Ernst Jünger über Flipper-Automaten

Montag, 10. Juni 2013

Aus Ernst Jüngers Tagebüchern: "Das M ist ein saugender, das P ein abstoßender Konsonant. Dazu die Laute der Ursprache. Mater et Pater, Mama und Papa, mère et pére." - "Bismarck liebte ein Sprichwort: Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen." - "Die Furche, die ein kurzes Leben hinterläßt, ist bald verwittert - sie zu bestellen, bedeutet mehr als Pietät, die eher den Anwesenden ehrt." - "Das wissende Lächeln frühgotischer Madonnen; es ist das der archaischen Götter Griechenlands." - Am 12.Dezember 1979: "Das Potential an Infamie ist gleichbleibend. Sie schlummert in jedem und kann aktiviert werden. Mit Zahl und Reichweite der Medien wächst ihr Einfluss - besonders auf das naive Gemüt. In den Krisen halten sich nur wenige davon frei. Die 'Entlarvung' eines Menschen, der Achtung genoß, in der moralischen Welt ein Grund zur Trauer, wird hier zum Schauspiel und zum Genuß." - "Den Vätern danken wir durch Verhalten, den Müttern durch Existenz.“ Über „Flipper-Automaten“: "Ein Schicksalsspiel auf mathematischer Ebene - weniger profund als eine Patience, doch aufregend." - Aus Chateaubriands Memoiren zitiert Jünger: "Manche Stämme, die am Orinoko wohnten, sind ausgestorben, und von ihren Dialekten haben sich nur ein Dutzend Wörter erhalten; man hört sie von den Papageien, die in die Wipfel der Urwälder geflohen sind. Das erinnert an die Drossel, die auf der Balustrade des Palastes der Agrippina griechische Worte zwitscherte." Weiter: "Wir können den Gesetzen des Staates und den Vorurteilen der Gesellschaft nicht immer entgehen, aber wir können sie durch Intelligenz und Moral transformieren und in unsere Biographie einflechten." – Und: "In die wahre Freundschaft dringt die Politik nicht ein."

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Wer an den Gott des Christentums glaubt, muß auch die Physik des Christentums akzeptieren.

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"Die Dreigroschenoper" als Film (von Wolfgang Staudte, 1962, mit Curd Jürgens, Gert Fröbe, Hannelore Knef). Glückliche Eigenschaft des Zelluloids, darstellendes Spiel für Jahrzehnte zu konservieren. Welchen Anblick böte erst ein Film der ursprünglichen Bettleroper John Gays 1728 in London? Aus Brechts Texten wird besonders hübsch vorgetragen, was Frau Peachum zu ihrer überraschenderweise als Ehefrau heimkehrenden Tochter sagt: "Geheiratet? Erst behängt man sie hinten und vorn mit Kleidern und Hüten und Handschuhen und Sonnenschirmen, und wenn sie so viel gekostet hat wie ein Segelschiff, dann wirft sie sich selber auf den Mist wie eine faule Gurke. Hast du wirklich geheiratet?" - Macheath mit einer Geste des Aufknüpfens zum Münz-Matthias, der zum Unwillen seines Herrn mit einer Untat prahlt: "Du kommst schon hoch, wenn du meinst, du kannst mit mir konkurrieren. Hat man je gehört, daß ein Oxfordprofessor seine wissenschaftlichen Irrtümer von irgendeinem Assistenten zeichnen läßt? Er zeichnet selbst." - Lucy zum eingesperrten Macheath: "Ich liebe dich ja so sehr, daß ich dich fast lieber am Galgen sehe als in den Armen einer anderen." - Entlarvend Macheath' Tirade gegen das Großkapital, das die eigene Schuld unter Anklagen vermeintlich Schlimmerer verschwinden lassen will: "Wir kleinen bürgerlichen Handwerker, die wir mit dem biederen Brecheisen an den Nickelkassen der kleinen Ladenbesitzer arbeiten, werden von den Großunternehmen verschlungen, hinter denen die Banken stehen. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch gegen eine Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?" Besonders interessant die neuen Schlußstrophen im Textbuch mit ihren Bezügen auf die Ereignisse nach 1933:

  "Fritz war SA und Karl war Partei

  Und Albert bekam doch den Posten.

  Aber auf einmal war alles vorbei

  Und man fuhr nach dem Westen und Osten..."

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Gracián: "Man unternehme das Leichte, als wäre es schwer, und das Schwere, als wäre es leicht: jenes, damit das Selbstvertrauen uns nicht sorglos, dieses, damit die Zaghaftigkeit uns nicht mutlos mache."

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Hans Leip, “Aber die Liebe”:

  “Oh hehrer Flug des Geistes,

  so hoch dein Ziel auch ragt,

  zurück zur Erde weist es,

  wen ird'scher Hunger plagt.”

 

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