Eine Mutter kommt selten allein

Dienstag, 28. Mai 2013

Familie Flipper ist immer auf Flosse: Papa macht gern große Sprünge, Söhnchen surft, die Tante ist ein Tramp, Opa hat die besten Gags drauf, und alle bleiben ihr Leben lang in der Schule

 

Der Hai hat ein böses Maul. Und immer Hunger. Das ahnungslose Delfin-Baby zweihundert Meter vor seiner Schnauze wäre genau der richtige Happen für ihn. Bei einem Überraschungsangriff im Hai-Spitzentempo von 50 km/h könnte die Sache in fünfzehn Sekunden gegessen sein... Doch Little Flipper ist nicht allein: Gleich neben ihm parkt Mutter Dolly ihre drei Meter lange Flossen-Karosse. Und um die beiden herum taucht die ganze Familie auf und ab: Big Daddy, Tante Tümmler, Onkel Flaschennase, Opa Jumper und Flippers ältere Brüder, die auch schon manchen Hai plattgemacht haben - im wahrsten Sinne des Wortes! Delfine sehen aus wie Komiker, aber wenn es um ihre Kinder geht, werden sie zu Killern. Dann schießen sie auf Kommando wie Torpedos durchs Wasser und rammen dem Hai von allen Seiten blitzschnell die Schnauzen in den Leib. Für solche Attacken aber ist der Knorpelfisch nicht konstruiert: Sein Skelett wird verbeult, und, noch schlimmer, die Eingeweide zertrümmert. Deshalb zieht es der gefräßige Mörder vor, nur mal aus der Ferne die Zähne zu zeigen und sich dann weniger wehrhafte Kost zu suchen.

Delfine sind Nashörner der See: Ihre Ober- und Unterkiefer sind so hart, dass sie wie mit einem Presslufthammer sogar die größten Schildkrötenpanzer durchstoßen können. Vor Räubern wie dem Hai haben sie schon deshalb keinen Respekt, weil sie selber von der Jagd leben: am liebsten auf den schnellen Thun- oder den schlauen Tintenfisch. Und außerdem sind ihnen Haie viel zu blöd: Das Gehirn des Delfins ist sogar 100 Gramm schwerer als das des Menschen, und das ist weit mehr, als sich in einem Hai-Schädel finden lässt. Delfine sind Zahnwale, also Säugetiere, die ihre Jungen lebend zur Welt bringen, und haben gemeinsame Vorfahren mit uns Menschen. Der interessanteste von ihnen hieß Cynognathus ("Hundezahn") und lebte vor 80 Millionen Jahren, als noch die Dinosaurier über die Erde herrschten, als nächtlicher Räuber im dichten Wald von der Jagd auf kleine Reptilien. Nach dem Untergang der großen Schreckensechsen eroberten Hundezahns zahlreiche Enkel die Lebensräume der Welt: Einer entwickelte sich zu einem Affen (und später weiter zum Menschen), andere wurden die Ahnen von Landraubtieren wie Hund, Hyäne und Hermelin, einer aber ging ins Wasser und wurde Wal. Vielleicht ist das der Grund, dass wir eine tiefe Seelenverwandtschaft fühlen. So gut wie jeder Mensch findet Flipper sympathisch - Roms großer Erzähler Plutarch wiederum erkannte schon vor 2000 Jahren: "Der Delfin ist das einzige Geschöpf, das den Menschen um seiner selbst willen liebt."

Das große Gehirn besitzt Flipper jedenfalls vor allem deshalb, weil sein soziales Leben fast so vielfältig und interessant wie das menschliche ist. Und manchmal auch so stressig. Auch bei Delfinen gibt es zum Beispiel Machos, die in Rudeln durch die Wogen turnen wie Kegelbrüder durch die Discos, um irgendwo was aufzureißen, anderen die Bräute auszuspannen oder sich einfach nur gegenseitig auf die Schnauze zu hauen. Sie sind ungefähr so angetörnt wie die Typen am Ballermann auf Mallorca nach dem zehnten Eimer Sangria. Anders als menschliche Halbstarke aber würde Flipper nie so weit ausflippen, etwa einer verheirateten Delfin-Dame auf die Pelle zu rücken. Denn die Familie ist heilig - und genau darin liegt das Erfolgsgeheimnis der Wasserclowns, die sich praktisch in allen Meeren der Welt durchsetzen konnte.

Auch Dolly hat davon profitiert: Vor vier Wochen, als sie Little Flipper zur Welt brachte, schaffte sie es nicht gleich, ihr Baby für den ersten Atemzug an die Meeresoberfläche zu hieven. Und für den kleinen war es ein ziemlicher Schock, aus der behaglichen 30-Grad-Wärme im Mutterschoß plötzlich im kalten Wasser zu landen. Da griff Tante Tümmler ein, die den Job als Hebamme übernommen hatte, schob dem 15 Kilo schweren Baby die Schnauze unter den Bauch und hob es hoch in die Luft. Und weil die Mutter so erschöpft war, schwammen zwei Schwestern längsseits und hielten auch Dolly über Wasser. Überhaupt die Frauen - bei kaum einer anderen Tierart ist ihre Freundschaft so fest: Delfin-Weibchen säugen nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch fremde - sie spritzen ihnen die Muttermilch (200 Mal pro Tag, Fettgehalt 46 Prozent, beim Menschen nur fünf!) direkt in die Schnauze, denn Delfine haben keine Lippen, mit denen sie saugen könnten. Die Babynahrung ist so kalorienreich, dass Little Flipper sein Gewicht schon in der ersten Lebenswoche glatt verdoppelt hat. Und nach vier Monaten hat er Zähne und kann mit auf Angeltour. Wenn Mutter krank wird, springen Schwestern und Tanten als Babysitter ein. Und wenn mal wieder ein Hai frech werden will, sind auch die weiblichen Mitglieder der Sippe sofort auf Zinne.

Bereits vor Dollys Hochzeit (Delfine heiraten schon mit drei Jahren) sammelte sich eine Damenrunde, um den Bräutigam zu beäugen. Big Daddy, damals schon vier Meter lang, musste eine Art Schaulaufen absolvieren und allen zeigen, was er drauf hat: Luftsprünge, Pirouette, Rolle drehen, Schnellschwimmen, mit der Schwanzflosse auf die (Wasser-) Pauke hauen - das volle Programm. Und dabei auch noch die richtigen Sprüche machen: "Gooonk, gooonk" heißt "Ich liebe dich!" und muss stundenlang wiederholt werden, ehe die Braut überzeugt ist. In der Hochzeitsnacht schwammen die beiden Bauch an Bauch durch die tropische Nacht. Danach war Dolly 11 Monate schwanger. Seither hat sie fünf Kinder großgezogen, in Abständen von jeweils vier Jahren. Delfin-Weibchen bleiben fruchtbar bis ans Lebensende. Und so lange halten auch die meisten Delfin-Ehen. Längere Trennungen wegen Dienstreisen oder dergleichen gibt es bei ihnen nicht.

Dolly, Big Daddy und die anderen sind den ganzen Tag zusammen. Kurz vor Sonnenaufgang haben sie in einer seichten Bucht an der Ostküste Floridas einen Schwarm Seebarben geortet - mit ihrem natürlichen Sonarsystem, einem geheimnisvollen Organ, das 400 Meter weit bis zu 300 Klicklaute im (für Fische, aber auch Menschen unhörbaren) Ultraschallbereich aussendet. Durch das Echo können sich die Delfine in dunkler Wassertiefe, aber auch nachts orientieren: Wo geht's lang, wo schwimmt Beute? Kurze Konferenz, dann geht‘s los: Die Delfine verteilen sich vor dem Eingang der Bucht. Als sie Seebarben bei Sonnenaufgang die Gefahr erkennen, ist der Fluchtweg abgeschnitten. Dann donnern die lauten Schreie der Jäger durch das Meer - Delfine töten per Schall, mit Lautstärken bis 220 Dezibel (doppelt so viel wie startende Düsenjäger!). Futterneid gibt es nicht: Es ist ja für alle genug da, und die Speisekarte ist äußerst abwechslungsreich, vom Krebs-Cocktail bis zum Heringssalat.

Jetzt, am späten Vormittag, treiben die erwachsenen Delfine mit vollen Bäuchen (sie brauchen 10 kg Fisch pro Tag) in der Sonne und spielen "toter Mann". Den größeren Kindern ist das natürlich viel zu langweilig. Little Flippers Bruder Jojo veräppelt einen alten Seebarsch, der misstrauisch aus seiner Korallenburg glotzt. Um ihn aus der Reserve zu locken, fängt Jojo einen Tintenfisch und lässt die Stücke in die Tiefe rieseln. Nach einer Weile kann der Seebarsch nicht mehr widerstehen, doch als er aus der Höhle kommt und schon das Maul aufsperrt, schnappt Jojo dem Verdutzten grinsend die Leckerbissen vor der Nase weg. Das Bild ist so komisch, dass die ganze Delfin-Familie lachen muss: Ziiiiiip, ziiiiip!

Delfine sind geniale Spielerfinder und ganz groß darin, Streiche auszuhecken. Zum Beispiel bringen sie gern Wasserskifahrer aus der Balance oder schubsen Surfer vom Brett und lachen sich halb tot, wenn die Verblüfften voll ins Wasser platschen. Aber nie würden sie es so weit treiben, dass Menschen in Gefahr geraten - wenn so ein Zweibeiner beim Schwimmen Schwierigkeiten hat, tauchen sie rasch unter ihn und schaffen ihn an den Strand. So wie vor 2500 Jahren den berühmten Sänger Arion, der sich ins Meer stürzte, als ihn Piraten auf der Überfahrt von Italien umbringen wollten - ein Delfin nahm ihn auf den Rücken und trug ihn sicher nach Griechenland.

Delfine haben sehr viel Kraft und Ausdauer. Da sie fast nur aus Muskeln bestehen, fühlt ihre Haut sich an wie ein gekochtes und gepelltes Ei. Aber sie verstehen sich auch auf das Energiesparen: Dass sie so gern mit Schiffen schwimmen, liegt nicht nur an ihrer Kontaktfreude - sie nutzen die Wasserwirbel und Strömungen im Kiel, um leichter vorwärtszukommen.

Mittags ist Schluss mit lustig: Die Gegend ist ziemlich leergefischt, und der Familienrat hat nach längerer Diskussion beschlossen, weiterzuziehen, durch das offene Meer in Richtung Kuba. Big Daddy schwimmt voraus, um die Seinen rechtzeitig vor Haien zu warnen - sein Echolot reicht 400 Meter weit. Danach kommen seine Brüder und älteren Söhne. In der Mitte schwimmen die Mütter, die kleinen Kinder immer schön in Flossenreichweite. Opa und Onkel bummeln hinterher, in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Delfine können quieken, zirpen, piepsen, pfeifen, schnalzen und viele andere Laute ausstoßen - manchmal quasseln sie stundenlang. Sie sind Tag und Nacht auf Achse - wenn sie schlafen, bleibt abwechselnd immer eine Gehirnhälfte wach, steuert Atem und Flossen. Zu den Schattenseiten der wundersamen Ähnlichkeit mit dem Menschen zählt, dass Delfine auch an ähnlichen Krankheiten sterben: Ärzte diagnostizierten bei ihnen Krebs, Magengeschwüre, Lungenentzündung, Gicht, Gelbsucht und sogar Herzinfarkt. Und manchmal stirbt ein Delfin, der seinen Partner oder sein Kind verloren hat, auch an gebrochenem Herzen. Denn Delfine lachen nicht nur laut, sie trauen auch lange: Vor Hawaii beobachteten Wissenschaftler ein Weibchen, das sein totes Töchterchen fünf Tage und fünf Nächte mit sich trug, ehe es die Kleine endlich zur letzten Ruhe in die Tiefe des Ozeans sinken ließ.

Dolly ist jetzt im besten Delfin-Alter. Wenn sie Glück hat, kann sie 60 Jahre schaffen. Sie wird dann Ur-ur-ur-Großmutter vieler kleiner Flipper sein. Wenn sie den Tod nahen fühlt, wird sie einfach zurückbleiben und ihre Familie weiterschwimmen lassen - einer Zukunft entgegen, die zu sichern eine wichtige, aber auch wunderschöne Aufgabe für uns Menschen ist.

 

 

 

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