Vater unser im Himmel... - Die alltägliche TV-Blasphemie

Dienstag, 18. Juni 2013

In GLAUBENSSACHE RETRO dokumentieren Kolumnen aus früheren Jahren auch den Umgang der Medien mit der christlichen Religion. Heute: eine Ausgabe vom 18.Juni 1999.

Medienwächter beanstanden Schmuddel-Talkshows an Nachmittagen, und die Darstellung sexueller Perversionen im Spätprogramm beginnt selbst eine so wenig prüde Moderatorin wie Verona Feldbusch zu stören. Eine weitere ebenso schädliche wie schändliche Entwicklung im deutschen Fernsehen aber findet kaum noch Kritiker: Die immer schlimmere Verunglimpfung von Persönlichkeiten und Glaubensinhalten der christlichen Kirchen. Rücksichtsloser Kampf um Quoten, aber auch die exzessive Auslegung der Meinungsfreiheit durch die deutsche Verfassungsjustiz bewirken, dass Blasphemie und die Verletzung religiöser Gefühle keine Richter mehr, ja kaum noch Kläger finden. 

Noch vergleichsweise harmlos beginnt die ARD-Sendung "Hallervordens Spott-Light" mit einem Sketch, in dem die Kabarettisten Didi Hallervorden und Wilfried Herbst als Geistliche auftreten. Kostprobe: "53 Prozent aller Deutschen glauben nicht mehr an Gott." - "Und, noch schlimmer: 76 Prozent der Kirchenbesucher sind japanische Touristen." - "Oder, was am allerschlimmsten ist: Der Papst besteht zu 82 Prozent aus Wasser!" - "Wer an Ufos glaubt, ist nur zu faul, um katholisch zu sein!" Doch nicht nur die römische Kirche ist betroffen, wenn es um christliches Glaubensgut geht wie in einem Hallervorden-Herbst-Dialog über die unbefleckte Empfängnis: "Das nenne ich ein Wunder! In eine Frau hinein- und wieder herauszukommen, ohne die unterleibhaftige Sperrvorrichtung zu beschädigen, das hat außer Jesus noch keiner geschafft." - "Nein, nicht mal David Copperfield."

Besonders stark breitet sich unter kabarettistischen Kirchenkritikern das Mittel der sexuellen Diffamierung aus. Ein Beispiel lieferte Bruno Jonas vor einigen Wochen in "Hin und her", einer Sendung des Kulturprogramms 3sat: "Demnächst gibt es vielleicht sogar Homosexualität außerhalb der katholischen Kirche!" Noch bösartiger blödelte wiederum Hallervorden in seiner ARD-Sendung: "Himmelherrgottsakra - der Pfarrer schluckt Viagra! Dies Zeug zu preisen, tut sich nicht schicken: Es dient einzig dem Rammeln und dem F...."

Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender denken kaum noch an ihre rundfunkgesetzliche Pflicht, Rücksicht auf religiöse Überzeugungen zu nehmen. ARD-Kabarettist Matthias Beltz im März in 3sat über Kölns Kardinal Meisner: "Ich möchte nicht mit ihm nachts allein in der Sakristei sitzen, der geht einem an die Wäsche und zeigt dann heimlich seine Marienbilder-Sammlung, und da sind ganz scharfe Teile drunter."

Unter den Privatsendern tut sich hauptsächlich RTL mit Religionsschmähung hervor. Komiker Olli Dittrich darf in einem Oster-Special über die Auferstehung witzeln: "Die Buddhisten glauben, der Stein sei gar nicht vom Grab weggerollt worden, sondern Jesus sei als Regenwurm darunter durchgekrochen … Ich persönlich glaube: Jesus ist einem Hasen ausgewichen und hackebreit mit dem Fahrrad gegen die Klagemauer gebrettert."

Den absoluten Tiefpunkt liefert der notorische Genitalkomiker Ingo Appelt in "Veronas Welt" als Papst-Imitator: "Vater unser, der du bist im Himmel, ich hab einen Pimmel und kann nichts dafür." Das war selbst Moderatorin Verona Feldbusch zu viel, doch vergeblich suchte sie den Spötter zu stoppen.

Staatlicher Schutz, etwa durch bessere Gesetze, ist nicht in Sicht. Die freiwillige Selbstkontrolle der TV-Sender kümmert sich hauptsächlich um Gewalt und Pornographie, zur Abwehr von als Satire getarnter Religionsbeschimpfung aber fehlen dort offenbar Wille und Kompetenz. Den Kirchen bleibt deshalb kaum mehr als die Programmbeschwerde, die jedoch in den üblicherweise von linken Mehrheiten dominierten Rundfunkräten regelmäßig abgeschmettert werden.

Den letzten öffentlichkeitswirksamen Kirchen-Protest äußerte Rudolf Hammerschmidt, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, im Februar 1997. Damals hatte die ARD-Kabarettistin Maren Kroymann gewitzelt, den heiligen Geist werde es künftig als Spray geben, während der ARD-Moderator Friedrich Küppersbusch in einem Kommentar zum bayerischen Kruzifix-Urteil bemerkte: "2000 Jahre Herumhängen ist ja auch kein Vorbild für die Jugend."

Seither scheinen immer mehr Kirchenführer dem Dominikanerpater Basilius Streithofen zu folgen, der 1994 schrieb: "Die Kirchenämter wären klug beraten, wenn sie auf die Angriffe überhaupt nicht reagieren würden … Gelassenheit ist angebracht." Das Totschweigen aber ermuntert, wie sich deutlich zeigt, die Übelwollenden nur zu immer schlimmerer Blasphemie. Und vor dem Publikum erhält Religionsbeschimpfung, wenn Kirchen sich nicht mehr dagegen wehren, bald einen Anschein von Normalität, ja Legalität. Dann endet der blasphemische Hohn möglicherweise erst, wenn infolge nachlassenden Interesses am Evangelium eines Tages gar kein Zuschauer mehr weiß, wovon die Religionswitze überhaupt handeln. Schon jetzt, scherzte Anke Engelke letzten Monat in "Die Wochenshow" (SAT.1), glaubten sogar Theologiestudenten, Karfreitag sei der Gefährte von Robinson Crusoe.

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