Als Angela Merkel wegen des Castors zurücktreten sollte

Freitag, 7. Juni 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 6.Juni 1998.

SONNTAG

Schlaue Geschäftsleute haben ein Szene-Fest für junge Leute am Pfingstsamstag um Hamburgs Binnenalster als politische Demonstration ("für eine bessere Zukunft") getarnt. 150 000 junge Leute lassen 22 Tonnen Abfall zurück, den die Stadt nun kostenlos beseitigen muß. Theodor Fontane: "Frei, aber nicht frech, das ist so mein Satz."

MONTAG

Der Bundesrat, lange als Blockadeinstrument mißbraucht, betreibt wieder konstruktive Politik: In einer Erklärung zur Verpackungsverordnung stellt die Länderkammer fest, eine Verpackung sei dann "restentleert", wenn "der Inhalt bestimmungsgemäß ausgeschöpft wurde". Johann Gottfried Herder: "Man glaubt, Satire zu lesen, und liest nichts als treue Denkart.“

DIENSTAG

Der Bremer Senat hat entschieden, daß Geschäfte am Sonntag öffnen dürfen, wenn die dann eingesetzten Verkäufer am Samstag bereits um 14 Uhr Feierabend machen. Dagegen reichen zwei Verkäuferinnen Klage ein: Sie wollen, daß das Geschäft am Samstag um 14 Uhr ganz schließen muß, damit nicht nur die Sonntagsarbeiter, sondern auch alle anderen Kollegen früher nach Hause gehen können. Ernst Hoffmann: "Den Fortschritt verdanken wir den Kurzschläfern."

MITTWOCH

Nach Regierungssprecher Otto Hausers Warnung, die Menschen in Ostdeutschland dürften die Hilfsbereitschaft im Westen nicht durch die Wahl von Extremisten überstrapazieren, zürnen SPD- und "Grüne"-Politiker: "Skandalöser Vorgang", "bodenlose Unverschämtheit". Deutsches Sprichwort: "Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Fiedel an den Kopf."

DONNERSTAG

Die für die Atomwirtschaft zuständigen Länderminister der SPD bewerten den Streit um die "Castor"-Sicherheit offiziell so hoch, daß sie den Rücktritt der zuständigen Bundesministerin fordern. Zur Beratung über notwendige Maßnahmen jedoch schicken sie nur Abteilungsleiter nach Bonn. Jean-Jacques Rousseau: "Schauspiel wird für das Volk gemacht."

FREITAG

In Urs Dietrichs Choreographie "Moment mal!" am Bremer Theater vergewaltigt ein Mann eine Frau, ein anderer reagiert darauf mit obszönen Gesten, ein dritter masturbiert eine Bockwurst. Kurt Tucholsky: "Er hat den Coitus tremens.“

SAMSTAG

Mehrere evangelische Gemeinden verhandeln mit Mobilfunkunternehmen, die Kirchtürme als Relaisstationen für Telefongespräche per Handy mieten wollen - für ab 6000 DM pro Jahr. In Westfalen sind bereits 20 Verträge ausgehandelt. Philipper 1,18: "Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise..."



Anmerkungen

Der CDU-Politiker Otto Hauser war 1998 Kohls letzter Regierungssprecher. Drei Monate vor der Bundestagswahl sagte er in einem Interview mit der Chemnitzer Tageszeitung "Freie Presse", die Bürger in den neuen Bundesländern könnten mit ihrem Wahlverhalten womöglich die Solidarität der Westdeutschen gefährden. Dies wurde ihm vom politischen Gegner als Drohung ausgelegt, die Transferleistungen in die neuen Länder seien in Gefahr, falls die PDS weiterhin hohe Stimmenanteile einfahren und an Landesregierungen beteiligt bleiben sollte. Seit 2010 ist Honorarkonsul der Republik Aserbaidschan. Tatsächlich ließen die Sympathien im Westen der Bundesrepublik für den Soli nach Wahlerfolgen der Ex-Kommunisten deutlich nach.

Bundesumweltministerin war damals Angela Merkel.

Der Schweizer Tänzer und Choreograf Urs Dietrich war 1994–96 einer der Leiter des Bremer Tanztheaters, dessen Hauschoreograf er bis heute ist.



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