Kap.6: Der Herr des Paradieses

Samstag, 29. Juni 2013

Sander ließ das Luftschiff noch einige Meter rückwärts treiben, schob dann die Gashebel nach vorn und steuerte das Luftschiff an einen jungen Mahagonibaum. Langsam schloss sich die Halterung um den Stamm. Maria Behring setzte den Helm ab, packte ein Stativ und eilte in die Gondel. Sie ließen sich acht Meter auf den Boden hinab, und Sander verankerte den Kohlefaserkorb an einer mannshohen Wurzel. Maria Behring lief inzwischen schon zu dem Loch und schaute fasziniert in die schwarze Tiefe.

  „Was ist das?“ fragte sie, als Sander sie eingeholt hatte.

  „Cerro Impacto“, sagte Sander. Diese Löcher sind manchmal 300 Meter tief.“

  „Unheimlich. So etwas habe ich noch nie gesehen. Vulkanisch? Erosion?“

  Sander zuckte die Achseln.

  Sie gingen um das Loch herum und kletterte den steilen Abhang hinauf. Ein paar Minuten später standen sie auf dem Kraterrand. Maria Behring stellte das Stativ auf und befestigte ihr Fernglas. Sander keuchte; er war völlig durchgeschwitzt.

  „Sie sind doch nicht so gut in Form, wie ich dachte“, sagte sie und schaute durch das Okular.

  „Jedenfalls nicht so wie Sie“, schnaufte er. „Sie sind hier hinaufgaloppiert wie eine Bergziege.“

  „Das nehme ich als Kompliment.“ Sie richtete das Glas wieder auf die Strukturen in der Kronenregion. „Unglaublich“, murmelte sie. „Es sieht aus, als hätten diese Indianer sämtliche Bäume miteinander vernetzt. Sie können praktisch von jedem Baum zu jedem anderen gehen, ohne zwischendurch erst wieder zum Boden hinunter steigen zu müssen. Aber wie haben sie das nur fertiggebracht? Und wozu?“

  Sie gab das Fernglas frei und winkte Sander. Da sie beide nahezu gleich groß waren, brauchte er sich nicht zu bücken, um hindurchzuschauen.

  „Tatsächlich“, sagte er nach einer Weile. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

  „So etwas hat wohl überhaupt noch niemand gesehen. Also, was meinen Sie dazu?“

  Sander kratzte sich am Kinn. „Ist mir unerklärlich. Das muss Jahrzehnte gedauert haben. Und was ist das für ein schwarzes Gewölk?“

  „Das möchte ich auch gern wissen. Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Luftbrücken alle mindestens zehn Meter höher sind als diese Wolken?“

  Sander schaute wieder durch das Fernglas. „Sie haben recht. Es gibt keine einzige Stelle, wo das nicht so wäre.“

  „Holen Sie mal den Spektralanalysator. Die Kamera können Sie gleich mitbringen. Und das Mikro auch.“

  Vorsichtig kletterte Sander den Abhang hinunter. Zehn Minuten später kehrte er schwerbeladen zurück und legte die Geräte vorsichtig in das struppige Gras. „Ich habe noch nie gehört, dass Indianer Baumhäuser bauen“, sagte er. „Und dann in solcher Höhe!“

  Maria Behring hob den Spektralanalysator auf, brachte ihn in Position und drückte die Aufnahmetaste. Dann nahm sie die Videokamera, richtete sie auf einen Axtbrecherbaum und ließ den Zoom bis zum Anschlag fahren.

  „Ich sehe einen!“ rief sie aufgeregt.

  Sander sprang zu dem Fernrohr. Unter den Palmenzweigen kam ein alter Mann hervor. Sein weißes Haar an Kopf und Kinn leuchtete fast gespenstisch durch das grüne Blättergewirr. Staunend sahen die beiden Beobachter zu, wie der Indianer behende über federnde Äste zu einer Lianenbrücke balancierte, die sich in kühnem Bogen um den Riesenbaum wand, bevor sie zu einem benachbarten Tibouchina hinüberführte.

  „Da kommt noch einer!“ rief Sander. „Eine Frau. Nein, ein Kind. Ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt.“

  Maria Behring korrigierte die Schärfeneinstellung. „Tatsächlich. Eine kleine Indianerin. Sie scheint irgendetwas zu sagen. Schnell, nehmen Sie die Kamera!“ Prüfend blickte sie auf den Aufnahmeanzeiger des Richtmikrophons, der nur sehr schwache Ausschläge zeigte. Sekunden später hallte der Ruf eines Brüllaffen über den Dschungel.

  „Das wird wohl nichts“, sagte sie bedauernd. „Die Indianer sind zu weit entfernt. Wir werden nur Tierstimmen haben.“

  Sander starrte angestrengt durch den Sucher der Kamera. In diesem Ding kann man kaum was erkennen“, beschwerte er sich. „Wir müssten viel näher ran!“

  Sie werden sich wundern, was der Computer da noch alles herausholt. Jetzt kommt eine Frau. Etwa 30 Jahre alt. Vermutlich die Mutter. Und noch jemand. Der Vater. Nein, das ist der Junge vom letzten Mal.“

  „Dann haben wir jetzt die ganze Familie.“

  „Der Alte ist mindestens sechzig, Wie der sich auf diesen wackligen Lianen bewegt! Als hätte er sein ganzes Leben auf den Bäumen verbracht.“

  Plötzlich umklammerte sie das Stativ mit beiden Händen, und der Schweiß brach ihr aus allen Poren, als sie sah, wie der Indianerjunge übermütig von der Brücke sprang. Er landete auf einem fünf Meter tieferen Ast, balancierte einige Schritte auf dem schmalen Holz und schwang sich dann wie ein Turner mit einer Kippe auf die schaukelnde Konstruktion zurück.

  „Unfassbar!“ sagte Maria Behring. „Eben sah es so aus, als würde der Junge abstürzten. Dabei hat er nur Spaß gemacht. Sprang einfach auf den nächsten Ast und wieder zurück. 30 Meter über dem Erdboden. So etwas habe ich noch nicht mal im Zirkus gesehen.“ Wie gebannt schaute sie zu, wie der Junge hinter seiner Familie im Blattgewirr verschwand.

  „Wohin gehen sie?“ fragte Sander.

  „Ja, wohin?“ Zweieinhalb Kilometer vor ihnen ragte der 90 Meter hohe Stumpf eines Vulkankegels über den Wald.

  Maria Behring schaute wieder durch das Okular und suchte die nächsten Bäume ab. „Da ist noch eine. Und noch eine. Mein Gott, alle diese Bäume sind voller Hütten!“ Vorsichtig drehte sie das Fernglas auf dem Stativ. „Und die Hütten sind voller Indianer. Hier sitzt eine Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm in der Tür. Hier spielen zwei größere Kinder Fangen – der Ast ist nicht dicker als ein Ofenrohr! Unglaublich, diese Gewandtheit! Man könnte sie wirklich mit Affen verwechseln! Da kommen Männer mit großen Körben auf dem Rücken. Irgendwelche Früchte. Moment mal.“ Sie drehte wieder an der Schärfeeinstellung. „Das müssen Juvianüsse sein. Bertholletia excelsa. Wie riesig die sind! Mindestens doppelt so groß wie normal! Alles scheint hier viel größer als sonst.“

  „Nur die Menschen nicht“, bemerkte Sander.

  Sie filmten noch eine gute Stunde. Dann sagte Maria Behring: „Das reicht fürs erste. Wir brauchen Tage, um das alles auszuwerten.“

  Sie luden die Geräte in das Luftschiff. Als sie in Cocuy landeten, hatte die kurze Dämmerung der Tropen schon begonnen, und die Lichter des Flughafens brannten. Vor der Tür des Eingangscontainers wartete Oberst Gómez.

 ***

Die Sonne stand senkrecht über dem Paradies. Die heißeste und stillste Stunde des Tages hatte begonnen. Unter dem wolkenlosen Himmel wogte die Flut des Lichtes bis in die verborgensten Winkel der sichtbaren Welt. Die Kleinen Brüder hatten sich in den Schatten der dichtesten Kronen zurückgezogen und schliefen. Auch die Fliegenden Vettern verkrochen sich jetzt unter das grüne Laub. Nichts war zu hören außer dem Brummen und Summen, Schwirren und Brausen der unzähligen Insekten, denen der Garten Gottes in dieser Stunde allein gehörte. Das Geräusch vieler Milliarden rasend schnell schlagender Flügel erfüllte die Luft wie das Rauschen ferner Wasserfälle; es schien aus jeder Astgabelung, aus jeder Ritze in der Rinde der Bäume, ja selbst aus jedem eingerollten Blatt zu dringen, so als habe der ewige Wald einen Choral angestimmt, die Vielfalt des Lebens zu preisen und damit die Allmacht des Schöpfers zu ehren.

  Wolkenfänger hockte mit seiner Familie auf den obersten Ästen des 80 Meter hohen Torbaums und winkte seinem Vater fröhlich zu. Sein Großvater saß neben ihm, seine Mutter und seine kleine Schwester einen Ast tiefer, zusammen mit zwei Dutzend anderen Bewohnern des Paradieses; sie alle hatten die rätselhafte Himmelserscheinung sechs Tage zuvor gesehen und sich nun versammelt, um Wissen darüber zu geben und zu erlangen.

  Wolkenfängers Vater stand breitbeinig auf dem Lianensteg, der vom Torbaum zur Wohnung des Herrn im Paradiesberg führte. Mit seinen 150 Zentimetern überragte der Erzengel die anderen Männer beträchtlich. Durch die blauroten Handschwingen des Großen Botenvogels an Schultern und Ellenbogen wirkten seine kräftigen Arme wie Flügel. In seiner Haltung lag Würde, in seiner Miene Entschlossenheit; dennoch versagte er es sich nicht, dem Sohn heimlich zuzuzwinkern.

  Hinter dem Erzengel führte die Brücke aus meterdicken Rankenbüscheln, bunt überwuchert von Orchideen und anderen Epiphyten, auf einen kleinen Felsvorsprung, den golden blühende Sträucher wie eine Balustrade umstanden. Über ihr öffnete sich das aus Palmenzweigen geflochtene Tor zur Wohnung des Herrn. Hinter einer Mauer lugte der Baum des Lebens hervor.

  Aus der Höhle des Allerheiligsten drang der dumpfe Ton einer Trommel. Der Wächter hob ehrerbietig sein Schwert; die gelbroten Federn an der Waffe wehten, als schlügen Flammen aus dem Holz. Die Pforte aus Palmenzweigen öffnete sich, und der Herr des Paradieses trat heraus, von einem zweiten Erzengel gefolgt.

  Die Menschen auf den Ästen des Torbaumes falteten die Hände und sangen voller Freude den Psalm der Begrüßung. Der Herr des Paradieses hörte freundlich lächelnd zu. Ein leichter Wind zauste seinen langen, schneeweißen Bart. Um seinen Hals lag eine Kette aus Orchideen; seine Hände spielten versonnen mit den goldenen Blüten der üppig sprießenden Brüstung um seinen Felsenbalkon. Als seine Besucher geendet hatten, dankte er ihnen und begann sie eingehend über ihre Beobachtungen zu befragen.

  Aufgeregt berichteten die Menschen nun von einer Wolke aus Donner, die schnell wie ein Adler über den Himmel gezogen sei. Sie habe Flügel gehabt wie der Panther Daniels und Hörner wie das Tier mit den Eisenzähnen, das dem Propheten in den Tagen des Königs Belschazzar von Babel erschien.

  Als der Herr das hörte, wurde er sehr ernst.

  Auch Wolkenfänger durfte erzählen. „Es war weiß wie Kokosmilch und sah aus wie ein großes Ameisenei“, sprudelte er hervor. „In seinem Bauch saßen Teufel und schauten mich an. Ich hatte solche Angst, dass ich fast gefallen wäre. Meine Augen waren geblendet, und die Ohren taten mir weh.“

  „Teufel?“ fragte der Herr verwundert. „Hast du wirklich Teufel gesehen, Wolkenfänger? Niemand außer dir hat das berichtet.“

  „Es waren zwei“, sagte der Junge, stolz darüber, dass der Herr ihn beim Namen genannt hatte. „Sie hatten fahles Haar und große, schwarze Augen. Ihre Köpfe waren wie die von Wespen, und einer schrie so hell wie die kleinen Brüder.

  „Du wirst doch nichts erdichten?“ mahnte der Herr mit sanfter Stimme. Du weißt, dass du nicht schwindeln darfst, schon gar nicht in einer so wichtigen Sache!“

  Die anderen blickten den Jungen vorwurfsvoll an.

  „Aber ich habe sie wirklich gesehen!“ erwiderte Wolkenfänger eifrig. Ich schwindle nicht. Ganz bestimmt nicht!“

  „Der Junge sagt nichts anderes, als er auch uns erzählt hat, gleich nach der Erscheinung“, sagte sein Großvater. „Er hat nicht geträumt.“

  „Er ist gut, Senex“, sagte der Herr. „Außerdem ist er ja Gabriels Sohn.“

  Wolkenfängers Vater verzog keine Miene, aber in seinen dunklen Augen leuchtete Stolz.

  „Aber auch wenn die Lüge im Paradies keinen Platz hat“, fuhr der Herr fort, „der Irrtum sucht sogar die Heiligen heim.“

  Wolkenfänger schüttelte heftig den Kopf. „Ich irre mich nicht“, rief er mit heller Stimme.

  „Glücklicher Mensch, der so etwas von sich sagen kann“, seufzte der Herr und lächelte milde. „Aber das Rätsel soll Rätsel bleiben. Wenn es an der Zeit ist, werdet ihr mehr erfahren. Geht nun hin, meine Kinder!“

  Er segnete sie mit erhobenen Händen, winkte ihnen freundlich zu und kehrte in seine Felsenwohnung zurück. Gabriel hob sein Flammenschwert. „Geht und kehrt wieder, wenn der Herr euch ruft!“ befahl er mit lauter Stimme.

  Die Menschen erhoben sich, sammelten sich auf dem Hochweg, der vom Torbaum über die Himmelsbäume zurück in den Paradieswald führte, und machten sich auf den Heimweg. Die aus der Gegend des Gihon im Norden beeilten sich; sie würden fast den ganzen restlichen Tag unterwegs sein, um die zwei Kilometer durch die Baumkronen zu ihren Hütten zurückzulegen. Aber das machte ihnen nichts aus. Wie alle anderen waren sie froh, dass sie angehört und getröstet worden waren. Niemals, niemals würde das Paradies in Gefahr sein; denn über alle wachte der Herr.

  Der uralte Mann in der Höhle aber blies Staub von einem Buch tief unten in einem Regal aus Palmenholz, öffnete es und begann zu lesen. Auf seinem Antlitz lag ein Ausdruck großer Sorge.

 ***

  „Was für eine nette Überraschung, Herr Oberst“, sagte Maria Behring, nachdem sie den Colonel in den Konferenzcontainer gebeten hatte. „Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuchs? Es ist doch hoffentlich nicht etwas Unangenehmes passiert?“

  „Leider doch“, sagte der Oberst und blickte begehrlich auf die Kassetten, die Sander der Kamera, dem Tonbandgerät und dem Spektralanalysator entnommen hatte. „Mit Rücksicht auf Ihre knapp bemessene Zeit will ich nicht lange um den heißen Brei herumreden. Seit einigen Tagen habe ich einen Teniente mit vier Mann zum Cerro de la Neblina abkommandiert. Sie sollen von dort oben kontrollieren, ob die Garimpeiros in Grenznähe Lager oder Landepisten anlegen. Nun haben meine Männer heute gemeldet, sie hätten heute gegen acht Uhr fünfundvierzig etwa zwanzig Kilometer südlich von Cerro ein Luftschiff beobachtet.“

  Er sah Maria Behring abwartend an, aber sie zeigte keine Regung.

  „20 Kilometer“, wiederholte der Oberst betrübt. „Das heißt: auf brasilianischem Territorium.“

  Sie lächelte ihn freundlich an. „Ich danke Ihnen für die Sorgen, die Sie sich wegen uns machen, lieber Herr Oberst. Bei jedem anderen würde ich allerdings vermutet haben, dass er auf diese Weise heraus bekommen will, wo genau unser Forschungsgebiet liegt.“

  Der Colonel hob protestierend die Hände. „Sie wissen, wie fern mir das liegt.“

  „Natürlich“, sagte Maria Behring, und Sander hörte bewundernd zu, wie sie sich daranmachte, den Oberst zu beschwatzen. „Ich bin froh, dass die Armee bei dieser Aktion einen derart verantwortungsvollen Offizier einsetzt.“

  „Ich danke Ihnen“, erwiderte der Colonel, „aber...“

  „Nein, sagen Sie jetzt nichts. Lassen Sie mich bitte ohne weitere Aufforderung offiziell erklären, dass wir zwar im Neblinagebiet waren, aber die brasilianische Grenze meines Wissens zu keinem Zeitpunkt überquert haben. Genügt Ihnen das? Sie können es zu Ihren Akten nehmen, in genau diesen Worten: Meines Wissens waren wir nicht in Brasilien.“

  Der Oberst rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Verstehen Sie doch, Frau Doktor“, sagte er. „Es ist wirklich nicht so, dass ich auch nur das geringste Interesse daran hätte, mehr über Ihre Forschungstätigkeit zu erfahren. Es sind allein Sicherheitsprobleme, die mich mit Sorge erfüllen.“ Er sah sie fast flehend an. „Glauben Sie mir: Die Interessen meines Landes werden so gut wie überhaupt nicht in Mitleidenschaft gezogen, falls Sie ohne Pass- und Zollkontrolle nach Brasilien ausreisen. Für meine Regierung würde es sich lediglich um einen Verstoß gegen eine Verwaltungsvorschrift handeln. Eine Ermahnung würde genügen. Für die Brasilianer sähe das allerdings etwas anders aus. Illegale Einreise, noch dazu in ein Sperrgebiet. Sie müssten mit ernsten Schwierigkeiten rechnen. Wenn Sie Pech haben, werden Sie sogar festgenommen, mit allen dabei üblichen Unbequemlichkeiten.“

  „Ich bin mir sicher, dass die brasilianische Polizei weder über einen so fähigen noch über einen so gebildeten und höflichen Offizier verfügt, wie Sie es sind. Aber Sie sorgen sich völlig umsonst, glauben Sie mir.“

  Der Oberst blickte hilfesuchend zu Sander. „Señor“, sagte er, „ich bitte Sie!“

  Sander zuckte bedauernd mit den Schultern.

  „Herr Sander ist nicht ermächtigt, für unser Unternehmen zu sprechen“, sagte Maria Behring. „Aber ich bin mir sicher, dass es auch in Zukunft keinerlei Probleme mit uns geben wird.“

  Der Colonel drehte die Mütze zwischen den behaarten Händen. „Was mich besonders nervös macht, sind die langen Funkpausen. Manchmal dauert es Stunden, bis man wieder ein Signal von Ihnen empfängt. Und auch dann funken Sie nur sehr, sehr wenig. Bei den Franzosen war das immer ganz anders.“

  „Wir Deutsche sind nun mal nicht sehr unterhaltsam“, sagte Maria Behring. „Ich fände es aber auch nicht sehr fair, wenn Ihre Leute unser Entgegenkommen dazu benutzen, Funkpeilungen vorzunehmen.

  „Was glauben Sie!“, rief der Oberst in ehrlicher Bestürzung. „Ich denke nicht im Traum daran, Ihnen nachzuspionieren! Aber als ich heute Vormittag diese Meldung vom Cerro de la Neblina erhielt und danach fast drei Stunden lang keinen Ton von Ihnen hörte, ist es mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Ich habe die ganze Zeit daran denken müssen, was passiert sein könnte, falls Sie in Brasilien gelandet und dabei irgendwelchen Strolchen in die Hände gefallen wären.“

  Maria Behring wollte widersprechen, aber der Oberst hob schnell beide Hände und fuhr fort: „Nein, lassen Sie mich das noch sagen: Wenn wir davon erfahren würden und die Brasilianer nicht rasch genug einsatzbereit wären, würde ich Ihnen selbstverständlich persönlich zu Hilfe kommen, auch auf brasilianischem Gebiet, notfalls sogar ohne Einwilligung der dortigen Behörden. Aber die Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass ich es sofort erfahre, wenn Sie in Schwierigkeiten sind.“

  „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Oberst“, sagte Maria Behring. „Und ich verstehe vollkommen, dass Sie sich Sorgen machen. Bitte glauben Sie mir aber, dass wir uns notfalls ganz gut zur Wehr setzen können.“

  „Sie kennen diese Kerle nicht“, erwiderte der Colonel seufzend. „Der Garimpeiro ist doppelt so gefährlich wie der Jaguar und dreimal so heimtückisch.“

  „Wir werden auf der Hut sein“, sagte sie. „Sorgen Sie nur dafür, dass die Kerle nicht über Ihre Grenze kommen!“

  Der Oberst stieß zischend die Luft aus und hob hilflos die Hände.
 
 Maria Behring schenkte ihm ein weiteres Lächeln. „Wir sind am Himmel unterwegs, nicht auf dem Erdboden“, sagte sie. „Und so ein paar Gewehrkugeln machen unserem Luftschiff gar nichts aus. Sie können wirklich ganz beruhigt sein.“

  „Bitte, denken Sie trotzdem noch einmal darüber nach“, sagte der Oberst. „Mir wäre wirklich wohler, wenn wenigstens einer meiner Leute mitfahren könnte.“

  „Aber das geht nun mal leider nicht“, sagte sie. „Übrigens ist unser Projekt in einigen Tagen ohnehin abgeschlossen.

  „Wirklich?“ sagte der Oberst erfreut. „Das ist einmal eine gute Nachricht.“

  „Ja“, sagte sie. „Zehn, zwölf Tage noch, dann sollten wir fertig sein. Wir wollen es jedenfalls versuchen. Aber das geht natürlich nur, wenn wir die Sache etwas beschleunigen.“ Sie beugte sich ein wenig vor und dämpfte die Stimme, als fürchte sie, unbefugte Ohren könnten mithören. „Wir haben im Neblinagebiet eine höchst interessante Ansammlung seltenster Bromelienarten entdeckt. Wenn wir die Fahrzeit einsparen und ein paar Tage am Stück draußen bleiben, sind wir vielleicht schon übernächste Woche fertig.“

  Der Oberst, der sich ebenfalls vorgebeugt hatte, fuhr erschrocken zurück. „Draußen bleiben?“ fragte er fassungslos. „Sie wollen im Dschungel biwakieren?“

  „In der Gondel natürlich. Auf irgendeinem Baum. 60 Meter über dem Erdboden.“

  Der Oberst begann trotz der Klimaanlage zu schwitzen. „Das ist keine gute Idee, fürchte ich“, sagte er. „Das erhöht das Risiko ganz beträchtlich. Ich weiß nicht, wie ich das verantworten soll.“

  „Das müssen Sie gar nicht verantworten“, sagte Maria Behring munter. „Die Verantwortung liegt ganz bei mir. Und die erforderlichen Genehmigungen liegen ebenfalls vor. Sie tragen die Unterschrift des Innenministers, wie Sie wissen. Damit sind Sie aus allem raus.“

  Der Oberst seufzte tief. „Wann werden Sie endlich einsehen, dass es mir allein um Ihre Sicherheit geht?“

  „Bei der geringsten Unklarheit setzen wir sofort einen Funkspruch an Sie ab“, sagte Maria Behring. „Das verspreche ich Ihnen. Außerdem wird Herr Sander den Bordcomputer so programmieren, dass er ständig automatisch die Position speichert und sie abstrahlt, sobald er eine Stunde lang keine Eingabe mehr registriert hat.“

  Der Oberst erhob sich. „Ich danke Ihnen. Ich bin sehr traurig, dass ich Sie nicht zu mehr Zugeständnissen bewegen konnte. Verzeihen Sie bitte meine Zudringlichkeit.“

  „Sie tun nur Ihre Pflicht“, sagte Maria Behring und reichte ihm die Hand.

  Sander begleitete den Oberst vor die Tür. „Passen Sie gut auf sie auf“, sagte Gómez, als sie allein waren. „Sie kennen dieses Land. Diese Europäer glauben immer, alles sei hier wie bei ihnen zuhause. Nur grüner.“

  „Ich weiß“, sagte Sander. „Sie können sich auf mich verlassen.“

  „Das tue ich“, sagte der Oberst und sah ihn durchdringend an. Dann setzte er sich in seinen Jeep; der Fahrer gab Gas und lenkte das Gefährt über die kleine Wiese unter den Jakarandabäumen auf die Straße.

  Sander wartete, bis die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden waren. Dann kehrte er in den Konferenzcontainer zurück.

  „Nun? Wie war ich?“ fragte Maria Behring ruhig.

  „Großartig“, erwiderte er anerkennend. „Das mit dem Biwak haben Sie genial verkauft. Natürlich glaubt er Ihnen trotzdem kein Wort.“

  „Natürlich nicht“, meinte sie lächelnd. „Aber er konnte nicht gut etwas einwenden, ohne sehr unhöflich zu wirken.“

   „Ja, das haben Sie gut hingekriegt“, sagte er und inspizierte die Decke. Ich fürchte, unser guter Oberst ist mit seiner Geduld ziemlich an Ende.“

  „Ach was! Der wagt es im Leben nicht, uns abzuhören. Er weiß ganz genau, etwas passiert, wenn das herauskommt.“

  „Ab sofort müssen wir mit allem rechnen“, sagte Sander. „Ich fürchte, Sie haben es zu weit getrieben. Wenn wirklich was passiert, kann er sich seine Epauletten sonstwohin stecken.“

  „Machen Sie sich mal keine Sorge“, sagte sie. Außerdem haben wir uns jetzt genug mit diesem Oberst befasst. Machen wir uns lieber an die Arbeit.“

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt