wir waaten im Gaaten.“ Parvenüs und Protzentum waren indes auf beiden Ufern so unwillkommen wie unabwendbar. An der Schönen Aussicht saß der ehrenwerte Notar Jack Lendt im seidenen Hausmantel auf der üppigen Terrasse seiner Residenz, so muss man das wohl nennen, neobarock, weißer Marmor mit den üblichen Türmchen, Erkerchen und Zinnen unter einem achteckigen, siebzig Fuß hohen Bergfried, natürlich mit Fahne, und zwar Reichskriegsflagge, schwarz-weiß-rot, Schwarzes Kreuz, Preußenadler. Allegorische Figürchen, Kaminhalle, Wintergarten, Billardzimmer. Riesige Rhododendren, Anleger wie für eine Dampferlinie, Gartenmauer drei Meter hoch, alles ein paar Nummern größer als nötig, und ließ die Strahlen der Abendsonne in seinen Whisky funkeln. An Kultur war er so wenig interessiert wie seine Nachbarn, umso mehr an Luxus und Reichtum, das steht mal fest. 

  Als Nell kam, stand er auf. „Der Junge muss bald zurück sein. Wo hast du so lange gesteckt? Ich dachte schon, du willst dich jetzt nicht mehr an unsere Abmachung halten.“ Einladend zeigte er auf den Trolley mit den teuren Flaschen.

  Nell ging an ihm vorbei, nahm eine welke Blüte von dem üppigen Rosenspalier und schaute aufs Wasser, in dem sich schon die Abendsonne spiegelte.  Erst nach einer ganzen Weile drehte sich um. „Ich war bei Bebel. Ich hoffe, dass er gewinnt.“

  Jack lächelte. „Du wirst verstehen, dass ich da nicht so recht mithoffen kann.“

  Nell stand kerzengerade vor ihm. „Ich werde mich an unsere Abmachung halten“, sagte sie. „Unter einer Bedingung.“

  „Und die wäre?“

  „Du hältst die Hafenratten zurück. Sie sollen aufhören, Johnny nachzuschleichen.“

 „Tun sie das?“

 „Sie haben ihn überfallen, am Elbhang, zu viert. Fast hätten sie ihn umgebracht.“

  „Johnny bei Bebel? Fein. Meine Frau und mein bester Freund beim politischen Gegner.“

  „Ja, lach nur“, sagte sie. „Auch für dich kommt mal der Tag, wo’s dir vergeht. Ihr lasst Johnny in Ruhe, verstanden? Und du wirst Freddy kein Geld mehr geben. Wenn deine Leute ihm auch nur ein Haar krümmen, werde ich dem Jungen alles sagen.“

  „Ich hatte gar nicht vor, Johnny was zu tun“, antwortete Jack. „Sag’ ihm nur, er soll mir nicht in die Quere kommen. Bei dir nicht, und auf dem Brook auch nicht, dann gibt’s keinen Ärger. Ist sowieso besser, wenn er sich erst mal um seine Sippe kümmert, die können das gut brauchen. Und wegen Freddys Schulden soll er sich bloß nicht beeilen. Das hat wirklich Zeit.“

  „Du wirst dein Geld schon kriegen“, sagte Nell verächtlich.

  „Dann ist’s ja gut“, sagte er. „Man will ja nur, was einem zusteht, nicht wahr?“

  „Wegen der paar lumpigen Kröten!“

  „Darum geht’s nicht, Nell. Es geht ums Prinzip. Wenn die Leute denken, dass ich am Abbuttern bin, zahlt keiner mehr, und dann muss ich böse werden.“

  „Warum denn, Papa?“ fragte eine helle Stimme.

  „Da bist du ja, mein Junge!“ rief Jack erfreut und breitete die Arme aus, aber sein Sohn gab erst seiner Mutter einen Kuss. „Warum musst du denn böse werden, Papa?“

  „Weil du uns so lange warten lässt“, lachte Jack und gab ihm einen Klaps. 

  Auf dem Pöseldorfer Ufer genau gegenüber bewirtete indessen Senator Hartestraat Konsul Averdar in seinem nicht weniger ansehnlichen Landsitz, englische Gotik, Tudorfenster, Staffelgiebel, Zinnen, Turm. Der Burgunder kostete mehr, als ein Hafenarbeiter in zwei Jahren verdiente. Die wohlerzogenen Knaben des Hauses fütterten Enten mit Tortenstückchen.

  „Der verfluchte Bibelakrobat hat alles vermasselt“, beschwerte sich der angesehene Großkaufmann, üble Spekulant und abgefeimte Mietwucherer und meinte damit den wackeren Hauptpastor Mars.

  Der Chef der Konservativen Partei schüttelte das Löwenhaupt. „Der Funke glimmt im Stroh, bald steht der Brook in Flammen, nur ahnt das dort noch keiner. Beim Großen Brand anno zweiundvierzig sangen sie in St. Nikolai noch Choräle, als schon die Flammen aus dem Kirchturm schlugen, und zwei Tage später lag ein Drittel der Stadt in Schutt und Asche.“

  „Das muss herrlich gewesen sein!“ sagte der Konsul voll des gelben Neides. „Zwanzigtausend Leute obdachlos! Schade, dass ich da nicht bei war, ich hätte gebaut wie Nimrod am Turm zu Babel. Aber leider, damals hatte ich nicht das Kapital.“

  Hartestraat bemerkte so ungefähr wie Goethe im Touristenrummel von Pompeji, es sei viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht habe.

  „Pech“, klagte der Konsul, als habe er eine noch ganz frische  Enttäuschung zu verwinden. Er verschwieg, dass er vor vier Jahrzehnten noch durch die sumpfigen Bracks und Kolke der Elbmarsch gewatet war, um sich von Blutegeln beißen zu lassen, die er dann an Apotheken verkaufte, wahrlich das passende Geschäft für diesen aufstrebenden jungen Mann, der damit sozusagen das Blutsaugen von der Pike auf lernte, und zwar von den erfahrensten Fachkräften der Natur. Später betrieb er den Handel im ganz großen Stil, er holte die schleimigen Biester aus der ukrainischen Steppe, wo sie besonders groß und fett werden, transportierte sie in speziell konstruierten Planwagen nach Hamburg und verschiffte sie von dort nach Nord- und Südamerika, tausend Stück für achtzig Mark. Fast alle Ärzte der zivilisierten Welt setzten damals gegen Rheuma, Migräne oder Angina pectoris Blutegel an. Ein wahrer Wohltäter der Menschheit.

  „Wenn der Freihafen kommt, werden wieder viele neue Wohnungen benötigt“, sagte der Senator.

  „Die sind schnell gebaut“, versicherte der Konsul eifrig.

  Ja, wenn es solche Bruchbuden sind wie deine, du alter Halunke, dachte Hartestraat und lächelte seinen Gast höflich an. „Ist Ihr Freund Lendt eigentlich mit von der Partie?“

  Das werde ich dir nicht auf die Nase binden, dachte der Konsul da wohl, und lächelte ebenso höflich zurück. „Das wichtigste Kapital des ehrbaren Kaufmanns ist die Verschwiegenheit“, sagte er salbungsvoll.

  Hartestraat entschloss sich, auf den Busch zu klopfen. „Ich habe mir aus gegebenem Anlass noch einmal die Akte von diesem Polizistenmörder angeschaut“, sagte er.

  „Ach ja? Und was für ein Anlass war da gegeben?“

  „Es wurde gemeldet, dass der Mann tatsächlich wieder da ist. Zurückgekommen, aus der Hölle oder sonst woher.“

  „Der Polizistenmörder?“ fragte Averdar möglichst gleichmütig.

  Der Senator blickte in sein Glas, er vertraute den Ohren mehr als den Augen; wirklich schien die Stimme des Konsuls in diesem Moment etwas von der gewohnten Sicherheit einzubüßen. 

  „Ganz recht. Ein Polizeiagent in Zivil will ihn erkannt haben. Gestern, auf dem Kehrwieder, wo der Kerl herstammt.“

  Die Schweinsäuglein schlossen sich zu Schlitzen. „Konnte man ihn nicht verhaften?“

  Hartestraat schüttelte bedauernd den Kopf. „Der Verbrecher, wenn er es denn war, segelte leider gleich nach Geesthacht. Da unsere Zuständigkeit nur bis Bergedorf reicht, wurde die preußische Polizei in Kenntnis gesetzt.“

  „Die schnappen ihn bestimmt“, sagte der Konsul überzeugt.

  Der Senator betrachtete noch immer den edlen Tropfen in seinem Glas. „Was mich allerdings etwas erstaunt, ist, dass Ihr Freund Lendt davon keine Ahnung zu haben scheint. Dabei sagen Sie doch, dass auf dem Brook nichts geschieht, was er nicht umgehend erfährt.“

  „Vielleicht weiß er es ja”, sagte Averdar vorsichtig.

  „Und warum hätte er es dann nicht angezeigt? Entweder hat er seinen Laden nicht im Griff, oder er missachtet seine staatsbürgerlichen Pflichten.”

  „Es ist Sonntag”, beschwichtigte der Konsul. “Vielleicht hat er es dem zuständigen Constabler längst gemeldet, und der glaubt es nicht und hat deshalb noch keinen Bericht geschrieben. Ich bin sicher, dass sich die Sache in Wohlgefallen auflösen wird.”

  „Ja, das denke ich auch”, sagte der Senator sanft.

  Der Konsul nickte nur halb beruhigt. Über den Linden am anderen Ufer konnte er das grüne Kupferdach seines Kontorhauses sehen. Auf dem Giebel über der Neorenaissance-Fassade mit dem Muschel- und Säulen-Portal aus grauem Sandstein und den schweren Türen mit Engelsgesichtern und dicken Messingklinken blickte Merkur, der Gott des Handels und der Diebe, unter seinem Goldhelm in den Sonnenuntergang. Zu seinen Füßen, in Averdars Büro, hockte Hamburgs bester Tresorknacker und wartete auf die Nacht. Es war mein letzter Auftraggeber, Eddie der Schränker.

  Am Abend saß Averdar in seiner Loge im Stadttheater am Dammtor und lauschte der berühmten estnischen Sängerin Lida Saati. Es war die letzte Vorstellung. Die himmlische Stimme weckte irdische Gedanken und verursachte höllische Pein. Die schöne Lida hatte nicht vor, den Zudringlichkeiten abenteuerlustiger Pfeffersäcke nachzugeben, und die teuren Präsente des Konsuls gingen stets ungeöffnet zurück. Es gab „La Traviata“, und beim großen Finale ging dem Konsul wohl der Kernsatz seiner speziellen Geschäftspraxis durch den Kopf, der da lautete: Was man für Geld nicht kriegen kann, muss man rauben oder stehlen. Er wusste auch, wo sich Leute finden ließen, die solche Aufträge zuverlässig und geräuschlos erledigten. Es ist ein etwas unhygienisches Kapitel meiner Geschichte, aber es gehört nun mal dazu. Umso erfrischender der Humor der alten Frau Schicksal, die es lenkte, dass der alte Schürzenjäger, gerade als er ans Rauben dachte, selber beklaut wurde, und zwar nicht zu knapp.   

  Eddie hieß mit vollem Namen Eduard Egenbüttel und war vor allem deshalb hinter Averdars Schätzen her, weil der Konsul ein paar Tage zuvor seinen Bruder Emil gefeuert hatte. Aus diesem unschönen Grunde hatte Eddie beim Konsul jetzt natürlich mächtig was im Salz liegen. Emil war Kutscher. Die Brüder Egenbüttel taten niemandem etwas zuleide, außer dass Eddie nun mal von berufs wegen Geldschränke ausräumte. Hier bot sich die Gelegenheit, auf so angenehme wie nützliche Weise Rache mit Reibach zu kombinieren. Und während ich noch Averdars Palazzo ausbaldowerte, war Eddie schon mal in das „Guyanahaus“ eingestiegen, und zwar mit Hilfe des Gecko, des besten Fassadenkletterers der Stadt und früheren Spielkameraden von Johnny auf dem Kehrwieder. Es ist wirklich eine kleine Welt.

  Eddie hatte an diesem Wochenende Großes geleistet, und was er in Averdars Arnheim fand, war den Schweiß der Edlen wert. Davon hatte der Schränker reichlich vergossen, denn das Tändelgeschirr, ein Satz Dietriche, hatte nichts bewirkt, und er musste zwölf Stunden mit dem kalten Knabbergeschirr ackern, Brecheisen, Stangen, zwei große Beißzangen, ein Block Sperrhaken und ein riesiger Büchsenöffner. Der anonyme Brief an die Polizei hatte die Gefahr, dabei zufällig von einer Streife ertappt zu werden, drastisch reduziert, denn sämtliche Constabler der Stadt  waren bis in die Nacht richtig auf dem Brook zu Gange. Jetzt wartete Eddie auf die Dunkelheit und seinen kletterkundigen Komplizen.

  Pünktlich um Mitternacht kraxelte der Gecko wieder ins Guyanahaus, um dem Schränker und seiner Beute hinauszuhelfen. Die beiden seilten sich ab, der Gecko schaffte das Werkzeug fort, und Eddie schleppte eine schwarze Blechkiste über die Straße zur Lombardsbrücke. Dort führt eine verborgene Treppe in das Marschstammsiel hinunter, das die Abwässer der „Abruzzen“ zur Elbe führt. In dem Backsteingewölbe zündete Eddie eine Fackel an. Der stinkende Fäkalienstrom glänzte im Flackerlicht schwarz wie der Styx. Eddie kannte sich in dem Gewirr der kleinen Zuflüsse aus, er hatte dort schon früher Beute versteckt. Er tappte etwa eine Viertelstunde lang durch den Schlamm, bis er zu einer kleinen Öffnung kam, klemmte die Fackel in ein Loch, entfernte ein paar Steine, drückte die Kiste hinein und legte die Ziegel wieder an ihren Platz.

  Kaum fertig, hörte er Schritte plätschern. Sofort stieß er die Fackel ins Wasser und duckte sich in eine Nische. Vor ihm tauchte ein Lichtschein auf. Eine große Gestalt kam auf ihn zu, ging an ihm vorbei und verschwand in Richtung Glockengießerwall. Es war Constabler Möller.

  Eddie konnte nur hoffen, dass Möller nicht etwa nach ihm suchte, sondern aus anderen Gründen hier herumgeisterte. Er wartete, bis es wieder still war. Dann tastete er sich fluchend an den glitschigen Wänden durch die Finsternis in Richtung Alster. Nach einer guten Viertelstunde kam er endlich wieder ins Freie. Es regnete immer noch.

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