Der König, der seine Frau 5000 Mal betrog

Samstag, 15. Juni 2013

Am 18. Juni 1953 wurde Ägypten Republik. Kurz zuvor hatten Militärs König Faruk I.(1920-1965) zur Abdankung gezwungen. Das Volk entledigte sich eines Herrschers, der wie einst Kaiser Nero vom vergötterten Liebling zur verachteten Hassfigur herabgesunken war. 60 Jahre später steht das Land erneut am Scheideweg.

Als er 1936 den Thron besteigt, jubelt der Ministerpräsident des Libanon: „Er ist nicht nur der König von Ägypten, sondern der König aller Araber!" Als er im März 1965 an einem Gehirnschlag stirbt, urteilt seine eigene Mutter über ihn: „Er war ein Monster." Seit Nero wird kein Herrscher anfangs so innig geliebt und zuletzt so rief verachtet wie Faruk I., der nur 45 Jahre alt wird, davon aber immerhin 28 auf dem Thron verbringt: Erst überzeugter Reformer, wandelt er sich bald zum brutalen Tyrannen und diskreditiert schließlich als feister Lebemann und haltloser Verschwender das Ansehen seines Landes wie das seiner Dynastie.

Der Ur-Ur-Enkel des albanischen Söldnerhauptmanns Meh-med Ali, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit einer Streitmacht des türkischen Sultans Ägypten erobert hat, genießt die Kindheit eines zukünftigen Potentaten: Seine Babyrassel ist mit Rubinen übersät, der Aufbau seiner Märklin-Modelleisenbahn dauert fünf Jahre, und wenn der Knabe Fußball spielt, sorgen Leibwächter dafür, daß ihm kein Gegenspieler in die Quere kommt.

Mit 16 Jahren tritt Faruk die Nachfolge seines Vaters Fuad I. an: als König von Ägypten und Sudan, ist er auch Souverän von Nubien, Kordofan und Darfur. Sofort setzt er kühne soziale Reformen ins Werk. Das Volk liebt den schlanken Jüngling; überschäumend von Ideen und Tatendrang, ist er die Hoffnung der arabischen Welt. Seine Beliebtheit steigert sich noch, als er das britisch-ägyptische Zehnjahresbündnis von 1936 aufkündigt und den Abzug der britischen Truppen vom Suezkanal fordert.

Der Hass auf die Engländer hat tiefe Gründe: Als Rommel 1942 auf Alexandria zumarschierte, umstellen die Briten Faruks Palast mit Panzern und verhindern, dass sich die ägyptische Armee mit den Deutschen gegen die Kolonialherren verbündete. Faruk rächt sich, sobald er kann: Als im Januar 1952 der Pöbel in Kairo englische Hotels, Banken, Geschäftshäuser und Klubs niederbrennt und 26 Engländer totschlägt, lässt er seine Truppen erst nach einem ganzen Tag eingreifen und Ordnung schaffen.

Fataler noch als sein Hass auf die Engländer wirkt sich, so Biograph Michael Stern, ein körperliches Manko des Königs auf sein Seelenleben aus: Er leidet unter dem Eindruck, sein Geschlechtsorgan sei zu klein geraten. Der vermeintliche Defekt verursacht schon früh eine Neurose, die zu hemmungsloser Sex- und Esslust führt. Vor der Hochzeit mit seiner ersten Ehefrau Farida hat der Monarch seiner Mutter versprechen müssen, seiner Braut ewig treu zu sein - danach betrügt er sie nach Schätzungen seines Biographen etwa 5000 Mal. Selbst Staatsbesucherinnen wie die junge Königin Friederike von Griechenland sind vor Faruks amourösen Attacken nicht sicher.

König Faruk bringt 130 Kilo auf die Waage: Schon zum Frühstück verdrückt er zwölf Eier. An seinem Todestag hatte er abends sechs Sandwiches und vier Tüten Kartoffelchips gegessen und danach in einem Restaurant noch zwölf Austern, eine Hammelkeule für vier Personen mit Pommes frites und ein Sahne-Dessert - mit Unmengen von Ingwer-Limonade und Cola: Alkohol lehnt er als frommer Moslem ab.

Am teuersten kommt Faruks dritte Leidenschaft, das Spiel. Das Geld, das der König in den Casinos verzockt, holt er sich durch allerlei Schurkereien zurück: Mal verkaufte er seine Jacht zum dreifachen Preis an die eigene Regierung, mal kassierte er Waffenhändler ab, die Ägyptens Armee ausrüsten dürfen, und einmal lässt er seinem Schwager, dem Schah von Persien, bei dessen Ägypten-Besuch die Kronjuwelen entwenden. Der Bestohlene später in Teheran zum ägyptischen Botschafter: „Sagen Sie Ihrem König, er ist ein Dieb!"

Das wissen die Ägypter längst. Am 23. Juli 1952 entmachten Offiziere unter Führung Nassers und Sadats den König. Drei Tage später dankt Faruk zugunsten seines Sohnes Fuad ab und verlässt das Land. Am 18. Juni 1953, vor 40 Jahren, wird die Monarchie abgeschafft und Ägypten eine Republik. Fortan füllt der einstige Hoffnungsträger als Lebemann im Exil die Klatschspalten, bis sein Kreislauf in einem römischen Luxusrestaurant endgültig aufgibt. Die Generale Nasser sowie seine Nachfolger Sadat und Mubarak regieren das Land als Militärdiktatur, bis ihm der arabische Frühling endlich die ersehnte Demokratie bringt – mit allen Geburtsschwierigkeiten eines zuvor Jahrtausende lang autokratisch regierten Gemeinwesens.

 

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