"Kurze Haare sind bald gekämmt"

Mittwoch, 12. Juni 2013

Wieder einmal "Buddenbrooks". Diesmal gefallen besonders: "Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden enttäuscht." - "Das, was man Thomas Buddenbrooks 'Eitelkeit' nannte, die Sorgfalt, die er seinem Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in Wirklichkeit etwas gründlich Anderes. Es war ursprünglich um nichts mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich von Kopf bis zur Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewusst zu sein, die Haltung gibt" - "Man begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in seinem Widerstande nicht sicher fühlt." - "Kurze Haare sind bald gekämmt" - "Gegen einen Misthaufen kann man nicht anstinken". Bewegend Thomas Buddenbrooks Gedanken über Tod und Seele: "Der Tod war ein Glück, so tief, daß es nur in begnadeten Augenblicken, wie diesem, ganz zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglich peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den widrigsten Banden und Schranken - einen beklagenswerten Unglücksfall machte er wieder gut." - "Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der Schule oder der Kirche darüber belehrt? Wie war es verantwortbar, den Menschen in einer solchen Unwissenheit zu lassen?" Manns Verleger S. Fischer versprach per Brief vom 26.10.1900: "Glauben Sie, daß es Ihnen möglich ist, Ihr Werk um etwa die Hälfte zu kürzen, so finden Sie mich im Prinzip sehr geneigt, Ihr Buch zu verlegen. Ich glaube nicht, ob sich viele Menschen finden, die Zeit und Konzentrationslust haben, um ein Romanwerk von diesem Umfange in sich aufzunehmen..." Der Roman erschien dennoch ungekürzt, in zwei Bänden; die Kritik verglich ihn "mit einem im Sande mahlenden Lastwagen", doch schrieb Samuel Lublinski 1902 im Berliner Tageblatt: "Und darum, weil sich in den Buddenbrooks ein erlebtes und tief empfundenes Weltgefühl mit einer bewußten Kunst innig verbunden hat, deshalb bleibt dieser Roman ein unzerstörbares Buch. Es wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden: eines jener Kunstwerke, die wirklich über den Tag und das Zeitalter erhaben sind, die nicht im Sturm mit sich fortreißen, aber mit sanfter Überredung allmählich und unwiderstehlich überwältigen."

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Die Toten sehen mehr als die Lebenden.

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Haydns Symphonie Nr. 100 in B-Dur, die "Militärsymphonie", segnet im 1.Satz die Größe und Würde des Todes auf dem Schlachtfeld, jener großartigen Weise zu sterben, die heute von der Feigheit so nachhaltig diffamiert ist. Der Tod im Dienst des Guten ist das höchste Opfer und kommt der Hingabe Jesu und seiner Märtyrer nahe. Der Mann, der im Kugelhagel vorgeht, ist allemal mehr wert als jener, der in der Etappe feige die Feder wetzt, um sich moralisch über den Kämpfer zu erheben. Der 2.Satz erinnert an die Tradition dieser Idee; er führt in die Zeiten eines Prinz Eugen zurück und weckt Gedanken an Rilkes „Cornet“. Der 3.Satz scheint maßvoll ein Siegesfest zu feiern, das auch den Unterlegenen ehrt wie in Schillers Ballade:

  "'Weil des Liedes Stimmen schweigen

  von dem überwundnen Mann,

  so will ich von Hektorn zeugen',

  hub der Sohn des Tydeus an:

  'der für seine Hausaltäre

  kämpfend, ein Beschirmer, fiel -

  krönt den Sieger größre Ehre,

  ehret ihn das schönre Ziel!'"

Der 4.Satz schließlich führt ins Herz der Schlacht, in der die großen, heute verleumdeten Werte zählen: Mut, Tapferkeit, Treue.

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Joseph Roths "Hiob" transportiert Alttestamentarisch in die Gegenwart, etwa, als der Rabbi prophezeit: "Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark." Es sind die Prüfungen, die der Erfüllung vorauszugehen haben. - Deborah zu Wendel Singer: "Du bist so töricht geworden, weil du Kinder unterrichtest! Du gibst ihnen dein bißchen Verstand, und sie lassen bei dir ihre ganze Dummheit.“ Außerdem: "Wer kein Unglück hat, glaubt auch nicht an Wunder."

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Boethius, "Trost der Philosophie

  "Wisse, Menschenglück ist gar wankelmütig,

  Wisse, flüchtig die Güter auch.

  Eins steht ewig fest als ein uns Gesetzes:

  Nichts was irdisch erzeugt, beharrt."

 

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