Ein Hoch auf Carsten Ramelow

Freitag, 14. Juni 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Die Ausgabe vom 14. Juni 2002. Es ging um einen Kicker besonderen Typs, dessen Spielweise heute überholt wirkt, der damals aber viel zu Deutschlands Fußballgröße beitrug.

Er ist der Prototyp des pflichtgetreuen Briefträgers, der weder Wind noch Wetter scheut. Des diensteifrigen Oberkellners mit dem für Sonderwünsche stets offenen Ohr. Des perfekt geschulten Katasterbeamten, der alle Vorschriften im Kopf hat. Des Gewerkschaftsfunktionärs mit der Antenne für die Probleme der Kollegen. Der ideale Arbeitsteilnehmer, der bei der Gleitzeit nicht betrügt. Der zuverlässige Hand- und Teamwerker, der brave Mann von nebenan, der Kumpel, der sofort kommt, wenn man abgeschleppt werden will.

Und dann stellt sich dieses Musterexemplar klassischer deutscher Kickertugenden einem afrikanischen Zauberstürmer in den Weg, haut ihn gnadenlos aus den Socken, geht mit Gelb-Rot duschen und lässt seine Truppe in Unterzahl gegen einen übermächtigen Gegner zurück. Worauf die Dezimierten sich aber plötzlich am Riemen reißen, endlich Fußball spielen, ja sogar zelebrieren und tatsächlich gewinnen – was mit dem Briefträger an Bord sicher sehr viel schwieriger gewesen wäre.

Wie geht so was? Was ist da los? Womit haben wir es zu tun? Ganz einfach: Mit der Ramelowisierung unseres Lebens.

In dem lättablonden Langatmer aus Leverkusen personifiziert sich eine Entwicklung, die unsere Zeit immer unaufgeregter und unsere Gesellschaft immer unterschiedsloser macht. Denn die Ramelows werden seit Jahren immer mehr. Sie sind überall und mitten unter uns, wir sind von ihnen umzingelt und manchmal sogar schon selber welche. Es geht nicht ohne sie, aber oft geht es mit ihnen auch nicht. Oder umgekehrt.

Im Fußball gilt: Als Unentbehrliche sind sie zwar entbehrlich, aber als Entbehrliche sind sie unentbehrlich. Elf Ramelows müsst ihr sein? Das sicher nicht. Die Teams mit den vielen Ramelows (Polen, Slowenien) flogen als erste raus, die Mannschaften ganz ohne Ramelows (Kamerun, Portugal) aber gleich als nächste. Der Biederfußball wird gebraucht. Begeistern kann er nicht, aber beruhigen, begradigen, begrenzen und per Resultat befriedigen, auf allerbeste Beamtenart.

In den Parlamenten sitzen die Ramelows auf den hinteren Bänken und reden nie, aber bei Abstimmungen sind sie da. Im der Oper sind sie hinter den Kulissen, in der Partei treiben sie als Kassierer die Unterbezirksbeiträge ein, im Supermarkt füllen sie die Regale auf und bei Harald Schmidt bringt einer von ihnen dem Meister abends das Wasser. Im Uhrwerk sind sie Rädchen, beim Feuerwerk Rampe und im Wasserwerk Rohr. Ohne sie läuft nichts. Aber man hört und sieht sie nicht.

Trotzdem breiten sie sich überall aus. Vor zwanzig Jahren kamen unsere Kicker-Kollektive noch mit dem typischen Standard-Ramelow (Schwarzenbek, Jakobs, Eder) aus, heute sind es oft schon drei oder vier. Bei den Seifenopern (Lindenstraße) ist es noch schlimmer, und in der Politik haben sie schon die Mehrheit.

Wie wird man ein Ramelow? Man kann es nicht lernen, aber man zeigt sich schon früh. Im Kindergarten hört man erst mal zu, statt gleich herumzulärmen. Bei der E-Jugend pumpt man die Bälle auf, darf dafür aber immer mitspielen, auch bei den Älteren. Auf dem Schulhof steht man stets in der größten Gruppe, aber nie in der Mitte. In der Disco ist man zwar auch angeschickert, aber so, dass man als einziger noch Auto und die anderen nach Hause fahren kann. Bei den Mädels ist man anfangs nur zweite Wahl, aber später wird die Ehefrau heimlich um ihren Ramelow beneidet.

Ein Hoch auf die Ramelows! Ihr Schicksal ist nicht leicht. Der große Goethe sprach in anderen Zusammenhängen von „jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Kann man das für Carsten & Co. umdrehen? Nein, das wäre ungerecht. Klar wollen sie das Gute, aber oft genug kommt auch Gutes dabei heraus. Manchmal aber eben nicht (und in Leverkusen leider besonders nicht, aber das ist eine andere Story).

Das Interessanteste ist: Anders als den Stars, den Figos und Battistutas, diesen umjubelten Hauptdarstellern auf der großen Fußballweltbühne, sieht man den Ramelows vor dem Spiel weder die Latktatwerte noch die Biorhythmen an. Und im Spiel auch nicht. Bis der Briefträger plötzlich Amok läuft. Und das macht die Sache dann doch wieder spannend.

 

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