Kap.4: Das rätselhafte Wesen in den Bäumen

Dienstag, 18. Juni 2013

Wolkenfänger stand ganz oben in dem Axtbrecherbaum. Die noch höheren Äste waren den Kleinen Brüdern vorbehalten, den pelzigen Vierhändern, die Gott zur Übung geformt hatte, ehe er den ersten Menschen schuf. Die noch schwächeren Zweige gehörten den Fliegenden Vettern, den Aras und anderen Vögeln, den einzigen Bewohnern des Paradieses, denen es gegeben war, schon zu Lebzeiten in den Himmel emporzusteigen und dort die Herrlichkeit Gottes zu schauen, die sie nach ihrer Rückkehr mit lauten Stimmen zu preisen verstanden.

  Anzahl und Vielfalt der Fliegenden Vettern waren unermesslich. Vögel aller Größen und Farben durchquerten in Schwärmen den Himmel oder saßen in Scharen bei den bunten Früchten, mit denen der Schöpfer sie nährte. Winzige Kolibris standen im Schwirrflug vor leuchtenden Orchideenblüten und stärkten sich mit Nektar, während ihre rosinengroßen Vogelherzen zwanzigmal pro Sekunde schlugen und leuchtend helles Blut durch haarfeine Arterien pumpten. Schwanzmeisen fütterten die zwitschernden Jungen in ihren Kugelnestern. Hoch über den Wipfeln zog ein Greisenkopfsegler durch den Morgenhimmel.

  Die Sonne fegte die Reste der Nacht in den Abgrund der Hölle und faltete ihren goldenen Prachtmantel auf, der sie als Königin unter den Gestirnen kennzeichnete. Die Wärme des Lebens legte sich wie eine wollene Decke über das Paradies. In Billiarden Blättern wurden die Quanten des Lichts von Chlorophyllpigmenten absorbiert, und die Pflanzen begannen Sauerstoff und Glukose zu produzieren, die beiden Verbindungen, mit denen die Organismen des Planeten ihren Stoffwechsel bestreiten. Die Kühle der Verdunstung auf dem noch vom Tau der Nacht glänzenden Grün erzeugte ein sanftes Wehen; es war, als winkten die Bäume der Sonne zu.

  Wolkenfänger bog die zwölf langen Zehen um den dünnen Ast, so wie ein Vogel seinen Sitz auf einem Telegrafendraht sichert, löste die Hände von den Zweigen, reckte sich zu seiner vollen Größe von 130 Zentimetern empor und streckte die Arme nach oben, als wolle er das Firmament berühren. Es war dieser Mut, dem er seinen Namen verdankte; kein anderer wagte sich höher in die Wipfel, keiner kam dem Himmel näher und ließ die Hölle tiefer unter sich als er. Sein zierlicher Körperbau kam ihm dabei zugute: Obwohl er schon zwölf Jahre alt und damit fast erwachsen war, wog er kaum 30 Kilogramm. Schultern, Oberarme, Brustkorb und Beine zeigten die Proportionen eines Turners. Unter seiner kupferfarbenen Haut spielten fein gezeichnete Muskeln. Eine mit Papageienfedern geschmückte Schnur hielt sein halblanges schwarzes Haar aus der Stirn; um seine Hüften war ein buntes Stück Stoff geschlungen, Produkt des Baumes, auf dem die Kleider wachsen.

   Als Ani, Senex und Blaukrönchen sechs Meter unter ihm mit ihren Körben aus der Hütte traten und über die Lianenbrücke auf den Hochweg zu den Paranussbäumen zugingen, begann Wolkenfänger auf seinem Ast zu wippen. „Wartet auf mich!“ rief er.

   Sie blieben stehen und schauten zu ihm hinauf. „Wir müssen uns beeilen“, sagte seine Mutter. „Hol deinen Korb und komm!“

  Wolkenfänger wippte noch stärker; dann stieß er sich ab und fiel in die Tiefe. Nach sieben Metern im freien Fall trafen seine Füße mit traumwandlerischer Sicherheit einen breiten Ast, der kräftig federte; geschickt ließ sich der Junge vom Rückschwung auf die Lianenbrücke tragen.

  Ani reichte ihm einen der beiden Körbe, die sie trug. „Schon so groß und immer noch so kindisch“, tadelte sie ihren Sohn.

   „Wir waren alle mal jung“, sagte Senex großväterlich. In der feuchten Luft kräuselte sich sein weißer Bart wie die Ohrbüschel eines Marmosettenäffchens.

    Blaukrönchen bemühte sich, ihren Bruder zu überholen und als erste den Hochweg zu erreichen, dessen hölzerne Planken in die Krone einer Chorisia führten. Lächelnd ließ Wolkenfänger seine neunjährige Schwester gewähren. Übermütig sprang sie auf einen Ast, der parallel zum Hochweg wuchs, und lief fast 20 Meter weit neben den anderen her, keinen Blick auf das dunkle Gewölk zu ihren Füßen verschwendend, das ihr nicht weniger vertraut war als der blaue Himmel über ihr. Es war eine Lust, auf den schmalen Ästen zu tanzen, ihre Biegsamkeit zu erproben, ihre federnde Kraft zu berechnen und dann mit einem plötzlichen Sprung über vier, fünf Meter auf einen anderen Baum hinüberzuwechseln, wie es die Kleinen Brüder taten; ebenso wenig, wie sie jemals stürzten, würde auch ihr je ein solches Missgeschick widerfahren, denn das Paradies war für den Menschen gemacht und der Mensch für das Paradies.

 ***

„Paradiesisch“, sagte Maria Behring zum wiederholten Mal und genoss den Blick auf das wellige Waldland, das tief unter ihr dem Horizont entgegenwucherte. Es sah aus wie jene paläozoischen Dschungel, durch die in grauer Urzeit Donnerechsen zogen. Sander hielt das Luftschiff mit 30 Stundenkilometern in 1200 Metern Höhe. Die Motoren arbeiteten gleichmäßig, doch ein leichter Nordostwind drückte gegen den Bug, und Sander musste immer wieder gegensteuern. Seit anderthalb Stunden brauchte er nicht mehr auf den Kreiselkompass zu schauen, denn im Südosten war die Gipfelplatte des Cerro de la Neblina aufgetaucht. Das Thermometer zeigte 26 Grad, die Luftfeuchtigkeit hatte 94 Prozent unterschritten, und der Wind, der durch die geöffneten Fenster der Gondel drang, machte die Fahrt vollends angenehm.

Es war schon die vierte Reise in das Grenzgebiet. Beim ersten Mal waren sie nach Osten zum Rio Baria vorgestoßen und dem Urwaldfluss nach Südosten bis zu seiner Quelle am Nordhang des Neblina gefolgt. Beim zweiten Mal ging es noch ein Stück weiter östlich am Cano Maveni zur Sierra Imeri. Beim dritten Mal hatten sie drei Kilometer südlich von San Simon de Cocuy die brasilianische Grenze anvisiert und das Luftschiff dann an ihr entlang zum Cerro Cupi gelenkt. Das hatte zur Folge, dass sich der Colonel über Funk meldete und höflich, aber bestimmt die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes von fünf Kilometern zur Grenze verlangte.

Die Ausbeute an Bromelien von den Bäumen des Neblina-Nationalparks, der größer als Belgien ist, war keineswegs gering: 87 Epiphyten. Aber alle entstammten bereits bekannten Arten, und ihre Enzyme unterschieden sich weder in ihrer Zusammensetzung noch in ihrer Wirkung von denen, die schon von anderen Wissenschaftlern beschrieben waren. Jetzt setzte Maria Behring ihre ganze Hoffnung auf die Neblina selbst: „Am Cocuy sind wir auf 180 Meter Meereshöhe, an der Neblina kommen wir auf 2 000 Meter. Ich rechne dort mit Arten, wie sie in den Nebelwäldern der Anden wachsen. Vielleicht haben sich dort Mischformen von Flachland- und Hochlandbromelien entwickelt. Wir kommen schon noch an die Schokolade, warten Sie es nur ab.“

  Sander hielt ständig Ausschau nach Spuren von Garimpeiros und entdeckte zwei kleine, aber schon wieder überwucherte Landepisten. Zehn Kilometer vor der Neblina frischte der Wind auf. Sander öffnete die Ventile der Ballonetts und drehte das Höhenruder nach vorn. Die Luft entwich, das leichtere Helium breitete sich fast in den gesamten Rumpf aus und trug das Luftschiff langsam auf 2 000 Meter. An der Frontscheibe zerplatzten einige Regentropfen.

   Maria Behring schaute durchs Fernglas und zeigte auf einen Punkt links von dem breiten Gipfel des Berges. Einige Minuten später überquerte das Luftschiff die Grenze. Sander war froh, dass sie außerhalb der Reichweite von Garimpeirogewehren schwebten. Er drehte das Heck in den Wind, stellte auf Leerlauf und ließ das Schiff treiben. Die Riesenmauer der Neblina schien bis in den Himmel zu ragen; es war, als blicke man aus Taxifahrt durch die Häuserschluchten Manhattans zum Empire State Building empor.

  Maria Behring steckte den Kopf zum Fenster hinaus und schaute zum Rand des Gipfelplateaus 500 Meter über ihnen hinauf. Sander lenkte das Luftschiff ein Stück von dem Felsen fort. Plötzlich begann die Gondel zu zittern; es war, als habe eine Riesenfaust das Schiff gepackt und wolle es nach Süden tragen. Der Windmesser zeigte plötzlich eine Windgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern an. Sander drehte wieder an dem großen Rad. Das Luftschiff stieg rasch auf 2 800 Meter, und der Wind ließ nach.

  Eine halbe Stunde später war der Berg hinter ihnen schon merklich kleiner geworden. Wieder lag welliges Waldland unter ihnen. Maria Behring tippe Sander auf den Arm und zeigte nach unten. Sander schaltete die Motoren ab und ließ das Schiff treiben. Lautlos glitt es nun durch die Luft, der Fahrtwind lieferte das einzige Geräusch. Je tiefer sie sanken, desto stärker spürten sie den Druck des Windes. Plötzlich türmte sich eine steinerne Mauer vor ihnen auf. Während sie über den natürlichen Steinwall hinwegsausten, äugte Sander verblüfft nach links und nach rechts. Dann zog er die Karte aus dem Fach unter seinem Sitz, entfaltete sie auf den Knien und studierte sie mit gerunzelten Brauen. Der Felsenwall schien eine große Kurve zu beschreiben, die drei Kilometer rechts von ihnen ihre größte Entfernung erreichte und dann wieder zurückschwang, rund war wie akkurat ein mit dem Zirkel gezogener Kreis.

  Maria Behring hob das Fernglas und durchsuchte die Bäume. Ein paar Sekunden später setzte sie das Gerät ab und rieb sich die Augen. Ihr Atem ging flach. Inzwischen hatte auch Sander gemerkt, dass der Wald unter ausschließlich aus Riesenbäumen bestand. Sie standen so eng, als seien sie alle zur gleichen Zeit aus Samenkörnern zu Titanen gewachsen. Vor allem die Paranußbäume mussten mehr als 90 Meter hoch sein.

  Geschickt lenkte Sander das Luftschiff zwischen den Überständern hindurch. Die unheimlichen Gewächse reckten dem fremden Gefährt die Äste entgegen, als seien sie Wächter, dazu versammelt, Eindringlingen mit den Schwertern zu wehren. Auf dem obersten Ast stand ein Vogel; auch er schien Sander ungewöhnlich groß. Maria Behring warf so heftig auf Sanders Seite, dass ihm fast die Füße von den Pedalen gerutscht wären, und schlug auf den Hauptschalter der Funkanlage. Sofort verloschen die Blinklichter.

  „Gegenschub!“ schrie sie.

  Sander startete die Motoren, kehrte die Stellung der Propeller um und schob die Gashebel auf volle Kraft. Das Luftschiff bremste so stark, dass sie in die Gurte geschleudert wurden. Maria Behring riss die Kamera hoch, richtete das Objektiv auf den vorbeihuschenden Ast und ließ den Motor durchlaufen, als drücke sie den Abzug einer Automatikwaffe.

   „Noch mal zurück!“ rief sie aufgeregt.

   Sander schüttelte den Kopf. „Der Wind drückt zu stark.“

   „Dann fahren Sie eine Kurve!“

   „Nein, dagegen kommen wir nicht an.“

   „Haben Sie das nicht gesehen?“

   Das Luftschiff fuhr wieder über den Wall. Rasch berechnete Sander die Position.  

   „Nicht markieren!“ sagte Maria Behring.

   Sander schaltete das Funkgerät wieder ein. „Hoppla, muss irgendwie gegen den Hauptschalter gekommen sein.“ Er verzog keine Miene, als könne Oberst Gomez ihn nicht nur hören, sondern auch sehen.

  Maria Behring keuchte auf ihrem Sitz, bis sich das Adrenalin abgebaut hatte. Dann holte sie die Fotos auf das Display ihrer Digitalkamera, das Bild war jedoch zu klein.

  Sander brachte das Luftschiff auf 500 Meter Höhe und drehte nach Westen. Maria Behring schnitt ein paar Tillandsien von den Bäumen. Eineinhalb Stunden später erschien der Felsen von Cocuy am Horizont. Kurz darauf machte die Bodencrew das Schiff am Haltemast fest. Maria Behring und Sander kletterten aus der Gondel und liefen zu den Containern.

  „Kommen Sie in einer Stunde zu mir“, sagte sie.

  Sander duschte, zog sich an und klopfte pünktlich an ihre Tür.

  „Herein!“

  Ihr Wohncontainer war ebenso mit Elektronik vollgestopft wie das Labor. Ein schmales Feldbett zeigte, dass der Raum nicht nur zum Arbeiten genutzt wurde. Maria Behring saß vor einem Computer und drückte Tasten. „Sehen Sie sich das an“, sagte sie und schlug mit der Handfläche einladend auf einen leeren Stuhl.

  „Sander setzte sich und schaute auf den Bildschirm. Das Gerät zeigte in zwanzigfacher Vergrößerung eines der Fotos.

  „Das war wirklich kein Vogel, sagte Maria Behring leise.

  Sander erkannte er einen Paranussbaum. Auf dem obersten Ast stand eine eigentümliche Gestalt.

  „Nein. Das ist kein Vogel.“

  Maria Behrings Finger flogen über die Tastatur. Das Bild verschwand und kehrte Sekundenbruchteile später in vierzigfacher Vergrößerung zurück. Nun waren Augen, Mund und Hände der Gestalt deutlich zu erkennen.

  Sander hielt die Luft an. Bis zu diesem Augenblick hatte er noch immer für möglich gehalten, dass sie einer Sinnestäuschung erlegen waren. Der Dschungel war voll von solchen Geschichten.

  Maria Behring bearbeitete wieder die Tastatur, und das Bild erschien in achtzigfacher Vergrößerung. Der elektronische Raster war sehr grob, doch jetzt gab es endgültig keinen Zweifel mehr.

  „Aber wer ist das?“ fragte Sander heiser.

Maria Behring schaltete das Gerät aus und schaute ihn nachdenklich an. Dann fragte sie: „Kennen Sie die Legende vom Hombrecillo?“

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