Der Egoismus als Wanze

Dienstag, 11. Juni 2013

In "Flegeljahre" lässt Jean Paul einen Pfarrer sagen: "Vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig, aber wohl ein redliches Gemüt." – Der umherziehende Flötenvirtuose Vult sagt: "Die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse." Und: "Einen Menschen muss jeder, der auf den Rest Dampf und Nebel loslässt, besitzen, einen Auserwählten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck' hinein." Jean Paul über die Romanschreiberei: "Es ist bekannt, dass unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und das letzte, gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend." Über "die Kälte, welche imponiert" (die der Angehörigen höherer Gesellschaftsschichten): "Wasser gefriert sich immer erhoben." Vult: "Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille sich einbeißende fortsaugende Wanze." - Jean Paul über eine Schöne: "Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um 5 bis 7 Jahre jünger als eine Jungfrau von 30."  - Außerdem: "Wie im Zimmer das Wetter, so ist im Freien die schöne Natur der Notpfennig und Hecktaler des Gesprächs." - "Klothar behauptete, daß die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein Geschlecht." - "Selige, heilige Tage, welche auf die Versöhnungsstunde der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfeld begreifen den vorigen vergessenen Krieg nicht." – Wiederum Vult: "Wer arm w i r d - nicht wers i s t -, verdirbt und verderbt, und wär's nur, weil er jeden Tag einen anderen Gläubiger oder denselben anders zu belügen hat, um nur zu bestehen. So feiert er jeden Tag ein Fest der Beschneidung fremder Narren." Und zur leichtfertigen Großzügigkeit des weichherzigen Bruders: "...niemand verschenke mehr als Personen, die man später henke - nichts sei weicher als Schlamm, der versenke."

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Alle großen Kunstwerke sind von Gott in Auftrag gegeben, gleich ob der Künstler es ahnt, weiß oder will.

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Mozart, Klaviersonate a-Moll KV 310: Besonders das Andante cantabile weckt Sehnsucht nach Unbekanntem, richtet Herz und Sinn auf ferne Welten voller Süße und Weh, zu denen nur Pegasus trägt.

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Aus Koeppen, "Das Treibhaus": "Schwarzrotgoldene Streifen - Schwarzrotmostrich, wie wir früher sagten." - "Die Wohlhabenheit schritt mit der Heckenschere durch den Park, knirschenden Kies unter dem leichten Altersschuh." - über einen Kiosk: "Das Gutenbergbild der Welt". - "Die Geschichte war ein tolpatschiges Kind oder ein alter Blindenführer, der allein wußte, wohin der Weg ging, und deshalb rücksichtslos vorantrieb." - "In monarchistischer Zeit trugen die treuen Diener die Barttracht der Könige und Kaiser." - "Die Automobile der Regierung sehen wie amtliche schwarze Särge aus, sie haben etwas phantasielos Zuverlässiges, sind von gedrungenem Bau, kosten viel, stehen jedoch in dem Ruf, solid und sparsam, dazu noch repräsentabel, zu sein." - "Wie ein altes Boot, das seinen Halt verloren hat, war er auf des Tages unsteten Strömungen dahingeglitten." - "Die Sage von Pandora und ihrer Büchse ist ein Gleichnis für das Übel, das aus Weibshörigkeit stammt, aber Keetenheuve hätte dem alten Knurrewahn gern eine Büchse des Mars beschrieben, aus der, wenn man sie öffnete, alle Weltübel, die nur auszudenken waren, breit, kräftig und allwegs vernichtend strömten."  Wolfgang Koeppen (1906-1996) arbeitete als Drehbuchautor für die UFA und wurde deshalb vom Kriegsdienst zurückgestellt. Nach einem Bombeneinschlag tauchte er unter. Nach dem Krieg handelte er mit Antiquitäten. 1949 lernte er den Verleger Henry Goverts kennen, der Koeppens drei wichtigste Romane druckte: „Tauben im Gras“ (1951), „Das Treibhaus“ (1953) und „Der Tod in Rom“ (1954).  

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Gellert, "Die junge Ente":

  "Befürchte nichts für dessen Leben,

  Der kühne Taten unternimmt.

  Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt,

  Dem hat sie auch den Mut zu der Gefahr gegeben."


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