Antonius: Kämpfer gegen Ketzer und Korsaren

Mittwoch, 12. Juni 2013

„Il Santo“, einer der populärsten Heiligen des Mittelalters, ist Portugiese, stammt von Kreuzrittern ab, predigt gegen Ketzer und wird auch wegen zahlreicher Wunder verehrt. Sein Leben ist kurz, fromm und inhaltsreich wie ein Vaterunser. Morgen, am 13.Juni, feiert die Kirche seinen Gedenktag.

Ursprünglich heißt er Fernando Bullone, nach anderen Quellen Fernando Bulhoes y Taveira de Azevedo. Erst mit 25 Jahren nimmt er den Namen Antonius an. Er ist Portugiese, stammt aber aus dem Geschlecht Gottfrieds von Bouillon, des berühmten fränkischen Kreuzritters, der ein Jahrhundert zuvor das Heilige Grab erobert hat. Das Leben des heiligen Antonius ist kurz, fromm und inhaltsreich wie ein Vaterunser. Die Legenden, die sich schon bald um seinen Erdenweg ranken, bilden ein buntes Buch vielfältiger Volksfrömmigkeit.

„Die Italiener nennen den hl.Antonius wie die über seinem Grabe errichtete Basilika in Padua nur Il Santo, denn für sie ist er der Heilige schlechthin“, schreiben Erna und Hans Melchers in ihrem Standardwerk „Das große Buch der Heiligen“. „Die Kirche erteilte ihm als dem ‚Doctor evangelicus’ die Würde eines Kirchenlehrers. Er genießt bis heute eine Beliebtheit wie außer der Gottesmutter kaum ein anderer Heiliger.“

Otto Wimmer und Hartmann Melzer liefern im „Lexikon der Heiligen und Namen“ die wichtigsten Lebensdaten: Geboren (am 15.8.?) 1195 in Lissabon. Er war vermutlich der Sohn eines Offiziers, trat mit 15 Jahren bei den Regulierten Chorherren des hl.Vinzenz bei Lissabon ein, kam zwei Jahre später nach Coimbra in das große Studienzentrum der Augustiner-Chorherren und wurde dort Priester.

Die portugiesische Hauptstadt, zugleich wichtigster Hafen des Landes, wird erst im Jahr 1149 nach über 400jähriger islamischer Herrschaft von einer Flotte deutscher, englischer, flämischer und französischer Kreuzfahrer unter Portugals erstem König Alfons aus dem Hause Burgund befreit. Fortan bildet Lissabon, ein Schmelztiegel mediterraner Kulturen, einen Brückenkopf für christliche Unternehmungen in Nordafrika.

In dieser bewegten Zeit hat sich besonders in Frankreich und Spanien ein reicher Kult um den hl. Vinzenz von Saragossa entwickelt, der im Jahr 304 als Märtyrer der Christenverfolgung Kaiser Diokletians zum Opfer gefallen war. Abbildungen zeigen diesen so standhaften wie redegewaltigen Verteidiger des christlichen Glaubens als jugendlichen Diakon mit Palme und Buch – so recht ein Vorbild für den jungen Fernando, der in Lissabon Mönch wird, um sein Leben der Mission zu weihen.

Dieser Wunsch bestimmt auch später in Coimbra sein Denken. Die Bischofsstadt ist damals königliche Residenz und gibt der christlichen Rückeroberung im Mittelmeerraum starke Impulse. Die Augustiner-Chorherren sind erst im 11.Jahrhundert aus Zusammenschlüssen vieler Dom- und Stiftskapitel entstanden, die ein gemeinsames Leben nach der Regel des Kirchenvaters Augustinus (354-430) führen. Die Erinnerung an diesen Heiligen, der zur Völkerwanderungszeit in Nordafrika lebte, mag den jungen Fernando zusätzlich zum Kampf für den christlichen Glauben motiviert haben: Noch immer sind Südspanien und die Balearen islamisch, Sardinien, Sizilien und Süditalien ständig von sarazenischen Piraten bedroht, die Seewege nach Nordafrika und durch die Straße von Gibraltar von Mauren blockiert.

Der politisch korrekte Zeitgeist des 21.Jahrhunderts verurteilt die Kreuzzüge als imperialistische Kriegsverbrechen fanatischer Christen gegen friedliche Andersgläubige, doch begonnen haben die Feindseligkeiten schon Jahrhunderte zuvor die Araber selbst. Als der Religionsstifter Mohammed im Jahr 632 stirbt, befiehlt er seinem Nachfolger Abu Bakr, alle „Ungläubigen“ umzubringen. Es folgt der größte Vernichtungsfeldzug der Weltgeschichte, geführt gegen friedliche, militärisch völlig ungefährliche Länder und Völker: Alexandria, Jerusalem oder Damaskus waren einst christliche Städte, in ganz Nordafrika und im Orient bis nach Indien blühten christliche Kulturen – sie werden von den Heeren des Propheten in wenigen Jahren überrannt.

Die Muslime führen ihre Eroberungszüge mit beispielloser Grausamkeit. Überall werden Christen massakriert, vertrieben oder versklavt, die Kirchen niedergebrannt. Noch im späten Mittelalter machen sarazenische Seeräuber das Mittelmeer unsicher, kapern christliche Handelsschiffe, brandschatzen immer wieder die Küsten Frankreichs, Italiens, Spaniens, Portugals, aber auch Irlands und England. Die muslimischen Korsaren versklaven in Lauf von fast tausend Jahren über 1,25 Millionen Christen. Die Unglücklichen werden geschoren und aneinandergebunden durch die Straßen von Tripolis, Algier oder Tunis geschleift und dann auf die Felder, in Steinbrüche oder in die Bergwerke geschickt, wo sie an den Strapazen zugrunde gehen – Vernichtung durch Arbeit, wie später in Hitlers KZs und Stalins Gulag.

Für Fernando sind diese Geschehnisse nicht ferne Geschichte,  sondern brutale Gegenwart. Zehn Jahre lang bildet er sich in Coimbra zu einem tiefen Kenner der Heiligen Schrift. Dann rüttelt ihn ein tief empfundenes Erlebnis auf: Im Jahr 1220 werden die Leichname franziskanischer Märtyrer, die in Marokko umgebracht worden sind, nach Portugal heimgeführt. Es sind der hl. Otho und seine Gefährten.

Der Franziskanerpriester Otho ist im Jahr zuvor vom hl. Franz von Assisi mit den Priestern Beradus und Petrus sowie den Laienbrüdern Adjutus und Accursius ausgesandt worden, um „unter den Mohammedanern das Evangelium zu verkünden“. Sie predigen zuerst bei den Mauren in Sevilla, dann in Marokko. Von dort vertrieben, kehren sie trotz der massiven Feindseligkeiten todesmutig wieder zurück. Prompt werden sie festgenommen und nach Marrakesch gebracht. Über ihr qualvolles Ende schreibt eine Chronik: „Dort wurden sie grausam gegeißelt und zerfleischt, man goss heißes Öl und Essig auf ihre Wunden und wälzte sie auf scharfen Scherben. Endlich hieb ihnen der Sultan eigenhändig das Haupt ab. Ihre Leiber wurden in Stücke gehauen und auf das Feld geworfen. Christen kamen heimlich und bestatteten sie ehrenvoll.“

Als die Mönche in Coimbra feierlich zu Grabe getragen werden, steht Fernando mitten in der ergriffenen Menge. Er hat die Missionare persönlich gekannt, wollte sie damals sogar begleiten. Tief erschüttert tritt er in das Franziskanerkloster St. Antonius in Coimbra ein, um ebenfalls den Heiden zu predigen, und nimmt den Namen dieses Kirchenpatrons an.

Auch darin folgte der junge Mann einem damals sehr populären Leitbild: Antonius der Große, 251/2 im mittelägyptischen Kome (heute Keman) als Sohn wohlhabender Eltern geboren, verschenkt mit 20 Jahren sein Vermögen und beginnt ein asketisches Leben, zuerst in der Nähe seines Dorfes, später in einer Felsengrabkammer in der Thebais am Rand der Libyschen Wüste Oberägyptens. Seine Kämpfe mit Dämonen werden zum populären Thema christlicher Kunst. Er sammelt Jünger um sich, stärkt die Verurteilten und Gefangenen der Christenverfolgung Kaiser Maximinus Dajas in Alexandria, korrespondiert später mit dem ersten christlichen Kaiser Konstantin und dessen Söhnen und stirbt 356 mit 105 Jahren als Begründer des abendländischen Mönchtums. Seine Reliquien gelangen später nach Frankreich. Das T-förmige Antoniuskreuz geht auf den ägyptischen Mönch zurück, nicht auf den späteren portugiesischen Missionar.

Nach inständigen Bitten erwirkt der junge Mönch Antonius die Erlaubnis, noch im gleichen Jahr nach Marokko zu reisen. Doch als er das afrikanische Ufer erreicht, wird er sterbenskrank. Körperlich und seelisch dramatisch geschwächt, muss er sich schweren Herzens entschließen, in die Heimat zurückzukehren. Da greift ein, was Antonius als Hand Gottes erkennt: Sein Schiff wird durch einen Sturm an die sizilianische Küste verschlagen, und in Messina vernimmt Antonius, dass der hl. Franziskus einen Aufruf zur Versammlung des Ordens in Assisi erlassen hat. Sofort macht er sich auf den Weg dorthin.

Unter den vielen Franziskanern, die im Jahr 1221 zusammengekommen sind, nimmt lange niemand so recht Notiz von dem schweigsamen Portugiesen, bis sich endlich der Provinzial der Romagna, Bruder Gratian, um ihn kümmert. Aus Demut verheimlicht Antonius seine exzellente Ausbildung und dient wie einer der Geringsten in dem einsamen Bergkloster Montepaolo bei Forli, etwa auf halbem Wege zwischen Bologna und Rimini. Da er sein stilles Dasein ganz in Demut und Buße verbringt, halten ihn andere Mönche für etwas minderbemittelt.

Für Antonius ist es eine Zeit innerer Sammlung und Reife, und schon bald bricht die Knospe auf: Als anlässlich einer Primizfeier keiner der anwesenden Patres unvorbereitet eine Rede halten will, weist einer scherzend auf den vermeintlich tumben Portugiesen, der solle es doch versuchen. Die Verwunderung der Mitbrüder ist grenzenlos, als der zuvor so stille Mönch mit solcher Kraft und Begeisterung redet, über so bezaubernde und ergreifende Worte verfügt und ein so außergewöhnliches Wissen bezeugt, dass man ihn allgemein als einen wahren Meister der Rede erkennt. Als der hl. Franziskus davon erfährt, ernennt er den bis dahin Unbeachteten sofort zum ersten Lektor der Franziskaner für Theologie und beruft ihn als Prediger auf die Kanzeln der Städte.

Es ist ein unerhörter Aufstieg, vergleichbar höchstens den modernen Massenphänomenen jener Newcomer, die heute durch eine Fernsehrolle oder einen WM-Titel schlagartig überall berühmt werden: „Nun strömte das Volk zu Tausenden herbei, um ihn zu hören“, meldet die Überlieferung, „Antonius verkündete das Evangelium in allen Gegenden Italiens und in Südfrankreich. Schon zur Nachtzeit versammelten sich die Hörer und warteten geduldig, bis er die Kanzel bestieg. Unerhört waren die Kraft und der Erfolg seiner Predigten. Sooft er auftrat, umringten ihn die Gläubigen. Seine Zunge brauchte er nur als Organ zur Verherrlichung der Ehre Gottes, um den heiligen Willen Gottes zu lehren, um unsterbliche Seelen aus dem Verderben des Irrtums zu retten und die Wahrheit und beseligende Gerechtigkeit zu gewinnen.“

Auch hier geht es indes bald um eine Art Kreuzzug: Antonius predigt 1222-24 besonders in Mailand und Rimini gegen die Katharer und 1224-26 in Südfrankreich gegen die Albigenser. Die Katharer („Die Reinen“) haben sich im 12. und 13.Jahrhundert u.a. im Rheinland, in England, Frankreich und Oberitalien rasch ausgebreitet. Motive ihrer Entstehung sind die mehr als berechtigte Kritik an der Verweltlichung des Klerus und an den Mängeln der Seelsorge und Theologie sowie der Ruf nach einer „armen“ Kirche und das Streben nach einem apostolischen Leben, also eigentlich ein Denken, das dem der Franziskaner nahe steht. Antonius attackiert sie denn auch aus ganz anderen Gründen: Die Katharer haben aus dem Orient die Lehre vom Dualismus zweier einander entgegengesetzten, fast gleichstarken Prinzipien, einem guten (Gott) und einem bösen (Satan) übernommen. Für sie ist nicht Gott, sondern Satan Schöpfer der materiellen Welt. Christus gilt ihnen nicht als Gottes- und Menschensohn, sondern als Engel ohne stofflichen Leib.

Damit verstoßen sie gegen die geheiligten Grundlagen des christlichen Glaubens, die damals im Volk viel ernster genommen werden als heute. In Frankreich werden die „Reinen“ um 1300 nach schweren Kämpfen massenhaft als Ketzer umgebracht. Antonius hat mit Gewalt nichts in Sinn, und er predigt sie auch nicht: Sein Weg ist der des Wortes. Unermüdlich zieht er durch die Lande und verkündigt den katholischen Glauben, 1227-30 wieder in Oberitalien, zuletzt in Padua. „Auch zeichnete er seine Gedanken in Büchern auf, die für uns ein unsterbliches Zeugnis seiner Weisheit und Gottesliebe bedeuten“, heißt es in einer Chronik. Antonius ist seinen Gegnern durch seine gründliche Schulung überlegen und kann sich in jedem Streitgespräch behaupten – die Kanzel, nicht das Schlachtfeld ist sein Revier: Er hat solche Macht, dass man ihm schließlich den Beinamen „Hammer der Ketzer“ gibt.

Doch, so die Chronik: „Seine großartigen Predigten waren es nicht allein, die ihm immer wieder Kraft für neue Taten spendeten. Vor allem sein großer Bußeifer und seine nächtelangen Gebete verliehen ihm die Stärke, die er so nötig bedurfte.“ In Südfrankreich dient er als Guardian (Oberer des Franziskaner-Konvents) von Le Puy und Kustos (Vorsteher einer Versammlung mehrerer Klöster) von Limoges. Später wird er zum Provinzaloberen der Romagna ernannt. Aber schon auf dem Kapitel des Jahres 1230 stellte er einen Antrag auf Amtsenthebung: An Ämtern liegt ihm nicht, er will nur predigen, wo immer er es kann.

Antonius pflegt eine besonders bildhafte Sprache: „Warum fallen im Winter die Blätter vom Baum?“ fragt er und antwortet: „Weil sie nicht von der Wärme gespeist werden, auf die sie angewiesen sind. So muss auch eine unglückliche Seele in Sünde sterben, wenn sie nicht vom Heiligen Geist erwärmt wird.“ Mit dem Eifer eines Reformers leuchtet er in die Selbstsucht der Reichen: „Schande über alle, die den Keller voller Wein und Korn haben und zwei oder drei Röcke besitzen, während die Armen unter den Christen halb nackt und mit leerem Magen vergebens an ihre Tür klopfen!“ Zuweilen geht ihm das portugiesische Temperament durch: „Ihr Heuchler, ihr falschen Propheten“, wettert er, „ihr werdet nie ins Himmelreich gelangen. Wie dürre Zweige taugt ihr nur dazu, ins Feuer geworfen zu werden!“

An Mut fehlt es ihm so wenig wie an Eifer. Sein Landesherr Ezzelino III. da Romano (1194-1259), genannt “der wilde Ezzelin“, zählt zu den Anführern der Ghibellinen, die für die Staufer gegen die Päpste eintreten. Seit 1236 herrscht er als Stadtherr in Verona und Vicenza, später auch in Padua, Belluno, Feltre und Trient. Wegen seiner Grausamkeit ist er so berüchtigt, dass er später in der italienischen Volkssage als Teufelssohn und Gottesgeißel weiterlebt. Doch Antonius wagt sich sogar zu diesem unberechenbaren Despoten: „Das Maß deiner Greuel ist voll“, warnt er ihn. „Wenn du nicht Buße tust, wird dich der Zorn Gottes zermalmen.“ Die Chronik überliefert, der Fürst sei von der Strafpredigt so beeindruckt gewesen, dass er fortan von seinen bösen Taten abgelassen habe.

In seinen Theologie lehnt sich Antonius eng an Augustinus an, bedeutend aber wird er vor allem für die asketisch-mystische Gottesfurcht, die er auch lebt: „Die Anstrengungen des Heiligen gingen über Menschenkraft“, heißt es in einer Biographie. „Noch in der Fastenzeit des Jahres 1231 verzehrte er sich fast in der Glut seiner Predigten.“ Am 13.Juni 1231, einem Freitag, erleidet Antonius einen Zusammenbruch und fühlte sein nahes Ende kommen. Der völlig entkräftete Mönch wird auf dem Stroh eines Ochsenkarrens in das Clarissenkloster Arcella gebracht, wo er am gleichen Tag stirbt, erst 36 Jahre alt. Bei der letzten Ölung zitiert er Psalm 143: „Herr, entreiß mich den Feinden! Zu dir nehme ich meine Zuflucht.“ Seine letzten Worte sind: „Ich sehe meinen Herrn Jesus Christus!“ Die Clarissen – ihr Orden war von der hl.Clara von Assisi (1194-1253) gegründet – setzten ihn in ihrem Kloster bei.

„Gänzlich verbraucht und erschöpft von der Arbeit im Weinberg des Herrn, schonungslos gegen sich selbst bis zum letzten Atemzug, war der Heilige von Padua viel zu früh von dieser Welt gegangen“, schließt das Melchers-Buch. Gleich nach der Beisetzung werden Kranke, die seinen Grabstein berühren, wunderbar geheilt: Blinde können wieder sehen, Lahme wieder laufen, so stark ist der Glaube an den wortgewaltigen Prediger. Bereits am 30.Mai 1232, nach dem kürzesten Heiligsprechungsprozess der Geschichte, wird Antonius von Papst Gregor IX. zur Ehre der Altäre erhoben. Als im Jahr 1263 der Sarg des Heiligen in dem Kloster bei Padua im Beisein des hl. Bonaventura (1221-1274), seines würdigen Nachfolgers als franziskanischer Prediger in Italien und Frankreich, geöffnet wird, zeigt sich die Zunge des Toten unverwest.

Die Gläubigen übertragen die Gebeine in die neue Basilika von Padua. Ereignisse aus dem Leben des Heiligen verewigt Donatello 1445 am Hochaltar in bewegten Flachreliefs. Besonders ergreifend wirkt die Szene, in der Antonius einem Säugling die Sprache verleiht, damit der Neugeborene die Mutter vom Vorwurf des Ehebruchs reinwaschen kann. Tizian, El Greco, Murillo, Ribero oder Vivarini malen Antonius, und noch viele andere alte Meister.

In freisinniger Zeit gibt auch der große Humorist Wilhelm Busch dem Heiligen mit spitzer Zeichenfeder Kontur. Seine Bildergeschichte „Der heilige Antonius von Padua“ schildert den Prediger in allerlei weltlichen und geistlichen Anfechtungen mit dem gemütvollen Humor des späten 19.Jahrhunderts: „Der heilige Antonius von Padua / Saß oftmals ganz alleinig da / Und las bei seinem Heiligenschein / Meistens bis tief in die Nacht hinein.“ Das amüsanteste Kapitel schildert die große Tierliebe des Heiligen, dem es sogar geling, ein treues Schwein mit sich in den Himmel zu schmuggeln.

Papst Pius XII. ernennt den hl. Antonius am 16.Januar 1946 zum Kirchenlehrer. Darstellungen zeigen den Heiligen als Franziskaner, das Jesuskind tragend oder vor ihm kniend, mit einer Lilie als Symbol der Jungfräulichkeit oder des reinen Herzens und einem Buch als Zeichen der Gelehrsamkeit. Der reiche Legendenschatz spiegelt nicht nur die besonderen Gnadengaben des Heiligen, sondern auch das dem modernen Verstand zuweilen schwer begreifliche Denken des Hoch- und Spätmittelalters. Beispiele:

Eines Tages wird zur Predigt der Leichnam eines jungen Mannes in die Kirche gebracht. Man hört das Schluchzen der Verwandten und Freunde. Antonius verstummt, sammelt sich und hebt die Augen. Dann wendet er sich von den Lebendigen zu dem Toten und befiehlt: „Im Namen Jesu Christi, steh auf!“ - und der Tote kommt aus dem Sarg hervor.

An einem anderen Tag predigt Antonius unter freiem Himmel. Da zieht ein Unwetter herauf, die Menge beginnt zu flüchten. „Haltet an“, ruft Antonius, „niemand wird nass werden.“ Überall in der Umgebung geht der Regen in Strömen nieder, aber keiner von denen, die dem Wort des Heiligen gehorsam stehen geblieben sind, bekommt auch nur einen einzigen Tropfen Wasser ab.

Ein reicher Mann hat sein Vermögen durch Wucher ins Ungeheuere vermehrt. Als er stirbt, bittet die Familie den hl. Antonius, die Leichenrede zu halten. Der Heilige predigt über das Wort des Evangeliums „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Nach der Predigt sagt er zu den Verwandten des Toten: „Geht jetzt hin und durchsucht die Kästen des Verstorbenen, ich will euch sagen, was ihr zwischen dem Gold und dem Silber finden werdet: Ihr werdet sein Herz finden.“ Sie gingen und suchten, und mitten in dem Goldhaufen fanden sie ein menschliches Herz, ein Herz von Fleisch und Blut. Sie berühren es mit den Händen, das Herz ist warm.

In Toulouse erklärt ein Ketzer, nur ein Wunder werde ihn bestimmen, an die Allgegenwart Gottes zu glauben. „Ich will“, fügt der Mann hinzu, „meiner Eselin drei Tage lang kein Futter geben. Nach diesen Fasttagen werde ich ihr Heu und Hafer vorlegen; wenn sie das Futter verschmäht, um die geweihte Hostie anzubeten, so will ich an die Allgegenwart Gottes glauben.“ Der Heilige akzeptiert den Vorschlag. Als die drei Tage verstrichen sind, nimmt er die Hostie in seine Hände, das ausgehungerte Tier wendet sich von Heu und Hafer des Besitzers ab und dem heiligen Sakrament zu.

Als Antonius in Rimini Ketzer bekehren will, aber niemand erscheint, wendet er sich dem Meer zu und sagte: „Wenn mich die Menschen nicht anhören wollen, mögen mir die Fische lauschen.“ Daraufhin stecken die Flossentiere ihre Köpfe aus dem Wasser, und viele Abtrünnige besinnen sich wieder auf den wahren Glauben.

Die Darstellung des Heiligen mit dem Jesuskind, die auch in unserer Kirche zu sehen ist, geht auf eine besonders wundersame Geschichte zurück. Als der Heilige kurz vor seinem Tod von den Anstrengungen und einer Krankheit sehr geschwächt ist, gibt er den Bitten seiner Mitbrüder nach und folgt der Einladung eines Freundes, des Grafen Tiso, nach Schloss Camposampiero. Eines Abends besucht der Graf ihn wie gewöhnlich in seinem Zimmer. Die Tür steht halb offen, und ein auffallend heller Lichtschein fällt heraus. Der Graf, der einen Brand befürchtet, öffnet rasch die Tür und bleibt wie gebannt auf der Schwelle stehen: In dem hell erleuchteten Raum kniet Antonius und hält in seinen Armen das in Strahlen gehüllte Jesuskind. Noch als das kleine Zimmer wieder in seine Dunkelheit gesunken ist, steht der Graf ganz unter dem Eindruck des Wunders. Antonius geht lächelnd auf ihn zu und bittet ihn, niemandem davon zu erzählen. Erst nach dem Tod des Heiligen bricht der Graf sein Schweigen.

Nach dem „Lexikon der Heiligen“ ist der hl. Antonius Patron der Franziskaner, Bergleute, Eheleute, Liebenden, Reisenden, der Sozialarbeit, des Viehs und zum Wiederauffinden verlorener Sachen. Er wird aber auch als Schutzheiliger der Frauen und der Bräute sowie gegen Fieber und Seuchen angerufen. Auch gegen eine im Mittelalter auftretende epidemische Krankheit, wahrscheinlich die mit Gewebsnekrose verbundene Form der Vergiftung mit Mutterkorn, sollte Antonius helfen; die Krankheit wurde deshalb „Antoniusfeuer“ genannt. An das soziale Wirken des großen Volkspredigers erinnert das Antoniusbrot, begonnen nach 1890 zu Toulon, ein Almosen zu Ehren des Heiligen zur Erlangung seiner Fürsprache. Die Liturgie feiert das Gedächtnis des hl.Antonius an seinem Todestag, dem 13.Juni.

Der Faktendurst der modernen Wissenschaft macht auch vor diesem Heiligen nicht Halt: Um die Jahreswende 1970/71 untersuchen italienische Archäologen und Pathologen in aller Stille die sterblichen Überreste. Der Sarg wird mit Erlaubnis des Vatikans zum ersten Mal seit 630 Jahren geöffnet. Die Forscher finden Knochen, die in ein uraltes Messgewand eingewickelt sind. Sie gehören zu einem 1.70 Meter großen, stattlichen Mann mit länglichem Gesicht, starker Nase und tiefliegenden Augen. Er hatte lange, schmale Hände, und seine Knie waren vom vielen Knien abgenutzt. Die noch immer unverweste Zunge wird heute in einem Reliquiar aufbewahrt, das bei der jährlichen Prozession von der Zunft der Metzger durch die Stadt getragen wird.

Das Messgewand identifizieren Spezialisten als ein im 13.Jahrhundert wahrscheinlich in Venedig gefertigtes Halbseidengewebe; es wurde in sorgfältiger Arbeit der Abegg-Stiftung in Riggisberg bei Zürich restauriert. 1981 werden die Reliquien zum 750sten Todesstag des Heiligen unter einer in Murano gefertigten Glasvitrine gezeigt, deren glatte Oberfläche Hunderttausenden Gläubigen im Vorüberziehen ehrfurchtsvoll berühren.

Das Interesse der Pilger aus ganz Europa ist immens: Jährlich werden in der Basilika 3000 Messen für dreieinhalb Millionen Besucher gelesen. Der in vielen Sprachen gedruckte „Bote des Heiligen Antonius“ erreicht eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren, von denen 800 000 ins Ausland gehen. Jeden Tag treffen 500 Leserbriefe ein, die sämtlich beantwortet werden.

Die kuppelreiche Kirche mit den minarettartigen Türmen, die an den Orient erinnern, wird bereits 1232 begonnen, zu Beginn des 14.Jahrhunderts vollendet und später noch umgebaut. Links im Innenraum liegt die Grabkapelle des Heiligen, ein marmornes Meisterwerk der Renaissance.

„Der hl.Antonius“, schreibt „Readers Digest“, „ist einer der am meisten verehrten Heiligen geworden. Männer vieler Konfessionen und Nationalitäten tragen seinen Namen: Antonio, Antoine, Anthony, Anton – Toni als Kurzform. Nicht zu vergessen Antonia und Anoinette. Städte sind nach ihm benannt wie San Antonio in Texas, und auch Schiffe. Hunderte von Kirchen hat man ihm geweiht. Die Armen stehen unter seinem besonderen Schutz. Er ist Schutzheiliger seiner Geburtsstadt Lissabon und Ehrenoberstleutnant der portugiesischen Armee.“

Und, auch das ein Zeichen unserer Zeit: die Reliquien locken Diebe an. Am 10.Oktober 1991 rauben drei maskierte Bewaffnete aus der Schatzkammer der Basilika ein fünfzehn Kilo schweres Reliquiar des 14.Jahrhunderts aus vergoldetem Silber mit dem Unterkiefer und fünf Zähnen des Heiligen. Im Dezember wird der Behälter in der Nähe des römischen Flughafens Fiumicino sichergestellt; er sollte dort offenbar Auftraggebern aus der kolumbianischen Drogenmafia übergeben werden. Am Flughafen wohnende Sinti und Roma hatten der Polizei den entscheidenden Tip gegeben.

Der Rektor der Basilika, Pater Olindo Maria Baldassa, erklärt dazu: „Die Zigeuner sind dem Patron von Padua schon seit Jahrhunderten treu ergeben.“ Die „Frankfurter Rundschau“ resümiert: „Der Heilige, den die Gläubigen im Gebet im Hilfe bei der Auffindung verloren gegangener Gegenstände bitten, half sich diesmal selbst.“

Die Volkstümlichkeit des begnadeten Predigers, scheint es, übersteht auch den schnellen Mode- und Geschmackswandel der Spaßgesellschaft: 1996 nimmt etwa Italiens Schlagerstar Eros Ramazotti ein Video zu Ehren des hl. Antonius auf. Thema: „Die Musik und der Himmel“. Seit 2001 gibt es eine E-Mail-Adresse, eingerichtet von den Franziskanern der Antonius-Basilika als Funktion auf einer Internetseite: Wer www.ilsantodipadova.com. anklickt, kann virtuell durch die Basilika spazieren, Gemälde, Plastiken und Kirchenschätze betrachten, jede Menge Infos abrufen und sogar ein Gebet nach Padua schicken.

 

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