Kap.3: Der Mord an den Yanonámi

Montag, 17. Juni 2013

  Das Misstrauen erwies sich als absolut unbegründet, denn der Oberst entpuppte sich als Mann von erlesener Bildung und hervorragenden Manieren. Er empfing seine Gäste vor einem riesigen Moskitozelt zwischen zwei Balsabäumen am Ufer des Rio Negro. Der größte aller Schwarzwasserströme war bei San Simon de Cocuy, 830 Kilometer von seiner Quelle entfernt, fast zwei Kilometer breit; seine Wasser wälzten sich träge wie Sirup dahin, denn das Gefälle war minimal. Über tausend Kilometer weiter, schon tief in Brasilien, erweiterte sich der Abstand seiner Ufer auf über 30 Kilometer, ehe er seine gewaltigen Wassermassen in den Amazonas ergoss.

  Gómez ließ das venezolanische Nationalgericht Pabellón aus gekochtem und zerpflücktem Rindfleisch, gedünsteten schwarzen Bohnen, gekochtem Reis und gebratenen Kochbananen auffahren. Dazu wurden Maniokfladen gereicht. Zwei weißgekleidete Ordonnanzen füllten frischgepresste Säfte von Orange, Ananas, Mango, Wassermelone, Papaya, Maracuja und Tamarinde in gläserne Krüge. Der Oberst empfahl, sie nicht mit Wasser, sondern mit Milch zu mixen.

  Hinter der kleinen Gesellschaft röteten die letzten Sonnenstrahlen die riesige Felswand der Piedra de Cocuy. Der Tafelberg ragte zehn Kilometer entfernt aus dem Regenwald wie ein gewaltiger Opfertisch voradamitischer Götter. Jahrmillionen lang hatte die Erosion an seinem Granit genagt, wie an den 114 anderen Felsburgen Venezuelas, die den Wald am Orinoco nicht weniger charakteristisch prägen als die Felstürme das Monument Valley die Halbwüste zwischen Utah und Arizona. Letzte Überreste eines Sandsteinplateaus, hatten die Göttersitze der Ureinwohner noch längst nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Wuchtig, mit weit ausladenden Flanken, türmte der Fels von Cocuy sich 600 Meter hoch über den Wald; das steinerne Antlitz zwischen dem Kragen seines grünen Mantels und der grünen Kappe auf seinem Haupt war von zahllosen Rissen durchzogen.

  Der Colonel glänzte mit Anekdoten und bewies, dass auch er seinen Humboldt kannte, dem, wie er meinte, die Jugend seines Landes bis heute sehr viel Interesse entgegenbringe, wahrscheinlich sogar mehr als die deutsche. Maria Behring konnte das kaum bestreiten. „Bis zum Cocuy ist AvH zwar nicht gekommen“, sagte sie, „aber er ist auf dem Casiquiare gefahren, und auf dem Siapa. Er nannte die Gegend den ‚Brutplatz für alle Stechmücken der Welt‘. Und er hatte Recht. Dort oben ist die Plage noch weit schlimmer als hier.“

  Sander sandte einen dankbaren Blick auf das riesige Moskitonetz.

  Der Oberst blinzelte in die elektrische Lampe. „Der Eindruck, dass Sie sich hier nicht gänzlich unwohl fühlen, macht es mir leichter, auf etwas sehr Unangenehmes zu sprechen zu kommen. Etwas, das Ihre Arbeit betrifft und, wenn ich ehrlich sein soll, der eigentliche Grund für meine Reise nach San Simón und diese bescheidene Einladung ist.“

  „Gibt es Probleme mit unseren Genehmigungen?“ fragte Maria Behring.

  Der Colonel hob abwehrend die Hände. „Wo denken Sie hin!“ protestierte er. „So etwas würde ich niemals im Rahmen einer privaten Einladung besprechen. In einem solchen Fall hätte ich Sie selbstverständlich in Ihrem Camp aufgesucht und um eine Unterredung gebeten. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich mich so ungeschickt ausgedrückt habe!“

  „Dann bin ich ja beruhigt“, sagte sie.

  „Trotzdem geht es um ein Ereignis, das Ihre Forschungstätigkeit möglicherweise mittelbar betrifft“, sagte Gómez. „Sie kennen ja unsere Schwierigkeiten in diesem Teil unseres Landes. Die Selva ist eines der größten Wunder der Natur, gewiss, und - ah, welche Schönheit!“ Er zeigte auf die Sonne, die nun als roter Ball im Rio Negro versank. „Forscher, Fotografen, Touristen, alle sind von dieser herrlichen Landschaft begeistert. Für uns Militärs aber ist der Aufenthalt hier kein Vergnügen. Nein, durchaus nicht. Nicht, dass ich mich etwa über Mangel an Komfort beschweren will - mit ein wenig Phantasie kann man sich's überall einigermaßen erträglich machen. Ich rede von unseren Aufgaben.“

  Sander trank einen Schluck Kaffee.

  Der Oberst fuhr fort: „Die besondere Situation hier besteht darin, dass am Felsen von Cocuy drei Länder zusammenstoßen. Aus Kolumbien kommen immer mehr Rauschgiftschmuggler über den Rio Negro. Und aus Brasilien dringen die verfluchten Garimpeiros vor. Und das sind böse Burschen. Sehr böse Burschen.“

  „Mit diesem Gesindel werden Sie doch gewiss fertig?“ sagte Maria Behring. „Solche Lumpen jagt ein Soldat wie Sie doch mit ein paar Gewehrschüssen über die Grenze zurück.“

  Der Oberst schüttelte bedächtig den Kopf. „Ich bitte um Verzeihung, aber leider handelt sich schon lange nicht mehr um ein paar einzelne Goldsucher wie früher. Heute haben wir es mit wohlorganisierten Banden zu tun, die keinerlei Rücksicht mehr nehmen. Bedenken Sie bitte, dass die Autorität des Staates Venezuela in diesem Gebiet noch sehr jung ist. Die Quellen des Orinoco sind erst seit 1951 erforscht. Der Siapa wurde erst 1986 erkundet. Und drüben im Neblinagebiet sind fast überhaupt noch keine Venezolaner gewesen. Weiße Venezolaner. Die Yanonami sind natürlich ebenfalls Bürger unseres Landes. Sogar sehr geschätzte. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Diese Menschen benötigen unseren Schutz. Deshalb hat die Regierung das gesamte Gebiet schon vor Jahren zum Nationalpark erklärt. Ausländer dürfen es nur mit behördlicher Sondererlaubnis betreten.“

  „Eine solche ist uns ohne Einschränkungen erteilt worden.“

  Der Oberst hob abwehrend die Hand. „Selbstverständlich, Frau Doktor Behring. Das weiß ich. Gerade deshalb habe ich Sie ja zu mir gebeten. Ich hätte Sie auch in Ihrem Camp aufsuchen können, aber das hätte der Sache einen zu offiziellen Anstrich gegeben. Bitte glauben Sie mir, es geht mir nicht darum, Ihre Forschungen auch nur im Geringsten zu beeinträchtigen. Ich möchte Sie lediglich davor warnen, Ihre Genehmigung für das Neblinagebiet in nächster Zeit zu nutzen.“ Er beugte sich vor. „Vor ein paar Tagen haben Garimpeiros zwei Yanonamidörfer niedergebrannt. 73 Tote - Männer, Frauen und Kinder. Auf brutalste Weise abgeschlachtet.“

  „Mein Gott!“ sagte Maria Behring erschüttert. „Das ist ja entsetzlich. Wo denn?“

  „In Hoximu und in Simao“, sagte der Oberst. „Aber es hätte auch jeden anderen Ort treffen können. Die Dörfer liegen zwar auf der brasilianischen Seite, aber die Verbrecher sind auf venezolanisches Gebiet geflüchtet. Der Überfall war wahrscheinlich ein Racheakt; die Garimpeiros glauben, die Yanonami hätten sie an uns verraten. Ich will nicht prahlen, aber vor unseren Soldaten haben die Goldgräber weit mehr Respekt als vor den brasilianischen Polizisten. Die Brasilianer sind leicht zu bestechen, weil sie so schlecht bezahlt werden. Deshalb ist die Bande inzwischen vermutlich wieder nach Brasilien zurückgekehrt. Es kann aber auch sein, dass die Kerle sich immer noch am Neblina herumtreiben.“

  „Wir haben dort in nächster Zeit nichts vor“, sagte Maria Behring.

  „Das beruhigt mich sehr“, sagte der Oberst. „Ich brauche Ihnen ja wohl nicht zu sagen, was Ihnen droht, wenn Sie solchen Burschen in die Hände fallen. In Hoximu haben sie die Indianer erst mit Lebensmitteln aus den Hütten gelockt und dann erschossen. Danach hackten sie die Frauen in Stücke. Was sie ihnen zuvor noch an getan haben, möchte ich Ihnen nicht schildern. Die Kinder wurden geköpft.“

  Ein kräftiger Regenguss prasselte auf die Plane.

  „Das Militärkommando Amazonas möchte, dass ich das Gebiet durchsuche“, fuhr der Oberst fort. „Das kann Wochen dauern. Die Garimpeiros haben genug Zeit zu verschwinden, und wenn wir wieder abgezogen sind, kommen sie zurück. Wir können die Grenze und die Yanonami nur verteidigen, wenn wir am Neblina einen Stützpunkt einrichten und täglich mit Hubschraubern patrouillieren. Aber das haben wir bisher in Caracas nicht durchsetzen können. Die lieben Naturfreunde in der Regierung glauben, dass wir in Wirklichkeit gar nicht am Schutz der Indianer interessiert sind, sondern nur aus Spaß so einen kleinen Privatkrieg veranstalten wollen. Sie befürchten diplomatische Verwicklungen mit Brasilien. Die Grenze ist zwar nicht umstritten, aber die Brasilianer sind immer sehr heikel mit ihrer Souveränität.“

  Der Regen wurde stärker. Maria Behring räusperte sich. „Ich danke Ihnen“, sagte sie. „Wir werden vorsichtig sein.“

  „Die Dankesschuld liegt ganz auf meiner Seite“, betonte der Oberst. „Ich will aber noch hinzufügen, dass die Garimpeiros nicht nur im Neblinagebiet über die Grenze vorstoßen, sondern auch östlich und westlich davon. Ich halte es sogar für möglich, dass sie hier in der näheren Umgebung auftauchen.“

  „Das Luftschiff fliegt auch mit ein paar Einschüssen weiter“, sagte Maria Behring.

  „Das weiß ich“, sagte Gómez. „Aber wenn Sie trotzdem einmal heruntermüssen, will ich mit meinen Männern möglichst schnell bei Ihnen sein. Verstehen Sie?“

  Mara Behring nickte. Der Oberst fuhr fort: „Ich möchte Sie deshalb in aller Form bitten, Ihr Funkgerät künftig ständig eingeschaltet zu lassen und uns zu erlauben, Ihre Companyfrequenz mitzuhören. Nur zu Ihrer Sicherheit. Es kann sein, dass Sie plötzlich nicht mehr in der Lage sind, einen Notruf abzusetzen.“

  „Das halte ich für unwahrscheinlich“, sagte Maria Behring. „Herr Sander ist ein ausgezeichneter Pilot und kennt die Gegend hier wie seine Westentasche. Nicht wahr?“ Sie blickte Sander ermunternd an.

  „Selbstverständlich“, sagte der Oberst. „Auch das ist mir bekannt. Ich spreche aber von dem möglichen Fall, dass Señior Sander dann nicht mehr…“

  „Der Colonel hat recht“, sagte Sander. „Diese Buschklepper sind wirklich gefährlich.“

  „Ich möchte daran erinnern, dass für unsere Aktivitäten mit Caracas strengste Vertraulichkeit vereinbart wurde“, sagte Maria Behring energisch. „Ich bin sehr froh darüber, dass das venezolanische Militär anders als so manche südamerikanische Armee nicht korrupt ist.“

  „Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen, Frau Doktor“, sagte der Oberst. „Ich werde eine Sondergruppe aus völlig vertrauenswürdigen Leuten zusammenstellen und ihnen für die Dauer des Auftrags jeden Kontakt mit Zivilisten verbieten. Falls tatsächlich Konkurrenten Ihrer Firma hier auftauchen sollten – von meinen Leuten erfahren sie nichts.“

  „Dann ist es ja gut“, sagte Maria Behring. Es war ihr anzusehen, dass sie trotzdem nicht zufrieden war. Nach der zweiten Tasse Kaffee bat sie, zurück in das Camp gefahren zu werden. Der Oberst verabschiedete seine Gäste mit bedauernden Worten über die Ungelegenheiten, die er ihnen bereite.

  Als der Fahrer sie abgesetzt hatte, sagte Maria Behring: „Ich habe es geahnt. Der Kerl wittert ein Geschäft. Vielleicht hätte ich ihm gleich ein paar Dollar anbieten sollen.“

  „Vielleicht tun Sie ihm unrecht“, gab Sander zu bedenken. „Auf alle Fälle sollten wir sehr vorsichtig sein. Wollen Sie wirklich in das Neblinagebiet?“

  „Und noch etwas weiter. Ich werde Sie ins Vertrauen ziehen. Aber enttäuschen Sie mich nicht! Wir müssen auf die brasilianische Seite. In die Berge auf der Südseite, zwischen Cauaburi und und Marauia.“

  „Und dafür haben Sie ebenfalls eine Genehmigung?“

  „Das braucht Sie nicht weiter zu kümmern“, sagte sie ungeduldig. „Die Verantwortung liegt ganz allein bei mir. Sorgen Sie nur dafür, dass wir hinkommen. Und behalten Sie die Sache für sich! Ich will nicht, dass uns dieser Gómez dazwischenfunkt. Die Südseite des Neblina ist das wichtigste Ziel auf dieser Expedition; wenn es so läuft, wie ich mir das vorstelle, werden wir dort auch die interessantesten Entdeckungen machen. Mit Genehmigungen oder ohne.“

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