Erst Menschenjagd, dann Karlspreis

Donnerstag, 20. Juni 2013

In Berlin-Kreuzberg greifen afrikanische Flüchtlinge, die in Zelten auf dem Oranienplatz hausen, eine türkische Familie an. Der Familienvater verteidigt sich mit einem Messer und verletzt dabei einen der Angreifer. Daraufhin wollen die Afrikaner das sechs Wochen alte Baby des Türken, seine Mutter und die Großmutter als Geiseln nehmen und erzwingen, dass die Polizei ihnen den Messerstecher ausliefert. Die Beamten verhindern das und werden deshalb von den Flüchtlingen attackiert. Als Verwandte und Freunde des Türken mit Latten anrücken, stellen sich die Polizisten vor die Afrikaner, doch die greifen ihre Beschützer nun von hinten an, sechs Beamte werden verletzt. Der Sprecher der Flüchtlinge sagt der Tageszeitung „Neues Deutschland“, die Polizei trage die Schuld an der Eskalation. BZ-Kolumnist Gunnar Schupelius: „Absurde Zustände“. „Ecbasis captivi“ (11.Jhdt.): „Verkehrtes Recht gewinnt die Oberhand,  das wahre Recht vermag sich nicht durchzusetzen.“

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Lesefrüchte. Hesse, „Von der alten Zeit“: „Lebensregeln, Gesundheitslehren, Häuser- und Möbelformen und andere Gegenstände längeren Gebrauchs, denen sonst eine gewisse Stabilität anhaftet, wechseln heute so eilig wie Kleidermoden. Jedes Jahr ist auf jedem Gebiet der Gipfel erklommen und das Endgültige geleistet. Im Leben der einzelnen Familien führt das alles zu einem argen Riss zwischen innen und außen, zwischen Schauseite und Innenseite, und damit zu einem Verfall der Sitte und Lebenskunst, dessen Grundzug ein erstaunlicher Mangel an Phantasie ist. Beinahe scheint mir das die eigentliche Krankheit der Zeit zu sein.“ -  „Phantasie ist die Mutter der Zufriedenheit, des Humors, der Lebenskunst. Und Phantasie gedeiht nur auf dem Grunde eines innigen Einverständnisses zwischen dem Menschen und seiner sachlichen Umgebung. Diese Umgebung braucht nicht schön, nicht eigentümlich, nicht reizend zu sein. Wir müssen nur die Zeit haben, mit ihr zu verwachsen, und daran fehlt es heute überall. Wer nur nagelneue Kleider trägt, die er sehr häufig wechseln muss, dem geht damit ein Stücklein Boden für die Phantasie verloren. Er weiß nicht, wie lebendig, freundlich, drollig, erinnerungsreich und anregend ein alter Hut, eine alte Reithose, ein altes Wams sein kann. Und ebenso ein alter Tisch und Stuhl, ein vertrauter, treuer Schrank, Ofenschirm, Stiefelknecht. Ferner die Tasse, aus der einer seit Kinderzeiten trank, die großväterliche Kommode, die alte Uhr!“ - „Und man macht den Erwachsenen jedes Glauben, jedes innige Erfassen und Festhalten so schwer, indem man gar zu bequem und wohlfeil in jeder Bude darbietet, was langsam und mit Hingabe erworben werden sollte. Nun meint jeder alles erraffen zu müssen, und nichts ist ihm leichter gemacht, als von der Kirche zur Religionslosigkeit, von da zu Darwin, von da zu Buddha, von da zu Nietzsche oder Haeckel oder sonst wohin überzugehen, ohne dass er sich viel zu bemühen und zu studieren braucht. Es ist so leicht geworden, Bescheid zu wissen, ohne lernen zu müssen.“

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Schicksal ist eine Willensäußerung Gottes.

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Beethovens 5.Klavierkonzert weckt die Empfindung einer Luftfahrt in der Montgolfiére. Im 1.Satz führt sie über reiches Bauernland, im 2.Satz ragt eine Kathedrale empor, der 3.Satz landet auf atemberaubende Weise im Hier und Heute auf dem belebten Boden einer aufgeregten Welt. Als letztes Klavierkonzert Beethovens entstand es zur Zeit der napoleonischen Besetzung Wiens: "Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her", schrieb der Komponist seinem Verleger, "nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art."

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Wieder gelesen: Joachim Fernau, "Die Genies der Deutschen". "Wenn das Blut müder wird und die Kultur sich langsam abwärts zu neigen beginnt, tritt die große Wandlung ein. Wenn es Abend wird, beginnt man zu frösteln. Dann ist der Augenblick da, wo man anfängt, Museen zu bauen … Nach der Jahrhundertwende setzte die Vermassung ein. Masse Mensch stand auf. Das Wort scheint hart, aber es trifft leider zu. Der Wahn von der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde unter den besonderen Schutz der Humanitas gestellt. Der billigste 'gesunde Menschenverstand' wurde heiliggesprochen, da Kultiviertheit und Wissen für die faule Menge nicht billig genug erreichbar waren. Mit dem ganzen Instinkt eines gekränkten Haufens protestierte sie von nun an gegen den Ausreißversuch einzelner Menschen aus der Normung … 'Wer sich irgendwie über den Gesichtskreis des Pöbels zu erheben wagt, gilt für geächtet', hat schon der große Humanist Konrad Celtis vor 450 Jahren in seinem Antrittskolleg an der Ingolstädter Universität gesagt … Die Soziologie, die Forschung nach den Gründen von dem Verhalten des Menschen in der Gesellschaft, ist eine 'Errungenschaft', die etwa vergleichbar ist mit der australischen Karnickelplage." Zu hart? Zu wahr?

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Ariost, "Orlando furioso" XLIV, 1:

  "Oft wird in Mangel und in Kümmernissen,

  In armen Hütten, unter niederm Dach

  Das Herz zur Freundschaft stärker hingerissen

  Als im Palast, im glänzenden Gemach,

  Als mitten in des Reichtums Fördernissen,

  An Höfen, wo Verrat und Tücke wach,

  Wo Herzlichkeit und Liebe sind verschwunden

  Und nur verstellte Freundschaft wird gefunden."

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Die Nachrufe auf Ungarns Ex-Regierungschef Gyula Horn preisen seine Mitwirkung an der historischen Öffnung des Eisernen Vorhangs: Am 27. Juni schnitt der damalige Außenminister gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock bei Sopron den Grenzzaun durch. 1990 erhielt er dafür den Karlspreis. De mortuis nil nisi bene? Nachdem die Rote Armee 1956 den ungarischen Volksaufstand mit Panzern niedergewalzt hatte, machte sich der fanatische Kommunist Horn als Mitglied der berüchtigten „Steppjackenbrigade“ („Pufajkások“) auf die Jagd nach Regimegegnern. 350 Verhaftete wurden hingerichtet, Tausende zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Davon in deutschen Zeitungen auch jetzt wieder kaum ein Wort. Die Ungarn denken anders über den Politiker, der sich später zum Sozialisten wandelte und sogar Ministerpräsident wurde: Mit Verweis auf Horns Beteiligung an der Menschenjagd von 1956 verweigerte Ungarns Präsident László Sólyom ihm 2007 die Verleihung des Großen Ungarischen Verdienstkreuzes anlässlich seines 75. Geburtstags: Horn habe sich auch später nie wirklich von den Verbrechen distanziert. Deutsches Sprichwort: „Vergeben ist nicht vergessen.“

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