Rubi, Poschi, Waldi: Von Blechvögeln und Krampfplauderern

Dienstag, 18. Juni 2013

In Sport-Wort RETRO zeigen Kolumnen aus früheren Jahren mit einem Augenzwinkern, was damals bedenkenswert erschien – und was sich inzwischen geändert hat. Heute: Ausgabe vom 18.Juni 2006 über unsere TV-Sportreporter.

Es war, in der Sprache des Sports, ein Auftakt nach Maß: Lange bevor in Deutschlands WM-Stadien der erste Fernsehmann ins Mikro meckerte, der erste dumme Spruch in die Zuschauer flog und die erste echte Pfeife ertönte, kloppten sich bei der ARD die Kommentatoren wie die Kesselflicker. Als sich der Palaverstaub wieder verzog, war der notorische Platt-Pointier Gerd Rubenbauer plötzlich nicht mehr mit von der Partie. Wie sein Landsmann Olli Kahn aus dem Kader gekegelt. Allerdings reagierte „Rubi“ weit weniger souverän als der tapfere Tor-Titan: „Ränkespiele! Messerstechereien!“ watschte der bayerische Blechvogel die glücklichere, weil geschicktere Konkurrenz der Beckmänner um den smarten Reinhold aus Hamburg ab und rief tief beleidigt seinen Rücktritt aus.

Die Wut-Entscheidung könnte Folgen haben – hoffentlich: Jahrzehnte lang führte der Ex-Chemiker und -Skilehrer mit dem Bratwurst-Teint eine ideenarmen Truppe ahnungsloser Krampfplauderer und nervtötender Selbstdarsteller an, die sich auch jetzt wieder mit wahnwitziger Wortgewalt auf das zahlende Publikum stürzen will. Womöglich reißt Rubis vorzeitige Selbstauswechselung jetzt eine Lücke in die Flachsinn-Front. Denn immer wenn Deutschlands TV-Sportreporter sich zu einem Mega-Event aufmachen, drohen Sprachfouls, Flachspäße und Verbalgrätschen bis zum Zungenkrampf, drängen sich Aussetzer und Versprecher auf so engem Raum wie sonst nur das Mittelfeld von Milan.

Olé, olé – o weh, o weh: Mit ihrem selbstgefälligen Brimborium zerreden unsere öffentlich-rechtlichen TV-Kommentatoren Atmosphäre, Laune und immer die spannendsten Momente. Die zentralen Blamagedisziplinen sind dünngeistige Überleitungen, Phrasendreschen und warmgeduschte Weicheierei. Nur wenige Profis halten inzwischen wenigstens einen Mindestabstand zu drögem Witz, Wortgeklingel und Widersinn - die meisten sausen auch zur WM 2006 wieder im Stilblüten-Slalom durch Pleiten, Blech und Pannen.  

Zum Beispiel Marcel Reif bei Premiere. Die Pfälzer Plaudertasche, ein Lautern-Lover mit leicht angestaubtem Dreitagebart, fühlt sich seit seinem Grimme-Preis als intellektuelles  Aushängeschild des Bezahlsenders: er sieht nicht nur aus wie Andre Heller, er redet auch so, kritisiert schon mal den „Sprachmüll“ der Kollegen, dabei wirkt seine eigene Leistung so wenig konstant wie die der Münchner Bayern, wenn sie zehn Punkte Vorsprung haben. Mal macht der populäre Pfiffikus auf Feinsinn: „Zuerst waren die Stuttgarter nervös, jetzt sind sie unruhig geworden!“ Dann greift er gleich wieder ins Grobe: „Der Hasan Salihamidzic hat es am liebsten, wenn er von hinten kommen kann.“ Gern präsentiert Reif sich politisch korrekt: „Fußball ist kein Menschenrecht, aber ein Grundnahrungsmittel.“ Dann tappt er plötzlich plump in die Rassismus-Abseitsfalle, blödelte in einem Länderspiel: „Die Ghanaer erkennen Sie an den gelben Stutzen“ und merkte zum Platzverweis zweier Kameruner an: „Da könnte einem direkt das Lied von den zehn kleinen Negerlein einfallen.“ Dabei hat der  babbelnde Bierwerber mal Publizistik, Politikwissenschaften und Amerikanistik studiert, da sollte eigentlich etwas hängen geblieben sein!

In der Jugend kickte Mini-Marcel passabel beim 1.FCK, seine TV-Laufbahn startete Reif 1972 beim ZDF aber im Politik-Ressort. Manchmal füllt sein Quassel-Gen sogar Sendungen ganz ohne Fußballszenen, wie beim legendären Champions-League-Kracher Real Madrid – Borussia Dortmund, als ein Tor zusammenbrach und er im Duett mit Günter Jauch geschlagene 76 Minuten lang kalauerte: „Noch nie hätte ein Tor dem Spiel so gut getan.“ – „Ja, ein frühes Tor!“ Eine unschöne Scheidung und ein noch unschönerer Schwarzgeld-Verdacht nagten am Saubermann-Image, aber Riesenreporter Reif ritt alle Karriere-Tsunamis locker ab. Seine Spezialität sind launige Logeleien wie z.B. „Auch ohne Matthias Sammer hat die deutsche Mannschaft bewiesen, daß sie in der Lage ist, ihn zu ersetzen“ oder „Das Schweigen von Otmar Hitzfeld wird lauter!“ Pluspunkte sammelt er auch mit volkstümlichen Kernsprüchen wie „In acht Minuten drei Tore, was können wir als Kassenpatienten mehr verlangen!“ Ja, vielleicht mal klare Info statt fauler Gags!  

Das steht auch bei Waldemar Hartmann von der ARD zu hoffen. Nach Rubis Rückzug ist der scharmante Schulterklopfer aus dem Schuhplattlerland das letzte noch aktive Funk-Fossil aus der Generation der Babyboomer – zu Recht, denn „Weizenbier-Waldi“ hat den Fans gezeigt, wie man, ohne sich zu ändern, ein ganz neues Image verpaßt: Einst als kumpeliges Krachleder verrufen, weil er seinen Interviewpartnern immer so dicht auf die Pelle rückt, als wolle er ihnen die Knöpfe abdrehen, ist er seit Olympia plötzlich Kult, weil er in Turin Harald Schmidt nach gemeinsamer Show beauftragte: „Harry, hol schon mal den Schlitten!“ Halt, eins hat er doch geändert: der Großschnauzer, von Schmidt als „Schenkelbürste“ verspottet, ist ab. Der Trick funktionierte, Waldi verjüngte sich dank nackter Nase wie einst Helmut Kohl nach Entsorgung der fetten Hornbrille. Die Verbalunfälle des fidelen Biederbayern bleiben freilich unvergessen, es sind ja schließlich echte Hartmann-Highlights dabei wie „Die deutschen Ruderer sollten sich mal am Riemen reißen!“

Bei internationalen Events entblößt der Halbfranke schon mal eine verräterische Vorliebe zum kulinarischen Vergleich, etwa mit dem Klassiker zu einer torlosen Halbzeit zwischen München und Mailand: „Obwohl es hier zwischen dem bayerischen Schweinebraten und einer italienischen Pizza eine Nulldiät gegeben hat, hoffen wir weiter auf eine große italienische Nacht!“ Waldi-Fans kennen die Hintergründe, der redesüchtige Ranwanzer war mal Kneipier, in Augsburg, machte in „Waldis Club“ die Gäste satt. Faschingsprinz war er auch. Vielleicht stammen aus dieser Zeit Redewendungen wie „Wir haben noch ein paar Nachrichten, die ich Ihnen aus dem Bauch nahebringe.“ Gern gibt der Panadebayer den Weltmann, etwa wenn er sein Publikum begrüßt: „Guten Abend, meine Damen und Herren, und bonne noir!“ Oder seinen Leib- und Magenverein rühmt: „Der FC Bayern ist ein Verein von internationaler Weltbedeutung.“ Dackelname, Dackelblick, unwiderstehlicher Duz-Drang – bei der WM wird wieder es schwer, den seidenweichen Gefälligkeitsinterviews des Bayern-Bauchpinsels zu entgehen.

Auch Johannes B.Kerner vom ZDF zieht lieber den Samt- als den Boxhandschuh über. Er war, nach Reinhold Beckmann, der zweite „ran“-Schmeißer bei SAT.1 und hielt die „Sportschau“-Konkurrenz in den Charts. Dann aber übernahm er beim ZDF den Frottee-Job des Frauenverstehers, sollte das weibliche Publikum zum Fußball locken. Prompt wandelte sich der blonde Bonner vom kantigen Kicker-Killer zum kumpeligen Kuschel-Kommentator: Sein weichgespülter Vokabular klingt, als ginge es weniger um Weltmeisterschaften als vielmehr um den Weltfrieden: Piep piep piep, ich hab’ euch alle lieb. Doch das Konzept „Am Mikrophon der Schwiegersohn“ ging voll auf und die Quote ab wie Schmidts Katze. Wenn rennende Rüpel einander mit den Ellenbogen die Rippen polieren, gießt der stets wohlgelaunte Gutmensch Harmonie-Öl auf die Wut-Wogen: „Mensch, vertragt euch doch!“ Leider kostet die fußballerische Friedensstifterei so viel Konzentration, daß manchmal die Logik leidet und der Sinn aus der Balance kippt. Die Kerner-Kernsprüche „Es gibt Parallelen, die gibt es gar nicht“ und „Halten Sie die Luft an, aber vergessen Sie das Atmen nicht“ hängen golden eingerahmt in der Klassik-Sektion des deutschen Sport-Zitats.

Wenn der Gegner in Führung geht, setzt der Show-Softie mit dem jungenhaften Charme die gequälte Fan-Seele verständnisinnig unter Wortschaum: „Es ist das eingetreten, was viele befürchtet, aber keiner erhofft hatte.“ Doch die wortreiche Weichspülerei ist nur Masche, in Wirklichkeit ist der studierte Betriebswirt ein beinharter Profi, ausgeschlafener Interviewer und top-informierter Experte. Bei der WM kämpft Kerner mit Konkurrent und Kumpel Beckmann um die deutsche Kommentatoren-Krone.

Der Preis für Betroffenheitsjournalismus ist Michael Steinbrecher vom ZDF schon so gut wie sicher. Die Locken sind noch immer lang, aber der Bart ist längst ab und die nonkonforme Nachdenklichkeit als schlechte Show entlarvt. Seit achtzehn Jahren, damals im jugendlichen Weltverbesserungstalk „Doppelpunkt“, sucht sich der einstige Dortmunder Journalistik-Student als philosophisch überhöhter Hinterfrager zu beweisen. Leider hat der selbstverliebte Zeit- und Gesellschaftskritiker den Biß eines Badeschwamms und bietet deshalb nur devotes Stichwortlieferantentum. In seinen Sendungen geht’s so heiß her wie in der Babywanne, und seine Interviews schlagen mühelos alle Rekorde auf der nach oben offenen Valium-Skala.

In eigener Sache sondert der sanftblickende Berufsjugendliche besonders gern verbalen Schmierkäse ab: „Nicht nur um Urlaub beschäftige ich mich gern mit geschichtlichen Themen. 300 Jahre Preußen ist ein willkommener Anlaß, mehr über die Geschichte und Entwicklung des Staates Preußen zu erfahren.“ Wie er wirklich tickt, zeigte der Schmalzkringel-Charmeur bei Olympia in Turin, als er sich mit Kollegen über den Familiennamen eines Schweizer Eishockeyspielers högte. „Das ist Adrian Wichser, der heißt wirklich so!“ amüsierte sich ZDF-Kommentator Günter-Peter Ploog. Ein Moderator mit Stil hätte die Entgleisung elegant überhört. Nicht so Steinbrecher, der setzte sogar noch einen drauf: „Es gibt interessante Namen im Eishockeysport!“ Der römische Geograph Pomponius Mela wußte schon vor 2000 Jahren: „Bei den Germanen dauert das Knabenalter sehr lange“ - aber muß es wirklich bis ins fünfte Lebensjahrzehnt gehen? Und wenn ja, müssen wir dabei zugucken? Für die WM steht zu hoffen, daß die Mainzer ihren alternden Jungstar nur nachts als Moderator für die Nachlese einsetzen und nicht etwa live ans Mikrofon lassen, sonst droht wieder Gestammel wie „Die erste Halbzeit zerfällt in zwei Hälften. In der ersten Hälfte dominierten die Rumänen, und in der zweiten Hälfte dominierten, äh, die Rumänen.“

Bei Reinhold Beckmann schlug es in letzter Zeit besonders heftig ein. Ex-Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer beschimpfte den ARD-Talker als „schmierig, kalt berechnend“. Die „SZ“ rätselte über „echte oder unechte Einfühlsamkeit“. Der „Münchner Merkur“ nannte ihn einen „adretten Bluthund mit einer Vorliebe für entgleiste Gesichtszüge“, der „beharrlich das Monströse sucht“. Das Satiremagazin „Titanic“ ortete „Viertelwissen und besternte Ahnungslosigkeit mit erfrischend fischiger Schmierigkeit“. Selten stand Reinhold Beckmann so in der Kritik wie nach seiner Rede-Stunde mit Entführungsopfer Susanne Osthoff. Zu hart? I wo, der der gelernte Radio- und Fernsehtechniker aus dem niedersächsischen Provinznest Twistringen steigt selbst gern mal rustikal ein. Vor allem aber ist einstige „ran“-Macher, der vor zwanzig Jahren eine WDR-Show in Personalunion mit Deutschlands schlechtestem Entertainer Helge Schneider moderierte, ein begnadetes Thementrüffelschwein, auch im Sport.

So hat Beckmann als einer der ersten gemerkt, daß es beim Fernsehfußball nicht mehr nur um Fakten, sondern längst um große Emotionen geht. Und in letzter Zeit ist der Wert des Gefühligen sowieso gestiegen wie sonst nur noch der Ölpreis. Deshalb zelebriert der nüchterne Norddeutsche mit der Harry-Potter-Brille gern mal zartfühlenden Zungen-Zauber wie „Der kleine Oliver Neuville, er schaut immer so traurig drein, man möchte ihn am liebsten an die Hand nehmen und ihm ein Eis kaufen.“ Ab und zu liefert Beckmann auch einen listigen Witz: „Die Franzosen sind ja gute Engländer geworden.“ Da macht es wenig, wenn er sich mal verzählt, z.B.: „Wenn man hier steil von oben auf das Spielfeld blickt, sieht man sehr schön die beiden unterschiedlichen Systeme, das 3-5-1 der Türken und das 4-5-1 der Portugiesen.“ Seit Rubis Rückzug ist dem smarten Reinhold das Finale sicher - unsicher bleibt, ob er dabei auch deutschen Spieler oder wieder nur einen deutschen Schiedsrichter loben darf.

Wolfdieter Poschmann wollte eigentlich Lehrer werden. Die glücklichen Kinder! Statt ihrer nervt „Poschi“ jetzt das wehrlose ZDF-Publikum mit Kappes-Kommentaren, Flachpaß-Philosophie und hausbackenem Humor für die Heizdecken-Fraktion. Der große Blonde mit dem alten Schmu ist ein Topspieler im Terror-Team der TV-Tiradeure, mit allen Eigenschaften einer echten Spaßbremse: dröge Sachstandsberichte, Witze aus der Mottenkiste, schlimme Fouls an Sprache und Stimmung – so wird Sport zum Tort. Dabei war der Kölner Koma-Kommentator selbst mal ein Spitzenathlet, lief auf Lang- und Mittelstrecken bei deutschen Meisterschaften öfter mal unter die ersten sechs, stand 15 Mal im DLV-Nationalteam und startete bei Universiaden und Cross-WM. Trotz solcher Reiseerfahrung verrät Poschmann immer wieder schwere Orientierungsmängel: „Und wie sieht’s in Brasilien aus, dem Mutterland des Fußballs?“ fragte er zur Verwunderung nicht nur aller Engländer.

Noch schlimmer seine Lücken in Heimatkunde, wenn er ankündigt: „Schalten wir über zum SV Schalke.“ Für so was („Schalke 05“) ist Carmen Thomas mal aus der ARD-„Sportschau“ geflogen. Plauder-Poschi hatte mehr Glück, er mußte zwar im vergangenen Jahr als ZDF-Sportchef abtreten, blieb aber auf Sendung: „Sie merken schon, liebe Zuschauer, die Erde ist eine Scheibe, und der Kopf des Fußballreporters ein Ball.“ Aha. Zum Stußtruppführer der Interview-Armee qualifizieren ihn Fragen wie die an seinen immer leicht gequält dreinblickenden Dauer-Partner Franz Beckenbauer nach einer 1:0-Führung gegen Kroatien: „Halten Sie den Vorsprung der deutschen Mannschaft auch in dieser Höhe für gerechtfertigt?“ Der fatale Hang zum Wort-Klamauk führt zuweilen auf Abwege, wie sie nur die blinde Selbstgefälligkeit einschlagen kann: „Von Jürgen Kohler, den sie alle nur ‚Kokser’ nennen, zurück zum heutigen Gegner Kolumbien, eine höchst gelungene Überleitung, wie ich finde.“ Und das ZDF lobt seinen Laber-Lulatsch auch noch für „Ironie“ und „zuweilen offenen Sarkasmus“. Das kann ja heiter werden!

Gerhard Delling von der ARD wurde erst durch die fragende Rolle im deutschen Durchblicker-Dreamteam so richtig wahrgenommen, und das ist vor allem das Verdienst seines Ping-Pong-Partners Günter Netzer, der immer die richtige Antwort parat hat. Zusammen sind die beiden ein Paar wie Pils und Korn. Zum Glück des cleveren Kielers geht dabei etwas unter, daß er als Solist schon so manche Wortpirouette auf den Steiß setzte, etwa mit Erkenntnissen wie „Je mehr man sich verbessert, desto besser ist das“ oder „An der Temperatur hat sich nichts geändert: Es ist noch kälter geworden.“ Erfolg macht cool, deshalb kann der NDR-Sportchef inzwischen auch Witze wagen, deren Ironie nicht jeder als solche begreift: „Wenn man ihn jetzt ins kalte Wasser schmeißt, könnte er sich die Finger verbrennen“, oder „Die Luft, die nie drin war, ist raus aus dem Spiel.“ Solche echten Dellings schmücken schon manche Stilblütensammlung.

Gefürchtet sind nach wie vor seine Überleitungen, die wie Wegweiser nach Kalau klingen: „Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, der Linksweg auch“ oder „Hup, Holland, Hup, das hat den Vorteil daß man es auch bei Schluckauf weitersingen kann.“ Damit trifft der studierte Volkswirtschaftler aber immer das Tor im deutschen Fußball-Humor. An und zu nimmt sich der Fröhlichste unter Deutschlands Fußballführern auch eine intellektuelle Auszeit, moderiert mal ein Medienmagazin, schreibt einen Krimi oder springt als Anchorman in den „Tagesthemen“ ein. Das führt nicht selten zu frischen Verbalflanken wie „40 000 im Häuschen sind aus demselben“ oder diplomatischen Kunstschüssen wie „Die Schotten trinken so viel, da können sie gar nicht mehr zuhauen.“ Damit kommt er bei dieser WM sogar mit den Quoten-Cracks Beckmann und Kerner auf Trikotfühlung.

Der beste auf dem Bildschirm ist ausnahmsweise ein Amateur: Günter Netzer. Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor, doch weil der mediengewandte Mönchengladbacher so nur mit den zweiten Vornamen heißt, wurde er Feldspieler, und was für einer: Unvergessen seine Vorstöße aus der Tiefe des Raums, brillant seine angeschnittenen Bälle – heute schießt der Elite-Experte auch verbal gern mit Effet, etwa wenn er gesteht: „Kopfball war für mich so was wie Handspiel!“ Aber nicht nur deshalb hat der blonde Ballkünstler mit der Betonfrisur mehr Gold in den Ganglien als mancher selbsternannter Meistermoderator: „Leben beginnt, wo Fußball aufhört“, formulierte er schon früh und bekannte sich zum selbstständig denkenden Einzelschützen: „Ich bin beides, konservativ, aber auch ein kleiner Revoluzzer. Mich haben die Achtundsechziger sehr fasziniert. Ich diskutiere heute noch so lange, bis jedes Detail auf dem Tisch liegt.“

Wenn das allerdings auch Co-Kommentator Delling tut, packt der passionierte Ferrari-Fahrer die Blutgrätsche aus: „Sie glauben nicht, wie sehr das nerven kann. Eigentlich ist alles beredet, aber Delling hört einfach nicht auf zu reden. Er hat zwar alles begriffen, aber gestattet sich nicht, alles begriffen zu haben.“ Dabei sind Netzer-Statements immer rund wie das Leder, und sie treffen stets ins Eckige. Ganz gleich, ob der Ball lange in der Luft ist: „Man muß genauso kämpfen wie die Engländer, aber besser spielen, dann hat man die besten Chancen gegen sie.“ Oder ob es kurz und trocken einschlägt: „Die Deutschen fristen ein Minimalistendasein auf dem Platz.“ Das ist mehr, als die meisten Mikrofon-Profis zu bieten haben. Als Teamchef Rudi Völler sich mal furchtbar über das Duo erboste, er könne „den Scheiß nicht mehr hören“, war vor allem Netzer gemeint, den das aber wenig juckte. Bei der WM wartet trotzdem viel Streß auf den genialen Mittelfeldregisseur, und nicht nur wegen der deutschen Rumpelfüßer: „Was Delling angeht, muß ich vieles sein: Seelsorger, Kindermädchen, Aufpasser.“ Viel Glück!

 

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