Der erste Schritt in den Untergang

Freitag, 10. Mai 2013

Vor 80 Jahren wurde die Bücherverbrennung der Nazis zum Vorzeichen des Holocaust. Die Geschichte der Schriftvernichtung ist sehr viel älter.

Der Fackelzug marschiert an der Museumsinsel zum Studentenhaus in der Oranienburger Straße. Dort warten Lastwagen mit 25.000 Büchern. Studenten, Professoren, SA, SS und Hitlerjugend hören eine Hetzrede des Reichspropagandaministers Goebbels. Weil der Scheiterhaufen im strömenden Regen nicht brennen will, schütten Feuerwehrleute Benzin auf die Schriften.

Neun Studenten rufen „Feuersprüche“ in die Runde: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall!“ - „Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat!“ – „Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens!“ – „Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung!“

Unter dem Gejohle des Publikums fliegen die Werke der verhassten Autoren bündelweise in die Flammen: Karl Marx, Sigmund Freud, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque…

Die Bücherverbrennung der Nazis vom 10. März 1933 in Berlin und 21 anderen Universitätsstätten ist der erste Schritt in den Untergang der Deutschen als Kulturnation. Am Ende steht das schreckliche Verbrechen des Holocaust.

Seit der Mensch das Buch erfand, sucht er es zu zerstören. Dem Krieg gegen das geschriebene Wort, dem Kampf der Gewalt gegen den Geist folgt fast immer die Jagd auf Andersdenkende: „Dort, wo man Bücher verbrennt“, sagt Heinrich Heine, „verbrennt man auch am Ende Menschen.”

Die Nazis erinnern bewusst an die Bücherverbrennung beim Wartburgfest der Burschenschaften im Jahr 1817: Anführer ist damals Friedrich Ludwig Jahn, der spätere „Turnvater“; einer der fanatisierten Studenten ersticht später den Dichter August von Kotzebue.

Doch die Geschichte der Schriftvernichtung ist sehr viel älter: Der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi verbrennt schon 213 v.Chr. die Werke unliebsamer Philosophen. In der Spätantike werfen römische Kaiser erst christliche, dann heidnische Bücher ins Feuer. 641 heizen die muslimischen Eroberer die Bäder Alexandrias vier Monate lang mit den Schriftrollen der berühmten Bibliothek.

Im Mittelalter löschen islamische Invasoren in Indien mit Bücherbränden den Buddhismus aus. In Europa fallen immer wieder jüdische Literatur und oft genug ihre Leser blutigen Pogromen zum Opfer. In der Reformation zerstören Katholiken protestantische, Protestanten katholische, nach dem Zweiten Weltkrieg die Amerikaner kommunistische, die Chinesen antikommunistische Schriften.

Oft ist Kulturvernichtung das Ziel: 1975 verbrennen die Roten Khmer in Kambodscha alle Bücher aus dem Besitz der intellektuellen Elite und bringen die Besitzer um. Oft auch geht es um Völkerhass: 1981 zerstört ein buddhistischer Mob die Hindu-Bibliothek im tamilischen Jaffna auf Sri Lanka, fast 100.000 Werke gehen in Flammen auf.

Bis heute sind besonders Bücher in Gefahr, die religiösen oder antireligiösen Zorn auf sich ziehen. 1966 verbrennen Maos Rote Garden die Bibliotheken buddhistischer Klöster. 1992 zünden serbische Freischärler in Sarajevo die berühmte Sammlung des Orientalischen Instituts an. In Timbuktu vernichten im Januar 2013 Islamisten auf der Flucht kostbare Manuskripte der weltberühmten Moscheen.

Selbst Unterhaltungsliteratur bliebt nicht verschont: US-Evangelisten verbrennen die „heidnischen“ Abenteuer des Zauberlehrlings „Harry Potter“, italienische Katholiken zur „Verteidigung Jesu“ die Fantasy-Thriller des US-Autors Dan Brown („Sakrileg“).

Staatliche Stellen zündeln mit: Ägyptens Kulturministerium lässt auf Druck islamischer Fundamentalisten 6000 Exemplare homoerotischer Poesie verbrennen. Ein türkischer Landrat schickt aus Hass auf die Kurden die Bücher des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk auf den Scheiterhaufen.

Jedes brennende Buch ist ein Fanal der Unfreiheit – und ein Vorzeichen zu noch weit Schlimmeren. Die Lehren der Vergangenheit scheinen wenig zu bewirken: Bei Magdeburg werfen Neonazis das "Tagebuch der Anne Frank" in ein Sonnenwendfeuer. Vor Gericht sagt ein Angeklagter, er habe sich damit „von einem bösen Kapitel der deutschen Geschichte befreien“ wollen. Bert Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das Böse kroch.“

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt