Steinbrück: Letzte Chance Ehefrau

Montag, 17. Juni 2013

Zu Beginn seiner Kandidatur zur Kanzlerschaft sagte Peer Steinbrück, seine Ehefrau finde im Parteiengesetz keine Erwähnung, deshalb wollten sich die Eheleute auch nicht auf einen „amerikanisierten Wahlkampf“ einlassen. Jetzt holt er sie zu einem Kleinen Parteitag der SPD in Berlin als letzte Hoffnung an seine Seite. Not kennt kein Gebot. Die Reaktion in Medien und Öffentlichkeit ist zum Glück durchweg positiv. Schiebt jetzt die Kanzlerin den Ehemann ins Rampenlicht? Die Mechanismen der Wahldemokratie sind unerbittlich. Wer sich ihnen entziehen oder sie sogar eigenmächtig justieren will, hat es schwer. Schon Steinbrücks Verzicht auf die von ihm als „Gummistiefel-Wettbewerb“ verspotteten Besuche bei Flutopfern hat ihm eher geschadet. Gertrud Steinbrücks Opfer wiegt umso schwerer, als sie bekennt, wie „super gut“ es der Familie vor der Kanzlerkandidatur gegangen sei. Dank hoher Rednerhonorare - unausgesprochen. Siegt sie mit ihrem Mann, wird sie zwar nicht arm, aber für vier Jahre deutlich ärmer als vorher sein. Kleiner Trost: Für die Memoiren eines Bundeskanzlers gäbe es später deutlich mehr.

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Hesse, „Von der alten Zeit“: „Es will mir nämlich so vorkommen, die heutige Welt sei von der, die zu meinen jungen Zeiten noch bestand und galt, durch eine größere Kluft getrennt, als sonst Generationen voneinander getrennt sind. Wissen kann ich es nicht, und die Geschichtsschreibung scheint zu lehren, meine Ansicht sei ein Irrtum, dem jedes alternde Geschlecht verfalle. Denn der Fluss der Entwicklungen ist ein stetiger, und zu allen Zeiten sind die Väter von den Söhnen überwunden und nicht mehr verstanden worden. Dennoch kann ich mein Gefühl nicht ändern, es sei – wenigstens in unserem Volk und Land – in den letzten Jahrzehnten alles viel gründlicher anders geworden und als habe unsere Geschichte eine viel raschere Gangart angenommen.“ - „Soll ich bekennen, was mir an diesem Umschwung des Zeitgeistes als das Wesentlichste erscheint? Da ist, um es kurz zu sagen, ein überall spürbares Abnehmen der Ehrfurcht und der Keuschheit. Ich will die alten Zeiten nicht loben. Ich weiß, dass es jederzeit nur eine kleine Minderheit von Guten und Brauchbaren gegeben hat, einen Denker auf tausend Redner, einen Frommen auf tausend Seelenlose, einen Freien auf tausend Philister. Im Grunde war vielleicht nichts einzelnes früher besser als heute. Aber im Ganzen war, scheint mir, bis vor einigen Jahrzehnten in unserem allgemeinen Lebenshabitus mehr Anstand und Bescheidenheit als heute. Jetzt wird alles mit größerem Getöse und größerer Eigenliebe getan, und die Welt hallt von der Überzeugung wider, sie stehe an der Schwelle der goldenen Zeit, während doch niemand zufrieden ist.“ - „Das Erkennen eines natürlichen Gesetzes, an sich ein so erhabenes und inniges Ereignis, wird mit bedenklicher Hast in die Praxis gezogen – als ob man einen Baum zu schnellerem Wachstum nötigen könnte, wenn man das Gesetz seines Wachstums erkannt hat. Und so ist überall ein Wühlen an den Wurzeln, ein Experimentieren und Goldmachen am Werk, dem ich misstrauen möchte. Es gibt weder für den Gelehrten noch für die Dichter mehr Dinge, über welche man schweigt. Es wird alles besprochen, bloßgelegt und beleuchtet, und jedes Forschen will gleich ein Wissen sein. Eine neue Erkenntnis, ein neuer Fund eines Forschers steht, noch ehe der Mann ganz damit fertig ist, schon popularisiert und ausgebeutet in den Zeitungen. Und jedes Fündlein eines Anatomen oder Zoologen bringt gleich auch die Geisteswissenschaft ins Zittern. Eine Spezialstatistik beeinflusst Philosophen, eine mikroskopische Entdeckung die Seelenlehren der Theologen. Und gleich ist auch ein Dichter da, der einen Roman dazu schreibt. Alle jene alten, heiligen Fragen um die Wurzeln unseres Lebens sind aktuelle Unterhaltungsstoffe, von jedem Hauch der Mode in Wissenschaft und Kunst berührt und beeinflusst. Es scheint kein Schweigen, kein Wartenkönnen, auch keinen Unterschied zwischen Großem und Kleinem mehr zu geben.“

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Finde dich, fliehe dich!

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Sibelius, Violinkonzert d-Moll op.47: Manche Melodie wirkt wie aus finnugrischen Quellen, die Taiga und Puszta tränken. Die Melancholie der nordischen Wälder lastet nicht leichter auf der Seele als die der der baumlosen Steppe. Der Eindruck weltentrückter Einsamkeit verstärkt die wehmütige Magie der Ferne, doch birgt das Gefühl seelischer Abgeschiedenheit auch Trost: Wo sich die Stürme des Bewusstseins erschöpfen, ist innerer Friede nicht weit.

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Turgenjew, „Neuland“: „Stark ist in uns schließlich nur das, was für uns selbst ein nur verschwommen geahntes Geheimnis bleibt.“ – „Bekanntlich laufen die Pferde am besten, wenn der Kutscher Wodka getrunken hat oder glaubt, dass er welchen bekommt.“ – „Es ist ja bekannt, wenn auch nicht ganz einleuchtend, dass die Russen, die am meisten ans Lügen gewöhnten Menschen der Welt, nichts so schätzen wie die Wahrheit.“

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Hans Leip, “Aber die Liebe”:

  “Wer fragt, was Blumen denken,

  die Menschen einander schenken?”

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