Dazu bestimmt, die Geisterwelt zu schauen

Montag, 3. Juni 2013

In "Don Quijote" sagt der Held: "Die Kinder sind Stücke aus der Eltern Herz geschnitten, und mithin muß man sie lieben, ob sie gut oder böse seien, wie die Seele, die uns Leben gibt." - "Die Feder ist die Zunge des Geistes, und welcher Art die Gedanken waren, die in dem Geiste gezeugt wurden, derselben Art werden auch seine Schriften sein." - "Die Ehre der Frau leidet weit mehr durch Unvorsichtigkeiten und freies Benehmen in der Öffentlichkeit als durch heimliche Schlechtigkeiten." - "Es gibt Leute, die sich abmühen, Dinge zu ergründen, die, wenn sie gelernt und ergründet sind, nicht für einen Deut wert sind, begriffen und im Gedächtnis behalten zu werden." - "Die Tapferkeit, die nicht auf der Grundlage der Vorsicht ruht, nennt man Vermessenheit." - "Wer als Schwätzer und schlechter Witzmacher herumstolpert, fällt beim ersten falschen Schritt zu Boden und wird zum verhöhnten Allerweltsnarren." - "Für alle, was eines Richters Frau annimmt, muß dereinst der Mann Rechenschaft ablegen." - "Nie leite dich das Gesetz der Willkür, welches gewöhnlich Anwendung findet bei den Dummen, die sich für gescheit halten." -  "Die Tränen der Armen sollen bei dir mehr Mitleid, aber nicht mehr Gerechtigkeit finden als die Beweisgründe der Reichen." - "Suche die Wahrheit unter den Versprechungen und Geschenken der Reichen herauszufinden, ebenso wie unter dem Schluchzen und dem aufdringlichen Bitten des Armen." - "Ein unordentlicher Anzug ist das Merkmal eines schlaffen Geistes." - "Sei mäßig im Trinken, weil du bedenken sollst, daß Wein im Übermaß weder das Geheimnis bewahrt noch Wort hält." - "Fleiß ist der Vater des Glücks." Sein treuer Sancho Panza wiederum weiß: "Fremdes Leid hängt einem am Haar und schüttelt sich leicht ab."

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Die meisten Gedanken passen sich wie die meisten Menschen der Umgebung an, in der sie entstehen.

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"Nabucco" in der Aufzeichnung einer Aufführung der Mailänder Scala 1987. Besonders beeindruckend

im 1.Akt: "Das Gebet unschuldiger Lippen ist der Duft, der zum Herrn hochsteigt" - "Großer Gott, der du auf den Flügeln des Windes dahinfährst" und "An den Ufern Ägyptens gewährte er Moses das Leben." Fesselnd Abigailles "Eine Furie ist meine Liebe" und Ismaels Antwort "Ich gebe dir mein Leben, aber mein Herz kann ich dir nicht schenken." Ins Innerste geht Verdis Melodie, wenn sie im anschließenden Terzett die Sehn- und Selbstsucht des Weibes ummalt: "Ach, ich weihte dir mein ganzes Leben, doch mein Lieben gebar mir nur Leiden..."

Im 2.Akt: Abigailles "Ich weinte zuviele Tränen anderer" und danach das Ruhmlied des Hohepriesters "Du hast die Lippen der Propheten entflammt." Besonders dramatisch Nabuccos "Nimm sie von meinem Haupte!" In der Geschichte seiner Verblendung, seiner Bestrafung, seiner Schmach und Bekehrung geht der babylonische König vom Völkerapostel voraus.

Im 3.Akt Abigailles "Ach, erbärmlicher Alter". Dem Triumph falscher Frauen über wirre alte Männer haftet immer etwas Unappetitliches an. Dann "Zieht, Gedanken, auf goldenen Flügeln", "Oh Harfe, warum hängst du stumm in den Weiden?" – gerade die Schönheit des Verlorenen gibt oft die Kraft, den Verlust zu ertragen. Als der Intendant der Mailänder Scala dem vom Mißerfolg enttäuschten Komponisten das Libretto schickte, war es die Chorstelle des "Va pensiero", an der Verdis widerwilliger Blick hängen blieb. Vielleicht hatte er als italienischer Patriot schon an sein unter österreichischer Fremdherrschaft stehendes Volk gedacht. Nach der Uraufführung am 9. März 1842 wurde die überaus eingängige Melodie auf allen Straßen gesungen, bald sprach man von einer "heimlichen Nationalhymne." Die Italiener identifizierten sich auf diese Weise mit den Juden des babylonischen Exils, so wie sie sich nordamerikanischen Sklaven mit den unterdrückten Israeliten Ägyptens verglichen. Der Chor weckt Tränen des Mitleids mit dem jüdischen Volk, das der Welt so viel gab und darum so viel litt, und dem deshalb der Dank und die Liebe aller Völker gebührt. Der Ruf des Hohepriesters "Die unwürdige Kette zerbricht" erinnert daran, daß das Leben eines jeden Volkes wie das eines jeden Menschen in einer Kette von Prüfungen besteht.

Im 4.Akt: "Mein Streitroß sehnt sich nach dem Kampf wie das Mädchen nach dem Tanz", "Das Firmament hat sich geöffnet, mein Geist sehnt sich nach dem Herrn" und schließlich Nabuccos "Kehre zurück, Israel, zu den Freuden des Vaterlands." Ursprünglich hieß die Oper deutlicher "Nabuccodonsor"; Nebukadnezar war den verschleppten Juden ein für die Zeit gnädiger Herr, ins Exil ging auch nur die Führungsschicht; die kleinen Leute, die Bauern und Lohnarbeiter blieben, und bei ihnen als ihr Interessenvertreter beim babylonischen Hochkommissar der Prophet Jeremia.

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Macchiavelli: "Keine Arbeit ist schwieriger, nichts von zweifelhafterem Erfolg und nichts gefährlicher als die Einführung einer neuen Verfassung. Denn der Neuerer macht sich all diejenigen zu Feinden, die sich unter der alten gut gestanden haben. Diejenigen, die sich unter der neuen gut stehen werden, werden ihn kaum unterstützen, teils aus Furcht vor den Gegnern, die die bestehenden Gesetze auf ihrer Seite haben, teils aus der Kleingläubigkeit der Menschen, die etwas neues erst dann für gut halten, wenn es sich durch eindeutige Erfahrung bestätigt hat."

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Aus einem Gedicht von Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783):

  "Ich bin ewig, und bestimmt,

  Einst die Geisterwelt zu schauen,

  Und mir einen Sitz zu bauen,

  Wo der Tag kein Ende nimmt."



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