Özil, Khedira, Boateng und Schland

Samstag, 15. September 2012
Schlandarbeiter: Mittelfeld-Motor Sami Khedira im Wiener Ernst-Happel-Stadion. © Steindy (talk)/ Wikipedia Commons

Wie national sollen Internationale, wie deutsch müssen türkischstämmige DFB-Kicker sein, und wie ernst dürfen wir Musik nehmen, in der mehrfach „Deutschland“ vorkommt?

„Beim Spiel gegen Österreich war der Mehmet Özil einwandfrei. Sonst bei der Hymne immer Mund zu – diesmal: Kaugummi!“ lobte Rolf Miller gestern Abend in „Asül für alle“ (BR). Mit dem Witz nimmt der Kabarettist ein Thema vom Feuer, das nach dem verlorenen EM-Halbfinale gegen Italien plötzlich heiß geworden ist: Wie national dürfen Internationale, wie deutsch müssen türkischstämmige DFB-Kicker sein, und wie ernst ist Musik zu nehmen, in der mehrfach „Deutschland“ vorkommt?

„Man könnte fast meinen, dass das Schicksal der ganzen Nation von einem Fußballspiel abhängen würde“, sagte SAT.1-Kommentator Jörg Wontorra vor dem EM-Relegationsspiel gegen die Ukraine in Kiew. Das war im Jahr 2002. Nation? Was für ein Wort! schrieben damals einige und dachten viele, darf der das eigentlich? Wenn irgendwo auf dieser Welt die schwarzrotgoldene Fahne über ein Stadion steigt, Zuschauer die Nationalhymne singen und „Deutschland!“ skandieren, rutscht manchem Sportreporter das Herz in die politisch korrekte Hose: Kann so was sein, gerade mal 67 Jahre nach dem Krieg? Sollten nicht gerade wir als Deutsche...?  

Allzu oft führen diesen Fragen zu einem medientypischen Reflex: Der unpolitische Sportberichter mutiert flugs zum kritischen Journalisten, der die störenden Erscheinungen alsbald hinterfragt: Will die Begeisterung für das eigene Team etwa andere ausgrenzen? Handelt es sich um Nationalismus? Sind die Menschenrechte in Gefahr? Droht ein Rechtsruck, sind die Fans neonazistisch angebräunt?

Andere behandeln solche Anfeuerung als Ausrutscher und Blackout von Besoffenen, für deren Geisteszustand eine milde Missbilligung genügt: „Es ist doch nur ein Spiel“ oder „Der Bessere soll gewinnen“ – die Hoffnung, dass das aber doch bitte nicht unbedingt die Deutschen sein müssten, bleibt dabei oft genug unüberhörbar.

Eine dritte Gruppe verbindet sanftes Erschrecken mit bewährtem gesellschaftspolitischen Engagement und erzeugt so jene problembewusste Einstellung, die gern beschwichtigt und noch lieber belehrt. Dabei brachte es der große Jesse Owens schon 1936 in Hitlers Berlin auf den Punkt: „Ich finde die Vermischung von Sport und Politik lächerlich“, sagte der vierfache Olympiasieger im souveränen Stil eines wahren Champions, „eine Goldmedaille mehr oder weniger entscheidet nicht über den Wert einer Lebensform oder eines politischen Systems.“ In London 2012 ließ mancher Sportkommentar mehr als gelinde daran zweifeln.

Eine vierte Gruppe ist fein still und schweigt. Ja, klar, Sport nur Nebensache, aber eigentlich wollen die Fans ja auch bloß bisschen Spaß haben, Fußball gucken, mitfiebern und sich nach Möglichkeit über einen Sieg freuen. Und hinterher wollen sie weder an die Maas noch an die Memel, sondern nur an den Tresen.

„Deutschland über alles“ ist zu Recht verpönt. Ist „Deutschland vor, noch ein Tor“ auch schon nachbarschaftsfeindlich? „Der Sport ist eine völkerverbindende Sache, besonders Ärzte haben viel zu verbinden“, kalauerte einst der Münchner Kult-Autor Herbert Rosendorfer. Der Österreicher Peter Turrini vermutet nur wenig ernsthafter: „Wenn man den Begriff ‚Sport’ aus den entsprechenden Seiten der Zeitung herausnähme, würden Frontberichte übrig bleiben.“ Das kann aber eigentlich nur die britische Boulevardpresse meinen, deren Zeilenmacher indes auch längst nicht mehr nur mit dem Wortschatz von World War II texten.

Unsere Nationalsymbole sind aggressionsfrei, inklusive des Bundesadlers, der so fett und langsam geworden ist, dass er keinen gallischen Hahn mehr hackt und schon lange unter Artenschutz gestellt werden müsste. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch hoffte einst: „Aber es kann und wird einmal anders kommen, als die Leute denken, die den Sport als Nationalismus und den Nationalismus als Sport betreiben.“ Heute sollte endlich klar sein, dass Liebe zum eigenen Land, Team und Sieg nichts mit Nationalismus zu tun hat. Lassen wir uns das also auch nicht einreden! „Ein geklärtes, ruhiges, nationales Selbstbewusstsein“, sagte der auch in diesem Punkt völlig unverdächtige Richard von Weizsäcker schon 1985, „bleibt für uns selbst und unsere Nachbarn von großer Bedeutung.“ Und da hat sich erfreulich viel getan. Zuletzt waren es Österreicher, die bei der deutschen Nationalhymne pfiffen – und deshalb von ihrem eigenen Wiener Stadionsprecher einen Anpfiff bekamen. Danach lieferte Stratege Özil deutsche Wertarbeit und machte den Elfer rein. Mitstreiter Sami Khedira ließ sich in Sachen Arbeitsauffassung von keinem „Herkunftsdeutschen“ übertreffen, und Jerome Boateng fehlte diesmal zwar, ist aber ansonsten Panzer und Panzerabwehr in Personalunion. Und über dem Ganzen aber steht groß und deutlich ein Wort, ein Begriff, eine Botschaft: „Schland!“

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