„Wir wollen Freiheit, Recht und Brot, sonst schlagen wir die Bonzen tot!"

Dienstag, 11. Juni 2013

Vor 60 Jahren begann der Volksaufstand in der DDR mit Protesten Berliner Bauarbeiter gegen immer höhere Arbeitsbelastung.

Am Abend des 15. Juni 1953 erscheint die Sekretärin des damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl bei der SED-Bezirksleitung Berlin. Sie zeigt einen Brief der Bauarbeiter des Krankenhaus-Neubaus Friedrichshain. Darin fordern die Werktätigen, die am 14. Mai vom ZK der Partei beschlossene Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent sofort zurückzunehmen. Am nächsten Tag, so kündigen die Verfasser an, werde eine Delegation sich an Ort und Stelle die Antwort des Regierungschefs holen; falle sie negativ aus, werde man streiken.

Grotewohl bittet die Bezirksleitung um Rat. Die Antwort der Funktionäre kommt prompt: Wenn die Delegation erst über die roten Teppiche im Amtssitz des Ministerpräsidenten gehe, werde ihr so feierlich zumute werden, dass sie ganz zahm verhandeln werde.

„Sichtlich beruhigt", schreibt der Historiker Arnulf Baring in seinem Standardwerk „Der 17. Juni", „verließ die Sekretärin die Bezirksleitung." Zwei Tage später stürzte der vorgebliche Arbeiter-und-Bauern-Staat in die größte Krise seiner Geschichte.

Im Jahr zuvor, am 26. Mai 1952, hat die DDR begonnen, sich nach außen abzuriegeln. Im Zeichen des „Aufbaus des Sozialismus" läuft der erste Fünfjahrplan. „Ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten eines rohstoffarmen, durch Krieg und Demontage geschwächten Landes sollte eine bedeutende Schwerindustrie aus dem Boden gestampft werden", schreibt der Innsbrucker Zeitgeschichtler Rolf Steininger in „Deutsche Geschichte 1945-1961". „Dies ging nur auf Kosten der Konsumgüterindustrie. Das Ergebnis war eine weitere Verschlechterung des Lebensstandards."

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wird offenbar, dass der Diktator die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten in einem Zustand gefährlicher Überspannung ihrer wirtschaftlichen Kräfte zurückgelassen hat. Die neue Sowjetführung unter Berija und Malenkow bereitet deshalb einen „Neuen Kurs" mit Entspannung und Zugeständnissen an die Bevölkerung im ganzen Ostblock vor. Im „Neuen Deutschland" rät Chefredakteur Rudolf Herrnstadt noch am 14. Juni 1953, es werde „Zeit, den Holzhammer aus der Hand zu legen" – erst wenn die Arbeiter überzeugt seien, dürften Normerhöhungen verbindlich werden. Doch Otto Lehmann, Vertrauensmann des kommunistischen Hardliners Ulbricht im FDGB, kontert zwei Tage später in der Gewerkschaftszeitung „“Tribüne", die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen seien „in vollem Umfang richtig".

Der Artikel sorgt besonders bei den Bauarbeitern auf Block 40 der Stalinallee für große Unruhe. Auch sie haben bereits Delegierte gewählt, die sie zur Regierung schicken wollen. Nun beschließen sie, alle gemeinsam zu gehen. Wenige Minuten später setzen sich 300 Männer in Marsch. Die Kollegen vom Krankenhaus Friedrichshain, bald auch von anderen Baustellen schließen sich an.

Vor dem Haus der Ministerien an der Leipziger Straße versuchen Funktionäre, die inzwischen auf 10.000 Köpfe angewachsene Menge zu beruhigen. Sie werden ausgepfiffen und niedergebrüllt. Um 14 Uhr erklärt Industrieminister Otto Seimann, die Normen würden zurückgenommen - zu spät: Schon skandieren die Arbeiter: „Wir wollen Freiheit, Recht und Brot, sonst schlagen wir die Bonzen tot!" und, in Anspielung auf Ulbricht: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht Volkes Wille!"

Einen Tag später, am 17. Juni 1953, beginnt der Volksaufstand: An 250 Orten der DDR beteiligen sich 400.000 Arbeiter an Streiks und Demonstrationen. Parteigebäude werden gestürmt, politische Gefangene befreit. Jugendliche holen die rote Fahne vom Brandenburger Tor. Nun erst greifen die Sowjets ein. Ihre Panzer walzen den Aufstand nieder. Die DDR-Regierung nennt 21 Tote und 187 Verletzte. In Wirklichkeit werden 267 Demonstranten, 116 Volkspolizisten und 18 sowjetische Soldaten getötet.

Am 3. Juli 1953 erklärt die Bundesregierung den 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit" zum gesetzlichen Feiertag. 1300 Arbeiter werden später unter der berüchtigten Justizministerin Hilde Benjamin zu drakonischen Strafen verurteilt, sechs von ihnen zum Tode.

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