„Genie kommt von Genießen“

Montag, 20. Mai 2013

Wieder "Macbeth" von Roman Polanski (1971): gelungene Filmversion des Dramas, der Regisseur nutzt die Möglichkeiten seines Mediums in phantastischen Bildern. Vor allem in den Hexen- und Kampfszenen zeigt sich die Überlegenheit der Kamera über die Bühne. Aus der berühmten Übersetzung Dorothea Tiecks:

  "Schlaf, der des Grams verorr'n Gespinst entwirrt,

  Den Tod von jedem Lebenstag, das Bad

  Der wunden Müh', den Balsam kranker Seelen,

  Den zweiten Gang im Gastmahl der Natur,

  Das nährendste Gericht beim Fest des Lebens."

Malcolm über die Königstugenden:

  „Wahrheit, Gerechtigkeit, Starkmut, Geduld,

  Ausdauer, Milde, Andacht, Gnade, Kraft.

  Mäßigkeit, Demut, Tapferkeit."

Schließlich:

  "Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild;

  Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht

  Sein Stündchen auf der Bühn', und dann nicht mehr

  Vernommen wird: ein Märchen ist's, erzählt

  Von einem Dummkopf, voller Klang und Wut,

  Das nichts bedeutet."

Das Nachwort enthüllt die Wurzeln des Dramas: "Der historische Macbeth erschlug im Jahr 1040 den König Duncan I. und riß die Krone an sich, auf die er wohl über das Erbrecht seiner Frau Anspruch hatte. Er war in der Folge ein tüchtiger Herrscher und fiel erst 1057 im Kampfe gegen Duncans Sohn Malcolm. Spätere Geschichtsschreiber setzten seinen Charakter herab und brachten sagenhafte Züge in sein Lebensbild. Man gab ihm Macduff, den Than von Fife, und Banquo zur Seite, die beide geschichtlich nicht nachweisbar sind. In der Reimchronik des Andreas Wyntoun (um 1420) erscheinen die drei Unheilsschwestern, die Macbeth weissagen: Die Legende vom wandernden Wald von Birnam taucht auf, und wir hören von dem Krieger, der ‚nicht vom Weibe geboren‘ ist … Um die Hexenszenen möglichst echt auszugestalten, zog Shakespeare das Buch von Reginald Scott 'Discovery of Witchcraft' aus dem Jahre 1584 zu Rate." Kein Hexenwerk also.

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Die mit der modernen Wissenschaft populär gewordene Betrachtung des Menschen als Ansammlung von chemisch-elektromagnetisch korrespondierenden Zellen ist schlimmer als der primitivste Rassismus. Das sogenannte finstere Mittelalter hatte so viel Respekt vor der Seele, daß es noch nicht einmal Experimente an Toten wagte.

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Hector Berlioz, "Symphonie fantastique" - der 2.Satz, "Un bal - Valse" klingt als Walzer des Untergangs wie die Begleitmusik zu einem bösen Fatum, dem nach sich ergibt. Dem Unausweichlichen entgegenzutanzen, sei es morbid, beweist doch Souveränität. Fatalismus scheint etwas Heidnisches zu sein, vergebliches Mühen bleibt christlich, ehrenhafter. Größe zeigt indes der stolze Verzicht genauso wie der vergebliche Kampf. Berlioz hörte die Opern Glucks und die Sinfonien Beethovens, las Goethes "Faust" sowie die Werke E.T.A.Hoffmanns und unterstützte Victor Hugos Eintreten für eine Kunst, die auch vor dem Trivialen und Grotesken, dem Häßlichen und Vulgären nicht zurückschrecken dürfe. Das Pariser Gastspiel einer englischen Theatertruppe im Herbst 1827, die erste Begegnung mit "Hamlet" oder "Romeo und Julia", schreibt ein Biograph, habe Berlioz "wie eine religiöse Erweckung" erlebt. Der Komponist selbst notierte: "Shakespeare, der so unerwartet über mich kam, traf mich wie ein gewaltiger Blitzschlag, dessen Strahl mir mit überirdischem Getöse den Kunsthimmel eröffnete und der mich bis in seine weitesten Fernen blicken ließ. Ich erkannte die echte dramatische Größe, Schönheit und Wahrheit." Am 11.September 1927 sah Berlioz zum ersten Mal "Hamlet" und Harriet Smithson als Ophelia. Seine übersteigerte Liebe zu der irischen Schauspielerin, die später sei seinem und ihrem Unglück seine Ehefrau werden sollte, klingt in der "Symphonie fantastique" deutlich an, vor allem im 2.Satz, dem musikalischen Bild einer tanzenden Festgesellschaft. Der Geniestreich eines 26jährigen!

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Laurence Sterne in "Tristram Shandy": "Der Gläubiger und der Schuldner einer Hypothek unterscheiden sich voneinander nicht mehr durch den Umfang und die Länge der Börse, als der, welcher den Witz gemacht hat, sich von dem, welchem dieser Witz gilt, sich durch die Güte und Dauer des Gedächtnisses unterscheidet."

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Aus Ernst Penzoldts „Powenzbande“: "Das Leben ist herrlich, fürwahr, die Existenz aber ist grauenhaft!" - "Bleibe im Lande, unterernähre dich redlich!" - "Mein Heim ist meine Haut." - "Baltus zu zeichnen lohnte sich. Er sah aus, wie man noch vor hundert Jahren aussah, als es noch Gesichter gab, als man von bedeutenden und berühmten Menschen verlangen durfte, daß sie wirklich bedeutend aussahen und selbst weniger bedeutende sich sehen lassen konnten." - "Genie kommt von Genießen." - "Sine Baccho friget Venus." - "Hetärogen." - "Pommes-de-terror." - "Derb und innig nannte einmal ein bekannter Psychologe die Powenzbande. Sie seien die typischen Vertreter unserer Epoche, jene heidnisch barbarischen Naturen, die den Beginn des Zeitalters des Wortes, des Blechs, des Gummis und der Luft kennzeichnen, jene unverwüstlichen Persönlichkeiten, deren Gott sich so gerne bedient, die Welt zu ärgern und zu beglücken."

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