Summ summ summ - auf der Wiese viel Gebrumm!

Dienstag, 28. Mai 2013

Überall, wo's grün ist, gibt's jetzt eine volle Dröhnung. Denn für alle Vier-, Sechs- und Achtbeiner der Abteilungen Flug und Flatter, Kriech und Krabbel ist im Juli Grasnost angesagt! 

 

Auf dem Highway ist die Hölle los: Überall juckeln Weißlinge und Zitronenfalter in ihrem typischen unorthodoxen Stil (mal schnell, mal langsam) durch die Gegend, als hätten sie sich an der letzten Raststätte vollaufen lassen und nun total den Überblick verloren. Die Bienen und Hummeln scheinen auf die durchgeknallten Flattermänner ziemlich sauer zu sein, denn sie düsen immer ganz knapp an ihnen vorbei, wie genervte Yuppies, die in ihren schnellen Schlitten verpennte Sonntagsfahrer von der Piste powern wollen. Aber ein paar Meter weiter stecken die gestressten Brummer dann doch gleich wieder im Stau, denn dort hat es ein Schwarm winziger Zuckmücken überhaupt nicht eilig und blockiert die ganze Autobahn wie ein Pulk von lauter Kleinwagen, die sich pausenlos gegenseitig überholen.

Auf unseren Wiesen geht es jetzt, im Juli, genauso chaotisch zu wie auf unseren Straßen, denn wenn der Zweibeiner Urlaub hat, ist auch für Vier-, Sechs- und Achtbeiner Action angesagt: Millionen kleiner Flug- und Flatter-, Kriech- und Krabbeltiere suchen den Kontakt zum Herrn der Schöpfung, oft mit ziemlich stichhaltigen Argumenten! Zuckmückenlarven schimmern zwar im Wasser rot, aber nicht von Menschenblut, sondern weil in ihrer Körperflüssigkeit ebenfalls rote Blutkörperchen schwimmen. Die langbeinigen Wiesenschnaken sehen nur gefährlich aus und sind völlig harmlos. Die kleinen Stechmücken-Weibchen aber haben immer Durst und gehen selbst dem Dickfelligsten unter die Haut. Ihre Männer sind dagegen Vegetarier geblieben und naschen nur Nektar. Noch schmerzlicher als mit Frau Mücke wirkt sich die Begegnung mit den blutrünstigen Bremsen aus, die besonders kurz vor Gewittern unheimlich Gas geben. Die Weibchen der Goldaugenbremse zum Beispiel können eine Rinderherde genauso schnell in den Galopp jagen wie ein Rudel Touristen. Zum Glück fährt eine beschwingte Highway-Patrouille jetzt Sondereinsätze gegen diese Terror-Truppe: Die Uferschwalbe (Codewort: "Zerr!") räumt in Bodennähe ab, die Rauchschwalbe (US-Martinshorn: "Widediwitt!") holt die Rowdies aus den Kuhställen und die Mehlschwalbe (Funksignal: "Tschähr!") sichert unter Dächern und Fenstern. Oberster Mücken-Sheriff ist der Mauersegler (Erkennungszeichen: "Srieh Srieh!"), der schneller als alle anderen durch die Gegend heizt, Tag und Nacht unterwegs ist und auf höchster Ebene für Ordnung sorgt, auch wenn er dabei manchmal mitten im Dienst einnickt und dann ein paar Runden mit geschlossenen Augen dreht. Raser, die vom Highway runterfahren und über die Landstraßen donnern, gehen eine Etage tiefer zwischen den Stengeln der Gräser und Blüten der äußerst wachsamen Landpolizei ins Netz, und das wird teuer, denn Kreuz-, Strecker und Baldachinspinne pflegen ihre Kundschaft gnadenlos auszusaugen. Nicht besser ergeht es Falschparkern wie den Blattläusen, die sich einfach am Straßenrand breitmachen und dort ohne Rücksicht auf Flurschäden picknicken wollen. Diese Typen nimmt der Marienkäfer in die Zange. Natürlich kann selbst die beste Polizei nicht überall sein, und deshalb machen sich noch genug freche Larven und fette Schmetterlingsraupen ungestört über die Grünanlagen her. Die vielen Highways und Schnellstraßen ruhen auf einem ganzen Säulenwald aus Stengeln, Stielen und Halmen, von denen jeder einzelne genial konstruiert ist. Wie ein Fernsehturm ragt die Spierstaude aus der Wiese, die jetzt cremeweiß auf 2 m hohen Stengeln blüht. Ihr Zweit-Name "Mädesüß" hat nichts mit netten Girls zu tun - die alten Germanen zuckerten mit den Knollen ihren Met! Zu den Wolkenkratzern der Wiese zählen auch Quecke, Großer Wiesenknopf und Wiesenbärenklau mit über 1.50 m. Dass Gras nicht gleich Gras ist, zeigt die irre Vielfalt der Namen: Den "Taumellolch" mixten mittelalterliche Brauer betrügerisch in ihr Bier, weil der Samen ein Gift enthält, das Sehstörungen verursacht -  so glaubten die Zecher schon nach ein paar Bechern, betrunken zu sein, und kauften das vermeintlich starke Getränk umso lieber (und teurer). Die "Mäuse-Gerste" bildet Ähren mit Körnern, die allenfalls kleinsten Zähnchen zu knacken geben. Das "gemeine Ruchgras" duftet nach Waldmeister, der "Wiesenfuchsschwanz" endet in einer grasgrünen Walze, die wie Meister Reinekes Heck geformt ist, und das Wiesenschaumkraut heißt so, weil es unfreiwillig an die Wiesenschaumzikade untervermietet - dieses Insekt saugt unaufhörlich Nährflüssigkeit aus der Pflanze und drückt dabei aus den Hinterleibsdrüsen eine Art Wachs, das durch die Atemluft wie Seifenschaum aufquillt - prima Tarnkappe gegen Ameisen! Der große Wilhelm Busch schildert in "Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter" die Abenteuer eines selbsternannten Poeten, der auf der Suche nach dem romantischen Naturerlebnis in einer Wiese zum Himmel schaut: "Hier legt sich Bählamm auf den Rücken/Und fühlt es tief und mit Entzücken,/Nachdem er Bein und Blick erhoben:/ Groß ist die Welt, besonders oben!" Doch statt hehrer Einfälle dringt den Einfältigen ein Ohrwurm durch das Einfallstor des Kopfes, oder, wie Busch aus Sicht des lichtscheuen Gewindels reimt: "Engherzig schleicht er durch das Moos,/Beseelt von dem Gedanken bloß,/Wo's dunkel sei und eng und hohl,/Denn nur da ist's ihm pudelwohl./Grad wie er wünscht und sehr gelegen/Blinkt ihm des Dichters Ohr entgegen..." Das weitere lässt sich ahnen: Der entsetzte Naturfreund gerät in Panik und zertrampelt den ungebetenen Gast - schade, denn Ohrwürmer sind sehr nützliche und sympathische Tiere, räumen Abfälle weg, dezimieren die schädlichen Blattläuse und pflegen ihre Brut wie kaum ein anderes Lebewesen: Die Mutter bleibt bei ihren Eiern, bis die Jungen ausgeschlüpft sind, stirbt kurz darauf und dient dem Nachwuchs dann als Babynahrung...

Gruselig? Nur in Menschenaugen, die auch nicht sehen können, dass die Gottesanbeterin noch bei der Paarung das Männchen verzehrt. Auf dem Boden, im Gewirr der großstädtischen Nahverkehrsstraßen, sorgt die Ameisenpolizei für zügige Fortbewegung. Wracks werden sofort abgeschleppt und kommen in den Shredder. Gegen das Tempo der Schnecken lässt sich allerdings nicht viel machen, und leider gibt es auch immer wieder Ausfälle durch den bösen Ameisenlöwen: Dieser Gangster buddelt sich in lockere Böden und ballert aus dem Hinterhalt mit Sandkörnern auf die braven Beamten, bis sie die Balance verlieren. Auch die Feldmaus arbeitet im Untergrund, aber der größte Hooligan ist der Hamster, der sich jetzt ungeniert die Backentaschen vollmacht: als Vorspeise Schnecken und Schmetterlingsraupen, als Hauptgang junge Vögel, als Sättigungsbeilage Getreideähren, Kartoffeln, Mohrrüben und anderes Gemüse, gewürzt mit feinen Kräutern, und das alles in riesigen Mengen - er hat noch keinen Pfennig dazubezahlt, aber seine unterirdischen Kühlschränke sind immer voll, bis zu 50 kg für den nur 50 g schweren Fresssack! Das Klauen ist allerdings riskant, denn als Kaufhausdetektive hat Mutter Natur den Uhu und das Hermelin angestellt, und von denen lässt sich die Speckbacke besser nicht schnappen. Lieber schön vorsichtig - und trotzdem lange Finger machen: Der nächste Winter kommt bestimmt, und wenn Schnee auf der Grasnarbe liegt, macht sich's Gevatter Raffzahn einen halben Meter tiefer in seiner Privat-U-Bahn gemütlich, schnarcht auf weichen Heu-Polstern und haut sich alle zwei, drei Tage tierisch die Wampe voll.

 

Wer im Grashaus sitzt                                                                                                       

Fast jede Wiese hat vier Blumenkleider: Im April trägt sie Weiß aus Gänseblümchen, im Mai Gelb aus Löwenzahn, im Sommer blaurot aus Glockenblumen und Klee, im Herbst Lila aus Herbstzeitlosen. Im Juli kommen besonders kräftige Farbtupfer dazu.   
Wiesenglockenblume
Eine von 18 deutschen Glockenblumen-Arten, bis 50 cm hoch, Albrecht Dürer verewigte sie 1508 auf seiner "Marter der 10 000 Christen"

Wiesenstorchschnabel 
Eine von 17 deutschen Storchschnabel-Arten, steht jetzt in voller Blüte, bis 60 cm hoch, Name nach der länglichen, rötlichen Frucht              

Kuckuckslichtnelke 
Blüht schon auf, wenn der Kuckuck zurückkommt. Bis 90 cm. An ihr hängt oft die Wiesenschaumzikade, die auch "Kuckucksspeichel" genannt wird

Roter Wiesenklee  
In Deutschland seit 1100 bekannt, ab 1775 im großen Stil angebaut, J.C.Schubart aus Sachsen wurde dafür als "Edler von Kleefeld" geadelt                                              

 

Wer sich bei uns jetzt mausig macht                                                                                        

Micky hat auch in Deutschland viele Vettern. Was die so alles treiben, ist unterirdisch!

Ostschermaus                

Hat's gern feucht unter Wiesen am Fluß, toller Taucher, scharf auf Wasserpflanzen und junges Gemüse                                                        

Kleinwühlmaus

Baut gern in höheren Lagen, jährlich 5 x 2-3 Junge, Speisekarte: Kräuter, Früchte, Samen, Pilze

Schneemaus

Will immer hoch hinaus (Alpen), Nester aus trockenem Gras in Felsritzen, jetzt Junge, überzeugter Vegetarier

Feldmaus

Sehr häufig, Riesen-Vorratskammern mit Körnern, Wurzeln, auch Fleisch, jährlich bis zu 10 Mio. Nachkommen!

Waldwühlmaus

Rötliches Fell, 2 Nester (Wohn- und Kinderzimmer) unter Bäumen und Büschen, liebt Pilze

Zwergmaus

Bevorzugt Bachufer, baut Kugelnester in 70 cm hohe Grashalme, allzeit hungriger Allesfresser, nur 2x Junge/Jahr      

Brandmaus

Wohnt am Waldrand, buddelt unterirdische Labyrinthe, vertilgt darin massenweise Larven und Würmer

Gelbhalsmaus

In Erdlöchern und Baumhöhlen, exzellenter Kletterer und Springer, steht besonders auf ölhaltige Samen

Waldmaus

Quartiert sich auf Friedhöfen, in Parks und Gärten ein, requiriert gern Vogelnester als neue Bleibe

Hausmaus

Im Winter zuhaus, im Sommer geht's raus, auf die Felder.

Überzeugter Körnerfresser, kommt überall klar!

Haselmaus

Sommernest in der Höhe (Bäume, Dachböden), Winternest am Boden Deckt sich mit Haselnüssen, Obst und Früchten ein

Birkenmaus

Nur nachts unterwegs, frisst Grassamen, Früchte, Insekten, Weibchen hat jetzt gerade 2 - 6 Junge                                                                                      

 

Bis zum letzten Blutströpfchen                                                                                              

Der auffälligste Schmetterling des Sommers ist das Blutströpfchen. Es trägt auf jedem seiner Vorderflügel sechs rote Flecken, klebt im Juli seine Eier auf die Blätter von Hornklee oder Kronwicke und ist für seine Feinde ungenießbar, weil sein Blut in hoher Konzentration Blausäure enthält. Sein nächster Verwandter ist das Grünwidderchen.

Wussten Sie...

dass eine Kreuzspinne nur 40 Minuten braucht, um aus 18 Meter Faden ein Radnetz von 18 cm Durchmesser mit 20 Speichen und 24 Spiralfäden zu weben?

dass ein Marienkäfer im Laufe seines Lebens 5000 Blattläuse vertilgt?

dass Kiebitze mit den Füßen hören? Sie haben an den Zehen besondere Sinneszellen, mit denen sie selbst solche leisen Erschütterungen wahrnehmen können, die von wühlenden Regenwürmern verursacht werden - schnapp!

dass zu einer großen Bienenfamilie rund 50 000 Tiere gehören und eine Bienenkönigin jeden Tag 2000 Eier legt?

dass der Feldhase 12 Jahre, der Storch 25 Jahre, die Blindschleiche aber 50 Jahre alt wird?

 

Zitat

"Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, 
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde"      
dichtete Goethe vor 200 Jahren in "Reineke Fuchs"                                                                                        

 

 

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