Jürgen Trittin über Soldaten und Rechtsradikale

Freitag, 14. Juni 2013

In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 14.Juni 1998.

SONNTAG

In "Focus" verteidigt Walter Kempowski den Kanzler gegen den Vorwurf, voreilig blühende Landschaften versprochen zu haben, und stellt fest: "Wer sich vor der Wende mehr für die Dritte Welt oder die Toskana interessierte oder ein gutes Einvernehmen mit dem DDR-Regime anstrebte, dürfte zum Urteil eher nicht berufen sein." Vergil: "Glaubet dem Erfahrenen!"

MONTAG

In München klettert ein 36jähriger unter Drogen und Alkohol auf einen 30 Meter hohen Kran. Schaulustige behindern die Retter und rufen dem Lebensmüden zu, er solle endlich springen. Voltaire: "Alle Jahrhunderte ähneln sich durch die Bosheit der Menschen."

DIENSTAG

Eine behinderte Kölnerin ließ an der Treppe eine kleine Leichtmetall-Rampe anbringen, auf der sie ohne fremde Hilfe per Rollstuhl die Wohnung verlassen kann. Der Vermieter nahm die Rampe weg und behielt sie ein. Daraufhin baute die Familie eine Rampe aus Holz. Dagegen erhob der Vermieter Klage. Jetzt gibt ihm ein Amtsrichter Recht und verurteilt die Familie, die Rampe zu entfernen. Plato: "Die schlimmste Art von Ungerechtigkeit ist vorgespielte Gerechtigkeit."

MITTWOCH

Beim öffentlichen Gelöbnis in Berlin brüllen Fanatiker "Mörder, Mörder!" Der "Grüne"-Vorstandssprecher Jürgen Trittin nennt die Veranstaltung einen "mobilen Kasernenhof unter Polizeischutz" und erklärt: "Wer öffentliche Gelöbnisse veranstaltet, muß sich über Rechtsradikale in Armee und Gesellschaft nicht wundern."

DONNERSTAG

Ein "Achtung! Gegenwart!" betiteltes Projekt des Theaters Oberhausen stellt Texte moderner Autoren vor, deren Stücke statt der Klassiker gespielt werden sollen. Kostprobe: "Das Herz preßt Angst, daß der Schlaf aus den Augen fließt." Die "Süddeutsche Zeitung" lobt, der Satz sei "metallisch klar" und "voll abgeschreckter Glut". Stanislaw Jerzy Lec: "Guter Rat für Schriftsteller: Im gewissen Augenblick zu schreiben aufhören. Sogar, bevor man angefangen hat."

FREITAG

In Harksheide bei Hamburg will die SPD den Marktplatz in "Carl-Lange-Platz" umbenennen - nach dem ersten SPD-Bürgermeister der Gemeinde (1945-69). Die Anwohner erfahren den Beschluß aus der Zeitung. Geschäftsleuten drohen durch die Adressenänderung Kosten in Höhe von mehreren Hunderttausend Mark. Deutsches Sprichwort: "Es ist gut spinnen von fremdem Flachs."

SAMSTAG

Die "Initiative Kirche von unten" (IKvu) veranstaltet zum Mainzer Katholikentag einen eigenen "14. KatholikInnentag von unten" und kritisiert die Amtskirche: Sie lasse zwar Veranstaltungen mit Schwulen und Lesben zu, aber die Gruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK) sei nicht vertreten. Sirach 2,4: "Sei geduldig in allerlei Trübsal!"

Anmerkungen

Unter dem Druck der politischen Entwicklung änderte Jürgen Trittin später seine feindliche Haltung gegenüber der Bundeswehr. 2006 erklärte er sogar: „Die Grünen fordern, dass mehr Soldaten für Auslandseinsätze zur Verfügung stehen müssen, als es die Bundesregierung vorsieht.“


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