Novalis über die Zukunft der Christenheit

Montag, 13. Mai 2013

Das Wort vom Sonntag

Maupassant, "Stark wie der Tod": "Sie war fromm, wie so viele Pariserinnen. Sie glaubte fest an Gott, denn sie konnte sich die Existenz des Universums nicht ohne einen Schöpfer vorstellen. Aber da sie, wie es alle tun, die Attribute der Göttlichkeit mit der Natur der erschaffnen Welt, wie sie vor ihren Augen lag, in Verbindung brachte, so bildete sich ihr Bild Gottes etwa nach dem, was sie von seinem Werk kannte, und hatte keine genaueren Vorstellungen über das Wesen dieses geheimnisvollen Schöpfers. Sie glaubte fest an ihn, betete ihn im Prinzip an und fürchtete ihn auf eine unbestimmte Weise, denn seine Absichten und sein Wille blieben ihr nach Wissen und Gewissen verborgen, da sie nur ein begrenztes Vertrauen zu den Priestern hatte, die sie alle für ehemalige Bauernsöhne hielt, die der Rekrutierung entgehen wollten. Da ihr Vater, ein Pariser Bürger, ihr keinerlei frommen Grundsätze aufzwang, hatte sie bis zu ihrer Heirat nur sporadisch praktiziert. Als dann die neuen Verhältnisse diese sichtbaren Verpflichtungen der Kirche gegenüber verbindlich regelten, hatte sie sich gewissenhaft diesem sanften Druck gebeugt ... Sie hatte häufig nur aus Pflicht gebetet, so wie der Soldat vor der Tür des Generals Wache hält. Manchmal hatte sie gebetet, weil ihr Herz schwer war, besonders aus Furcht vor den Seitensprüngen Oliviers. Ohne dem Himmel den Grund ihrer Unruhe zu gestehen, hatte sie dann Gott um Hilfe gebeten, wobei sie ihn mit derselben naiven Vorstellung behandelte, mit der man einen Ehemann behandelt. Damals beim Tod ihrer Mutter hatte sie heftige inbrünstige Augenblicke durchlebt, hatte leidenschaftlich gebetet und sich aufgeschwungen zu dem, der über uns wacht und uns tröstet. und heute nun, in dieser Kirche, in die sie nur zufällig eingetreten war, hatte sie plötzlich das tiefe Bedürfnis zu beten, nicht für irgendjemanden oder irgendetwas, nein, für sich, für sich allein, so wie sie es anderntags schon am Grab ihrer Mutter getan hatte. Sie brauchte irgendeine Hilfe, und sie rief nun nach Gott, so wie sie an diesem Morgen nach einem Arzt gerufen hatte."

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Die Ursprache der Seele ist das Gebet.

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Bartók, Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Der erste Satz weckt Assoziationen aus der Psychologie: Dunkle Ahnungen einer verstörten, verwundeten Seele bilden den Untergrund, auf dem traurige Gefühle verhängnisvolles Wünschen und Wollen initiieren. Ein Strom schneller Entschlüsse reißt das Lebensschiff fort, keine Art von Vernunft greift ins Ruder. Erst die Bewegung verschafft Ruhe. Im Spiel instabiler geistiger Kräfte setzen sich kontrollierte Gedanken nur langsam durch. Der zweite Satz beginnt mit den minimalen Lebensäußerungen eines Erwachsens aus komatöser Erstarrung. Als die Kräfte wiederkehren, wächst aus dem Ernst der Glaube. Wirres wird plötzlich klar, Fernes nah, Zeitliches ewig. Doch die vertraute Chiffre des Irdischen löst sich auf. Der Gewinn der Welt besteht in ihrem Verlust. Der dritte Satz will eloquente Prägnanz jeder gewöhnlichen Munterkeit entreißen. Lebensmut wird zum Treibstoff, Erkenntnis zum Tanz, Glaube zu Liebe. Eine Hymne der unbelebten Dinge huldigt dem Schöpfer mit allem Gewicht pulsierender Materie, aller Fröhlichkeit webender Energie.

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Theresa von Avila: "Die Erde, die nicht bearbeitet wird, bringt nur Disteln und Dornen hervor, sollte sie auch fruchtbar sein; in gleicher Weise verhält es sich mit der Seele des Menschen."

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Novalis, "Die Christenheit oder Europa": "Die Christenheit muß wieder lebendig und wirksam werden, und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoß aufnimmt und gern Vermittlerin, der alten und neuen Welt wird. Sie muß das alte Füllhorn des Segens wieder über die Völker ausgießen. Aus dem heiligen Schoß eines ehrwürdigen europäischen Konsiliums wird die Christenheit aufstehen, und das Geschäft der Religionserweckung, nach einem allumfassenden, göttlichen Plane betrieben werden. Keiner wird dann mehr protestieren gegen christliche und weltlichen Zwang, denn das Wesen der Kirche wird echte Freiheit sein, und alle nötigen Reformen werden unter der Leitung derselben, als friedliche und förmliche Staatsprozesse betrieben werden. Wann und wann eher? darnach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muss kommen, die heilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium, und bleibt dem wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod."

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Die vielgesuchte Gottesliebe empfindet auf ganz natürliche Weise, wer sich den Schöpfer wirklich im Wortsinn seinen liebenden Vater vorstellt.

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Schönaich-Carolath:

  "Ach Herr, nimm hin mein Lebensgut,

  zerbrich mir Ehre, Stolz und Mut,

  doch neig dich meinem Bangen.

  Vergönne, daß mein Letzter Schrei

  ein Dennoch, Herr, Dir glaub ich sei -

  mehr will ich nicht verlangen."

Emil von Schönaich-Carolath (1852-1908) war einer der am meisten gelesenen Dichter Schleswig-Holsteins. Unter den Linden des Parks in Haseldorf an der Unterelbe dichtete Klopstock um 1800 viele Verse seines "Messias". Andere Gäste hießen Liliencron, Dehme, Falke, 1902 kam auch Rilke.

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