Der Schwindler und die Schöne

Samstag, 8. Juni 2013

Vor 270 Jahren, am 8.Juni 1743, wurde Graf Cagliostro geboren. Der falsche Guru und Goldmacher narrte ganz Europa. Manche glauben noch heute an ihn.

Im Jahr 1768 traf Casanova im Gasthaus "Zu den drei Delphinen" in Aix-en-Provence ein in Pilgertracht gewandetes, seltsames Paar: Der Mann war untersetzt und häßlich, die Frau blutjung und verführerisch wie die Sünde selbst. Die beiden erzählten, sie hätten eine Wallfahrt nach Spanien gemacht und sich dabei nur von Almosen ernährt. Der Pilger stellte sich als Giuseppe Balsamo aus Rom vor, seine betörend schöne Frau hieß Lorenza, geborene Feliciani. Wenige Jahre später war aus dem abgerissenen Pilgersmann der nach Casanova zweite große Abenteurer des Rokoko geworden: Alexander Graf Cagliostro, der wohl berühmteste und erfolgreichste Schwindler aller Zeiten.

Vor 270 Jahren, am 8. Juni 1743, in Palermo geboren, hatte sich der Sohn eines bankrotten jüdischen Buchhändlers während einer kurzen klösterlichen Erziehung besonders für das im Keller gelegene kleine Laboratorium interessiert. In ihm eignete er sich Kenntnisse von eindrucksvollen chemischen Verwandlungsspielen an, vor allem von bengalischen Licht- und Raucheffekten, die ihm später von großem Nutzen sein sollten.

Sein Talent fürs Betrügen entdeckte er, als es ihm gelang, ein Theaterbillett zu fälschen und sich damit den Zugang in eine teure Gesellschaftsloge zu erschleichen. Seine kriminelle Karriere begann, als er einen Opferstock aufbrach und die Ersparnisse seines Onkels stahl, worauf er aus Palermo verschwinden musste.

Seine Partnerin fand er in den Elendsvierteln von Rom. Er heiratete die 15jährige und benutzte sie zum Anlocken reicher Gimpel. Dabei drückte er beide Augen zu, wenn seine junge Gattin auch das Lager spendabler Kavaliere teilte. Er selbst hausierte mit selbstgefertigten Schönheitscremes und angeblichen Liebestränken, kopierte und verkaufte Meisterwerke der Graphik (auch von Rembrandt) und fälschte Wechsel, Banknoten sowie Testamente, letztere so raffiniert, daß sich sogar mehrere Gerichte täuschen ließen.

Als die Justiz endlich doch aufmerksam wurde, floh das Paar aus Rom und trieb sich einige Jahre in Südeuropa und Nordafrika herum. 1776 tauchte es dann plötzlich in London auf. Der neue Wohnort war gut gewählt: Von dort breitete sich damals die Bewegung der Freimaurer über Europa aus. Ideen individueller Seelenformung und Humanität abseits der Kirche fanden im Zeitalter der Aufklärung besonders in Adelskreisen viel Anklang. Giuseppe Balsamo nannte sich nun (nach einer Großtante) Alessandro Graf Cagliostro, trat einer Londoner Freimaurerloge bei und erreichte es, daß seine neuen Brüder ihn zum Großmeister wählten. In dieser Funktion standen ihm bei seinen Reisen in England und auf dem Kontinent praktisch alle Türen offen. Geschickt nutzte er dabei die Wundergläubigkeit einer Zeit, die den christlichen Glauben nicht mehr interessant genug fand. Je fantastischere Lügen dieser frühe Guru in Umlauf setzte, desto mehr Anhänger gewann er. Mal erklärte Cagliostro, er sei der Nachfahre byzantinischer Kaiser, mal erzählte er, er sei schon vor der Sintflut zur Welt gekommen, habe Moses gut gekannt, bei Sokrates studiert und mit Cäsar diskutiert.

Er beeindruckte seine Zeitgenossen durch trickreiche Geisterbeschwörungen, verkaufte ihnen selbstgemachte Elixiere und spiegelte vor, er könne Gold machen. Er stiftete eine eigene Freimaurerei nach "ägyptischem" Ritus und nannte sich "Großkophta"; Zehntausende Mitglieder in ganz Europa zahlten je 300 Goldstücke Aufnahmegebühr.

Den Gipfel seiner Laufbahn erreichte der falsche Graf in Paris, wo ihn der mächtige Kardinal Rohan nach Kräften förderte. Damit aber begann auch Cagliostros Verhängnis: Als der Kardinal bei König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette in Ungnade fiel, wurde mit ihm auch Cagliostro in die Bastille gesperrt. In langen Verhören gestanden die Eheleute schließlich ihre Schwindeleien ein. Als das Protokoll an die Öffentlichkeit gelangte, waren sie ruiniert.

Nach ihrer Freilassung über redete Lorenza Balsamo deshalb ihren Mann, mit ihr nach Rom zurückzukehren. Dort wartete jedoch schon die päpstliche Inquisition. 1791 wurde Balsamo zum Tode verurteilt, aber vom Papst zu lebenslangem Kerker begnadigt; er starb 1795 mit erst 52 Jahren. Seine Frau wurde bis zu ihrem Tod in ein Kloster gesperrt. Cagliostros Ruhm als Wundertäter aber blieb wirksam - bis zu manchen heutigen Anhängern der New-Age-Bewegung. "Weitläufige Widerlegung ist hier wider die Würde der Vernunft und richtet auch nichts aus", wußte Kant schon damals über das Phänomen. "Verachtendes Stillschweigen ist einer solchen Art von Wahnsinn besser angemessen, wie denn auch dergleichen Ereignisse in der moralischen Welt nur eine kurze Zeit dauern, um anderen Torheiten Platz zu machen."

 

 

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