Hölderlin über den Glauben und die Liebe

Samstag, 18. Mai 2013

Aus Hölderins "Empedokles":

  "O stille" gute Götter! immer eilt

  Den Sterblichen das ungeduld'ge Wort

  Voraus und läßt die Stunde des Gelingens

  Nicht unbetastet reifen."

Und:

  "Es scheun

  Die Erdenkinder meist das Neu und Fremde,

  Daheim in sich zu bleiben strebet nur

  Der Pflanze Leben und das frohe Tier.

  Beschränkt im Eigentume sorgen sie,

  Wie sie bestehn, und weiter reicht ihr Sinn

  im Leben nicht."

Die Wanderschaft des Weisen endete nach der Legende im Ätna, symbolische Entsprechung der Lebensreise zu Gott. Hölderlin: "Glaube kann nie geboten werden, sowenig als Liebe. Er muß freiwillig und aus eigenem Triebe sein. Christus hat freilich gesagt: Wer nicht glaubet, der wird verdammt, d.h., soviel ich die Bibel verstehe, streng beurteilt werden, und das ist natürlich, denn dem bloß pflicht- und rechtmäßig guten Menschen kann nichts vergeben werden, weil er selber alles in die Tat setzt, aber damit ist gar nicht gesagt, daß man ihm den Glauben aufzwingen soll." – „Es ist ein großer Behelf der geheimarbeitenden Seele, daß sie auf dem höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweicht und, ehe sie wirklich der gegenwärtige Gott ergreift, mit kühnem, oft sogar blasphemischem Worte diesem begegnet und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhält. – „In hohem Bewußtsein vergleicht sie sich dann immer mehr mit Gegenständen, die kein Bewußtsein haben, aber in ihrem Schicksal des Bewußtseins Form annehmen. So einer ist ein wüst gewordenes Land, das in ursprünglicher üppiger Fruchtbarkeit die Wirkungen des Sonnenlichts zu sehr verstärkert und darum dürre wird. Schicksal der phrygischen Niobe; wie überall Schicksal der unschuldigen Natur, die überall in ihrer Virtuosität in eben dem Grade ins Allzuorganische gehet, wie der Mensch sich dem Aorgischen nähert, in heroischeren Verhältnissen und Gemütsbewegungen. Und Niobe ist dann auch recht eigentlich das Bild des frühen Genies."

Der Film „Der Tod des Empedokles“ von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet wurde 1986 in Sizilien gedreht und führt in einen Birkenhain bei Linguaglossa am Nordostabhang des Ätna. Die Regie bleibt textreu, unternimmt keine Kamerafahrten, verzichtet auch auf Zoom, Schwenk und hastige Schnitte - alles wohltuend. Auch wird Empedokles nach Hölderlin nicht auf der dritt-, sondern der vorletzten Silbe betont. Rezensenten heben aus dem Zitatenschatz heraus: "O ehre, was du nicht verstehst" - "Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr" - "O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt." - "Ein Künstler werden heißt nichts anderes als sich den unterirdischen Gottheiten weihen", schrieb Friedrich Schlegel im Jahr 1800. Hölderlins geistige Umnachtung, von Schelling schon 1803 als "Geistesabwesenheit" beschrieben, kam Schlegels Wort bedrückend eilig nach.

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Das Leben ist stärker als wir.

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Im Fernsehen ein Bericht über Edgar Varése und seine "Intégrales" aus dem Jahr 1924. Sie lassen die Natur der Klänge besonders deutlich erkennen: hörbar gemachte Atmosphäre, Urstoff einer Schöpfung, an der auch der Mensch mitwirken darf. Gewebe in jener Formenlosigkeit, die in den am weitesten vom Bewußtsein entfernten Bezirken des Unbewußten wohnt, wo das Ich bereits im Es aufgegangen und die Grenze zur Seele nicht mehr fern ist. Vielleicht bildet dieser geheimnisvolle, ursprüngliche Klangteppich ein akustisches Äquivalent zu jener Struktur des Gehirns, die unseren optischen Sinn betrifft und Eigengrau heißt, weil sie ein geheimnisvolles Halbdunkel als Hintergrund phantastischer Visionen liefert. Beides sind zugleich Stoffe, die sich der Tyrannei der Zeit weitgehend entziehen. Dahin deuten auch Varéses Anweisungen wie "Allgegenwärtig", "Primär", "Zeitlos" oder "Jederzeit". "Monolithisch" führt zum Ayers Rock und in die Traumzeit der Aborigines, die an den Übergang vom Unbewußten zum Bewußtsein und damit vom Tier zum Menschen erinnert. Der Prozeß hält bis heute an und findet zudem in jedem Menschenleben aufs Neue statt. Der Weg zum Verständnis dieser avantgardistischen Musik ist zuweilen lang, wird in dem Fernsehfilm aber durch faszinierende Bilder von Sonnenuntergängen an dem roten Urberg erleichtert: Seine äonenalte Würde verleiht der kaum von Rhythmus oder Melodie gegliederten Klangfolge Bindung.

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Wieland, "Agathon": "Ein Mann von mehr als gewöhnlicher Fähigkeit … hat genug zu tun, an seiner eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am geschicktesten zu dieser Beschäftigung, nachdem er durch eine Reihe beträchtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich arbeitet, arbeitet er wirklich für die Welt, indem er dadurch um so viel geschickter wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen überhaupt, nützlich zu sein, und es sei nun mit vielen oder wenigem Gepränge, in einem größeren oder kleineren Cirkel, auf eine öffentliche oder nicht so merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwirken."

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Aus "Peer Gynt":

  "Von vollgepropften Bücherborden

  Grüßt mich der deutschen Geister Orden.

  Aus Frankreich stammen meine Westen,

  Mein Takt sowie mein Körnlein Witz -

  Von England aber mein Besitz

  An Arbeitssinn zum eignen Besten,

  Zähheit vom jüdischen Talente.

  Mein Hang zum dolce far niente

  ist Welschlands treue Freundesgabe..."

Und:

  "Das Gyntsche Selbst - das ist das Heer

  Von Wünschen, Lüsten und Begehr -

  Das Gyntsche Selbst, das ist der Schwall

  Der Launen, Forderungen all,

  Kurz alles, was, just mir zu eigen,

  Gemacht ist, meine Art zu zeigen."

 

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