Der Wald im Frühling

Dienstag, 28. Mai 2013

Der Himmel hat seinen Mega-Scheinwerfer, die Sonne, angeknipst und dreht langsam auf volle Power. Im grellen Licht ist es schon ganz schön warm geworden. Die Natur hat knallbunte Kulissen aufgeklappt. Brummend und summend, keckernd und krächzend, pfeifend und piepsend, quietschend und zwitschernd kommen die Künstler auf die Bühne. Die erste große Show des Jahres heißt "Frühling lässt sein blaues Band..." und ist seit Wochen ausverkauft. Denn nach dem langen, strengen Winter sind alle Tiere des Waldes ganz heiß auf Action aller Art. Und wenn Kinder mit ihren Eltern um diese Zeit einen Ausflug machen, dürfen auch sie gern zuhören!
Zur Ouvertüre spielen die Hautflügler auf: Die Bienen machen auf den Weidenbüschen klassische Musik, immer schön vom Blatt, wenn auch für manche Ohren etwas monoton. Sie sind erst Anfang März geschlüpft und fliegen jetzt, nach einer 20 Tage kurzen Kindheit im Bienenstock, jeden Morgen fleißig aus. Nun fiedeln sie ohne Pause, weil sie wissen: Schon in sechs Wochen ist das Erwerbsleben vorbei, dann gehen sie in Pension.
Die Wespen streichen das Cello, und zwar molto presto, denn im April sind die Weibchen noch unter sich und haben deshalb die doppelte Arbeit; die Männchen kriechen erst im Juli aus dem Ei. Die Hummel spielt den Kontrabass; wie alle ihre Artgenossinnen, die seit Ende März schon unterwegs sind, ist sie eine Königin und hatte das volle Programm: Wurzelhöhle suchen, Blütenstaub sammeln, Wachswände hochziehen, Brutzellen bauen, Eier legen und zudecken, später Larven füttern, immer wieder neue Kinderzimmer einrichten, und das alles ganz allein, bis im Juni endlich die ältesten Töchter so weit sind, dass sie im Hummelhaushalt mithelfen können.
Die berühmten Hupfdohlen gibt es nur im Reich der Menschen - so nannten Berliner Spötter in den Goldenen Zwanzigern die hoffnungslos überforderten Tanz-Trampel im Vorstadt-Varietè. In der Natur wird der erste Live-Act der großen Frühlingsshow vom berühmten Falter-Ballett bestritten, denn die sind am schrillsten aufgebrezelt und steppen sogar im Fliegen. Die alten Lüftlinge haben den harten Winter zusammengefaltet und steifgefroren unter irgendeiner Borke abgewettert; jetzt lassen sie Glitzerkram funkeln wie drittklassige Discoqueens, nur dass sie entschieden besser tanzen, denn sie haben alles drauf, was gut abgeht, vom Rave bis zum Rock'n'Roll. Und für den Oberförster kriegen sie auch einen Schuhplattler hin. Zitronenfalter, Tagpfauenauge, Trauermantel, Großer und Kleiner Fuchs sind schon seit Anfang März beim Proben, seit April schmettern auch Distelfalter und Weißes C (trägt diesen Buchstaben auf der Unterseite der Flügel) los. Als Conferencier ist der Kuckuck unschlagbar. Der Comedy-Star unter den Vögeln ist aus dem Afrika-Urlaub zurück und zieht jetzt wieder eine tierische Show ab: Erst pöbelt er rum, so laut er kann, um die Konkurrenz anzumachen; sind dann die Reviergrenzen der Männchen abgesteckt, geht's den Weibchen an die Federn. Die Hochzeitsreise ist ein Heidenspektakel, denn nicht nur der Bräutigam reißt gewaltig den Schnabel auf, es kommen auch Zurufe von allen Seiten, allerdings keineswegs fröhliche, sondern höchst ungehaltene. Denn die braven Singvögel wie Rotkehlchen, Grasmücke oder Zaunkönig wissen ganz genau, was für Ärger droht, wenn dieser geflügelte Lautsprecher in ihrer Nähe wohnt: Ab Mai legt das Kuckucksweibchen drei Wochen lang jeden Tag ein Ei in ein fremdes Nest. Weil Vogeleltern ganz genau wissen, wie groß ihr Gelege ist, und durch ein überzähliges Ei sofort ins Grübeln kommen würden, feuert der Kuckuck immer gleich eines der richtigen Eier aus dem Nest. Und im Juli wirft der kleine Kuckuck-Rocker dann die armen Stiefgeschwister hinterher.

Im Mittelpunkt der großen Frühlingsshow steht ein Kinderprogramm mit lauter Knuddeltieren. Die Eichhörnchen sind noch Babys; sie liegen als nackte, rote und blinde Zwerglein auf dem weichen Moos, mit dem der Boden ihrer Nisthöhle gepolstert ist. Aber nach zwei Wochen ist ihnen der erste Pelz gewachsen, und Ende April sausen sie dann schon wie Kugelblitze durchs Dickicht (Lieblingsspiel: Fangen). Vater musste allerdings vorübergehend ausziehen, weil Mutter kein rechtes Vertrauen zu ihm hat - er darf erst wieder nach Hause, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus sind. Spätestens im Juli aber wird Herr Eichkater seinen Nachwuchs ausgiebig beschnuppern und ihm alles beibringen, was Säugetierkinder hauptsächlich von Papa lernen: hauen, klauen und abhauen - oder, wie Zoologen sagen würden: Paarungskämpfe austragen, Vogelnester plündern und sich bei der geringsten Gefahr sofort in Sicherheit bringen. Zehn Meter unter Eichhörnchens Kinderstube schlummern drei kleine Dachse in ihrer Wiege aus Blättern und Gras. Erst zwei Wochen alt, sehen sie noch wie silberne Teddys aus, sind aber schon ziemlich neugierig, und wenn Mutter Dachs aus dem Bau geht, um Fastfood zu holen, rollt sie jetzt immer einen schweren Stein vor den Eingang, damit die lieben Kleinen nicht ausreißen. Frau Fuchs macht es ihren vier Kindern besonders kuschelig: Sie polstert die Wiege mit Haaren, die sie sich aus dem Bauchfell zupft. Die Kleinen werden noch gestillt, und deshalb kommt Mutter nur alle drei, vier Tage mal aus mdem Bau, um sich wenigstens ein paar Käfer oder einen Frosch zu schnappen - bei dieser alljährlichen Frühjahrs-Fastenkur werden Füchsinnen klapperdürr. Auch bei Spitzmaus und Wanderratte, Hamster und Maulwurf, Hase und Kaninchen, Igel, Wildkatze und vielen anderen Tierfamilien ist im Frühling Baby-Zeit. Zu sehen ist davon zwar erst nicht viel, denn die Kinderzimmer liegen gut geschützt unter der Erde, aber Ende April darf der Nachwuchs an die frische Luft, und dann ist schwer was los.
Nur ein frecher Ferkel-Verein hat sich schon jetzt zusammengerottet: Vor vierzehn Tagen hat die Bache hat ihre sechs rosaroten, schwarzgestreiften Frischlinge in einer mit Moos ausgepolsterten Mulde mitten in einem Fichtendickicht zur Welt gebracht, und jetzt zieht die Rasselbande grunzend durch den Wald. Bei solchen Geräuschen Vorsicht! Wenn Mutter Wildschwein Gefahr wittert, rollt sie wie ein Panzer auf alles los, was sich bewegt.
Menschen müssen in der Kinderstube der Natur ganz besonders rücksichtsvoll sein. Deshalb, liebe Eltern: Achten Sie unbedingt darauf, dass Ihre Kleinen nicht vom Weg abweichen! Jeder Schritt ins Unterholz kann eine Tiermutter und ihren Nachwuchs aufschrecken, mit dem Risiko, dass die flüchtende Familie dann von ihren Feinden entdeckt und verfolgt wird. Tun Sie ihr das nicht an! Kaufen Sie Ihren Kleinen lieber ein schönes Tierkinderbuch, zeigen Sie ihnen die Fotos und erklären Sie dabei, warum Menschen gerade im Frühlingswald immer gut aufpassen müssen.
Chor und Kulisse der großen Show sind besonders attraktiv. Für den guten Ton sorgen als erste die Musiker, die sich im Winter in der Heimat durchgeschlagen haben: Der Eichelhäher hat als Leadsänger das lauteste Mikrofon, im Hintergrund trällern Meisen, Baumläufer und Goldhähnchen, und der Specht hämmert den Takt. Die nächste Nummer gehört dann den Frühheimkehrer unter den Zugvögeln: Bachstelze, Feldlerche und Kiebitz, dem Rockstar des Waldes, der auch so auftritt: Loopings, Sturzflüge, tollste Luft-Kapriolen - keiner bringt am Himmel so viel Action wie er. Und wenn jemand Randale machen will, gibt's Zoff, denn der Kiebitz leitet auch den Sicherheitsdienst des Waldes: Mit lautem Geschrei warnt er die anderen Tiere, bevor er sich mit wohlgezielten Schnabelhieben auf jeden Eindringling stürzt. Selbst Marder und Füchse ziehen den Schwanz ein, wenn der schillernd grünschwarz eingefärbte Luftschutzpunker ihnen seine Flügel um die Ohren klatscht. Die Kulisse der großen Frühlingsshow ist prächtig wie bei einer Operette. Am Bach stehen goldgelbe Sumpfdotterblumen Spalier, überragt von den fleischfarbenen Blütentürmen der Pestwurz - wenn ihre weißen Blüten welken, wachsen ihre herzförmigen Blätter so lange, bis sie mit mehr als einem Meter Durchmesser die größten in ganz Europa sind. Das Wiesenschaumkraut überzieht Feuchtbiotope mit violetten Schleiern. Wo der Hang ansteigt, leuchten schon der gelbe Löwenzahn und wie weißen Margeriten aus dem Gras. Und wenn der Waldmeister seine duftenden Blütenteppiche verlegt, ist es Zeit für das große Finale der ersten Frühlingsshow, mit einem besonders beliebten Evergreen: "Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus."

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt