Von Schneckengang und Adlerflug

Mittwoch, 15. Mai 2013

Wieder einmal Schillers „Die Räuber“. Am tiefsten beeindrucken diesmal

Franz Moor: „Gewissen – oh ja, freilich! Ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschrecken!“

Karl Moor: „Der lohe Lichtfunke Prometheus' ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl! - Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat! Ein französischer Abbé doziert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Kolloquium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals – feuchtohrige Buben fischen Phrasen aus der Schlacht bei Cannae und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen.“ - „Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“

Karls Freund Spiegelberg: „Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen, weil's mir so quer durch den Weg streicht.“ - „Einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zum Spitzbuben will's Grütz.“

Karl Moor: „Warum soll dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht?“ - „Ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte – ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach der Glückseligkeit. - Dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut – ein anderer der Nase seines Esels – ein Dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so mancher seine Unschuld und – seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und – Nullen sind der Auszug – am Ende war kein Treffer drin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.“

Franz Moor: „Bin ich doch ohnehin schon bis an die Ohren in Todsünden gewatet, daß es Unsinn wäre, zurückzuschwimmen, wenn das Ufer schon so weit hinten liegt.“ - „Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine Vorteile denkt.“

Als Vorlage diente Schiller unter anderem das Schicksal des bekannten Räuberhauptmanns Nikol List (1656-1699), dem der wohl größte Kirchenraub aller Zeiten gelang: In der Nacht des 6. März 1698 drang er mit seiner Bande in die Lüneburger Michaeliskirche ein und stahl den sagenhaften Schatz der Goldenen Tafel, den Adelige, Bürger und Mönche über Jahrhunderte zusammengetragen hatten: 10 Pfund Gold und Silber, Perlen und Edelsteine vom Hauptaltar. Ein Jahr später wurde List auf ungewöhnlich grausame Weise zu Tode gefoltert.

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Wiege und Sarg stammen oft von der gleichen Hand.

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"Nabucco" als Aufzeichnung einer Aufführung der Mailänder Scala 1987. Besonders beeindruckend im 1.Akt: "Das Gebet unschuldiger Lippen ist der Duft, der zum Herrn hochsteigt". Im 2.Akt Abigailles "Ich weinte zu viele Tränen anderer" und danach das Ruhmeslied des Hohepriesters "Du hast die Lippen der Propheten entflammt." Besonders dramatisch Nabuccos "Nimm sie von meinem Haupte!" In der seiner Verblendung, seiner Bestrafung, seiner Schmach und Bekehrung geht der babylonische König vom Völkerapostel Paulus voraus. Im 3.Akt das berühmte "Zieht, Gedanken, auf goldenen Flügeln" und "Oh Harfe, warum hängst du stumm in den Weiden?" - die Schönheit des Verlorenen gibt Kraft, den Verlust zu ertragen. Nach der Uraufführung am 9. März 1842 wurde die Melodie des "Va pensiero" auf allen Straßen gesungen, bald sprach man von einer "heimlichen Nationalhymne". Die Italiener identifizierten sich auf diese Weise mit den Juden des babylonischen Exils, so wie sich amerikanischen Sklaven in ihren Gospels mit den versklavten Israeliten in Ägypten verglichen. Der Ruf des Hohepriesters "Die unwürdige Kette zerbricht" erinnert auch daran, dass das Leben von Völkern wie Menschen in einer Kette von Prüfungen besteht. Im 4.Akt: "Mein Streitroß sehnt sich nach dem Kampf wie das Mädchen nach dem Tanz", "Das Firmament hat sich geöffnet, mein Geist sehnt sich nach dem Herrn" und schließlich Nabuccos "Kehre zurück, Israel, zu den Freuden des Vaterlands." Ursprünglich hieß die Oper deutlicher "Nabuccodonosor", italienisch für „Nebukadnezar“. Der König von Babylon war den verschleppten Juden ein für die Verhältnisse dieser Zeiten ziemlich gnädiger Herr, und ins Exil ging auch nur die Führungsschicht. Die kleinen Leute, die Bauern und Lohnarbeiter blieben in ihrer Heimat, und bei ihnen als ihr Interessenvertreter beim babylonischen Hochkommissar ein Prophet: Jeremia.

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Lichtenberg: „Der eine sieht eine Schwierigkeit bei jeder Gelegenheit, der andere eine Gelegenheit bei jeder Schwierigkeit.“

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Mörike, „Im Frühling“:

  „Ich denke dies und denke das,

  Ich sehne mich und  weiß nicht recht, nach was:

  Halb ist es Lust, halb ist es Klage;

  Mein Herz, o sage,

  Was webst du für Erinnerung

  In golden grüner Zweige Dämmerung?

  - Alte unnennbare Tage!“


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