Wer singt, sündigt nicht – auch nicht mit süßen Beeren

Donnerstag, 6. Juni 2013

In Ariosts "Orlando furioso", IV.Teil, eilt der Paladin Rinaldo einer Prinzessin zu Hilfe eilt, die der Unkeuschheit angeklagt ist:

  "Verdammt zum Tod ein armes Mädchen dies,

  Daß sie so großen Drang nach Liebeswonnen

  Den Freund in ihren Armen lindern ließ?

  Verflucht sei, wer ein solche Gesetz ersonnen!" - 

  "Die stirbt mit Recht, die durch Versagen kränkte,

  Nicht, die dem treuen Freund das Leben schenkte." –

  "Daß sie den Freund zu sich heraufgehoben,

  Sei's wahr, sei's falsch, mir ist es einerlei.

  Wenn sie's getan, so würd ich's herzlich loben,

  Sofern es nur nicht ruchbar worden sei. –

  "Wenn gleiche Sinnenglut, wenn gleiches Schmachten

  Geschlecht so wie Geschlecht verlockt und zwingt,

  Zum süßen Ziel der Liebe hinzutrachten,

  Was dummem Pöbel wie Verbrechen klingt:

  Soll man das Weib nur strafen und verachten,

  Weil es mit einem oder zwein vollbringt,

  Was ja der Mann mit jenen oder diesen

  So oft vollbringt, straflos, wohl gar gepriesen?"

In V/5 kritisiert der Dichter Gewalt gegen Frauen:

  "Nicht nur es fehle, scheint mir, es verfange

  Sich wider Gott und der Natur Gebot,

  Wer einem Weibe schlägt die schöne Wange,

  Wer nur ein Härchen ihr zu krümmen droht.

  Doch wer ihr Gift verreicht, ihr mit dem Strange,

  Ihr mit dem Messer gibt grausamen Tod,

  Der ist kein Mensch nach meiner festen Meinung:

  Ein Teufel ist's in menschlicher Erscheinung."

Ludovico Ariosto (1474-1533) war das älteste von zehn Kindern eines wenig begüterten Adeligen. Er schrieb das grandiose Versepos 1516-1532, arbeitete es immer wieder um. Es wurde allein im 16. Jahrhundert fast zweihundert Mal nachgedruckt. Noch Voltaire und Goethe schätzten das Werk. Heute: vergessen.

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Zu viel Information ist genauso schlecht wie zu wenig.

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Debussy, La Mer: Die Melodie tritt zurück, selbst hier im "Jeux de vagues", denn diese Musik besitzt die Urkräfte aus tiefsten seelischen Gründen, in denen es kein rasches Plätschern, sondern ein mächtiges Strömen gibt. Wer sich auf See wagt, tauscht das Bekannte gegen das Unbekannte, das ihm Vollendung und Tod bringen kann. Das Meer ist wie die Steppe - die Weite ist beider Maß, und beider Feinde sind Grenze, Endlichkeit und Tod.*

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Maupassant, "Erinnerungen": "Ich komme mir vor wie alte Tiere, die ihren Bau nicht mehr verlassen, weil alles sie ermüdet, alles sie erschreckt. Ich bin nicht mehr in den Jahren, da man neugierig ist, Vergnügungen und neue Freuden sucht. Ich habe nur alte Freuden, meine Vergnügungen sind die des Verzichts, und ich lebe in Erinnerungen, wie junge Menschen in Hoffnungen leben." - Sainte-Beuve: "Geboren werden, leben und sterben im selben Haus." - "Weißt du, warum wir so häufig unglücklich sind, wir Frauen? Weil man uns in der Jugend lehrt, zu sehr an das Glück zu glauben. Wir sind nie mit der Idee, zu kämpfen, zu leiden erzogen worden. Und beim ersten Schlag bricht uns das Herz." - "Das Glück ist die Erwartung, die freundliche Erwartung, das Vertrauen, es ist ein Ausblick voller Hoffnung, es ist der Traum...es gibt nichts Gutes als den Traum, und damit beschäftige ich fast alle meine Stunden. Doch statt in die Zukunft zu träumen, träume ich in die Vergangenheit." - "Ihr in Paris lebt so schnell, daß ihr nicht die Zeit habt zu leben."

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Puschkin, "Eugen Onegin":

  "Jedoch der Geist wird heute trüber,

  Moral, sie ödet uns nur an,

  das Laster wird uns lieb und lieber

  und triumphiert auch im Roman."

Auch Praktisches kommt nicht zu kurz:

  "Indessen tönt von fern der Chor

  der jungen Mägde an ihr Ohr,

  die brav beim Beerenlesen singen

  (sie folgen damit dem Geheiß

  der Herrschaft, die zu hindern weiß,

  daß Mägdemünder sich vergingen

  an herrschaftlichem Beerengut,

  das so im Schutz der Musen ruht)."


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