Der goethesche und der historische Götz

Donnerstag, 13. Juni 2013

"Götz von Berlichingen" als Aufzeichnung einer Aufführung 1967 bei den Burgfestspielen Jagsthausen. Walter Richter, Ellen Schwiers, dazu die Kulisse der - allerdings 1876 stark veränderten – Götzenburg: Das moderne Theater hat seine Verdienste, aber der Stimmung des Klassikers wird die traditionelle Version doch immer noch am meisten gerecht. Wieder gefallen die kernigsten Sprüche am besten. Der Mönch Martin über Mahl und Wein: "Unsere schläfrige Verdauung stimmt den Kopf nach dem Magen, und in der Schwäche einer überfüllten Ruhe erzeugen sich Begierden, die ihrer Mutter leicht über den Kopf wachsen." - Der selbstbewusste Titelheld über seinen Sohn: "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." - Adelheid beim Schachspiel: "Es ist wahr, dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns." - Franz von Sickingen über seine Werbung um die von dem ungetreuen Weislingen verlassene Marie: "Traust du mir nicht zu, daß ich den Schatten eines Elenden verjagen könnte?“ - Der Hauptmann: "Wir müssen diese Scharte auswetzen, und wenn die Klingen darüber zugrunde gehen sollen." - Götz zu den einander Versprochenen: "Gott segne euch, geb‘ euch glückliche Tage und behalte die, die er euch abzieht, für eure Kinder." Über seine Gattin das rührende "Wen Gott lieb hat, dem geb‘ er so eine Frau!" Der junge Georg: "Ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch." - Sickingen: "Der Mut verlernt sich nicht, wie er sich nicht lernt." - Schließlich Götz: "Nur der ist glücklich und groß, der weder zu gehorchen noch zu herrschen braucht." Goethe läßt Götz als den letzten Ritter in Gefangenschaft sterben, nachdem der Sohn im Kloster und der dem Recken näherstehende Stallbursche gefallen ist. Es liest sich tröstlich, dass der historische Götz nach den unseligen Bauernkriegen noch unter Karl V. gegen Türken und Franzosen focht, hochbetagt auf seiner Burg starb und drei Töchter und sieben Söhne hinterließ. Goethe hatte den Plan zu dem Schauspiel schon früh gefasst und seiner Schwester so oft davon erzählt, dass sie ihn nach seinen eigenen Worten "zuletzt ungeduldig und wohlwollend dringend bat, mich nur nicht immer mit Worten in die Luft zu ergehen, sondern endlich einmal das, was mir so gegenwärtig wäre, auf das Papier festzubringen." Sechs Wochen später war das Manuskript geheftet. - Walter Scott übersetzte 1799 den "Götz" ins Englische und wurde dadurch zu seinen historischen Romanen und Epen angeregt. Merck riet Goethe zu kurzer Entschlossenheit bei der Umarbeitung: "Beizeit auf die Zäun', so trocknen die Windeln!"

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Der Dummkopf ist leichter zu bekehren als der Philosoph.

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Haydns Symphonie Nr.45 in fis-Moll "Abschied" steigt langsam und vorsichtig, aber unerschrocken in die Keller der Seele hinab, auf dunklen Treppen, mit flackerndem Licht. Der 1. Satz zeigt diesen frischen Mut. Die Klänge des Adagio wollen Wehmut wecken, doch schon das Menuetto lenkt den Sinn auf neue Ziele, zu denen das Presto dann voller Ungeduld dringt. Der 5.Satz Adagio mit dem „O du Lamm Gottes“ zeigt, wohin der Weg zu führen hat. Die ganze Symphonie spiegelt die von Herzen kommende und zu Herzen gehende Frömmigkeit eines begnadeten Künstlers.

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Friedrich Wilhelm  Murnaus Stummfilmklassiker "Faust - Eine deutsche Volkssage" aus dem Jahr 1926 mit Emil Jannings zeigt die besonderen Möglichkeiten expressionistischer Filmkunst bei der Bearbeitung mythischer Stoffe - auch in Hans Kysers Drehbuch, das den Erzengel zu Satan sagen läßt: "Kannst Du in Faust das Göttliche zerstören - Dein sein die Erde!" Anders als Hiob widersteht der über die Pest entsetzte Faust den bösen Einflüsterungen nicht: "Lasst ab von mir! Wir sind verloren! Es hilft kein Glaube, es hilft kein Wissen. Alles ist Lüge..." Das ist die Klage von Auschwitz. Sie führt zu der fürchterlichen Frage, ob man Gott abschwören durfte, um Auschwitz zu verhindern. Es ist eine der zentralen Fragen unserer Existenz und zugleich die Zuspitzung, die von uns die ultimate Entscheidung verlangt: Wer die Frage verneint, hat auf Erden verspielt, wer sie bejaht, ist für den Himmel verloren. Wer wie Faust sein Schicksal und das der Welt in eigene, in Menschenhände nehmen will, sieht sich bald der mephistotelischen Versuchung ausgesetzt: "Dein Leben war nur Bücherstaub und Moder! Genuss ist alles" und "Ich biete dir das höchste Glück: Die Jugend! Greif zu!" Das Ende erhebt die Seele: "Ein Wort macht deinen Pakt zunichte", sagt der Erzengel, und auf Satans Frage "Wie heißt das Wort?" sagt er: "Das Wort, das jubelnd durch die Schöpfung schallt, das Wort, das jeden Schmerz und Kummer stillt, das Wort, das alle Menschenschuld versühnt, das ewige Wort - du kennst es nicht? Liebe."

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Gellert, "Der Maler":

  "Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,

  So ist es schon ein böses Zeichen.

  Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält,

  So ist es Zeit, sie auszustreichen."


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