Kap.5: Eine Stadt in der Kronenregion

Sonntag, 23. Juni 2013

II. Hombrecillo

Fiebrig glühende Augen unter dem rostigen Eisen iberischer Helme, wuchernde Barte über eingefallenen Wangen, faulende Zähne hinter rissigen Lippen, zerschundene, von Insekten zerstochene Hände, die sich um tödliche Waffen klammerten: Grausige Gäste aus den Abgründen der Geschichte tauchten in einem plötzlichen Tagtraum vor Sander auf. Ausgemergelte Gestalten, vorwärtsgetrieben von der Gier nach Gold und immer wieder in die Irre geführt von den vagabundierenden Mythen des Regenwaldes: der Legende von El Dorado, das an immer anderen Orten gesucht und doch nie gefunden wurde; der Sage von den Amazonen, die dem wasserreichsten Fluss der Welt den Namen gegeben hatten; den Berichten von den geheimnisvollen Omagua und ihrem versunkenen Reich in dem schier undurchdringlichen Urwaldgebiet; der Überlieferung von Manoa, dem Timbuktu des Amazonas, der geheimnisumwitterten, unendlich reichen Stadt am entlegensten Ufer des Stroms; und der Kunde vom Hombrecillo, dem Waldmenschen, der gleich den Affen auf Bäumen lebte, die er nur manchmal verließ, um sich von den Indianern ein Kind oder eine Frau zu holen, mit denen er dann für immer im Dunkel des Urwaldes verschwand. Die Furcht vor ihm war Teil der menschlichen Urangst vor den tierischen Vettern, die bis heute überall auf der Welt in der Seele des Homo sapiens nistet und in den Südseemärchen um den Riesenaffen Kong wie in Europas mittelalterlichen Schauergeschichten vom Wilden Mann ihren Ausdruck findet.

  „Hallo!“ sagte Maria Behring zum zweiten Mal.

  Sander schreckte auf. „Entschuldigung, ich war gerade in Gedanken. Natürlich, die Legende vom Hombrecillo kennt hier jeder. Allerdings nennt man ihn in Venezuela ‚Salvaje‘. ‚Son cuentos de frailes‘, sagen die Leute hier, alles Pfaffenmärchen, mit denen die Indianer den Missionaren Angst machen wollten.“

  „So steht’s auch auch AvH“, sagte Maria Behring und las vor: „In den Katarakten hörten wir auch zum ersten Mal von dem behaarten Waldmenschen, der Frauen entführt, Hütten baut und zuweilen Menschenfleisch frisst. Die Tamanacas nennen ihn Achi, die Maipures Vasitri oder den großen Teufel. Die Eingeborenen und die Missionare zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenähnlichen Affen, vor dem sie sich sehr fürchteten.“

  Sander blickte zweifelnd auf den Monitor. „Das ist ein junger Indianer.“

  „Vielleicht sind wir trotzdem auf den Ursprung der Legende gestoßen“, sagte Maria Behring und las weiter: „Pater Gili erzählt in vollem Ernst die Geschichte von einer Dame aus San Carlos in den Llanos von Venezuela, welche dem Waldmenschen wegen seiner Gutmütigkeit und Zuvorkommenheit das beste Zeugnis gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm zusammen und ließ sich von Jägern nur deshalb wieder in den Schoß ihrer Familie bringen, weil sie, nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der heiligen Sakramente nicht länger entbehren mochte.“

  Sander lachte. „Sie wissen ja, dass man Guayana auch das Land der Lüge nennt. Aber im Ernst: Wie kommt der Junge auf diesen Baum? Die untersten Äste liegen doch mindestens 30 Meter über dem Boden! Überhaupt habe ich noch nie so viele riesige Bäume gesehen. Und ein Steinring ist auf meinen Karten auch nicht eingetragen.“

  Maria Behring holte eine Größenskala auf den Monitor. „Größe genau 130 Zentimeter. Aber diese Muskulatur! Sehen Sie sich diese Schultern und diese Oberarme an! Und wie sicher er dort oben steht! Das müssen mehr als 80 Meter sein, und er balanciert vollkommen frei auf dem obersten Ast; es sieht fast so aus, als wolle er gleich davonfliegen.“

  „Er kann natürlich von einem Nachbarbaum herübergeklettert sein“, sagte Sander. „Die Kronen stehen ja unglaublich dicht beieinander. Aber haben Sie unter den Bäumen diese Wolken gesehen? Dabei liegt der Wald kaum 600 Meter über Normalnull.“

  „Wir müssen so bald wie möglich wieder hin.“

  „Schon klar, aber was wollen Sie Ihren Mitarbeitern erzählen?“

  „Gar nichts. Wenn es dort draußen wirklich einen unbekannten Indianerstamm gibt, tun wir gut daran, die Sache für uns zu behalten. Sie wissen ja, was mit den Yanonami los war, als die Zeitungen anfingen, über sie zu berichten.“

  „Lassen Sie sich nur was Vernünftiges für den Colonel einfallen, der Kerl ist nicht dumm.“

  Sander zog sich mit einem Steak und zwei Büchsen Bier aus der Kantine in seinen Container zurück und studierte die halbe Nacht lang Karten. Im Traum kehrten die Konquistadoren zurück, und er sah die blutigen Leichen der erschlagenen Indianer, hörte das Röcheln der Sterbenden, die gellenden Schreie der Vergewaltigten und das verzweifelte Kreischen der Kinder. Er sah die Fackeln in die Hütten fliegen, hörte das Gebrüll der Mörder, fühlte die Hitze des Feuers auf seiner Stirn. Die Angst trieb ihm den Schweiß aus den Poren, und er wachte  zitternd auf.

  Maria Behring schlief überhaupt nicht. Sie saß die ganze Nacht an ihrem Computer und faxte über ihre Satellitenleitung Anweisungen und Fragen an die Abteilungen ihres Unternehmens. Um zwei Uhr morgens trafen die ersten Antworten ein; sie lasen sich so interessant, dass an Schlafen nicht mehr zu denken war. Sie schickte Zusatzfragen hinterher, und bald begann auch ihr Bildempfangsgerät zu arbeiten. Eine halbe Stunde lang betrachtete sie Satellitenfotos in größtmöglicher Auflösung. Kurz vor fünf Uhr rief sie Sander an.

  Sander sah im Traum lange Reihen gefesselter Sklaven vorüberziehen, von Menschenjägern im Urwald gefangenen und auf die Märkte Brasiliens verschleppt, frische Ware für die Besitzer der großen Plantagen, die aus der billigen Arbeitskraft einige Jahre lang Gewinn ziehen würden, ehe die Strapazen in dem mörderischen Klima die letzte Kraft aus den Unglücklichen herausgepumpt hatten. Die Toten blieben unbestattet in der Asche der Hütten zurück, den Pekaris, Geiern schließlich den großen Ameisen zum Fraß. Das Klirren der Ketten war die gespenstische Begleitmusik zum Todeszug der Gefangenen, bis Sander endlich erwachte und merkte, dass sein Telefon klingelte.

  „Sie haben aber einen guten Schlaf“, sagte Maria Behring munter. „Die Satellitenfotos sind da. Ich weiß jetzt auch, was das für ein Steinwall ist.“

  Minuten später klopfte er. Sie öffnete und schaute sich vorsichtig um. Draußen ging ein schweres Gewitter nieder.

  „Herein mit Ihnen!“ Sie schloss die Tür und schob ihn zu ihrem Computer.

  „Neueste Aufnahmen amerikanischer Satelliten“, erklärte sie. „Landsat und so. Das ist der Neblina.“

  „Von einem Ring ist hier aber nichts zu sehen.“

  „Natürlich nicht, aus 800 Kilometern Höhe, bei diesem starkem Pflanzenwuchs. Aber jetzt…“

 Sie drückte ein paar Tasten und tippte mit dem Fingernagel auf ein neues Bild. „Das kommt vom von ERS-1. Europäischer Forschungssatellit. Radar. Sehen Sie den roten Ring? Durchmesser 5400 Meter. Ein Krater. Vulkanischer Ursprung.“

  „Im Amazonasgebiet?“

  „Vulkane gibt‘s überall auf der Welt. Kommt nur drauf an, zu welcher Zeit. Dieser hier ist sehr alt.“ Sie zeigte auf die Schrift am rechten Rand der Aufnahme. „Letzter Ausbruch vor 125 Millionen Jahren. Das Radar zeigt auch, woraus der Erdboden besteht. Auf Bildern aus der Polarregion können Wissenschaftler hundert verschiedene Arten Eis und Schnee unterscheiden.“

  Sander war beeindruckt.

  „Unter den Rändern des Kraters und unter dem Kegelstumpf ist das Erdreich stark verdichtet. Hier sehen Sie noch den Schlot, durch den das Magma nach oben schoss. Das ganze Amazonasbecken besteht aus alluvialem Schwemmland, das alle älteren Strukturen überdeckt. Nur eben diese nicht.“

  „Interessant“, sagte Sander. „Und der Junge?“

  Sie drückte wieder ein paar Tasten, und eine Karte erschien: „Räumliche Verteilung indianischer Stämme in Amazonien und Roraima“. Sie zeigte die Gebiete von 130 Stämmen an, aber keiner siedelte im Neblinagebiet.

  „Im Indianerschutzgebiet sind die Brasilianer besonders heikel“, sagte sie. „Ich selber hasse nichts mehr diese Idioten, die sofort das ganze Biotop zertrampeln, wenn sie einen neuen Wasserfloh gefunden haben. Wenn es am Neblina wirklich unbekannte Indianer gibt, nähern wir uns am besten so an, dass sie uns gar nicht bemerken. Ich habe das Gerät schon angefordert. Fernrohr, Hochleistungskamera, Richtmikrophon, Restlichtaufheller, Infrarotkamera, das ganze Programm.“

  „Sie wollen in der Nacht hin?“

  „Wenn das wirklich unbekannte Indianer sind, haben sie noch nie einen Weißen gesehen. Da können Sie sich vorstellen, was los ist, wenn plötzlich ein Luftschiff auf sie zukommt.“

  „Das gleiche wie bei uns, wenn ein Ufo landet, nehme ich an.“

  „Genau.“

  „Der Junge hat uns aber gesehen.“

  „Das macht nichts. Man wird ihm nicht glauben. Es haben ja auch schon genügend Leute überall auf der Welt erzählt, sie hätten ein Ufo gesichtet. Es ist ein großer Unterschied, ob man nur von einer Sache hört oder sie mit eigenen Augen sieht.“

  „Und wie wollen Sie dem Oberst erklären, dass wir über Nacht draußen bleiben?“

  „Sie scheinen sich ja richtig daran zu weiden, Probleme anzusprechen. Der Colonel ist das geringste. Ich sage ihm, daß wir ein Bromelienparadies gefunden haben und nicht mehr jeden Tag 200 Kilometer fliegen wollen, nur um mit Aircondition zu schlafen.“

  Zwei Tage später landete ein Charterflugzeug auf der kleinen Piste. Der Pilot und die vier Passagiere ließen niemanden an die beiden großen Holzkisten heran, die sie durch den strömenden Regen in die Gondel schleppten. Dort stemmten sie die Deckel ab, und die Forscherin machte Inventur: Satellitenempfänger, Ersatzgenerator, Spektralanalysator…

  „Was?“ fragte Sander.

  „Damit kann man aus der Ferne die Zusammensetzung von Luft und anderen gasförmigen Stoffen ermitteln.“ Sie zwinkerte ihm zu.

  Sie ließen sich von den Technikern alles genau erklären. Am Abend trugen die Männer die leeren Holzkisten in ihr Flugzeug und hoben ab.

  Am nächsten Morgen kletterten Maria Behring und Sander in die Gondel, meldeten sich beim Tower ab, winkten dem Groundcrew-Chef zu und stiegen rasch auf 1200 Meter. Das Luftschiff fuhr erst nach Osten, drehte nach einer Dreiviertelstunde nach Süden, folgte dem Lauf des Canal Maturaca und überquerte im Quelltal des Flusses die niedrige Hügelkette, die Venezuela von Brasilien trennte. Ab und zu fuhren sie unter großen Gewitterwolken hindurch, geflissentlich über nichts anderes plaudernd als über Bromelien und Enzyme.

  Hinter dem Cauaburi stieg das Gelände an. Sander ging tiefer und verringerte die Geschwindigkeit auf 20 Stundenkilometer. Vor ihnen ragte der Cerro de la Neblina über das Hügelland; im Lee des Hochplateaus hing eine kilometerlange Wolkenfahne.

  Das Luftschiff fuhr nur noch etwa 30 Meter über dem Kronendach nach Osten. Der Ringwall stieg sanft wie eine Düne, wurde dann aber rasch steiler und türmte sich am Schluß fast senkrecht empor. Die Bäume endeten gut 50 Meter vor dem Rand. Sander reduzierte die Geschwindigkeit auf Fußgängertempo und lenkte das Luftschiff vorsichtig in den Krater. Die höchsten Felsen lagen kaum fünfzehn Meter unter der Gondel.  Auch innen war der Abhang des Kraters mit Büschen und kleinem Gehölz überwuchert. Am Fuß aber versank das Grün in einer grauen Fläche.

  „Sieht aus wie ein Schwarzwassersee“, sagte Sander.

  „Mit ziemlich hohem Huminstoffanteil“, sagte Maria Behring. „Ist es aber nicht, Sehen Sie, da!“

  Unter ihnen quoll wieder das dunkle Gewölk aus dem Boden.

  Sander stellte die Luftschrauben um und fuhr zurück, bis sie wieder über dem Kraterrand standen. Maria Behring hob ihr Fernrohr und suchte die Kronen ab. Die ersten Paranussbäume wuchsen etwa 800 Meter entfernt. Da es fast windstill war, musste er dazu weder Ruder noch Blower benutzen; nach einer Weile schaltete er sogar die Motoren aus. Still wie eine Wolke hing das Schiff am Himmel. 

  Maria Behring korrigierte die Schärfeneinstellung des Feldstechers. Plötzlich stieß sie ein scharfes Zischen aus, und Sander sah, dass ihre Hände zitterten.

  „Was ist?“

  Sie gab keine Antwort, denn noch weigerte sich ihr wissenschaftlich geschulter Verstand, das unglaubliche Bild zu akzeptieren: Durch das wuchernde Grün, das alles Land am Amazonas als Ausdruck eines wilden, frei, ungebändigt und in amorpher Vielfalt wachsenden Lebens bedeckte, zogen sich plötzlich regelmäßige Strukturen. Hellere und dunklere Töne verbanden sich zu Bögen und Parallelen, Auf- und Abschwüngen, Linien und Mustern, die auf geheimnisvolle Weise zusammenhingen

  Sie legte warnend den Finger auf die Lippen und gab ihm das Glas. Sander drehte an der Feineinstellung, und bald sah auch er es: Überall zogen sich wie nach Plan Lianen und andere Ranken durch das Blattwerk. Sie kreuzten und vereinten sich, schlangen sich umeinander, trennten sich wieder und zogen sich wie ein riesiges grünes Spinnennetz durch die gesamte Kronenregion. Staunend starrten sie auf die atemberaubende Konstruktion aus Hunderten von kühnen Seilbrücken, Stegen, Leitern, Hochwegen und Plattformen mit Hütten.

  Sander setzte das Fernglas ab und schüttelte ungläubig den Kopf. Eine Stadt in den Bäumen! „Das ist ja…“

  „Suchen wir uns erst mal einen Lagerplatz“, sagte Maria Behring und zeigte auf das Funkgerät. Sander schaltete die Motoren ein, stellte die Propeller auf Rückwärtsfahrt und ließ das Luftschiff hinter den Kraterrand sinken.

  „Vorsicht!“ schrie Maria Behring.

  Sander beugte sich aus der Kanzel. Unter dem Schiff gähnte ein schwarzes Loch. Es sah aus wie Schacht in die Eingeweide der Erde.

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt