Justin: Märtyrer und Modename

Donnerstag, 30. Mai 2013

Das Wort zum Freitag

Sein Name wird seit einiger Zeit auch in Deutschland immer beliebter: Der hl. Justin ist der Philosoph unter den Kirchenlehrern - und ein Märtyrer. Geboren um das Jahr 105 in Sichem, dem heutigen Nablus in Palästina, empfindet der Sohn einer heidnisch-griechischen Familie schon in jungen Jahren eine brennende Begierde danach, die Wahrheit über Mensch und Welt herauszufinden. Das Studium der philosophischen Systeme enttäuscht ihn immer wieder, bis er unversehens auf das Alte und das Neue Testament stößt. „So ward ihm die Tür aufgetan zur Lehre Jesu Christi“, schreiben Erna und Hans Melchers in „Das Große Buch der Heiligen“. „Er beschaffte sich alles, was er über die Heilsbotschaft des Evangeliums erfahren konnte.“ Bald darauf bekennt sich Justin zum Christentum: Er erkennt, dass er „die allein zuverlässige und brauchbare Philosophie“ gefunden hat.“ Besonders bestärkt ihn das mutige Eintreten der Gläubigen für ihre Überzeugungen. Justin wird zum „Wanderlehrer im Philosophenmantel“, sein Thema ist die Verbindung des christlichen Glaubens mit dem griechischen Geist. Er zieht durch Kleinasien und Griechenland nach Rom, predigt der christlichen Gemeinde in der Hauptstadt der Welt und gewinnt vor allem die Intellektuellen. Seine zahlreichen Reden sind leider nicht erhalten, doch Abschriften des Hochmittelalters lassen das präzise Gedankengebäude erkennen, das ihn unter den frühen Kirchenlehrern besonders auszeichnet. Schließlich wagt er es im Jahr 165 sogar, das Christentum in zwei Denkschriften an die Kaiser Mark Aurel und Lucius Verus zu verteidigen. Darin weist er alle Gerüchte über das angebliche gottlose und  unsittliche Treiben der Christen zurück. Einer seiner erbittertsten Gegner, der Kyniker Crescentius, zeigt ihn an, und der römische Stadtpräfekt Junius Rusticus lässt den Heiligen verhaften. Die Legende überliefert den entscheidenden Dialog: „Wenn ich dich durch Peitschenhiebe töten lasse, hoffst du dann in den Himmel aufzusteigen?“ fragt der Präfekt. Justin antwortet: „Wenn ich leide, so werde ich das erhalten, was unser Gott denen verheißen hat, die seine Gesetze halten.“ Daraufhin lässt der Präfekt den Heiligen mit sechs Gefährten auspeitschen und enthaupten. Diesen Samstag feiert die katholische Christenheit sein Gedenken.

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Ernst Jünger: "Ludwig XI. hatte eine ähnliche Furcht vorm Tode wie der spanische Philipp II.; er ließ ausgesuchte Reliquien aus allen Teilen der Welt kommen, so das Fläschlein mit dem Heiligen Salböl aus Reims. Der Papst sandte ihm eine Altardecke, vor der Petrus die Messe zelebriert haben soll." War es nicht eher Angst vor der ewigen Verdammnis? Ludwig XI. (1423-1483), genannt „der Listige“ oder „die Spinne“, bezeichnet sich zwar als den „allerchristlichsten König“, ist jedoch ein Tyrann, der als Dauphin mit dem Hochadel gegen seinen Vater konspiriert und sich später mit dem Pariser Bürgertum gegen den gleichen Hochadel verbündet. Sein Tod wird seit der Romantik als das schlimme Ende eines Gewaltherrschers dargestellt.

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Der Begriff „Purgatorium“ zeigt, daß es im Fegefeuer nicht um Strafe, sondern um Reinigung geht, um Reinigung von Schuld, aber auch von Scham. Wer seinem Nächsten etwas Böses angetan hat, kann ihm ohne Reue und Buße nicht in die Augen blicken: Die schlimme Sache muss erst "aus der Welt" sein. Wenn wir selbst einmal "aus der Welt" sind, darf die Seele nichts aus ihr mitnehmen, schon gar nicht die schwere Last irdischer Gefühle. Wie könnte sie sonst im Jenseits den Seelen derer begegnen, die sie auf Erden quälten oder unter denen sie litten? Noch viel weniger könnten solche irdischen Gefühle die Seele zum liebenden Gott begleiten - sie müßte ja vor Reue und Scham vergehen. Da Gott die Liebe ist, dient das Purgatorium in Wahrheit keineswegs der Bestrafung, wie das Mittelalter meinte, sondern dem Schutz der Seele.

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Beethovens 2.Symphonie beginnt mit dem Ruf eines Wächters von hoher Warte; er sammelt die zerstreuten Seelenkräfte. Aus allen Winkeln des Wesens eilen sie herbei, sich zum Charakter zu formieren. Das Bewußtsein setzt sich in Bewegung, stellt sich der Welt jenseits der eigenen Haut und wird gleich in geistige Gefechte verwickelt. Der Mut drängt voran, begleitet von Neugier und Selbstvertrauen. Klugheit und Disziplin sichern das gewonnene Terrain. Im 2.Satz kommt Besinnung in das Vorwärtsstürmen, Glaube und Liebe melden sich, lenken das Denken auf Jenseitiges. Gefühle der Sehnsucht und der Dankbarkeit öffnen die Tore der Seele, und Licht - nicht aus irdischer Quelle - fließt in die dunklen Räume der Tiefe. In seinem Schein beginnt das innere Drama des Kampfes zwischen Gut und Böse. Das Licht ist ein starker Verbündeter, und die Finsternis der Selbstsucht muß weichen. Der 3.Satz feiert eine weitere bestandene Phase der Individuation. Trägheit und Trübsinn sind besiegt, Optimismus breitet sich aus, Geist und Seele können sich neuen Herausforderungen stellen. Am Schluß richtet sich der Blick auf das Jetzt, die Hoffnung aber bleibt dem Ewigen zugewandt.

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Oswald Spengler: "Die wahre Moral ist absolut, ewig fertig und stets dieselbe.“ – „Was man in zivilisierten Zeiten Sozialethik nennt, hat mit Religion gar nichts zu tun und beweist durch sein Vorhandensein nur die Schwäche und Leere der Religiosität, aus der alle Kraft metaphysischer Gewißheit und damit die Voraussetzung einer echten, glaubensstarken und entsagenden Moral verschwunden ist … Sozialehtik ist nichts als praktische Politik." - Spengler: "Religion ist erlebte Metaphysik." - "Ein zügelloser und doch trockener allegorischer Geist ist in aller puritanischen Dichtung an die Stell gotischer Visionen getreten." - "Der Islam ist eine neue Religion fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum eine solche war." - "Rationalismus bedeutet den Glauben allein an die Ergebnisse des kritischen Verstehens, also an den 'Verstand'." - "Es gab damals in Bagdad einen Klub, in dem Christen, Juden, Muslime und Atheisten debattierten und in dem die Berufung auf Bibel und Koran nicht gestattet war." - "Jede große Kultur beginnt mit einem gewaltigen Thema, das sich aus dem stadtlosen Lande erhebt, in den Städten mit ihren Künsten und Denkweisen vielstimmig durchgeführt wird und in den Weltstädten im Finale des Materialismus ausklingt." - Über die "zweite Religiosität": "Sie erscheint in allen Zivilisationen, sobald diese zur vollen Ausbildung gelangt sind … Es wird nichts aufgebaut, es entfaltet sich keine Idee, sondern es ist, als zöge ein Nebel vom Lande ab und die alten Formen träten erst ungewiß, dann immer klarer wieder hervor. Die zweite Religiosität enthält, nur anders erlebt und ausgedrückt, wieder den Bestand der ersten, echten und frühen. Zuerst verliert sich der Rationalismus, dann kommen die Gestalten der Frühzeit zum Vorschein, zuletzt ist es die ganze Welt der primitiven Religion, die von den großen Formen des Frühglaubens zurückgewichen war und nun in einem volkstümlichen Synkretismus, der auf dieser Stufe keiner Kultur fehlt, mächtig wieder hervordringt. Jede Aufklärung schreitet von einem schrankenlosen Verstandesoptimismus, der stets mit dem Typus des Großstadtmenschen verbunden ist, zu unbedingten Skepsis fort."

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Angelus Silesius:

  "Mensch, was du siehst,

  in das wirst du verwandelt werden.

  Gott wirst du, liebst du Gott,

  und Erde, liebst du Erden."

 

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