Sieg am Everest

Mittwoch, 29. Mai 2013

Vor 60 Jahren wurde der Mount Everest zum ersten Mal bestiegen. Der Neuseeländer Edmund Hillary und der Nepalese Tenzing Norgay erstürmen den Gipfel der Welt.

Als 1953 die Nachricht von der Erstbesteigung des höchsten Berges der Welt um den Erdball gefunkt wird, sind die Menschen genauso elektrisiert wie 16 Jahre später bei der ersten Mondlandung. Unterschied: Der US-Astronaut Neil Armstrong formuliert Tiefsinniges: "Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit". Dem Himalaya-Helden dagegen fällt nur Plattes ein: "Es war ein schöner Tag, und wir waren sehr glücklich..."

Doch die eher langweilige Feststellung passt perfekt zu dem mundfaulen Neuseeländer: Für Edmund Hillary galt stets, dass Reden Silber sei - und Handeln Gold. Die Bewunderung für seine Leistung kann das Understatement nicht dämpfen: Zu oft schon haben Bergsteiger-Tragödien beim Sturm auf den Mount Everest die Welt in Atem gehalten:

1924 kehren die Engländer George Mallory und Andrew Irvine von einem Gipfelangriff nicht zurück - sie verschwinden in der eisigen Hölle, erst 1999 wird Mallorys Leichnam gefunden. 1934 schleicht sich der Engländer Maurice Wilson als Mönch verkleidet ins Grenzgebiet zwischen Nepal und China ein. Nur mit Wasser und Reis versorgt, wagt er den Aufstieg. 1960 finden Chinesen seine Leiche in 6500 Metern Höhe.

In 32 Jahren haben zwölf Bergsteiger an der mit 8850 Metern höchsten Erhebung des blauen Planeten ihr Leben gelassen, als Hillary antritt - ein Mann wie ein Baum mit der Kraft eines Bären. Am 20. Juli 1919 in Auckland als Sohn eines Imkers geboren, hat er nach zwei Universitätsjahren resigniert und in der elterlichen Bienenzucht angefangen ("Ich war nicht gerade der Gescheiteste"). Mit 21 erklettert er in der nahen Sealy-Kette seinen ersten Berg. 1944-45 dient er in der Luftwaffe seines Landes. Danach jagt er für die Regierung das im Gebirge zur Plage gewordene Rotwild. 1949 hat er bereits viele der großen Gipfel Neuseelands bestiegen und beherrscht die Schnee- und Eistechnik. Gelegentlich steht das 1,87 Meter große Kraftpaket vor Morgengrauen auf, radelt 100 Kilometer zu einem Zweieinhalbtausender, erklettert ihn allein und strampelt bis zum Abend wieder nach Hause.

1951 schließt Hillary sich einer Himalaya-Expedition an, 1952 nimmt er an einem britischen Vorstoß zu dem Achttausender Cho Oyu teil. Danach wählt ihn der britische Bergsteiger Sir John Hunt für seine Expedition auf das Dach der Welt aus. Hillary ist wie geschaffen für das wagemutige Unternehmen. Nur einer scheint ihm ebenbürtig: Tenzing Norgay. Der Sherpa hat im Jahr zuvor mit einer Schweizer Expedition den Gipfel schon vor Augen, als er entkräftet umkehren muss - nur 60 Meter vor dem Ziel.

Hunts Expedition ist von großem Wetterglück begünstigt. Am 29. Mai 1953, vor 60 Jahren, nahmen Hillary und Tenzing von einem Hochlager aus die letzte Etappe in Angriff. Morgens um sieben Uhr begannen zwei dick vermummte Gestalten mit Sauerstoffmasken Stufe um Stufe in das Eis des Gipfelfalls zu hacken, 960 Meter weit. Eine enorme Leistung, wenn man sich vorstellt, daß Menschen in über 8000 Metern Höhe manchmal eine Stunde benötigen, um 20 oder 30 Meter vorwärts zu kommen. Der Nepalese schilderte später: "Ich konnte immer nur eine Minute gehen und mußte dann fünf Minuten ausruhen. Wenn ich ausspuckte, fiel meine Spucke als Schnee zu Boden."

Nach fünfeinhalb Stunden erreichen die beiden Männer ihr Ziel - zuerst Hillary, dann, am Seil nur einen Meter dahinter, Tenzing. In seinen Memoiren schreibt der Neuseeländer: "Ein fester Schneekegel formte einen vollkommenen Gipfel, auf dem mehrere Menschen stehen konnten. Tenzing breitete seine Arme aus und fiel mir glücklich um den Hals. Ich zog meine Kamera heraus und machte einige Bilder von ihm, während er die Flaggen der UNO, Großbritanniens, Nepals und Indiens an seinem Eispickel hochhielt. Wir hatten gute Sicht und blickten auf die Welt hinab, die wie eine Landkarte zu unseren Füßen lag."

Hillary wird geadelt, die Tat seines Lebens ist getan, nun sucht er sich neue Aufgaben: Er leitet sechs Himalaya- und zwei Antarktis-Expeditionen (dabei erreicht er den Südpol als Dritter nach Amundsen und Scott). Er baut vom Erlös seiner Bücher Schulen und Krankenhäuser für die Sherpas und dient seinem Land zuletzt auch als Botschafter in Neu-Delhi. Aber der Himalaya, der ihn unsterblich machte, fordert einen grausamen Preis: 1975 kommen Hillarys Ehefrau Louise Mary Rose und Tochter Belinda bei einem Flugzeugabsturz in Nepal ums Leben. Als der große Mann die schreckliche Nachricht erhält, kann er seinen Schmerz so wenig in Worte fassen wie einst seine Freude: "Das", flüsterte er, "ist sehr hart für mich."

 

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