Die verlogene Ehre des Jan Ullrich

Montag, 24. Juni 2013

Der Schriftsteller Jörg Becker legt eine „Biographie“ der Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010) vor. Titel: „Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus“. Inhalt: Die Wissenschaftlerin sei „mehr und mehr zu ihren nationalsozialistischen Wurzeln zurückgekehrt“, eine „Nazisse“, befallen von „Antisemitismus“. Zur Last gelegt wird ihr u.a. ein „Flirt mit dem Rechtsradikalismus“ bis hin zur Annahme des „Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreises“ im Jahr 2006. Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn in der „FAZ“ über diese „infame Abrechnung“: „Wie ‚rechtsradikal‘ oder NS-nah war Gerhard Löwenthal? Er war deutscher Jude und überlebte den Holocaust, weil er von Deutschen versteckt und somit gerettet wurde … Bis zu seinem Lebensende im Jahr 2002 praktizierte Löwenthal sein Judentum.“ Doch: „Dass Löwenthal jüdisch war, bleibt unerwähnt. Das hätte nicht in Beckers ideologische Schublade gepasst.“ Das wichtige Detail wurde einfach unterschlagen. Stanislaw Jerzy Lec: „Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht.“

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Lesefrüchte: Euripides, "Medeia". Besonders beeindruckend die Klage der Heldin: "Ach, wie Frauen sind ja von allem Geschöpf,

  Das da atmet und fühlt, die unseligste Art:

  Wir kaufen mit schwerem Gold den Gemahl,

  Ja, schlimmer noch, kaufen den Herrn unseres Leibs

  Und er bleibt unser Schicksal, ob gut oder schlecht;

  Wir können‘s nicht weigern und Scheidung ist Schimpf."

Und: "Man preist unsern Frieden, so fern von der Schlacht:

  Lieber dreimal am Feind als einmal Geburt!"

Aus dem Nachwort: "Medeia steigt nicht nur aus einem vorapollinischen Urbereich, sondern auch aus einer neu erfühlten und neu fühlenden Frauengemeinschaft auf. Sie ist nicht nur die wilde Enkelin des Helios, sondern auch die erste in voller Größe erlebte eigenwillige Frauengestalt, der Erstling unter den Frauen."

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Die Gefühle sind unsere alten Götter: Vom erwachenden Verstand aus dem Licht des Bewusstseins vertrieben, zogen sie sich in das geheimnisvolle Dunkel des Unbewussten zurück, dem sie entstammen. Dort wirkt bis heute ihre ungebrochene Macht.

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Wieder Philip Glass, Konzert für Violine und Orchester: Zuerst eilt das geschäftige Leben der modernen Großstadt dahin, die Melodie malt die Skyline, die Streicher lassen das Stimmengewirr im Gedränge vernehmen, bevor die Violine durch verhangene Fenster ins Einzelleben führt und die Flöten von der Einsamkeit inmitten das Ameisenhaufens erzählen. Der zweite Teil folgt dem rhythmischen Gleichmaß der Metropole: Herz und Seele schwingen mit den Gezeiten des Betonbiotops. Der dritte Satz führt in die Tiefe der Eingeweide, in Bauch und Adern. Die Musik erschließt geheimnisvolle Tiefen in mystischer Dunkelheit. Im Finale schimmert den Abglanz nächtlicher Lichter auf Himmel und Wolken. Von dieser Musik geht ein starker Zauber aus.

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Gracián: "Narren sind alle, die es scheinen, und die Hälfte derer, die es nicht scheinen. Jedoch ist der größte Narr, wer es nicht zu sein glaubt und alle andern dafür erklärt. Und obschon die Welt voll Narren ist, so ist keiner darunter, der es von sich dächte, ja nur argwöhnte."

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Storm, "Ein grünes Blatt":

  "Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,

  Ich nahm es so beim Wandern mit,

  Auf daß es einst mir könne sagen,

  Wie laut die Nachtigall geschlagen,

  Wie grün der Wald, den ich durchschritt."

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Der Radprofi Jan Ullrich gibt in einem „Focus“-Interview das Blutdoping zu, das er über Jahre hinweg eisern bestritten hatte. Zugleich bestreitet er, ein Betrüger zu sein, denn die anderen hätten ja auch gedopt: „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte Chancengleichheit.“ Stanislaw Jerzy Lec: „Er wusch seine Schuld ab, um seinen Ruhm zu reinigen. Damit war auch dieser futsch.   

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