Kränkt die Jäger und Briefträger nicht!

Montag, 13. Mai 2013

In "Kritik, Kontroverse, Pamphlet und Polemik" zitiert Erich Kästner Kurt Tucholsky:

  "Sag mal, verehrtes Publikum:

  bist du wirklich so dumm?

  Ja, dann...

  Es lastet auf dieser Zeit

  der Fluch der Mittelmäßigkeit."

Und danach einen "zeitgenössischen Epigrammatiker":

  "Die Zeit zu schildern, ist eure heilige Pflicht.

  Erzählt die Taten! Beschreibt die Gesinnungen!

  Nur - kränkt die Schornsteinfeger nicht!

  Kränkt die Jäger und Briefträger nicht!

  Und kränkt die Neger, Schwäger, Krankenpfleger und Totschläger nicht!

  Sonst beschweren sich die Innungen."

In "schamloser Journalismus" heißt es: "Der Nobelpreisträger, der Maler, der Staatssekretär, der Philosoph, der auf die Straße tritt, hat sein Privatleben verwirkt. Die Öffentlichkeit überfährt ihn wie einen Lastwagen."

Kästner in "Über den Charakter von Schriftstellern": "So wenig wie die Qualität des Sitzfleischs ein Gesichtspunkt für die Verleihung verantwortlicher Stellungen sein darf, so wenig darf Heinrich Heines Hinweis unbeachtet bleiben, daß es auch unter braven Leuten schlechte Musikanten gibt."

Kästner über "Sinn und Wesen der Satire": "Man streut sich auf der Erde keineswegs Sand in die Augen. So plump ist man nicht. Nein, man streut einander Zucker in die Augen. Klaren Zucker, raffinierten Zucker, sehr raffinierten sogar, und wenn auch das nichts hilft, schmeißt man mit Würfelzucker." - "Es ist ein ziemlich offenes Geheimnis, daß die Satiriker gerade in Deutschland besonders schwer dran sind. Die hiesige Empfindlichkeit grenzt ans Pathologische. Der Weg des satirischen Schriftstellers ist mit Hühneraugen gepflastert."

Kästner über "Die, in denen es dichtet": "Drollige Jungens! Wenn sie beim Arbeiten rote Backen kriegen, denken sie schon, der liebe Gott habe geheizt."

*

Weisheit ist der Appeal des alten Mannes.

*

Strawinskis "The Rakes Progress" ist ein Höhepunkt der modernen Oper. Besonders gefallen

im 1.Akt Vater Truelove: "In der Jugendzeit halten wir uns für weise, aber die Zeit lehrt, leider zu oft und zu spät, dass wir nicht die Herzen der anderen oder das unsere kennen." - "In den Augen der Liebenden sehen wir unsere Gefühle und Zukunft."  Tom Rakewell: "Haben nicht große Gelehrte uns versichert, dass gute Werke sinnlos sind, da der Himmel alles vorausbestimmt hat? Ich schließe mich auf meine Weise ihrer Überzeugung an und gebe mich hiermit dem Glück in die Hände."

Im 2.Akt Rakewell: "O Natur, du grüne, unnatürliche Mutter, dir bin ich gefolgt, wohin du mich führtest. Habe ich deswegen das Land verlassen? Kein Ackersmann ist mehr von Sonne, Mond, und Jahreszeiten abhängig als ein Gentleman von der Uhr der Mode." - Shadow: "Nur der erfüllt sein Schicksal, nur der ist frei, der seinen Willen selbst bestimmt und ihn zu seinem Schicksal macht. Keiner kennt seine Zukunft, keiner weiß um seine Vergangenheit, wenn ihn weder Leidenschaft zwingt noch Vernunft bindet." - Anne: "So lange du liebst, ist deine Ehre nicht verloren." - Die "Roaring Boys": "Denn was ist dem Menschen lieber als ein Streit mit nichtigem Anlass, als das Krachen zerschlagener Möbel oder eingeschlagener Köpfe im Kneipengetümmel?"

Im 3.Akt der Auktionator Sellem: "Wahrlich, in der Natur herrscht eine göttliche Ausgewogenheit: was Tausende verlieren, das können Tausende gewinnen, und ihr seid glücklich, nicht nur, weil ihr ihr selbst, sondern auch, weil ihr die Vermittler des Naturgesetzes seid. Ihr seid ihre Werkzeuge bei der Wiederherstellung der Ordnung, die wir alle anbeten, und es ist, ach! nur wenigen von uns gewährt, ihr zu dienen." - Baba the Turk: "Ich weiß, wer vergiftet ist und wer die Schlange … Eine Frau mit Talent braucht sich nicht zu fürchten. Ich gehe zurück zur Bühne, wo der Anstand herrscht und der Reichtum applaudiert."

Zum Schluß die Moral der Geschichte: "Zu allen Zeiten, in allen Ländern unter Mond und Sonne ist dieses Sprichwort wahr, seit Adam um Eva freite: Für faule Hände, Herzen und Köpfe findet der Teufel eine Beschäftigung, eine Beschäftigung, ihr lieben Herren, ihr schönen Damen, für Euch und für Euch!"

Strawinsky: „Poesie, das heißt to make, das konkrete 'Machen', eher als das unbestimmte 'Tun' des to do, heißt Schaffen in der vollen, absoluten Herrschaft der Technik über die Materie. Seine Versifizierung bewährt sich in jeder Hinsicht, so wie bei einer guten Fuge. Man wird die Tugend der 'Technik' nie genug loben, man wird nie eindringlich genug darauf dringen, wie wesentlich das Band ist, das sie mit der Kunst verbindet. Stattdessen von Inspiration zu sprechen, ist verdächtig. Es gibt Fehlgeburten von genialen Einfällen, aus Mangel oder Schwäche der Technik, nicht umgekehrt. Sehen Sie nach bei den großen Malern - Monet, Manet, Cézanne, Picasso sind große Maler, weil sie große Handwerker sind. und was mich betrifft, ich fange mit der Technik an und ende mit der Inspiration."

Lichtenberg, "Was ist ein 'Rake'?": "Man findet sie leicht in allen drei Ständen. In dem Ora-et-labora-Stand sowohl als in dem von Ora et non labora (vorausgesetzt, dass er heiraten darf) und dem von Neque ora neque labora. In jedem wird man leicht irgendeinen Et cetera II finden, der durch die Gurgel und dergleichen jagt, was Et cetera I mühsam aufgeschüttet hatte."

*

Gracián: "Es zeugt nicht von Größe, wenn man in Kleinigkeiten eigen ist."

*

C.F.Meyer, "Hussens Kerker":

  "Es ist die Zeit, zu feiern!

  Es kommt die große Ruh!

  Dort lenkt ein Zug von Reitern

  Dem ewgen Lenze zu,

  Sie wissen Pfad und Stege,

  Sie kennen ihre Wege -

  Was, meine Seele, fürchtest du?"

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt