Der Mann, der die Mauer baute

Montag, 24. Juni 2013

Vor 120 Jahren wurde Walter Ulbricht geboren. Seine Therapie war schlimmer als die Krankheit.

Während der sächsischen Arbeiterunruhen im Frühjahr 1919 fällt der Leipziger Sittenpolizei ein junger Mann auf, der Kontakte zu Prostituierten sucht. Der Verdächtige heißt Walter Ulbricht, ist 25 Jahre alt, Tischler und Mitglied der SPD. 40 Jahre später führt die polizeiliche Feststellung zu dem Gerücht, der Staatsratsvorsitzende der DDR sei früher Zuhälter gewesen.

Der Vorwurf zählt zu den wenigen Anschuldigungen, die Ulbricht zu Unrecht treffen: Nicht private Wünsche haben den Parteiaktiven zu den käuflichen Damen gelockt, sondern die Aussicht, von ihnen etwas über die bevorstehenden Maßnahmen der Reichswehr gegen die Arbeiter zu erfahren.

Die Genossen haben zu diesem Zweck einen Mann eingesetzt, der sich im Milieu auskennt: Vor 120 Jahren, am 30. Juni 1893, als Sohn des Schneiders und SPD-Vertrauensmanns Ernst Ulbricht geboren, hat der spätere Politiker eine schlimme Kindheit im schmutzigen Prostituiertenviertel Naundörfchen verbracht. Der Vater schneidert zu Hungerlöhnen in Heimarbeit für Konfektionsfirmen, die gichtkranke Mutter dirigiert den Haushalt von ihrem Bett in der Küche aus, drei Kinder teilen sich das karge Brot: Zustände, die für immer abzuschaffen Walter Ulbricht auszieht.

Zum schrecklichen Verhängnis für seine Mitbürger und viele seiner Landsleute wählt er dazu eine Therapie, die noch unmenschlicher ist als die Krankheit, die sie bekämpfen will. Schon der Tischlerlehrling nimmt begierig auf, was er seit 1906 bei der Sozialistischen Arbeiterjugend, zu hören bekommt: daß an allem Übel allein der Kapitalismus schuld sei, den es abzuschaffen und durch eine Diktatur des Proletariats zu ersetzen gelte.

Der feste Wille, an diesem Plan mitzuarbeiten, fördert eine steile Karriere: 1912 in die SPD eingetreten, 1918 zweimal wegen Propaganda und Desertion verhaftet, tritt Ulbricht dem Spartakusbund bei und gründet 1919 mit anderen die besonders radikale Leipziger KPD. 1920 heiratet er die Leipziger Jungkommunistin Martha Hauk. Er schreibt für lokale KPD-Zeitungen, wird 1921 Sekretär der Bezirksleitung Großthüringen in Jena, sitzt bereits 1923 im Zentralkomitee seiner Partei und ab 1926 auch im sächsischen Landtag. Mitte der 20er Jahre erhält Ulbricht in Moskau eine gründliche Funktionärsausbildung. Sie macht ihn endgültig zum  linientreuen Stalinisten. Das hindert ihn allerdings nicht, noch 1933 bei Wahlkampfveranstaltungen gemeinsam mit dem späteren Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels aufzutreten.

Nach Hitlers Machtergreifung lässt sich Ulbricht zur Tarnung einen Bart wachsen und emigriert nach Prag. 1935 übersiedelt er nach Paris, arbeitet 1936 bis 1938 während des Spanischen Bürgerkrieges im kommunistischen Hauptquartier und flieht dann nach Moskau.

Im Zweiten Weltkrieg machte er - auch vor Stalingrad - für die Russen Propaganda. 1945 schickte Stalin ihn in das besiegte Deutschland. In Leipzig lässt Ulbricht seinen Eltern - die Mutter ist schon 1926 gestorben, der Vater 1943 bei einem Bombenangriff umgekommen - einen Grabstein setzen mit dem Goethe-Imperativ: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut."

Ulbricht selbst versteht das Dichterwort so wie Lenin: „Gut und moralisch ist nur, was der Zerstörung der alten Ausbeutergesellschaft dient." Kaum ein Politiker betreibt die Vernichtung ganzer Berufsstände und Bevölkerungsgruppen mit so viel systematischer Brutalität wie der Mann, der seinen Spitzbart erst abrasieren will,„wenn das friedliebende Volk auch in Westdeutschland gesiegt hat und ein friedliebendes, demokratisches Deutschland geschmiedet wird."

1951 lässt sich Ulbricht scheiden und heiratete seine langjährige Lebensgefährtin Lotte Kühn. Beide haben bereits eine Tochter: Beate, geboren 1943.

Schon unter Ulbricht überdecken die menschenverachtenden Lügen und ständig wiederkehrenden abstumpfenden Floskeln der Parteisprache die Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus - so lange, bis die Unterdrückten nach dem hoffnungslosen Volksaufstand von 1953 in die gesellschaftlichen Nischen flüchten. Ulbricht bleibt sowjetischer Satrap bis zum Schluss: 1961 befiehlt er den Mauerbau, 1968 drängt er erfolgreich darauf, den Prager Frühling mit Panzern zu vereisen. 1971 entmachtete Ulrichts Kronprinz Erich Honecker den Schwerkranken mit Hilfe der Sowjets. Zwei Jahre später erliegt der 80jährige in Berlin einem chronischen Herz- und Blutdruckleiden.

 

 

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