Der Kahlkopf ist die Kappe des Kämpfers

Dienstag, 28. Mai 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 24.Mai 2002. Schon damals ging es um Frisuren ohne Haare, wie sie jetzt Arjen Robben im CL-Finale mal wieder weltweit auf die Titelseiten brachte.

„Das kleinste Haar wirft seinen Schatten“, wusste der große Goethe. Bei Christian Ziege macht es Wirbel, weil es keine solchen mehr hat: Die Glatze wird nur noch von einem schwarz-rot-goldenen Borstenkamm gekrönt. „Wenn es ihm und vor allem seiner Frau gefällt, ist es ja gut“, sagt Rudi Völler. Ist das etwa alles? O nein, die Diskussion fängt gerade erst an. Denn der Irokesenschnitt hat eine historische Dimension. Seine Geschichte führt in die Frühzeit des Sports. Sie enthält eindeutige Lehren.

Der Kahlkopf ist die Kappe des Kämpfers. Schon die ersten Olympioniken vor 2600 Jahren in Griechenland schoren sich die Scheitel bis zu den Ohren. Die Langlocke, wie sie der bundesdeutsche Teamchef bis heute pflegt, wehte im Stadion nur über Weibern und Weißbrotessern. Athleten trugen Stoppeln. „Weicher Haarwuchs bezeichnet den Feigling, rauer den tapferen Mann“, lehrte Aristoteles, der Einstein der Antike. „Die Bewohner der nordischen Gegenden sind mutig und haben raue Haare, die der südlichen sind feige und tragen weiches Haar.“

Natürlich kannte Aristoteles noch keine argentinischen Abwehrspieler. Doch nach äußerem Anschein behält er bis heute recht: Beim Anblick einer Glatze fällt den meisten Menschen spontan Unerquickliches ein, z.B. Truppenfriseur, Chemotherapie oder Russenmafia. Nur harmlose Gemüter würden eher an Bowling, Meister Propper oder den Dalai Lama denken. Kommt die Glatze auch noch ziemlich schnell auf sie zu, assoziieren ängstliche Gemüter schon mal Kanonenkugel, Catcher oder heranwachsender Mitbürger vom rechten Rand.

Mit Platte und Mittelstreifen sichert sich Ziege die optischen Sympathiewerte von Hooligans, Nosferatu und den Klingonen. Das kann psychologisch von Vorteil sein, denn die Furcht-Frisur lähmt den anderen vielleicht gerade dann für wichtige Sekunden, wenn die Pille bei der Annahme mal ein bisschen zu weit vom Adidas sprang. Und beim Gerangel gleiten die gegnerischen Gedanken beim Anblick einer Glatze oft gleich zu Mike Tysons Ohrenbiss. Mit etwas Phantasie erinnert der Kopfschmuck sogar an den Scheitelzopf der Mongolen unter ihrem Erfolgstrainer Dschingis Khan, und die hatten einen ziemlich starken Sturm.

Die Erfinder der glatzogenen Terrorbürste, die Irokesen, rasierten sich die Radikalfrisur ja überhaupt nur, um ihren Feinden einen Schrecken einzujagen – der Name dieser besonders  zweikampfstarken Indianer bedeutet “echte Nattern“. Müssen wir auch daraus Rückschlüsse ziehen? Nein, Glatze heißt nicht automatisch Zoff, die Priester der alten Ägypter und die Mönche des Mittelalters trugen ihre Tonsuren zum Zeichen des Gehorsams. Bei Griechen und Römern war ein Haaropfer auch für junge Männer ohne religiösen Berufswunsch Pflicht. Bei frommen Brüdern, aber auch bei Knackis und Rekruten symbolisierte Kurzhaar eingeschränkte persönliche Freiheit, bei Sportlern könnte man von einem Opfer an den Teamgeist sprechen, auch wenn das Kahlscheren meist erst nach dem Sieg erfolgt. Eilt Ziege also seiner Zeit voraus? Dann sei alles verziehen. Immerhin leuchteten bei der Premiere Deutschlands Farben auf der Schädelraupe. Falls wir uns aber seinetwegen die Haare raufen, wird aus der Glatze mit dem Bürstchen ganz schnell ein kitzekleines Würstchen! 


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