Kap.1: Auf der Jagd nach dem grünen Gold

Samstag, 8. Juni 2013

I.HYLÄA

  Die Nacht war schwarz wie vor dem ersten Schöpfungstag. Das Licht der Sterne wurde nach seiner langen Reise durch das All zwei Millionstel Sekunden vor Erreichen der Erdoberfläche vom Wasserdampf einer 20 Millionen Tonnen schweren Kumuluswolke absorbiert, die 800 Meter hoch über den Gipfeln des Nebelgebirges schwebte. Die Luftfeuchtigkeit in der Nähe des Bodens betrug 95 Prozent, die Temperatur hatte mit 23 Grad Celsius ihren täglichen Tiefststand erreicht. Bald würde sie wieder ansteigen, denn wie je der andere Ort in Äquatornähe raste auch das grüne Waldland weit hinter den Quellen des Orinoco durch die Erdumdrehung mit der enormen Geschwindigkeit von 465 Metern pro Sekunde der Sonne entgegen.

  Das Paradies lag scheinbar in tiefer Ruhe, und doch war überall das Leben aktiv. Salzhungrige Schmetterlinge küssten Tränen von den Lidern träumender Affen. Linienschwärmer senkten ihre 30 Zentimeter langen Hohlzungen wie winzige Gummischläuche in die Blütenkelche nachtbestäubter Nelken. Ein Skorpionweibchen stieg mit gestreckten Beinen über die duftende Spermatophore, die ein Männchen der gleichen Art in einer modrigen Astgabel abgelegt hatte, und nahm das Samenpaket durch die Genitalöffnung auf, damit seine Eier befruchtet wurden und neue Skorpione heranwachsen konnten, wie es dem Willen des Schöpfers entsprach.

  Wie an jedem Tag seit der Zeit vor zehn Milliarden Jahren, als sich die Erde allmählich aus einem glühenden Gasball in eine rotierende Steinkugel verwandelt hatte, zeigte sich kurz nach sechs Uhr am östlichen Himmelsrand der Widerschein der solaren Lebenslampe. Wie eine physikalische Erscheinungsform göttlichen Willens flutete Licht auf das Land und gab dem Wald das Grün zurück. In Minuten verblasste das Schwarz erst zu Grau und Hellgrau, belebte sich zu Oliv-, dann zu Gras- und Hellgrün, bis endlich das Chlorophyll in Milliarden und aber Milliarden pflanzlicher Zellen von neuem mit dem wundersamen Prozess der Photosynthese begann.

  Der Tag, der ewig neue Sieger, zog in das Paradies ein wie ein König in seinen Garten und bemalte das Land bis zum Horizont mit Lebensfarbe in tausend leuchtenden Variationen. Die großen Bäume, die Aristokraten des Waldes, begrüßten ihn ihrer Würde entsprechend als erste. Nicht nur die Hohe ihrer Wipfel, die oft 80 Meter über den Erdboden ragten, sicherte ihren Rang, sondern mehr noch ihr über mächtiger Anteil an der Biosphäre, jener Schicht werdender und vergehender, wachsender und faulender, zeugender und sterbender Materie zwischen Luft und Gestein: Tausend Tonnen Leben brachte der Wald auf jedem Hektar hervor; neun Zehntel davon lieferten die Bäume. Stolz wie autochthone Ritter reckten sie sich der Sonne entgegen, als das Paradies wieder grün wurde und der tagaktive Teil seiner Bewohner erwachte.

  Wolkenfänger stand auf dem Dach seiner Hütte aus Palmenzweigen im Wipfel des Axtbrecherbaums und schaute froh in den Morgen. In seiner Seele war Frieden. Der Himmel über ihm war klar zu sehen, die hohen Bäume standen fest wie eh und je, vergeblich drängte das schwarze Höllengewölk aus düsterer Tiefe gegen die Pforten des Paradieses. Niemals würden die giftigen Schwaden den Wohnsitz der Gotteskinder erreichen, denn die Macht des Herrn war stärker als Satans Zauber, und solange es keine Sünde gab, drohte auch keine Vertreibung. Hatten das nicht auch die Erzengel immer wieder versichert, seit nun schon fast fünfhundert Jahren? Das Paradies war klein, aber so sicher wie das Nest des Kolibris in den Zweigen des Korallenbaumes. Niemals, niemals würde es anders sein.

***

   Sander steuerte seinen 68er Chevrolet vorsichtig durch das dichte Verkehrsgewühl der Avenida Caracas. Die asphaltierten Arterien Ciudad Guayanas pumpten Tausende von Autos in computergesteuerten Ampelphasen durch den Betonleib der Halbmillionenstadt an der Mündung des Caroni in den Orinoco. Am Überseehafen Puerto Ordaz legten große japanische Erzfrachter ab, um mit dem Schatz aus den Eingeweiden der fremden Erde zu ihrem pazifischen Ameisenhügel zu fahren, von dem sie ausgeschwärmt waren, in aller Welt die Lebensgrundlagen für ihre Konsumkultur zusammen zu klauben. Ihre Sirenen klangen wie das Triumphgebrüll urzeitlicher Ungeheuer. Doch so gierig die Riesentiere aus Asien auch an dem gewaltigen Kotelett nagten, das die Mineralogen „Orinoco-Gürtel“ nennen, der Reichtum des Urwalds war unerschöpflich: Unter der dünnen Folie fruchtbaren Bodens lagen 1,2 Billionen Barrel Öl und zwölf Milliarden Tonnen Eisenerz, neun Milliarden Tonnen Kohle, dazu Bauxit, Kupfer, Zink, Schwefel, Nickel, Mangan, Phosphor, Gold und Diamanten; der Schöpfer hatte an dieser Stelle besonders großzügig in seine Schatztruhe gegriffen und edle Metalle aus voller Hand in die rote Erde gestreut.

  Um 4.17 Uhr erreichte der Orinoco den Höchststand: Die Flut war durch die 36 Kanäle des riesigen Deltas tief in die Venen des Erdteils gedrungen und hatte den Wasserspiegel des Stroms noch 300 Kilometer von der Atlantikküste entfernt um sechs Meter angehoben. Dabei näherte sich dieses wandernde Meer jetzt, Anfang Februar, eben dem Höhepunkt seiner jährlichen Abmagerung: Seit Beginn der Trockenzeit im November war seine Durchflussmenge beständig gesunken, nun lag sie nur noch bei 6000 Kubikmetern pro Sekunde. Bis zum August würde sie sich wieder vervierfachen; dann würde der Strom, drittgrößter des Kontinents und achtgrößter der Welt, wieder seine volle Breite von 3,2 Kilometern erreichen.

  Hätte die Schöpfung in den Savannen an seinen Ufern Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Kamele oder andere Tiere grasen lassen, die Milch produzieren und damit einer Nomadenwirtschaft die Grundlage bieten können, hätten, wie Alexander von Humboldt bemerkte, am Orinoco einst wohl ebenso mächtige Khane geherrscht wie ehedem an Onon und Kerulen, Wolga, Don und Theiß. Und dann hätten die spanischen Konquistadoren auf ihrer Suche nach El Dorado vermutlich ebenso mächtige Gegner gefunden wie die christlichen Ritter des Mittelalters in den Sarazenen oder den Mongolen. Doch in den Savannen Guayanas, den Llanos mit ihren schier endlosen Grasebenen, den schmalen Galeriewäldern an den Flussufern und den Morichepalmen an den Wasserlöchern zählen die großen Huftiere nicht zur biologischen Grundausstattung; sie kamen erst mit den Eroberern aus Europa. Vor ihnen gehörte die weite Savanne den Weißwedelhirschen und den Gürteltieren, den Stachelschweinen, Tapiren und Ameisenbären, von denen sich Jaguar, Puma und Ozelot nährten. Die Indianer jagten sie und erreichten die Stufe des Viehzüchters nie; auch ihre primitive Ackerbautechnik hielt sie in der Steinzeit fest, bis ihr Land den Weißen anheimfiel.

  Sander lenkte seinen Wagen auf den riesigen Parkplatz des „Intercontinental Guayana“ und trat durch die Drehtür in das klimatisierte Foyer.

  „Ah, Mister Sander, sagte der Rezeptionist. „Miss Behring erwartet Sie in ihrer Suite. Nummer 1078.“

  Der Lift trug ihn geräuschlos in den zehnten Stock. Die Suite lag auf der Caroniseite. Als er an die Tür klopfte, hörte er ihre Stimme. „Sind Sie das, Herr Sander?“

  „Ja“, sagte er.

  Sie schob die Sicherheitskette zurück und öffnete. Er fuhr ein wenig zurück, als er sah, dass in einem weißen Bademantel vor ihm stand. Um den Kopf hatte sie ein weißes Frotteetuch gewickelt.

   „Hereinspaziert“, sagte sie munter. „Ich war gerade unter der Dusche. Ich koste den Komfort noch ein bisschen aus. Nehmen Sie sich etwas aus der Minibar. Oder schauen Sie schon mal, was der Room service zu bieten hat.“

   „Wie war Ihr Flug?“

   „Zu lang.“ Sie ließ ihn ein, schloss hinter ihm die Tür und verschwand im Badezimmer.

Sander ging in den Salon, setzte sich in einen hässlichen Polstersessel am Fenster und blickte eine Weile auf den Caroni hinaus. Dann schaute er sich im Zimmer um. Auf dem niedrigen Nussbaumtisch lag ein aufgeschlagenes Buch. Er beugte sich vor und las: „Die Llanos trennen die Küstenkordillere von Caracas und die Anden von Neu-Granada von der Waldregion, jener Hyläa des Orinoco, die schon bei der ersten Entdeckung Amerikas von Völkern bewohnt war, welche auf einer weit tieferen Stufe der Kultur standen als die Bewohner der Küsten und vor allem des Gebirgslandes der Kordilleren. Indessen waren die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Zivilisation, als sie gegenwärtig für die in den Wäldern lebenden Horden eine Schutzmauer der Freiheit sind. Sie haben die Völker am unteren Orinoco nicht davon abgehalten, die kleinen Flüsse hinaufzufahren und nach Nord und Westen Einfälle zu machen…“

  „Interessant, nicht wahr?“ Sie stand plötzlich neben ihm, und er roch den frischen Duft von Limonen. „Kennen Sie die Bücher von AvH?“

  „Von wem?“

  „Alexander von Humboldt.“ Sie trug jetzt ein weißes T-Shirt über teuren Jeans; ihr frisch geföntes Haar fiel perfekt wie in einer Shampooreklame. Sie schien nicht zu bemerken, dass sich ihre Brüste unter dem dünnen Stoff abzeichneten. Sander versuchte, nicht hinzusehen.

  „Ach so. Nein, eigentlich nicht. Ich meine, hier hat schon jeder mal von ihm gehört. Aber so richtig gelesen – nein.“

  „Sollten Sie unbedingt tun. Wirklich sehr interessant. Sie beugte sich über ihn, zeigte auf den Titel und las vor: „‘Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents. Paris, 1814.‘ Wissen Sie, daß AvH über fünf Monate lang in der Hyläa war? So nannte der alte Herodot den Urwald, und AvH borgte sich den Begriff aus. Schien ihm wohl ganz passend. War eine gebildete Zeit. Wir werden hoffentlich nicht ganz so lange brauchen.“

  Ihre Nähe machte ihn nervös. „Sie wollen zum Orinoco?“

  Sie nahm das Buch, setzte sich und blätterte ein paar Seiten zurück. „Hier, hören Sie: ‚Die beiden Becken an den jeweiligen Enden Südamerikas sind Savannen oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze Jahr die äquatorialen Regen fallen, ist fast durchgängig ein ungeheurer Wald, in dem es keinen anderen Pfad gibt als die Flüsse…“

  „Nur die Transamazonica.“

  „Allerdings. Eine schwärende Wunde! ‚Der Wald bedeckt nicht nur den überwiegenden Teil der Ebenen des Amazonenstroms von der Kordillere von Chiquitos bis zu der von Parima, er überzieht auch diese beiden Bergketten. Nahezu 120 000 Quadratmeilen … sechsmal größer als Frankreich … Die Europäer kennen ihn nur an den Ufern einiger Flüsse, die ihn durchströmen…‘“

  „Ja, dass es da oben viel Wald gibt, weiß ich auch so“ sagte Sander.

  „Lesen Sie’s trotzdem“, sagte sie. „Mein Gott, die ganze Reise mit Maultieren und in Pirogen, kaum je ein festes Dach über dem Kopf, ständig diese Mosquitos, und dieser fürchterliche Fraß! Was wollen Sie essen?“

  Er überflog die Speisekarte. „Steak.“

  „Ich auch. Ein Glas Wein dazu?“

  „Bier wäre mir lieber.“

  Sie griff zum Telefonhörer und bestellte. Sander schaute wieder aus dem Panoramafenster, auf die Cachamay-Stromschnellen und den Parque La Llovizna auf der Halbinsel am anderen Ufer des Caroni. Der Himmel hatte sich verdüstert; Regentropfen schlugen an die Scheibe.

  Sie folgte seinem Blick. „Ist das Ihr Paradies?“

  Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Die Hölle liegt auf der anderen Seite.“

  „Ich weiß. Rauchende Schlote und verstopfte Straßen. Vergewaltigte Natur. Menschen in Ameisenjobs. Schrecklich.“

   Unauffällig machte sie sich daran, ihn näher zu inspizieren. Schütteres, aschblondes Haar, leicht eingedellte Nase. Die Tropen hatten ihm sichtlich zugesetzt. Das sonnenverbrannte Gesicht genauso verknittert wie das weiße Leinensakko. Im Blick die sanfte Resignation eines knapp Fünfzigjährigen, weise genug, nicht mehr hinter den alten Schimären Geld, Macht und Ruhm herzujagen. Sander wiederum sah eine junge, großgewachsene, selbstbewusste Frau Ende zwanzig, das blondes Haar perfekt geschnitten, in den graublauen Augen einen Ausdruck freundlicher Autorität.

  „Ich habe Sie mir älter vorgestellt“, sagte sie. „Sie sind gut in Form.“

  „Man tut, was man kann“, erwiderte er ein bisschen lahm.

  „Wann sind Sie denn hierhergekommen?“

  „Anfang der sechziger Jahre, als es hier losging. Dass hier riesige Mengen Eisenerz im Boden liegen, war aber schon viel früher klar. Als die ersten Airlines über den Urwald flogen, und die Piloten sich immer wunderten, dass die Kompassnadeln verrückt spielten. Erst wurde das Vorkommen am El Pao entdeckt, und gleich nach dem Krieg das noch viel größere da hinten am Cerro Boh'var. Der Kegel da drüben am Horizont. Als ich kam, hatte die Orinoco Mining schon Straßen und Eisenbahnen gebaut, und auf dem Fluss fuhren schon die großen Überseefrachter. Das Wasserkraftwerk gab es auch schon ein paar Jahre, aber die Indianer paddelten immer noch in ihren Pirogen bis an die Staumauer und staunten.“

  „Und für wen sind Sie damals geflogen?“

  „CVG. Corporacion Venezolana de Guayana. Gehört dem Staat, hat versucht, die Sache auf die Reihe zu kriegen. Jeder plante und baute drauflos, wie es ihm gerade einfiel. Die CVG kam mit einem General, und der brachte den Laden auf Vordermann. Eisenerz, Stahl, Bauxit, Aluminium, Energie, Landwirtschaft, Hafen und so weiter.“

  „Die Indianer haben nicht besonders viel davon.“

  „Ja, für die ist hier nun natürlich kein Platz mehr. Das war hier ein Aufbauprogramm wie bei einem stalinistischen Fünfjahresplan, mit dem kleinen, aber wesentlichen Unterschied, dass die Arbeiter klotzig verdienen.“

  „Und Sie haben die Prospektoren geflogen.“

  „Sollte ich mich jetzt dafür schämen? Es waren andere Zeiten.“

  „Stimmt. Damals wusste keiner, was der Bergbau der Erde antut, besonders hier, in diesem hochempfindlichen Ökosystem. Wie konnten sie nur so irrsinnig viel Wald abholzen!“

  „Tja, Pech für Sie. Chemiekonzerne sind aber auch nicht gerade für besonders viel Rücksicht auf die Umwelt berühmt.“

  „Wir sind keine Chemiker, wir sind Pharmazeuten“, sagte sie.

  Es klopfte. Sie warteten, bis der Kellner den Trolley ins Zimmer geschoben hatte und wieder verschwunden war.

  „Ich meine, es geht mich natürlich nichts an, aber ich habe auch noch nirgends gelesen, dass Arzneimittelhersteller gern auf Profite verzichten.“

  „Idealismus ist was Schönes, aber ganz ohne ein bisschen Materialismus geht es nun mal nicht. Idealismus kostet Geld, Materialismus verdient es. Man muss nur aufpassen, dass nicht die Balance kippt. Sie hob ihr Glas.

   „Prost“, sagte er und schnitt dann hungrig in das kurzgebratene Fleisch.

  Sie aß nur die Hälfte des Steaks, tupfte sich die Lippen ab und fragte: „Wann ging denn diese glorreiche Pionierzeit zu Ende?“

  „In den Achtzigern. Die Prospektoren hatten so viele Lagerstätten entdeckt, dass es 300 Jahre dauern wird, sie alle auszubeuten: Allein das Öl - mehr, als die Saudis und die Kuwaitis zusammen. 300 Jahre!“

  „Wenn die Menschheit überhaupt so lange durchhält“, sagte sie. „Hier sieht man ja, was unsere westliche Zivilisation für die Erde bedeutet. Büroburgen, Wohnsilos, Fabriken, Kühltürme, Hafenanlagen, überall Autos. Hier standen einmal Bäume, die haben 500 Jahre gebraucht, um so hoch zuwachsen, und die verdammten Motorsägen bringen sie in einer halben Stunde um.“

  „Davon gibt’s hier noch mehr als genug“, erwiderte er. „Keine Bange, so schnell kriegen die Ihr Paradies nicht kaputt. Und die Leute hier können ja auch nicht vor Hunger verrecken, nur weil es Greenpeace missfällt, dass hier ab und zu ein paar Bäume umgehauen werden.“

  „Paar Bäume!“ wiederholte sie anklagend.

  „Und wenn schon. Jeder halbwegs anständige Sturm wirft in diesem Wald mehr um, als sämtliche Motorsägen in einem Jahr schaffen. Außerdem hat die Regierung schon längst ein Riesen-Aufforstungsprogramm. Drüben, auf der anderen Seite. Früher gab es auf dem Nordufer nur Savanne, eigentlich Halbwüste, dreckige Erde mit ein paar Büschen. Für Notlandungen allerdings gut zu gebrauchen. Die CVG kaufte in Guatemala Samen von karibischen Kiefern aus Guatemala, zog Setzlinge, und heute rauschen dort 140 000 Hektar Kiefern, und 50 000 Hektar Eukalyptus. Sie können dort jetzt schon 50 Kilometer weit durch Schatten fahren. Die CVG-Ingenieure haben Pflanzmaschinen gebaut, mit denen sieben Mann täglich 30 000 Setzlinge in die Erde bringen. Wenn das Öl alle ist, wird Venezuela die Welt mit Papier beliefern.“

  „Und mit Medikamenten“, sagte sie. „Unser Unternehmen wird nicht nur nehmen, sondern auch geben. 20 Prozent der Gewinne aus jedem Arzneimittel, das wir hier entwickeln, fließen in die Provinz Amazonien zurück. Die Leute hätten ja auch dann nicht mehr von ihrem Wald, wenn wir nicht da wären, oder? Sie würden ihre Bäume an die Tropenholzdealer verkaufen und den Rest schlicht und ergreifend verbrennen. Verbrennen - all diese unersetzlichen Ressourcen! Mich regt schon auf, dass wir uns den Wahnsinn leisten, Öl zu verfeuern, aus dem wir tausende hochwertige Medikamente herstellen könnten. Im tropischen Regenwald finden sich auf jedem Hektar über 500 verschiedene Arten allein von Holzgewächsen. Ein Höchstmaß an Diversität, einmalig auf der gesamten Erdoberfläche. Die Pflanzen hier enthalten hochwirksame Arzneistoffe, deren Wirkung wir noch gar nicht kennen, vielleicht sogar nie kennenlernen werden, weil sie verschwunden sind, ehe wir sie entdecken. Bei jeder Brandrodung geht eine ganze Bibliothek genetischer Forschung verloren. Wissen Sie eigentlich, was die Medizin dem Urwald schon heute verdankt? An der Universität Belem wurden aus Dschungelpflanzen bereits Mittel gegen Epilepsie, Diabetes, Grippe, Diarrhöe und Zahnschmerzen entwickelt. Schon heute stammen zehn Prozent aller rezeptpflichtigen Arzneien auf der ganzen Welt sämtlich aus dem tropischen Regenwald. In Ekuador nehmen die Indianerinnen Piri-Piri als Antibabypille. Anorado verhindert Fehlgeburten. Virola hilft gegen Hautkrankheiten. Wenn ich alles aufzähle, bin ich morgen noch nicht fertig.“

  Sie nippte an ihrem Glas und sah ihn erwartungsvoll an.

  „Trotzdem ist es ein gutes Geschäft für Sie.“

  „Vergessen Sie nicht, dass wir enorme Aufwendungen haben. Was meinen Sie, was allein diese Expedition kostet? Denken Sie nur mal an Ihr Honorar!“

  „Das finde ich völlig okay“

  „Ja, natürlich, keine Bange“, lächelte sie. „Viel wichtiger als ist was ganz anderes: Was holt man aus dem Urwald heraus, und wie holt man es heraus? Und da kann ich Ihnen sagen, wir betreiben hier Pharmaforschung, und keinen Ölschiefertagebau. Wir arbeiten so ökologisch, ökologischer geht’s gar nicht. Keine Camps in der Wildnis. Keine Hubschrauberlandeplätze. Keine Anwerbung von Eingeborenen als Arbeitskräfte, damit sie Geld für Schnaps und Transistorradios haben. Wir gehen so schnell rein in den Wald und auch wieder heraus, dass die uns gar nicht bemerken.“

  „Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.“  

  „Tue ich nicht. Unser Thema ist die Kronenregion. Wissen Sie, wie man die früher erforscht hat? Die Wissenschaftler fuhren mit dem Jeep in die Wälder, hauten einfach ein paar Urwaldriesen um und guckten sich dann die Blüten und Insekten auf dem Erdboden an. Das machen wir anders. Auch dank Ihrer Hilfe. Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

  „Nein. Ich habe mich nur gerade gefragt, wie Sie da draußen zurechtkommen wollen. Für Frauen wie Sie ist das eigentlich nicht das Rechte. Keine Klimaanlage, keine eisgekühlten Drinks. Keine Hygiene. Absolut keine Hygiene.“

  „Was Sie nicht sagen.“

  „Stattdessen jede Menge lästiger Viecher. Und ich rede nicht nur von ein paar Moskitos oder Ohrwürmern. Da draußen gibt es Mücken, die so klein sind, dass sie Ihnen unter die Augenlider kriechen. Schnaken, so giftig sind, dass Ihnen der Kopf anschwillt wie ein Ballon. Sandflöhe, die ihre Eier unter Ihren Fußnägeln ablegen. Sie merken das erst, wenn sich die Larven durch das Nagelbett fressen. Fliegenschwärme so dicht, dass Sie sich die Nase zuhalten müssen, wenn Ihnen die Biester nicht ins Gehirn kriechen sollen. Auf jedem Ast Zecken, die sich an den intimsten Stellen in die Haut bohren. Man muss sich ständig gegenseitig nach ihnen absuchen, so, wie sich die Affen lausen. Man muss sich ziemlich gut kennen, wenn man dort…“

  „Keine Sorge, sagte sie munter, „wir von der BPW stellen ja schließlich keine Gummibärchen her, sondern erstklassige Medikamente. Auch für die Tropen. Auch zur Prävention. Sie haben also nichts zu befürchten. Wir werden den Biestern schon beikommen, glauben Sie mir. Waren Sie mal auf Marajo? Amazonasmündung?“

  „Ich weiß, wo das ist.“

  „Ich war dort. Ein einziger riesiger Sumpf, größer als die Schweiz. Anakondas, so lang wie Autobusse. Die Universität von Belem betreibt dort mit der Harvard Medicine School eine ethnobotanische Forschungsstation. Ich war zwei Jahre dabei. Ich war auch in Ekuador, bei den Auca, und in Peru. Ich weiß, wie man in einer Hängematte liegt. Ich weiß auch, wie man bei 35 Grad Hitze schläft und bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit arbeitet. Und was Jejenes, Zancudos und Tempraneros sind, weiß ich auch nicht nur aus den Büchern von AvH.“ Ein Funken Spott glomm in ihren Augen.

  „Entschuldigung“, sagte Sander beeindruckt. „Sie sehen nun mal nicht aus wie jemand, der Spaß daran hat, Tausendfüßler zu essen, stinkendes Wasser zu trinken und sich monatelang von Moskitos piesacken zu lassen.“

  „Haben Sie schon mal geröstete Vogelspinne gegessen? Sehr delikat, kann ich Ihnen sagen. Das Muskelfleisch schmeckt wie Hühnchen. Aber das Beste sind die Eier. Man wickelt sie in Blätter und dünstet sie.“

  Er musste lachen. „Sie kennen sich aus.“

  „Dass ich extra vom Cocuy herübergeflogen bin, um Sie persönlich abzuholen, mögen Sie bitte als Zeichen meiner Wertschätzung betrachten“, sagte sie freundlich. „Aber es hat auch ein bisschen damit zu tun, dass ich noch mal in einem anständigen Hotel übernachten und mich ein bisschen verwöhnen lassen wollte. Deswegen bin ich aber noch lange kein Zuckerpüppchen. Wenn ich boshaft wäre, könnte ich zu Ihnen sagen, Sie sähen aus wie einer von diesen Typen, die den Garimpeiros Schnaps und Weiber in den Urwald karren. Das wäre genauso ungerecht. Denn so was haben Sie nicht nötig.“

  Sander zog es vor, zu diesem Punkt zu schweigen.

  „Nach meinen Informationen sind Sie der mit Abstand beste Pilot zwischen Caracas und Manäus“, sagte sie versöhnlich. „Und nach Ihren Informationen auch, sonst hätten Sie Ihr Honorar nicht so hoch angesetzt.“

  „War als Verhandlungsbasis gedacht.“

  „Na hören Sie mal! Sehe ich aus wie jemand, der nicht weiß, was gute Leute sind? Sie haben amerikanische Touristen mit einem Heißluftballon über den Salto del Angel gefahren. Und Professor Halard hätte Sie nicht empfohlen, wenn Sie bei seiner Roraima-Expedition…“

  „Schon gut..."

  „Andererseits weiß ich natürlich auch, dass es hier zur Zeit mit der Fliegerei nicht mehr so läuft, seit die Sidor, die Edelca, die Venalum und wie sie alle heißen, inzwischen ihre eigenen Flugzeuge und Piloten haben. Dass ich Ihr Honorar trotzdem akzeptiert habe, sollte Ihnen doch etwas Vertrauen in mich einflößen.“

  „Ich nehme mal an, dass da ein bisschen was Schweigegeld bei ist.“

  Sie beugte sich ein wenig vor und sagte: „Gut, dass Sie noch mal darauf zu sprechen kommen. Der Passus mit der Konventionalstrafe ist durchaus keine Formalität. Was Exklusivität und Geheimhaltung angeht, versteht BPW keinen Spaß. Schließlich investiert unser Haus Millionen in diese Expedition. Und was wir da draußen im Regenwald finden, kann noch viel mehr wert sein. Wenn wir Glück haben und einen Wirkstoff entdecken, aus dem sich wirklich was machen lässt, sagen wir, gegen Krebs, oder Aids, dann werden Sie sehen, wie es hier von Leuten wimmelt, die herausfinden wollen, wo genau Sie mich hingebracht haben.“

  „Was suchen Sie denn nun eigentlich?“

  Sie blickte ihn prüfend an. „Vielleicht ist es wirklich am besten, wenn ich es Ihnen gleich sage, sonst bringt es Sie noch um den Schlaf. Mein Fachgebiet sind epiphytische Zisternenbromelien. Hier nennt man sie Parasitos.“

  Sander blies leicht die Backen auf. „Die Dinger auf den Bäumen, die aussehen wie so ‘ne Ananas?“.

 „Ja. Es gibt aber keinerlei Beweise, dass sie ihren Gastbäumen wirklich Nährstoffe entziehen. Sie sind reine Aufsitzer. Ihre Wurzeln schlingen sich zwar wie Draht um die Äste, sie schnüren sie aber nicht ab wie die Würgefeige und dringen auch nicht durch die Rinde. Sie nutzen lediglich die Höhe, weil es auf dem Boden nicht genug Sonnenlicht gibt.“

  „Und jetzt wollen Sie mit dem Luftschiff an sie ran?“

  „Sie haben es erfasst. Mit dem Hubschrauber klappt es nicht. Wir haben es probiert. Viel zu laut, man kann sich schlecht konzentrieren, und dann diese Wirbel. So ein Luftschiff gleitet schön leise über den Wald, hält mal kurz an - schwupps, habe ich ein Körbchen voll.“

  „Wie viele Bromelien brauchen Sie denn?“

  „Ich nehme immer nur ein paar Teile.“

  „Und wie lange dauert es, so eine Pflanze auf dem Baum auseinanderzunehmen?“ erkundigte er sich. „So ein Luftschiff … bei Wind…“

  Sie lächelte. „Zwischen drei und fünf Minuten.“

  „Ist Ihr Luftschiff wirklich so gut wie das von Halard?“

  „Besser. Kunstfaserskelett, 24 Meter, 2000 Kubikmeter Helium, Rolls-Royce-Motoren, Propeller an Seiten und Heck, automatische Fangvorrichtungen an Bug und Heck. Hülle aus Trevira, gasdicht beschichtet, reißt erst bei fünf Tonnen pro Meter, wie die Sicherheitsgurte an Ihrem Auto.“

  „Als meine Schüssel gebaut wurde, gab’s so was noch gar nicht.“

  „Kann ich mir denken. Unglaublich, diese stinkenden alten Rostkisten hier. Stinkende Benzinfresser, aber keinerlei Sicherheitsstandards. Typisch. Aber weiter: Tankinhalt 380 Liter. Das reicht für 28 Stunden oder 1100 Kilometer. Nutzlast 380 Kilogramm. Höchstgeschwindigkeit 90 Stundenkilometer. Enorm manövrierfähig.“

  „Das Schwierigste war die Arbeit mit dem Kunststofffloß“, sagte Sander. Das Absetzen in der Kronenregion klappte ganz gut, aber es dann wieder an den Haken zu kriegen…“

  „Brauchen wir nicht“, sagte sie knapp.

  „Keine Arbeitsfläche zum Absetzen?“

  „Nein. Halard musste so was natürlich haben, bei dem krabbelten sie ja immer gleich zu sechst in den Bäumen herum. Die hatten aber auch ein völlig anderes Programm. Studien zur Baumarchitektur. Messungen zur Photosynthese. Was die Franzosen halt immer so machen. Mehr für die wissenschaftliche Gloire als fürs Geschäft. Bei uns geht es ausschließlich um epiphytische Zisternenbromelien. Sie fahren möglichst nahe an sie heran, und ich schneide dann was von ihnen ab. Anschließend Untersuchung im Basislager. Wir haben in Cocuy ein Feldlabor aufgebaut. Ach so: Eine kleine Veränderung gibt es doch. Die Leute von der Luftschiffwerft haben einen hydraulischen Ausleger mit einem Korb aus Kohlefaser an die Gondel gebaut. Funktioniert so ähnlich wie die Dinger, mit denen die Leute vom E-Werk an den Peitschenlampen die Leuchtkörper auswechseln.“

  „Reichweite?“

  „Knapp sechs Meter. Handsteuerung. Sie können den Korb aber auch von der Gondel aus bedienen. Geht kerzengerade nach unten, kann also die Stabilität nicht beeinträchtigen. Sagt jedenfalls unser Ingenieur. Das wird mal eine durch und durch ökologische Expedition. Wir werden über den Wald dahinschweben wie die Engel über den Garten Eden. Haben Sie gewusst, dass die Konquistadoren hier das Paradies vermutet haben?“

  „Die haben hier eine ganze Menge vermutet. El Dorado. Die Amazonen. Die geheimnisvolle Millionenstadt Manoa. Aber gefunden haben sie nur Milliarden Moskitos.“

  „Wir werden es besser machen, sagte sie lächelnd.

  Als sie ihr Glas hob, und er mit seiner Bierflasche grüßte, heulte eine besonders laute Schiffssirene auf dem Strom. Maria Behrings Augen begannen unternehmungslustig zu funkeln. Für sie klang es wie ein himmlisches Posaunensignal, das sie aufrief, zu tun, wozu sie gekommen war. Für Sander aber klang die eherne Saurierstimme wie eine Warnung vor tödlicher Gefahr.

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt