Die Telefonnummer auf dem Kruzifix

Samstag, 22. Juni 2013

In GLAUBENSSACHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Glaubenssache“, welche Nachrichten vor zwölf Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom Freitag, 22.Juni 2001.

„Moral ist in einem Unternehmen nur zu praktizieren, wenn sie, zumindest langfristig, auch Erträge bringt“, zitiert „Christ in der Gegenwart“ den Münchner Wirtschaftsethiker Karl Homann. „Keine Ethik, am wenigsten eine christliche, kann vom Einzelnen verlangen, dass er dauerhaft und systematisch gegen seine eigenen Interessen verstoße.“ Moral verlange zwar, daß der Einzelne nicht in jedem Fall seinen Vorteil zu maximieren versuche, verbiete aber nicht prinzipiell das Streben nach individuellen Vorteilen. Es sei sinnlos, die Moral nur deduktiv einzufordern oder wettbewerbsgeschützte Nischen für ethische Prinzipien einzufordern. Vielmehr müsse die Moral selbst durch Markt und Wettbewerb zur Geltung gebracht werden: „Ökonomik ist Ethik mit anderen, besseren Mitteln.“ Lukas 16,8: „Die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts.“

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Ein Reporter des „International Herald Tribune“ zählt beim morgendlichen Gottesdienst in der riesigen Kathedrale zu Canterbury 13 Besucher und folgert: „Westeuropa hat der christlichen Religion den Rücken gekehrt. Es hat eine der am wenigsten religiös empfindenden und glaubenden Bevölkerungen der Welt.“ Bester Beweis: Widerspruch bleibt aus.

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Diesen Donnerstag feiern Katholiken den Gedenktag des hl. Heimerad (+ 1019), Priester, Pilger und Prügelopfer: Ein Abt, dessen Unfreundlichkeit er rügte, ließ ihn mit Ruten streichen. Ein Vikar, dessen liederliche Haushälterin er tadelte, jagte ihn mit Hunden aus dem Dorf. Ein Bischof, dessen Mißfallen er durch seine Lumpen weckte, ließ ihm Stockhiebe verabreichen. Als Einsiedler teilte er mit den Armen das letzte Stück Brot, die Leute nannten ihn „heiliger Narr“. Ein Erzbischof baute auf seinem Grab eine Kirche, ein Papst sprach ihn heilig. Matthäus 11,6: „Selig ist, der sich nicht an mir ärgert.“

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Victor Hugo, "Les Miserables": "Die Tiere sind nichts anderes als vor unseren Augen vorüberziehende Abbilder unserer Tugenden und Laster, die sichtbaren Schemen unserer Seelen. Gott zeigt sie uns, um uns zum Nachdenken zu bringen. Da die Tiere aber nur Schatten sind, hat Gott sie nicht im eigentlichen Sinne des Wortes erziehbar geschaffen. Wozu auch? Dagegen hat er unsern Seelen, da diese wirklich sind und eine eigene Bestimmung haben, Verstand geschenkt, das heißt die Möglichkeit, erzogen zu werden. Eine richtig geführte soziale Erziehung vermag aus jeder Seele, wie immer sie geartet sei, das Brauchbare zu entfalten, das sie enthält." Auch dann, wenn die Erzieher behaupten, dass es Seele, Himmel und Gott gar nicht gebe?

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Das religiöse Zentralorgan des Menschen ist nicht der Kopf, sondern das Herz.

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Werbeslogan für ein Auto: „Bekennen Sie sich!“ Für ein Cabrio: „Ohne die Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. Beten Sie sie an.“ Für ein Mineralwasser: „Quelle des Lebens“. Für einen TV-Sender: „Viva liebt dich.“ Für eine Versicherung: „43 Millionen Menschen glauben an uns.“ Für Schmuck: „Machen Sie Ihrer Frau die Ewigkeit zum Geschenk!“ Ein Telefon-Anbieter tönt: „So merkt sich ein Messdiener die billige Nummer der Auskunft“ – die Zahlen stehen statt des „INRI“ auf einem Kruzifix an der Wand. Glaube, Liebe, Hoffnung im Jahr 2001. Luther: „Die Welt will betrügen oder betrogen werden.“

 

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