Rilke, Gott und die Feder am Hut

Montag, 20. Mai 2013

Das Wort vom Sonntag

Eduard Meyer (1855-1930) betont in seiner „Urgeschichte des Christentums“: „...die durch ihre ruhige Sachlichkeit nur um so ergreifender wirkende Erzählung von der Passion bei Marcus, die zu den größten Schöpfungen aller Prosaliteratur gehört und nur in Platos Phaedon ein gleichartiges Gegenstück besitzt“ und schreibt: „Nach dem äußeren Erfolg gemessen reicht Paulus‘ Wirksamkeit viel weiter; aber an geistiger Bedeutung kommt er, trotz oder gerade wegen seiner theologischen Bildung, an die Urgemeinde nicht heran. In ihr lebt wirklich der geschichtliche Jesus weiter, nicht der überweltliche Messias des Christentums.“ Über den Hellenismus: „In der Griechenwelt kam, schon seit dem vierten Jahrhundert, der Ekel des feiner Empfindenden an dem wüsten Treiben der berufsmäßigen Politiker hinzu. So schwindet das Interesse am öffentlichen Leben von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr; der Mensch ist ausschließlich auf sich selbst und seine persönlichen Interessen gestellt.“ Über die Römer: „Wo die nach der Idee des von Augustus ausgebildeten Staates zur Herrschaft berufenen oberen Klassen versagen, fällt die Entscheidung in die Hände der schweren und dumpfen Massen, und damit gelangen auch die Anschauungen und Empfindungen zur Herrschaft, die instinktiv und bewusst in ihnen walten, und damit zugleich die Gestaltung des geistigen und religiöse Lebens, die ihren Bedürfnissen entspricht.“ Über die Urkirche: „Vor der Gefahr, eine wirklich asketische Mönchsreligion nach Art der Essener zu werden, ist das Christentum indessen durch die freie Stellung Jesu zum Leben bewahrt worden.“ Über den Völkerapostel: „Was Paulus im Römerbrief ausführt, sind nicht die Erlebnisse seiner jüdischen Vergangenheit, sondern die Anschauungen, die er als Christ gewonnen hat und durch die er über die Werkheiligkeit des Pharisäers, in der er vorher das Heil suchte, unendlich weit hinausgewachsen ist. ‚Die Sünde hätte ich nicht erkennen können, wenn nicht durch das Gesetz; denn von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz sagte: du sollst nicht begehren. Durch dies Gebot erhielt die Sünde Antrieb und wirkte in mir jede Begierde; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot.“ Über die weitere Entwicklung: „So tritt denn doch wieder lediglich eine neue Autorität an Stelle der alten. Das ist der Grundzug der Geschichte aller Religionen und wird es bleiben; denn keine Religion kann, wenn sie sich durchsetzen will, der übernatürlichen Autorität, der Erleuchtung durch Offenbarung entbehren. Das ist der Punkt, wo auch die Philosophien in Religion umschlägt, wie das in typischer Weise die Geschichte des Buddhismus, aber auch die späteren Phasen der griechischen Philosophie zeigen.“

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Die Liebe ist Gottes Blut.

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Vivaldi, Sinfonia al Santo Sepolcro: Innigkeit und Tiefe wecken Gedanken des Lebens und Sterbens. Dem inneren Auge enthüllen sich Bilder von größter Schlichtheit und größter Pracht. Eine durstige Seele labt sich an Heiligkeit und Liebe. Im Engelsgesang der Streicher blühen welke Herzen wieder blühen. Die Schönheit dieser Musik besitzt etwas Jenseitiges.

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Der hl. Ephräm den Syrer: „Daß der Heilige Geist ist, halte für wahr; halte aber nicht für wahr, daß er ergründet werden kann.“

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Petrarca: "Um mich nicht zu weit von meiner Kirche zu Padua zu entfernen, habe ich mir, zehn Miglien von der Stadt, zu Arquá, in den Euganeischen Bergen, ein kleines, aber freundliches und anständiges Haus erbaut, zwischen Olivengärten und Weinbergen, die meinem bescheidenen Hausstand reichlich genügen. Hier lebe ich, von Körper schwach, aber ruhig in der Seele, ohne Geräusch, ohne Zerstreuung, ohne Sorge, lesend und schreibend, den Herrn lobend und dem Herrn dankend für das Gute, wie für das Schlimme, welches ich hoffentlich als Prüfung, nicht als Strafe betrachten darf; und ich erflehe von Christus einen guten Lebensausgang und Gnade und Vergebung und Vergessenheit für die Fehler meiner Jugend; und in dieser Einsamkeit weilt keine Stimme lieber auf meinen Lippen als die Stimme Davids im Psalm: Delicta juventutis meae et ignorantias meas ne memineris. Und mit aller Inbrunst des Herzens bitte ich Gott, daß es ihm gefallen möge, meine solange unsteten und irrenden Gedanken zu zügeln und, nachdem sie vielfach vergeblich zerstreut waren, sie emporzurichten zu Ihm, dem einigen, wahren, sichern, unwandelbaren Gott."

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Aus dem Hymnus „Amoris sensus erige“ des 10.Jahrhunderts:

  „Die Feier deines Lobs gereiche

  Dir nun zur größren Herrlichkeit,

  und ohne Ende sie begeht,

  wer aus dem Staub sein Herz erhebt.“

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Die Freiheit der Welt ist für die Seele Gefangenschaft. Wirkliche Freiheit findet sie nur in Gott. Denn was die Welt gestattet, verlangt sie auch. Deshalb sind so viele Menschen nur die Sklaven ihrer Möglichkeiten. Wer zum Verzicht zu schwach ist, dem helfen Gebote. Durch sie können wir uns vor der großen Macht schädlicher Wünsche schützen.

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Aus Rilkes "Geschichten vom lieben Gott": "Ist denn Gott ein Land?" - "Ich glaube nicht, aber in den primitiven Sprachen haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind groß und gütig, furchtbar und groß." - "Sie meinen also, wir hätten an unserer Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?" - "Ja, gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein."



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