Kapitel 84: Die Ballade von Kehrwieder Johnny

Montag, 20. Mai 2013

Und damit bin ich am Ende der Geschichte, wie mein Onkel Johnny nach zwanzig Jahren zurückkehrte und nach zwei Wochen schon wieder fort musste, diesmal für immer; der Geschichte von der schönen Nell und vom bösen Jack, von der großen Schlacht der Unterwelt und vom Hamburg der alten Tage, von meiner Kindheit auf dem Kehrwieder, und wie ich meine erste Liebe fand, verlor und rächte, alles innerhalb weniger Tage, oder Stunden, denn in Hamburg muss es fix gehen, die große Stadt hat keine Zeit, und morgen steht auf dem Spielplan schon wieder Komödie. Aber vielleicht wollt ihr noch wissen, was aus den anderen geworden ist, soweit die Sturmflut sie nicht zur Meerhochzeit entführte.

  Als Augustus mich im „Hamburger Hof“ ablieferte, war ich wieder soweit klar, dass ich meiner lieben Mutter, dem Veermaster, Lida und Kowalski sagen konnte, sie sollten ohne mich abfahren. Hamburg sei meine Heimat, und wenn Onkel Johnny jetzt tot sei, wie Danny, und wie Nell, könne ich noch weniger fortgehen. Ich wolle in meiner Stadt bleiben und leben, bis auch meine Zeit gekommen sei. Sie konnten es nicht verstehen und waren sehr betroffen, aber ich blieb bei meinem Entschluss.

  Augustus erleichterte ihnen den Abschied, indem er versprach, sich um mich zu kümmern, und das hat er auch getan, über fünfzig Jahre lang, erst als Freund, bald als Geliebter, Verlobter, Ehemann und Vater meiner Kinder – als euer Vater und Großvater. Ihm verdanke ich alles, was mein Leben reich gemacht hat, nicht nur den Palazzo, in dem ihr aufgewachsen und jetzt meine Gäste seid, oder das viele Geld, das ich euch bald hinterlassen werde, und die angenehmen Umstände, in denen ich meine Tage zubrachte. Nein, viel, viel mehr, denn er schenkte mir Wissen und meinem Leben Tiefe. Nur mit einem klugen, mutigen und humorvollen Mann kann eine Frau ausschöpfen, was der Herr uns mit der Erfindung der Ehe an Göttlichem gewährt.

  Am Abend schrumpfte der Sturmriese zum Zwerg, die Wolken machten sich fast schamvoll fort, und eine schnelle Ebbe schwemmte Unrat und Unglück aus der Stadt. Ein leichter Westwind wehte, Hans Leips „Füllhorn voller Fernwehseufzer“, die Wimmermöwe schwebte sich zur Ruh, und als die ersten Sterne funkelten, lichtete die „Midas“ die Anker. Ich stand mit Augustus auf dem Landeplatz und winkte meiner Mutter und den Freunden zu. Die Dampfpipe dröhnte ihr Saurierlied vom Abschied, nicht „Home, Home“, sondern „Fort, Fort“, und als mir doch wieder Tränen kommen wollten, zog mich Augustus an sich und sagte auf seine nüchterne Weise, wir würden meine Leute bestimmt bald besuchen, ich solle ihn nur machen lassen. Das fand ich erst mal keine schlechte Idee. Bisher hatte ich immer alles selber gemacht, wenigstens bis Onkel Johnny gekommen war.

  Während der große Kasten im Glanze seiner Lichterketten in den Strom glitt, klang vom Hamburger Berg plötzlich die „Ballade vom Kehrwieder-Johnny“ herab. Unter den Mädchen von St.Pauli hatte sich das Gerücht verbreitet, ihr Held fahre heimlich an Bord des Dampfers nach Amerika, und manche glaubten bis ans Ende ihres Lebens daran, dass er noch am Leben sei, irgendwo fern in der Neuen Welt. Die lieben Rotlichtengel ließen ihre Wirte im Stich und ihre Freier sitzen, zogen zu Hunderten auf den Circusweg, zündeten ein großes Abschiedsfeuer an und sangen ihre selbstgereimten Strophen. Keine große Poesie, in der Form uneben und im Inhalt naiv, aber mit dem Herzen gedichtet:

 

Ein Kerl wie ein Schuss,

und ein Messer blitzt im Fluss:

Aus der Ferne kommt Johnny Kehrwieder!

Als Rächer zurück.

So viel Mut, so wenig Glück!

Hamburgs Nacht singt dir stolz ihre Lieder.

 

Ein Schiff brennt. Ahoi!

Deine Freunde, die sind treu.

Aus der Ferne kommt Johnny Kehrwieder.

Der Galgen bereit,

Doch zum Sterben keine Zeit.

Auf dem Grab blüht umsonst weißer Flieder.

 

Ein Mädchen weint am Strand,

Doch du fährst in fernes Land.

Johnny, kommst du noch mal zum Kehrwieder?

Aber holt dich die See,

tut das Herz auch noch so weh –

Hamburgs Nacht singt dir treu ihre Lieder.

 

Eine Stadt, die vergisst,

Wer du warst und was du bist,

Das ist Hamburg, die Heimat der Fernen.

Doch sie raubt dir das Herz,

Hält es fest zu Lust und Schmerz,

Dienst du auch noch so gern fremden Sternen.

 

Ein Kerl wie ein Kuss,

der nicht zart, der brennen muss.

Küss mich noch einmal, Johnny Kehrwieder!

Und lieg’ ich dann allein,

Wirst du trotzdem bei mir sein,

Kennst mein Herz unter Puder und Mieder.

 

Ein Kerl wie ein Kuss,

Der nicht bleibt, der scheiden muss:

Gute Fahrt, Johnny! Nie kehrst du wieder.

Hast getan, was du schwurst.

Kehrst zurück, woher du fuhrst.

Hamburgs Nacht singt dir treu ihre Lieder.

 

  Wenn ich heute die dunkle, nächtliche Elbe sehe, kommt mir immer der Gedanke, dass sie das Leben selbst ist, das unablässig und unaufhaltsam seinem großen Ziel entgegentreibt: der Auflösung im unendlichen, ewigen Meer.

  Anders als die meisten Auswandererschiffe bot die „Midas“ auch ihren weniger betuchten Passagieren einigen Luxus. Es gab an Bord einen hochseefähigen Tanzsaal, einen Rauchsalon, Wintergarten, Grillroom, ein römisches Bad und sogar eine Dunkelkammer für Fotografen. Viele Auswanderer hatten schon Heimweh, als sie gerade erst auf der Elbe schwammen.

  In einer der Sechsbett-Kabinen hatte Herschel Grün seine Familie untergebracht. Seine kleine Konservenfabrik an der Spitaler Straße war verkauft, von dem Erlös wollte er sich in Amerika eine neue Existenz aufbauen. Im Speisesaal sangen chassidische Juden aus Russland und Polen zur Fiedel:

 

Wo du geboren bist, da gejst

Nicht fort so aus Versejn.

Du gejst nur fort, wenn's unerträglich wird.

Der Emigrant, er trägt in seinem Herzl drin

Ein Stikle Hejmat immer mit sich fort.

Aber wenn ihn die Hejmat nich haben will,

Sucht er 'ne naje an 'nem and'ren Ort.

 

  Herschel Grün weinte. Er war in Hamburg geboren und hatte die Stadt sehr lieb. Nach dem Pogrom aber, bei dem er fast umgekommen wäre, glaubte er, dass seine Kinder ihm eines Tages dankbar sein würden, dass er ihnen eine neue Heimat gesucht hatte.

  Als die Sintflut Richtung England abgezogen war, besetzten die Preußen den Brook und bargen die Leichen. Einige Grenadiere machten, angeregt durch das Spektakel der öffentlichen Hinrichtung auf dem Steintorplatz, sich einen Spaß daraus, Leichen die Köpfe abzusäbeln und die schaurigen Trophäen hart am Elbufer auf Stangen zu stecken. Auf ein Schild schrieben sie, so wie sechs Jahrhunderte zuvor Störtebeker und seinen Piraten werde es allen ergehen, welche Recht und Frieden störten. Auch Michels Leichnam wurde auf diese Weise geschändet. Kurz darauf erschien am Himmel ein riesiger Vogel, kreiste über den Köpfen und verschwand mit der Sonne nach Westen. Ich habe ihn nicht selbst gesehen, glaube aber, dass es Konsul Averdars Harpyenadler war.

  Am Abend stieg Michels Witwe, die Bäckerin vom Pulverteich, eine große, starke Frau von fünfzig Jahren mit friesischblondem Haar und runden Armen, aus ihrer Kutsche, marschierte durch die verblüfften Preußen hindurch, sah nicht nach links und nicht nach rechts, nahm den Kopf ihres Mannes, wickelte ihn in ein großes Tuch, drehte um, marschierte durch die verblüfften Preußen zurück, sah nicht nach links und nicht nach rechts, stieg wieder ein und fuhr ab. So machte dieses Prachtweib seine Drohung wahr, wenn Michel sich wieder mit seinen alten Freunden aus der Unterwelt einlassen, werde sie ihm den Kopf von der Stange ruppen.

  Später holte sie sich mit einem Bestattungsunternehmer auch den Leichnam und begrub ihren Mann in ihrem Familiengrab. Ich bin manches Mal dort gewesen.

  Die Überlebenden der Schlacht wurden zum großen Teil verhaftet und oft zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Die Zeit der Banden auf dem Brook war für immer zu Ende. Aber auch in der Stadt und im Umland war ihre Macht für immer gebrochen.

  Der Meister der Fünf Tugenden reiste nach China und kehrte nie zurück.

  Auf Jacks Vermögen verzichtete ich gleich am nächsten Tag zugunsten der Kirche, die damit viel Gutes tat. Hauptpastor Mars wurde später zum Bischof der Nordelbischen Kirche gewählt und starb im gesegneten Alter von neunzig Jahren, nicht lebenssatt wie Hiob, aber im Frieden mit Gott, sich und der Welt.

  Am 25.Mai 1881 unterzeichneten Vertreter des Hamburger Senats in Berlin eine Vereinbarung über den Beitritt zum deutschen Zollgebiet. Es erleichterte die Verhandlungen sehr, dass Bismarck und Twistring das Attentat und den Krieg auf dem Brook komplett unter den Teppich kehrten. Der Anschlag wurde in nüchtern, höchst glaubwürdigen amtlichen Verlautbarungen als Gasexplosion, die Zerstörung des Teerhofs als Unglücksfall deklariert, und die Todesopfer wurden der Sturmflut aufs Konto geschrieben. Kein Dokument, keine Chronik, kein Zeitungsartikel bezeugt, wie es wirklich war.

  Wie Hartestraat vorausgesagt hatte, billigte die Bürgerschaft am 15.Juni 1881 das Abkommen über den Freihafen mit 106 gegen 46 Stimmen. Die Männer mit den Spitzhacken arbeiteten sich methodisch vom Westen nach Osten vor. Als erste fielen die Häuser am Kehrwieder, als letzte die am Alten Wandrahm. Sieben Jahre später weihte Kaiser Wilhelm II. am Schlussstein der neuen Brooksbrücke mit Mörtelwurf und Hammerschlägen „zur Ehre Gottes, zum Besten des Vaterlandes, zu Hamburgs Wohl“ die Speicherstadt ein. Von den Menschen, die ihre Heimat verloren, war nicht die Rede. Niemand auch erinnerte an die, auf deren Knochen das grandiose Kaufmannsparadies errichtet wurde.

  Die meines Vaters waren es zum Glück nicht, die hat Augustus gleich nach Ohlsdorf umbetten lassen. In diesem wunderschönen Parkfriedhof, dem größten Europas, baute mein lieber Mann das Mausoleum, das ihr alle kennt, mit dem Wort des Propheten Daniel über dem Eingang: „Dein aber, Herr, unser Gott, ist die Barmherzigkeit und Vergebung“. Als erste ließ er die Särge meines Vaters, Nells, Dannys und seines Onkels hineintragen, der mit unserer Hochzeit posthum auch der meine geworden ist. Ruhe sanft, Onkel Jacob, aber an das de mortuis nil nisi bene kann ich mich aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht halten.

  Für Onkel Johnny und Jack brachten wir Gedenktafeln an.

  Auch die kleine Corneliusschanze wurde abgerissen. Den tapferen Terrier Löwenherz nahmen wir wie Jacks treuen Molosser Armin zu uns.

  Ich glaube nicht, dass Nell sterben musste, weil sie auf die Bibel geschworen und ihren Johnny dann doch in die Arme genommen hat. Ich glaube auch nicht, dass mein Onkel sterben musste, weil er den Grendel nicht retten konnte. Das ist alles Spökenkiekerkram, Oma Ridderkerk wird’s mir im Himmel verzeihen. Erst recht glaube ich nicht, dass Jack und Johnny sterben mussten, damit wir was daraus lernen. Ich glaube vielmehr, dass ihr Tod sinnlos war, genauso sinnlos wie der Tod der vielen anderen, die damals draufgegangen sind. Vielleicht ist aber gerade die Sinnlosigkeit unsere wichtigste Prüfung. Denn es ist doch schließlich der Sinn, um den es geht, im Leben und auch im Tod. Diesen Sinn aber muss jeder seinem Leben und Sterben selber geben, ob er an Gott glaubt oder nicht. Gott gibt dem Leben nicht den Sinn, er ist selber der Sinn. Wer das glaubt, der richte sein Leben nach Gott aus. Und wer das nicht glauben kann, der suche einen anderen Lebenssinn, wenn er nicht wie ein Toter leben will.

  „Auf Erden stehet nichts, es muss vorüberfliegen; / Es kommt der Tod daher, du kannst ihn nicht besiegen. / Ein Weilchen weiß vielleicht noch wer, was du gewesen; / Dann wird das weggekehrt, und weiter fegt der Besen“ schreibt Theodor Storm in der „Chronik von Grieshuus". In Hamburg ist man gründlich, auf dem Brook fegte der Besen mit Dynamit. Manchmal, wenn ich nachts wach liege, sehe ich die Toten vor mir, Onkel Johnny Leopardengesicht und Jacks Wolfsgesicht, das wunderschöne Antlitz der unglücklichen Nell, und das meines Jung-Davids Danny. Und die Gesichter der anderen, Michel Butenschöns breites Lächeln im blonden Friesenbart, Harpunen-Harrys Nordmeergesicht mit dem gelben Walrossschnauzer, das weißzähnige Schornsteinfegerlachen des Geckos und Volten-Walters spöttische Geiervisage mit der Schnabelnase. Aber auch Wandrahm-Willy stellt sich manchmal mit seiner roten Narbe vor meinen träumenden Blick, ich erschrecke zuweilen vor Wackos wilder Wut, und ich sehe das blutüberströmte Porzellangesicht der Prinzessin des Todes, wie die anderen einfach so aus dem Leben gefetzt vom Erzeugnis einer Technik, die stärker ist als alle Dämonen. Kein Zauber der ewigen Steppe konnte Yüan Yüan wieder zum Leben erwecken.

  Nicht alle chinesischen Sprüche sind weise, manche halte ich sogar für blanken Mumpitz, aber in Schanghai las ich in einem alten Buch, was ich mir seither zu Eigen machte: „Wir unterhalten uns nicht, um andere zu beeindrucken, und es ist auch niemand beeindruckt. Wir haben den Wunsch, dass die Menschen verstehen, worüber wir reden, aber sie verstehen uns nicht. Denn wir sprechen über das Geheimnis, welches das Geschenk des Lebens darstellt, und die Menschen sind im Allgemeinen viel zu beschäftigt, um an derartigen Fragen interessiert zu sein.“ Jeder von uns Alten erlebt das aufs Neue.

  Meine Mutter schloss bald nach der Ankunft in New York mit Ridder die Ehe, und da sie keine Kinder mehr bekamen, erbte ich nach ihrem Tod ganz allein ein Riesenvermögen. Auch Lida und Josef Kowalski heirateten. Augustus und ich haben sie oft besucht, an den unmöglichsten Plätzen der Welt, wohin die Kunst sie führte. Die beiden sind nun auch schon über dreißig Jahre tot. Der süßen Agnes schickte Augustus einen Betrag, der sie und ihren Edward aller Sorgen entledigte. 

  Der schnauzbärtige Drechsler und Autor proletarischer Gelegenheitspoesie Leo Wuttke schmiss seinem Chefredakteur in heller Wut über die „speichelleckerische Kriecherei vor der nicht mit der Würde freier Menschen zu vereinbarenden Zensur, über die aber die neue Zeit hinwegschreiten wird“ das Tintenfass auf die Schuhe und trat in die Zunft der Hopfenmarktlöwen ein, wurde aber bald von einer Schlachterswitwe mit Sozialtick geheiratet, die ihn in tiefer Bewunderung seiner Phrasen in ihre Villa nach Rissen entführte. Dort las er ihren Salongästen den Rest seines Lebens mit donnernder Stimme aufrührerische Arbeiterromane vor und rauchte dicke Havannas dazu, was für ihn kein Widerspruch war, da ja gerade die ausgebeuteten Frauen in den Tabakfabriken jeglicher Unterstützung bedurften.

  Der Pelikan kehrte nie zurück, der Sturm jagte seinen Kutter bis zu den Lofoten, und dort wischte ihn ein subpolarer Kaventsmann vom Vorschiff.

  Sophius Mindt verkaufte sein Haus, schrieb seine Memoiren und setzte sich auf einem Bergbauernhof in Tirol zur Ruhe. Für jeden Hingerichteten seiner langen Kopfkürzkarriere stellte er ein Marterl an den Wegesrand. An der Rosenstraße eröffnete später ein Kaufhaus, dessen Haushaltswarenabteilung bis heute scharfe Beile und reißfeste Wäscheleinen führt.

  Bulldog reichte wie angekündigt seinen Rücktritt ein, widerstand mannhaft der massiven Bearbeitung durch Bürgermeister und Senat, zog sich in sein geliebtes Rote-Grütze-Ländchen zurück, züchtete Pferde und heiratete eine Gutsbesitzerstochter, die ihm noch sechs Kinder schenkte. Sein Nachfolger wurde Gernot Franck, aber nur als Polizeichef, nicht als Senator. Neuer Chef der politischen Polizei wurde Constabler Godfroy.

  Charles Foster Minkus kehrte nach England zurück und publizierte eine Analyse der Schlacht auf dem Brook in seiner Zeitschrift „Mythology Today“. Er starb auf der Suche nach Hinterlassenschaften der Seevölker im Nildelta an Malaria.

  Bürgermeister Twistring verzichtete auf eine weitere Amtszeit. Zu seinem Nachfolger wurde Senator Hartestraat gewählt.

  Die detaillierte Untersuchungsberichte über das Attentat und die Schlacht auf dem Brook wurden zunächst sorgfältig unter Verschluss gehalten, aber noch vor dem Umzug in das neue Rathaus von Hartestraat sicherheitshalber vernichtet.

  Generalleutnant Börries von Waltershausen wurde vom Generalarzt wegen totaler Erschöpfung im Dienst für den Kaiser ein halbes Jahr dienstunfähig geschrieben und dann in den Ruhestand verabschiedet.

  Tom und Richard wurden vom Kronprinzen in die kaiserliche Kadettenanstalt Potsdam eingeschleust, avancierten zu Stabsoffizieren, fanden liebe Frauen aus guten Familien und fielen beide 1917 in der fürchterlichen Metzelei von Verdun.

  Hein Cölln kam nach fünf Jahren Gefängnis auf freien Fuß und ging nach Bergedorf zur Eisenbahn. Wie er entschloss sich auch der Ährliche Hans, mit der Krimsche zu kooperieren, aber nach einigen Monaten Untersuchungshaft fand man den Impresario erhängt in seiner Zelle – ob von eigener Hand, blieb unklar.

  Der Eiserne Kanzler wurde neun Jahre später vom Willem Zwo entlassen und zog sich grollend in den Sachsenwald zurück. Augustus und ich besuchten ihn einige Male. Wir waren auch dabei, als sein Denkmal enthüllt wurde, das seither hoch über der Elbe nach England blickt.

  Bebel wurde noch zweimal ins Gefängnis gesperrt, siegte aber am Ende doch. Er saß über vierzig Jahre im Reichstag, wurde Vorsitzender der SPD und starb ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einem Sanatorium in der Schweiz. Er hat Hamburg rot eingefärbt, und das hat unserer schönen Stadt sehr in die moderne Zeit geholfen.

  Sie alle sehe ich in meinen Träumen vor mir, und manchmal denke ich dann: War es wirklich so? Brannte der Brook tatsächlich ab, bevor die Männer mit den Spitzhacken kamen? Wurde wirklich alles vertuscht, oder habe ich nur geträumt? Ist es wahr, was Leo Wuttke im „Hamburger Fremden-Blatt“ schrieb, oder hat er sich da was zusammenphantasiert? Schöpfte der Kerub seine Sprengstoffsprüche wirklich aus Bibel und Theologie, sprach Minkus tatsächlich so, wie Spengler später schrieb? Nachlesen hilft nun nichts mehr, denn wenn ich ein Buch beende, weiß ich schon nicht mehr, wie es begann. Und meinen lieben Augustus kann ich auch nicht mehr fragen. Unser gemeinsames Werk ist nie fertig geworden, und wenn ich heute in dem alten Manuskript blättere, bin ich nicht sicher, ob das nicht wirklich alles bloß Spinnkram ist.

  Christiansens in der ganzen Welt berühmte „Hamletta“ in der Kunsthalle zeigt, wie wunderschön Nell war, aber obwohl mir ihre Züge vertraut sind, bleibt mir das Ölgemälde fremd, denn ihre Schönheit strahlt eine Kälte aus, die nur der ungerechte Künstler zu sehen glaubte.

  Vielleicht muss das ja alles so sein. Wer weiß schon, ob er wirklich lebt? Womöglich ist auch das nur ein Traum. Und vielleicht gilt das auch für die Menschen in meiner Erinnerung. Mit Ausnahme Bismarcks und Bebels natürlich: Solche Gestalten lassen sich nicht erfinden.

  Auch aus dem Gedächtnis der Stadt sind die Slums auf dem Brook verschwunden. Niemand, der die Märchenarchitektur der Speicher bewundert, ahnt die Tränen und Tragödien unter den Fundamenten. Nur ein paar Straßennamen blieben von dieser untergegangenen Welt: Pickhuben. Wandrahm. Kannengießerort. Holländische Reihe.

  Jede große Stadt erlebt nicht nur die Geschichte ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, sondern auch eine Geschichte ihrer Emotionen, ihrer Träume, ihre Seele. Erst diese Tiefengeschichte lässt uns die Menschen und ihr Handeln wirklich verstehen.

  Männer wie Carl Petersen und Johann Versmann, die Bismarcks Großzügigkeit klug nutzten, wie der zähe Gustav Heinrich Kirchenpauer, der den Langmut des Eisernen Kanzlers zum Wohl der Stadt bis zum Gehtnichtmehr strapazierte, wie Hugo Roeloffs, Hugo O’Swald oder der Oberingenier F.Andreas Meyer, der Baumeister des Freihafens, haben Hamburg groß gemacht. An Onkel Johnny erinnert keine Straße, aber auch sein Traum wurde Wirklichkeit: Der Traum vom Recht eines jeden Menschen, um sein Glück und für seine Ideale zu kämpfen. Der Traum von der großen Stadt, die allen eine ehrliche, respekt- und liebevolle Heimat ist.

  Für uns, die wir damals dabei waren, trifft’s wohl am besten, was Albanien im „Lear“ sagt:  „Lasst uns, der trüben Zeit gehorchend, klagen, / Nicht, was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen. / Dem ältsten war das schwerste Los gegeben, / Wir jüngern werden nie so viel erleben.“

  Ein paar Tage nach der Sturmflut führte Godfroy seinen Nachfolger herum, einen jungen, energischen Beamten. Auch der Ex-Constabler wusste inzwischen, dass Möller Eddie umgelegt hatte, weil der Schränker den anonymen Brief geschrieben hatte, brachte es aber nicht übers Herz, Marie zu sagen, dass ihr Geliebter unter seinesgleichen als Verräter gegolten hatte.

 Auf ihrem Rundgang kamen sie auch in die „Weiße Möwe“. Der junge Beamte, von Godfroy instruiert, wollte Marie höflich kondolieren.

  „Brauch’ kein Beileid von der Plempe“, sagte sie verächtlich.

  Der junge Constabler war sauer.

  „Lass sie“, bat Godfroy. „Sie kann jetzt nicht anders.“

  In der Kneipe war Stimmung, ein Haufen Bauarbeiter tanzte mit irgendwelchen Bräuten den Eisenbahnergalopp und sangen lauthals den Refrain: „Das Alte fällt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

  Als Marie endlich die lange bestellten zwei Bier brachte, fasst Godfroy sich ein Herz und sagte zu ihr: „Ich weiß, wie das ist, wenn man das Liebste verliert. Aber auch du wirst nicht ewig trauern. Ich will alles tun, damit du dich tröstest.“ Aus seinen Augen leuchtete die Liebe wie Kerzen aus einsamen Fenstern.

  Marie starrte ihn an. Dann spie sie ihm ins Gesicht.

  Der junge Beamte sprang auf, packte sie und rief zornig: „Was fällt dir ein, du Schlunze!“ Aber Godfroy sagte: „Lass sie in Ruhe“ und wischte sich mit einem Taschentuch ab.

  Auf der Elbe tutete ein Dampfer, ein Spanier, die orgelten immer besonders laut. Brook! Brook! Der Akkordeonspieler griff in sein Knautschklavier. Marie zerrte einen schottischen Seemann vom Stuhl, drückte ihm einen Seuten in den jungen Bart und hängte sich flott in die Animation. „Tomorrow we’ll dance, my love, tomorrow we’ll dance...” sang sie, und alle sangen mit.

 

ENDE


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