Berlin: Riesen-Schulden, Riesen-Gehälter

Samstag, 22. Juni 2013

Die Hamburger wollen den wuchernden Parolenwald der Wahlkampfplakate begrenzen, deshalb dürfen die Reiter erst in der heißen Phase aufgestellt werden - außer sie weisen auf eine aktuelle Veranstaltung hin. Prompt pflastert SPD-MdB Johannes Kahrs seit Wochen vor jedem Frühschoppen oder sonstigem Polit-Treff die City mit Selbstbildnissen zu. Ob’s hilft? Jesus Sirach 19,23: „Es gibt eine Schläue, die ein Greuel ist.“ 

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Lesefrüchte aus Ibsens dramatischem Gedicht „Peer Gynt“. Der Held zur schönen Anitra:

  "Du, mit jeder Faser eben,
 Völlig, außer ja und nein,
 Sollst von mir besessen sein.
  Deiner Locken Mittnachtsgabe,
 Alles Liebliche und Schöne,
 Sei, gleich Babels Gärten, Labe,
  Welche deinem Sultan fröne.
  Drum ist's gut, daß in der Höhle
  Deines Schädels Leere klafft.
  Hat man erst mal eine Seele
  Ist man in sich selbst vergafft."

Begriffenfeldt sagt:
 "Jeder schließt sich ein in seiner Selbstheit Zelle,
 In der Selbstheit Gärung taucht er bis zum Grund.
  Versperrt hermetisch mit der Selbstheit Spun
  Und dichtet sein Faß in der Selbstheit Quelle.
  Keiner hat Zehren für das andern Wehen;
  Keiner hat Sinn für des andern Ideen."

Schließlich der Knopfgießer:
  "Sei du selber, das meint: geh dir selbst an den Kragen.
  Doch weil du die Auslegung schwerlich verstehst,
  So heiß es: Du mußt nach des Meisters Plan fragen
  Und ihm nachgehn, wo immer du gehst."

In den Anmerkungen meiner Ibsen-Ausgabe heißt es über die Abreise des Dichters aus Norwegen: "Dieser Schritt aus der geistigen Enge und dem bedrückenden Provinzialismus seiner Heimat hatte für Ibsen, ähnlich wie bei zahlreichen anderen skandinavischen Schriftstellern und Künstlern im freiwilligen Exil, entscheidende Bedeutung. In den insgesamt mehr als 25 Jahren, die er in Italien, Deutschland und Österreich lebte, trat er mit den führenden Köpfen der europäischen Avantgarde in Verbindung und wurde zusammen mit August Strindberg zum Vater des modernen Dramas, das nur durch die Vermittlung der deutschen Bühne zum Durchbruch kommen konnte und manchmal auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg verhalf. Nicht ohne Grund wurde in Skandinavien Deutschland oft 'das große Vaterland' genannt."

Zum Inhalt: "Als sicherndes Fundament, über dem sich Peers Phantasiewelt entfalten kann, begleitet ihn sein Leben hindurch die geduldige Liebe Solveigs (des 'Sonnenwegs'), die am Ende des Dramas Mutter und Gattin zugleich ist und bei der Peers geistige und reale Unbeständigkeit und Rastlosigkeit Ruhe finden. Er, der immer auf der Suche nach seinem Ich war und sich im Symbol der schalenreichen, aber kernlosen Zwiebel als Mensch ohne Persönlichkeit, ohne ein Selbst erkennt, erfährt am Ende eines langen Lebensweges, daß er nie bei sich selbst gewesen ist, sondern sich immer in den christlichen Tugenden Glauben, Hoffen und Lieben einer Frau befunden hat."

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Das Reich der Jugend, im Herzen zeitlos, blüht am schönsten im Herbst.

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Schuberts 8.Sinfonie, die Große C-Dur-Sinfonie, eine Majestät unter den Instrumentalwerken: Ein ausziehendes Heer, das für seine Sache einzustehen weiß, ein heimkehrender Sieger, der die Gefallenen nicht vergisst. Das riesige Finale mit über tausend Takten wird als Schlüsselwerk der Sinfonik nach Beethoven angesehen. Robert Schumann schrieb dazu: "Hier ist, außer meisterlicher Technik der Komposition, noch Leben in allen Fasern, Kolorit bis in die feinste Abstufung. Bedeutung überall, schärfster Ausdruck des einzelnen, und über das Ganze endlich eine Romantik ausgegossen, wie man sie schon anders woher bei Schubert kennt. Und diese himmlische Länge der Sinfonie, wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul." Schumanns Lob bewog seinen Freund Felix Mendelssohn Bartholdy, die Sinfonie im Leipziger Gewandhaus erstmals aufzuführen - zwölf Jahre nach Schuberts Tod.

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Henry Miller, „Van Dieppe - Newhaven“: „Und wenn du ganz still bist und keine dummen Fragen stellst, dann wirst du merken, dass das ganze Leben eine Reise ist, eine Reise innerhalb einer Reise, und dass der Tod nicht die letzte Reise ist, sondern der Anfang einer wunderbaren Reise, von der keiner weiß, wohin sie geht, aber dennoch bon voyage!“

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Aus einem Hymnus Rainer Maria Rilkes (1875-1926):

  „Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
 der seines Wesens letztes Wort verschweigt
 und sich den Andern immer anders zeigt:
 dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.“

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BZ-Chefkolumnist Gunnar Schupelius listet die Jahresgehälter städtischer Bediensteter auf. Chefin der Berliner Verkehrsgesellschaft (zuvor bei der polnischen Bahn-Tochter Schenker): 385.914 Euro. Chefin der Berliner Stadtreinigung (vorher Staatssekretärin in Magdeburg): 328.390 Euro. Chef der Wohnungsbaugesellschaft Degewo (vorher im Bausenat): 190.400 Euro. Regierender Bürgermeister: 147.000 Euro. Aktueller Schuldenstand Berlins: 60 Milliarden Euro. Stanislaw Jerzy Lec: „Es ist was faul im Staats Dänemark. Oh wie riesengroß ist Dänemark!“

 

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