Der Prediger, der die Steine zum Reden brachte

Donnerstag, 23. Mai 2013

Das Wort zum Freitag

Am Samstag feiert die katholische Christenheit die Ehrentage zweier sehr unterschiedlicher Heiliger: des großen Wissenschaftlers Beda Venerabilis ((672/673-735) und des machtbewussten Kirchenfürsten Gregor VII. (1025/1030-1085). Der englische Benediktinermönch Beda ist der große Enzyklopädist des Mittelalters und Vorläufer der Scholastik. Als Historiker führte er die Zeitrechnung nach Christi Geburt ein. Als er, im hohen Alter erblindet, geführt werden muß, um zu predigen, spottet ein Begleiter, der ihn durch ein steiniges Tal leitet, vor ihm warte ein andächtiges Volk schweigend auf seine Predigt. Als der Getäuschte am Schluß „in Ewigkeit“ sagtt, ertönt mit lauter Stimme ringsum die Antwort „Amen, ehrwürdiger Vater!“ Es sind die Steine, die durch Bedas Predigt Stimme bekommen – aus dem dummen Scherz ist ein Wunder geworden. Ein Beispiel für die Predigten des „Ehrwürdigen“ ist in seiner Auslegung zu Markus 7,31-37 mit der Heilung eines Taubstummen überliefert: „Die erste Tür zum Heil ist es, wenn ein Kranker vom Herrn ergriffen, beiseite genommen und von der Menge weggeführt wird. Denn er ergreift den Kranken und nimmt ihn beiseite, von der Menge weg, wenn er einen Sinn, der von Sünden ermattet ist, mit seiner Güte aufsucht und erleuchtet, von den Gewohnheiten menschlichen Lebenswandels wegruft und dazu einlädt, dem Weg seiner Lehren zu folgen. Er legt seine Finger in die Ohren, wenn er durch die Gaben des Heiligen Geistes die Ohren des Herzens öffnet, so daß sie die Worte des Heils zu verstehen und anzunehmen vermögen.“

Papst Gregor VII., zuvor der Mönch Hildebrand aus der Toskana, wird zum großen Gegenspieler Heinrichs IV. im Kampf um das Recht, Bischöfe einzusetzen. Der Investiturstreit wird zur großen Machtfrage des Hochmittelalters. Als Gregor über den Kaiser 1076 den Kirchenbann verhängt, stellen sich die deutschen Fürsten auf die Seite des Papstes, und Heinrich muss seinen Feind mit dem berühmten Gang nach Canossa um Vergebung bitten. Drei Tage steht er im Büßergewand vor dem Burgtor. Sieben Jahre später rächt sich der Kaiser, erobert Rom und belagert den Papst in der Engelsburg. Die Normannen befreien Gregor, plündern aber die Stadt, und der machtbewusste Kirchenfürst muss nach Salerno fliehen, wo er stirbt und auch begraben wird. Der Investiturstreit endet 1122 mit dem Wormser Konkordat: Kaiser Heinrich V. verzichtet auf die Investitur, behält aber die Übertragung der politischen Hoheitsrechte auf die Bischöfe, die damals auch Landesherren sind. Vor allem deshalb zählt Gregor VII. zu den zehn einflussreichsten Päpsten der Geschichte. Es sind:

Der erste Papst: Petrus (64-67). Sein Name bedeutet „Fels“ und ist von Jesus selbst verliehen: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Der erste Papst stirbt unter Nero als Märtyrer am Kreuz.

Der Monarch: Leo I. der Große (440-461). Baut zielstrebig die Macht des Papsttums zu einer geistlichen Monarchie aus. Bekämpft Irrlehren. Hält den Hunnenkönig Attila davon ab, Rom zu plündern. 

Der Kirchenvater: Gregor I. der Große (590-604). Der erste Mönch auf dem Papstthron. Reformiert den Meßgesang („Gregorianischer Choral“). Schreibt das Moral-Handbuch des Mittelalters. Als erster Papst zum Kirchenlehrer erhoben.

Der erste Deutsche: Gregor V. (996-999). Urenkel Kaiser Ottos des Großen, schon mit 24 Jahren Papst, muß sich gegen einheimische Gegenpäpste behaupten. Plant große Reformen, stirbt aber mit 27 Jahren an Malaria.

Der Weltherrscher: Gregor VII. (1073-1085). Meister der Politik, kämpft gegen das Kaisertum um die Weltherrschaft. Heinrich IV. unterwirft sich zu Canossa. Später muß Gregor aber vor ihm fliehen, stirbt im Exil.

Der Kreuzzügler: Urban II. (1088-1099). Sein Aufruf, das von den Mohammedanern eroberte Heilige Land zu befreien, löst die acht Kreuzzüge aus. Die Folgen sind blutige Gewalttaten, aber auch ein fruchtbarer Kulturaustausch.

Der Jurist: Innozenz III. (1198-1216). Sendet ebenfalls Kreuzfahrer aus; sie plündern Konstantinopel. Sichert die Macht des Papsttums durch viele Rechtssätze, z.B. daß es außerhalb der römischen Kirche kein Heil gebe.

Der Feldherr: Julius II. (1503-1513). Führt Krieg gegen tyrannische Fürsten Italiens, überragt alle Könige der Zeit, sein Kirchenstaat wird Weltmacht. Großer Mäzen: Michelangelo malt ihm die Sixtinische Kapelle aus.

Der letzte Nichtitaliener: Hadrian VI.(1522-1523) Der Holländer aus Utrecht, Erzieher Kaiser Karls V., reinigt das verlotterte Papsttum der Renaissancezeit, erkennt die Türkengefahr. Ihm folgen lauter Italiener – bis 1978.

Die längste Amtszeit: Pius IX. (1846-1878) Längstes Pontifikat vor Johannes Paul II. Verkündete das Dogma „Unbefleckten Empfängnis Marias“ (sie kam ohne Erbsünde zur Welt) und der Unfehlbarkeit des Papstes (in Glaubensfragen).

Der Retter: Pius XII. (1939-1958). Führt den Vatikan durch Faschismus und Nazi-Okkupation, bewahrt Tausende Juden vor dem KZ: „Es ist besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen und insgeheim alles Erdenkliche zu tun.“

Der Märtyrer: Johannes Paul II. (1920-2005). Er erneuert auf vielen Reisen die frohe Botschaft in alle Welt, gewinnt dabei auch die Herzen der Jugend, erobert die modernen Massenmedien und gibt durch sein langes Siechtum zugleich ein leuchtendes Beispiel der Standhaftigkeit. Am wichtigsten aber ist sein Beitrag zum Sieg der Freiheit über den Kommunismus in Osteuropa.

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"Dein Wille geschehe" bedeutet nicht nur, daß wir Gottes Willen akzeptieren: Wir müssen auch alles tun, ihn durchzusetzen.

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Klaus Hemmerle (1929-1984): "Menschsein heißt Gerufensein. Das Gute ruft uns, und nur im Ankommen dieses Rufes sind wir frei zu antworten. Und das ist die Würde des Menschen, antworten zu können, verantwortlich zu sein."

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Hesse, „Im Haus der Träume“: „Alles Besitzen war Beschränken, alles Verstehen war Verzicht, und alles Verzichtenmüssen suchte seine Verklärung in Lächeln und in Andacht.“ – „Von wo er kam, und wohin er ging, schien ihm ein und dasselbe Land. Die lockende Stimme des Lebens, die ihn seit Kinderzeiten jeden Tag gerufen und seine Schritte vorwärts und vorwärts getrieben hatte, war ihm allmählich zur Stimme des Todes geworden, welche von jenseits rief und der zu folgen nicht minder schön und seltsam war. Leben und Tod, das waren nur Namen, aber die lockende Stimme war da und sang und zog und hieß ihn im guten Takt der Tage schreiten, und der Weg führte nach der Heimat.“ – „Man muss sich entschließen, auch die Unvollkommenheiten zu lieben, sonst ist man betrogen.“ – „Ich glaube auch, dass wir immerfort aus einem Dickicht von untergesunkenen Erinnerungen heraus leben und empfinden. Vielleicht ist das, was wir Seele nennen, nichts als dieses Geschiebe von dunklen Erinnerungen.“ Der alte Neander: „In seiner Jugend, Hans, ist man viel allein, und man spürt, dass das Alleinsein nicht gut ist. Darum sucht man Freunde, und verliebt sich und entdeckt Familie und Vaterland. Das ist sehr gut, dabei gedeiht die Welt. Aber wenn man alt genug geworden ist, dann genügt das der Seele nicht mehr. Dann ist Freundschaft und Liebe und Vaterland auch bloß wieder eine Schale, die uns vom andern trennt, die uns vom Ganzen trennt. Dann wollen wir zum Ganzen. Das Ganze ist Gott.“ – „In den chinesischen Geschichten kommt immer und immer wieder derselbe Mann vor, in verschiedenen Gestalten. Als Jüngling gehorcht er den Eltern und lernt einen Beruf. Als Mann heiratet er und sorgt für seine Familie. Darüber lernt er das Vaterland lieben und bei allem an Ahnen und Nachkommen denken. Er wird tätig und nützlich und hilft den Staat leiten. Aber zuletzt, in der letzten Reife, da erkennt er, dass auch das alles noch Einsamkeit und Selbstsucht ist. Dann verlässt er eines Nachts seine Hütte und sein Feld, sein Weib und seine Untertanen, sein Amt und seine Bücher, und verschwindet. Seine Zeit ist gekommen. Er geht in die Berge, um von Tau und Blumenblättern zu leben und um alles abzustreifen, was noch Schale an ihm ist. Dann geht er zu den Unsterblichen ein.“

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Gott schuf die Engel, damit er sie ihn preisen, und dann die Menschen, damit sie ihn freiwillig preisen. Beide Male ging es schief. Die Folgen waren Luzifers Engelsturz und die Sintflut. Zum Glück soll beides in Zukunft nicht mehr vorkommen.  

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Aus einem Hymnus Hans Graf von Lehndorffs (1910-1987):

  „Komm in unser festes Haus,

  der du nackt und ungeborgen.

  Mach ein leichtes Zelt daraus,

  das uns deckt kaum bis zum Morgen;

  denn wer sicher wohnt, vergisst,

  dass er auf dem Weg noch ist.“

 

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