Spengler über die Hyänen des Herzens

Donnerstag, 16. Mai 2013

Spengler, „Frühzeit der Geschichte“: „Grausamkeit: Wenn es etwas zu sehen gibt, Brand, Blut, Jammer, Zerstörung, würden selbst Petrus und Paulus die Menge nicht mehr fesseln, und wenn sie mit Engelszungen redeten. Das ist ein Urinstinkt des Menschen, aber ein rein menschlicher. Sensation, Neugier, Gruseln – was ist das? Eine geistige Verderbnis ursprünglicher Gefühle? Darauf beruht die Dichtung, das 'Bild', die öffentliche Schaulust, gesellschaftliche Sitten, Zerstreuungen, Ereignisse, welche die Seele mitreißen, Film, Gladiatoren. Wir haben das Amüsement für die Freude eingesetzt. So unterscheidet sich der Tanz ursprünglicher Rassen von dem der großen Städte.“ - „Seele: Zu den durchgeistigten Gefühlen gehören Stolz, Treue, Hochmut, Verachtung. Es tauchen zuletzt die auf, welche mehr Geist als Seele enthalten und in denen das Heldentum von innen heraus zernagt wird: Zweifel, Spott, Verachtung der Welt des Menschen, Zweifel am Ich, an Gott, an allem. Hoffnungslose Schwermut, Grinsen, Sinn für Komik. Es gibt eine Skepsis, die tötet. Aus ihr sind Don Quixote, Mephisto entstanden, so daß die höchstmögliche Leistung noch der Humor ist. Skepsis, Ekel, Zweifel, Spott, Langeweile: die Hyänen, welche das menschliche Herz zernagen. Die Tiefe der Fähigkeit zu leiden nimmt ab. Die Seele verdorrt. Es gibt nur noch Gram um verlorenes Geld, Freude am Grammophon, Wut über schlechte Kurse, Liebe zum Bubikopf.“ – „Zum Distanzgefühl gehören die Thersitesgefühle: Ohrfeigen lächelnd einstecken und sich hinterher mit dem Maul rächen, Lakaien-, Pöbel-, demokratische Gefühle (selbst vor dem Geld, der Menge, der Mehrheit auf dem Bauche liegen). Das hat Homer, als Literat, glänzend zu schildern gewußt, aber er wußte die Verachtung der Überlegenen nicht zu zeichnen: denn der Skalde ist selbst eine Thersitesnatur. Man ruft ihn, wenn man sich langweilt, man schickt ihn fort, wenn er lästig wird. Darauf beruht alles literarische Geldverdienen.“ – „Es gibt zwei Arten von Egoismus. 'Ich bin wertvoll für die Kultur'. 'Ich bin mir selbst wertvoll'. Das ist vornehm und gemein. In den Weltstädten herrscht das zweite: panem et circenses, Ibsen, Stirner, Demokratie, Sophisten. In altem Geschlecht das erste (Rom, England, Preußen, Adel). Die aristokratische Gesinnung schätzt die Persönlichkeit nach ihrem Wert für die Sache (Stand, Herr, 'Ich dien'), die demokratische will jedem den Genuß seiner Person sichern. Pflicht (Verbundenheit) - Freiheit. Der Aristokrat fühlt sich verpflichtet durch Haltung, Tun, Form, der Sache zu dienen, der er gehört. Seinen Rang und Reichtum ist er deshalb verpflichtet zu wahren und zu mehren; in ihm wird die Sache gehoben: Repräsentation. Der Parvenü, Geistesadel dagegen lebt sich selbst zum Vergnügen, äfft nach. Stolze Einsamkeit – eine verlorene Sache repräsentieren. Das alles ist Polarität der nordischen Seele allein (China, Indien, Antike). Der Aristokrat fordert mit gutem Gewissen selbstverständliche Unterwerfung, Gehorsam, weil in ihm die Sache lebt. Das extreme Gegenteil ist die Weltanschauung des Großstadtpöbels vom reichen Parvenü bis zum Arbeitslosen: Genießen auf andrer Kosten.“ – Die Fragmente aus dem Nachlass Oswald Spenglers (1880-1936) wurden erst 1966 veröffentlicht.

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Die Musik ist die Lieblingstochter der Religion.

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Rossinis "Wilhelm Tell" als Aufzeichnung einer Aufführung 1988 an der Scala. Am besten gefallen

im 1.Akt der Chor beim Hochzeitstanz und nach der Rettung des Fischers,

im 2.Akt das Liebeslied Mathilde von Habsburgs, Arnolds Freiheits-Arie, sein Trio mit Tell und Fürst und der Schwur: "All armi!"

Im 3.Akt Mathildes temperamentvolles Liebessolo, das "Gloria" des Chors auf dem Marktplatz zu Altdorf und Tells Gebet vor dem Apfelschuss.

Im 4.Akt die Klage Arnolds, Mathildes Duett mit Tells Sohn und das grandiose Finale mit allen Stimmen: ein machtvoller Choral der Freiheit und Menschenwürde.

Rossini, damals 36 Jahre alt, fühlte sich ausgebrannt: Er hatte in zwei Jahrzehnten jährlich bis zu fünf Opern komponiert. Der „Guillaume Tell“ sollte seine letzte werden. Dank guter Verdienste (und kluger Ratschläge kundiger Freunde) finanziell unabhängig, komponierte er danach nur noch für sich selbst.

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Schleiermacher: "Es ist euch gelungen, das irdische Leben so reich und vielfältig zu machen, daß ihr der Ewigkeit nicht mehr bedürfet, und nachdem ihr euch selbst ein Universum geschaffen habt, seid ihr überhoben, an dasjenige zu denken, das euch schuf."

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Storm, "Ein grünes Blatt":

  "Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,

  Ich nahm es so beim Wandern mit,

  Auf daß es einst mir könne sagen,

  Wie laut die Nachtigall geschlagen,

  Wie grün der Wald, den ich durchschritt."

 

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