Europa, der ausgebildete Heidensitz

Samstag, 15. Juni 2013

Eichendorff, "Ahnung und Gegenwart": "Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig." – „Was mühn wir uns doch ab in unseren besten Jahren, lernen, polieren und feilen, um uns zu rechten Leuten zu machen, als fürchteten und schämten wir uns vor uns selbst und wollten uns daher hinter Geschicklichkeiten verbergen und zerstreuen, anstatt es darauf ankäme, sich innerlichst nur recht zusammenzunehmen zu hohen Entschließungen und einem tugendhaften Wandel." - "Wehe der Braut, die unter lustige Trinker gerät!" - "Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten." – „Unsere Zeit ist so gewaltig, daß Tugend nichts gilt ohne Stärke." - "Die Schwäche wird dreist durch den Haufen, das Hohe ficht allein." – Graf Leontin: "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt." - "Es ist doch nichts Lächerlicheres als eine aus der Mode gekommene Genialität." - "Die Jungfrau Europa, die so hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand, als wolle sie die ganze Welt umspannen, hat die alten, sinnreichen, frommen, schönen Sitten abgelegt und ist eine Metze geworden.“ - Über die Gräfin Romana schreibt Eichendorff: "Sie hatte die Einfalt, diese Grundkraft aller Tugend, leichtsinnig verspielt; sie kannte gleichsam alle Schliche und Kniffe der Besserung." – Der Dichter Faber: "Das Reisen ist dem Leben vergleichbar. Das Leben der meisten ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt; das Leben der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich." - "Ich achte das Geld nur, wenn ich es brauche. Aber Dichter brauchen immer Geld." - Graf Friedrich: "Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft." – Sein Bruder Rudolf: "Die Welt ist ein großer, unermeßlicher Magen und braucht leichte, weiche, bewegliche Menschen, die er in seinen vielfachverschlungenen, langweiligen Kanälen verarbeiten kann. Ich tauge nicht dazu, und sie wirft solche Gesellen wieder aus, wie unverdauliches Eisen, fest, kalt, formlos und ewig unfruchtbar." – Noch einmal Friedrich: "Denn, wahrlich, wie man sonst Missonarien unter Kannibalen aussandte, so tut es jetzt viel mehr not in Europa, dem ausgebildeten Heidensitze." Dazu:

  "Das Reich des Glaubens ist geendet,

  Zerstört die alte Herrlichkeit,

  Die Schönheit weinend abgewendet,

  So gnadenlos ist unsre Zeit."

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Wie es in jedem Landes auch ein paar Fabriken gibt, deren Erzeugnisse dem Menschen nicht nur zum Guten gereichen, so liegt auch in unserem Innern eine Werkstatt verborgen, in der komplizierte chemoelektrische Prozesse negative Gefühle und Gedanken produzieren.

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Giuseppe Tartinis Konzert für Violine in d-Moll zeigt dem inneren Blick eine blühende Frühsommerwiese vor hohen Bergen. Ein leichter Wind fährt über die Gräser hin, fruchtbare Wärme brütet auf reichem Land, doch atmet der Blütenduft auch schon eine todessüße Ahnung von Ernte, Welken und Vergänglichkeit. Zu Gottes Schöpfung gehört das Moll wie das Dur; beide auch besitzen ihren Platz in den Tiefe des Herzens. Der zweite Satz ergibt sich bereits der Ewigkeit, will schon die Seele sanft aus der Umklammerung des Irdischen lösen. Der dritte Satz blickt froh in die jenseitige Welt, wo die unendliche Liebe wartet und waltet.

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Kipling, "Lichtes und dunkles Indien". Aus dem Vorwort: "Wenn der Mensch sich dem Wegkreuz der großen Nacht nähert, erscheinen ihm die vielen, verschiedenen Glaubensformen der Welt wunderbar gleich und farblos." Der alte Govinda sagt: "Ich trage die Gewißheit im Herzen, daß erwachsene Menschen so sind wie die Kinder, wenn es sich um Geschichten handelt; die ältesten Geschichten sind ihnen am liebsten." Und: "Eine Geschichte ist wahr, solange die Erzählung dauert."

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Storm, "Mein jüngstes Kind":

  "Ich wanderte schon lange,

  Da kamest du daher;

  Nun gingen wir zusammen,

  Ich sah dich nie vorher.

  Noch eine kurze Strecke,

  - Das Herz wird mir so schwer -

  Du hast noch weit zu gehen,

  Ich kann nicht weiter mehr."

 

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